Samstag, 29. April 2017

Brötchen

Sie war tatsächlich da! Ob sie auch am Morgen noch toll aussah? Sollte er nun warten, bis sie wach wurde? Einfach aufstehen und Vorhang aufziehen, so wie er sonst jeden Morgen machte, kam dann doch nicht in Frage. Es erschien ihm unhöflich. Obwohl es war sein Bett und sein Zimmer, so dass er eigentlich schon klarmachen sollte, wer hier das sagen hätte. Trotzdem zögerte er. Was würde ihn genau erwarten? Hatte er sie sich nur schön getrunken? Welche Frau kommt eigentlich mit einem wildfremden Mann mit, der einfach nur den blöden Spruch aus "beautiful mind" aufsagte: "Lassen wir doch das ganze Geschwafel und gehen wir direkt zu mir".
Die sagte nur: "Endlich mal einer, der weiß was er will."
Als er zögerte, fügte sie noch ein: "So sind die Männer, alle. Erst große Sprüche und dann nichts halten."
Wie konnte er da nicht zahlen und sie mitnehmen? Und nun lag am nächsten Morgen tatsächlich diese Frau neben ihm im Bett und schlief.
"Danke", hatte sie gesagt und war dann mit einem "schön war's" eingeschlafen. So etwas war ihm noch nie passiert! Stolz rief er sich die Bettgymnastik in Erinnerung. Das war bestimmt die Wirkung von den neuen Kondomen mit den Noppen. Aber ein Werkzeug war immer nur so gut, wie Mann damit umzugehen wusste! Und er war gut.
Wenn sie einigermaßen gut aussähe, wollte er es ihr noch einmal besorgen.
Wenn sie strohdoof war, wollte er sie danach rausschmeißen.
Was sollte er tun, wenn sie weder gut aussah, noch strohdoof war? Das war die Kombination, die ihm gar nicht behagte.
Wie konnte sie eigentlich wissen, dass er es ihr so besorgen konnte?
"Schon wach?", hörte er ihre Stimme. Sie klang nicht zu hoch und nicht zu tief. Es war eine angenehme Stimme.
Er stand auf und zog die Vorhänge zurück.
Er starrte sie an. Da lag sie schweigend und schaute einfach zurück. Zwei kleine Grübchen bildeten sich auf ihre Wangen. Er verlor sich in ihren blauen Augen.
"Da will wohl einer noch einmal", lachte sie. Tatsächlich richtete sich sein bestes Stück wieder auf.
"Nach dem Frühstück", wandte sie ein. Ein Schmollmund mit Hundeblick konnte sie in ihr Gesicht zaubern. Dann lächelte sie und fügte an: "Da haben wir dann doch bestimmt mehr davon. Holst so richtig frische Brötchen?"
Brötchen? Normalerweise frühstückte er Müsli.
"Bitte, bitte", sie richtete sich auf, gab den Blick auf vorhandene, aber bei weitem nicht zu große Teile frei und klatschte in ihre Hände.
Er nickte. Dann also schnell in die Sachen vom Abend vorher. Wie immer fing er mit dem Hemd an. Bei der Unterhose stutzte er. Es war eine Frau anwesend, schoss ihm durch den Kopf. Ok! Eine frische Unterhose musste geopfert werden.
"Ein reinlicher Sexgott. Daran könnte ich mich gewöhnen", kicherte sie.
Er drehte sich um und präsentierte seinen Feinripp. Ihm fielen ihre leichten Sommersprossen auf. Nach einem längeren Zungenkuss löste er sich wieder, stieg in die Jeans vom Vortag und fragte: "Was Brötchen möchtest Du denn so haben?"
"Leckere." Auf seinen fragenden Blick, fügte sie hinzu: "Dir fällt schon etwas ein".

