Sonntag, 23. April 2017

Besser

Laut Plan musste er mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Da hatte er keine Wahl. Wenn das mit der Alpenüberquerung etwas werden sollte, dann musste er im April in Form kommen. Ganz harmlos hatte das mit Radfahrerei angefangen. Zunächst ging es darum etwas für die Pumpe zu tun. Alle machten irgend etwas für ihre Pumpe. Laufen war doof, aber Rad, das war schon immer etwas. So kam er zu diesem erstklassigen Rennrad. Dünne Reifen hatte es. Damit war er auf Asphalt schnell wie der Wind und bei den Radwegen am Kanal ging es auch ganz gut. Da es keinen Gepäckträger hatte, transportierte er sein Bürooutfit im Rucksack. Der war wasserdicht. Jedenfalls war das die Aussage des Verkäufers. Eine Wassersäule von 1300 stand auf dem Etikett. Ausprobiert hatte er es noch nicht. Hoffentlich brauchte er es heute nicht. Laut Wettervorhersage waren Regen- und Graupelschauer angesagt. Bevor er aufstieg, sah er schon die Wolken am Horizont. Sie waren weit weg und, wenn er sich beeilte, schaffte er vorher. Zwar hatte er im Rucksack auch einen Poncho, der sah aber seltsam aus. Außerdem schwitzte er unter diesen regendichten Plastikplanen immer so. Aber eine Erkältung konnte er sich, zumal diesem Tag, gar nicht leisten konnte. Seine Stimme sollte doch gerade heute laut und deutlich klingen.
Nach ein paar Straßen bog er in den Radweg am Kanal ein. Es war ein geschotterter Radweg, mit zwei Spuren, die in der Mitte von einer Grasnarbe getrennt waren. Mit den dünnen Reifen galt es genau in einer Spur zu fahren. An dem Tag erlebte er eine Überraschung. Was sollte das? Wie kann das sein? Vor ihm radelte eine Mutter mit Kinderanhänger. Es war einer dieser Anhänger mit breiter Achse und Wimpeln. Die Mutter fuhr die Strecke bestimmt zum ersten Mal. Sie musste auf der Grasnarbe fahren. Selbst wenn sie wollte, konnte sie keinen Platz machen. Trotzdem musste er klingeln. Sie strampelte einfach weiter. Ein wenig schneller wurde sie ja, aber absteigen und warten, konnte sie gar nicht. Sollte er den Poncho doch hervorholen müssen? Die Wolken waren schon ein wenig dunkler. Er hielt an und nahm seinen Rucksack ab. Sie bog ab. Er zögerte. Mit dem großen Gang könnte er auf dem Weg richtig schnell werden. Noch die eine Kurve dann kam wieder Asphalt und so dunkel waren die Wolken auch wieder nicht. Entschlossen ließ er den Poncho im Rucksack und fuhr weiter.

Kaum schmerzten seine Oberschenkel, da sah er sie schon von weitem. Warum musste die Herde von bunt gekleideten Muttertieren mit ihren Bälgern auf dem Weg stehen? Er ließ rollen. Es war der evangelische Kinderhort. Normal waren die doch schon immer im Hof, wenn er hier vorbeiraste. Wenn es sich um deutsche, ordentliche Mütter handelte, könnte er einfach klingelnd durchfahren. Die würden ihre Kinder schnell zur Seite ziehen. Aber bei diesen Kopftuchmüttern erwartete er das gar nicht. Widerwillig verwandelte er die Energie seiner Oberschenkel in Bremswärme. Was für eine Verschwendung! Grimmig näherte er sich der Gruppe. Die braunen Gesichter unter den Kopftüchern lächelten ihm zu und zogen ihre Kinder schnell zur Seite. Eine richtige Gasse bildeten sie. Sind ja eigentlich doch lieb, dachte er. Mit schmerzenden Oberschenkeln trat er wieder in die Pedale. Die Wolken waren mittlerweile nicht nur dunkel, sondern hatten an der Unterseite einen gelblichen Rand. Schaffte er es noch rechtzeitig?

Noch regnete es nicht. Bis zum Büro galt es eine Kreuzung zu überwinden, dann ging es in den Hof zu den Fahrradständern. Die Ampel mochte ihn einfach nicht. Wie immer musste er auch diesem Morgen an der Ampel warten. Die Wolken sahen zwar schon bedrohlich aus, aber das sollte wohl zu schaffen sein.
"Hallo, wie geht es so?", hörte er eine Männerstimme von rechts.
"Ja, hallo. Ganz gut und selbst?", so genau wusste er gar nicht, wo er diesen Knaben hintuen sollte. Es war ein älterer Herr mit Vollglatze und einem Dreitagebart. Aber die Kleidung war gepflegt und die Krawatte gebunden. Es könnte einer von denen sein, den man einfach kennen musste. Sein Sinn für Gesichter war nicht sehr ausgeprägt und so gewöhnte er sich an, immer zunächst Zeit zu gewinnen und den Smalltalk zurück zugeben.
"Super, alles Bestens. Mein Sohn hat den Studienplatz in Bremen. Stellen Sie sich vor, das mit der Meteorologie hat geklappt. Ich sag ja immer, Hauptsache, sie machen überhaupt etwas. Und wie geht es den Töchtern?"
"Äh, nee. Töchter?"
"Haben Sie  ... Oder ... Sie sind doch der Herr Majakowski, bei Ubex. Hier dahinten ist doch ihr? Wir kennen uns vom Gymnasium, oder?"
"Nein, nein. Da müssen Sie mich verwechseln. Bei meinem Allerweltsgesicht passiert mir das öfter mal."
"Ein Allerweltsgesicht haben sie auf keinen Fall. Aber Sie könnten sein Zwillingsbruder sein. Unglaublich. Darf ich ein Foto von Ihnen machen? Das muss ich dem unbedingt zeigen", der Mann zückte sein Smartphone. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu grinsen.
"Danke", sagte der Fremde und ging weiter. Die Ampel sprang wieder auf rot. Die Autos fuhren wieder an. Dann ging es los. Zunächst kamen nur ein paar dicke Tropfen, dann ging es los. Wie aus Kübeln schüttete es.

"Das kann ja nur besser werden", hörte er am Fahrradständer. Es war sein Lieblingskollege.
"Ah, das kannst Du wohl sagen. Fasst hätte ich es ja noch geschafft. Aber war ja zum Glück nur die letzten Meter."
"Nach dem Duschen sieht das doch alles wieder viel besser aus. Und dann erzählst Du uns ja ganz tolle Sachen. Projekt wird gut und morgen soll es ja wieder Biergartenwetter geben." Trotz Regens war das ein, wie immer optimistischer Kollege.
"Sind doch toll diese Radrucksäcke mit Outdoor Norm. Meiner hat ja eine Wassersäule von 30.000. Das war bei dem Regen wohl auch unbedingt nötig."
"30.000? Übertreibst Du da nicht?"
"Da habe ich mich schlau gemacht. Wasserdicht heißt es ab 1.500, aber das ist dann mehr so zum abperlen. Wenn man richtig outdoor sein will, braucht man da mehr. War gar nicht viel teurer, der Rucksack hier. Weil das Wasser kommt ja von oben mit Geschwindigkeit auf den Rucksack und presst sich dann ... Was ist mit Dir?"