Das war also die Kombination umwerfend aussehen und nicht doof sein, dachte er auf dem Weg zur Bäckerei. Wollte sie etwa für Länger? Die Probe mit den "leckere Brötchen" gefiel ihm. Das deutete auf eine Kenntnis im Bereich human resources oder so hin. Er musste damit etwas von seiner Persönlichkeit zeigen. Wenn er mit einem Brötchensortiment zurück kam, dann war er nicht feinfühlig, sondern vorsorgend. Damit zeigte er, dass er sich um Verschwendung nicht sorgte. Kam er mit billigen Normalbrötchen, wäre er sparsam. Es sei denn er wüsste, dass ihr frische Normalbrötchen ganz schlicht gefielen. All das war schon kompliziert. Er begriff die Aufgabe von der Logik her, aber wusste nicht so genau, wie er das lösen sollte. Genauso wenig war er sich sicher, ob er diese denn überhaupt lösen wollte.

In der Bäckerei, direkt vor ihm, wartete ein richtig schwarzer Afrikaner mit Kinderwagen. Darin lag ein allerliebstes Töchterchen mit hellbrauner Haut. Ihm gefiel auf einmal die Idee doch auch ein Kind zu zeugen. Aber ein richtig weißes Kind mit blonden Haaren und blauen Augen sollte es schon sein. Sie hatte ja die dazu notwendigen blauen Augen, die auch er hatte. So konnten die Männer auch ihrer Vaterschaft sicher sein. Das hatte er mal irgendwo gelesen. Obwohl das ja auch wieder dann nur sagt, dass einer von den blauäugigen Männern der Vater war. Warum dachte er überhaupt über Kinder nach?

In diesen Gedankensturm fragte die Verkäuferin: "Was darfs sein?"
"Drei Brötchen von den Leckeren", gab er aufgeschreckt zurück.
"Bitte?", fragte sie zurück.
Aber bevor er antworten konnte, sagte sie schon: "von den Leckerschmecker Brötchen, nicht wahr?"
Er nickte nur. So war das Problem mit den Brötchen gelöst.

Auf dem Rückweg war er sicher, dass es etwas Längeres mit dieser Frau in seinem Bett geben sollte. Das passte auf einmal alles. Sie war mit seiner Anmache mitgekommen, er hatte es ihr so toll besorgt, dass sie ganz weg war. Darüber hinaus gefiel ihm der Gedanke eigene Kinder zu haben. Bestimmt war das etwas, das von den Genen so vorgesehen war, dass nach wirklich tollem Sex mit genetisch passendem Partner der Wunsch nach Fortpflanzung kommt. So etwas würde von der Evolution her doch bestimmt Sinn machen. Und, sind wir nicht alle ein Produkt der Evolution?
Er genoss dieses Gefühl einen Teil vom großen Ganzen verstanden zu haben.

Das Gefühl hielt an, bis zur Diele seiner kleinen Wohnung. Es war ganz ruhig. Die Kaffeemaschine rührte sich nicht, niemand kam ihm entgegen. Es war auch niemand unter der Dusche. War sie etwa wieder eingeschlafen? Langsam öffnete er die Tür zum Schlafzimmer. Das Bett war leer. Sie war einfach nicht mehr in seiner Wohnung.
Hatte sie etwas hinterlassen? Vielleicht war ja irgendwo ein Zettel, der 'war alles toll, ruf mich an unter ..' sagte. Es musste etwas dazwischengekommen sein.
Er fand keinen Zettel. Nur sein Notebook war nicht an dem Platz, an dem er es sonst immer hatte. Es stand schräg. So hatte er das nicht so hingestellt. Es war das Firmennotebook, mit dem er das System fernwarten konnte.
War sie überhaupt nur deswegen mitgekommen? Hatte sie es darauf abgesehen, das Notebook mit einem präparierten USB Stick zu booten? Was sollte er nun machen? Zugeben, dass er nicht aufgepasst hatte? Den eventuellen Einbruch einfach verschweigen?
Da klingelte es an der Tür.