Freitag, 22. Januar 2016

Plan B

So langsam bekam sie kalte Füße. Nicht die kalten Füße, die sie an einem Wintertag verspürte, wenn sie nicht gefütterte Stiefelchen trug. Auch nicht die kalten Füße, die sie manchmal unter der Bettdecke verspürte. Es waren die kalten Füße, die sie bekam, wenn es um eine Entscheidung ging, die einen so großen Gewinn versprach, dass sie eigentlich zustimmen muss und nicht ablehnen kann. Eine Entscheidung über die sie nicht selbst die Kontrolle hat. Unwillkürlich ging sie langsamer. Sie sollte ihn eher kühl verabschieden, entschied sie. Zur Bestätigung nickte sie mit dem Kopf, stampfte mit dem rechten Fuß auf und ging dann wieder schneller weiter. Ein Herzschmerz Abschied mit langen, traurigen Blicken sollte es nicht geben. Eher ein fröhlicher Abschied mit Ausblick auf bindungslose Zwischenzeit. Und wenn, ja wenn, nach einem Trennungsjahr ihre Herzen immer noch im Gleichklang schlagen würden, ja dann. Ihr Smartphone tönte den Empfang einer Nachricht.



Sie sah ein 'LU' gefolgt von mehreren Herzchen und zwei, miteinander verflochtenen Ringen. Es war er! Sie atmete hörbar aus und lächelte stolz dabei. Den hätte sie in der Tasche. Schnell schickte sie ein paar Kussmünder zurück. Da schaute sie noch einmal auf das letzte Bildchen. Sollte er tatsächlich zum Abschied um ihre Hand anhalten wollen? Zwischen ihren Augen machte sich eine kleine Falte breit. Das war so ja nun nicht abgesprochen. Zwar hatten ihre kalten Füße so etwas schon erwartet, aber das ging doch gar nicht. Sie schickte das Bild mit den Ringen, gefolgt von einem Fragezeichen, zurück. Sofort kam eine Hochzeitstorte zurück, daneben ein Männlein, das auf und nieder sprang. Ihre Lippen kniffen sich zusammen und das Smartphone kam erst einmal in die Handtasche. Sie blieb stehen und schaute der Rolltreppe zu, die unermüdlich Passagiere nach oben zur Abflughalle transportierte. Was sollte sie nun tun? Sie beschloss nicht übereilt nach oben zu laufen, zu umarmen und zu küssen. Als angehende Betriebswirtin wusste sie, dass es galt, ihre Optionen aufzulisten und dann ganz kühl zu bewerten. Immerhin wollte sie mit dreißig verheiratet sein. Sie hatte also noch genau zwei Jahre Zeit.

Wenn er Erfolg hätte bei seiner Trainee Stelle, könnte er tatsächlich Mineraloge bei DeBeers werden. Welch ein schönes Leben würde sie dann haben können! Sie wäre ebenfalls im nächsten Jahr mit ihrer Ausbildung fertig. Ein Jahr würden sie in Südafrika herumreisen und Elefanten schauen. Danach Heirat, Haus und Kinder. Später eine selbstständige Tätigkeit. Traurig lächelnd bestätigte sie sich diesen Hauptgewinn. Sie müsste nur treu sein. Wenn seine Freunde merken würden, dass sie einen Zeitvertreib hätte, jemanden, der sie in den dunklen Herbstnächten tröstete, dann wäre es das mit dem Gewinn. Das würde er nicht mitmachen wollen. Warum nur musste er das so fest machen wollen? Ohne Verlobung wäre das alles viel einfacher. Wie jedes erstes Wochenende im Monat würde sie sich eine Tröstung bei ihrem Plan B, dem Erben der Schreinerei neben ihrem Elternhaus, holen. An den anderen Wochenenden könnte sie sich umsehen. Wenn sie erwischt würde, könnte sie versuchen sich heraus zu reden. Aber so? Als richtig Verlobte darf sie so etwas nie machen. Und wenn sie häufiger zu ihren Eltern fährt, würde ihr Plan B denken, er wäre ein Plan A. Vermutlich würde er das auch und sie wäre in einem Jahr nicht in der südlichen Hemisphäre unterwegs sondern bei einem Erben im Odenwald. Sie wäre dann zurück in der Heimat und würde mit ihrem Kindergartenfreund verheiratet sein. Das hätte sie aber in jedem Fall. Auch ganz ohne einen aktiven Plan A. Ihr Kopf schüttelte sich bei dem Gedanken, dann doch besser wieder ganz neu auf die Pirsch zu gehen! Ihre Hand griff zum Smartphone, sie wählte Audio und ihr Mund sprach: "Liebling, das mit den Ringen und so, das würde Dich doch zu sehr binden. Bei den dunklen Schönheiten in Südafrika. Komm, wir gönnen uns eine Pause für ein Jahr. Und wenn wir dann immer noch an einander denken, dann ..."

Erleichtert steckte sie es wieder ein. Nach ein paar Metern piepte es. "Ok" las sie. Auf der Rolltreppe durchzuckte sie ein Gefühl von Verlust. Einfach nur "ok" hatte er geschrieben. Kein weinender Smiley! Nur einfach "ok". Wie konnte er das einfach so machen? Warum nur protestierte er nicht? War es das etwa? Sie hätte doch zunächst mit ihm darüber reden können. Ihm erklären, dass sie ihm Freiheit geben würde und sich selbst ja vor einer Enttäuschung seinerseits hatte schützen wollen. Sie wäre ihm gegenüber doch bestimmt treu gewesen, hätte sie ihm erklärt. So sollte das doch ablaufen! Dann hätte sie die Option auf den Hauptgewinn doch noch gehabt. Und nun gehen sie mit einem "ok" einfach auseinander. Warum müssen Männer immer nur ein Alles oder Nichts kennen! Ihre Mundwinkel zuckten ärgerlich. Vorne an der Sicherheitskontrolle sah sie ihn. Er wollte schon hindurch ohne auf sie zu warten!

"Schatzi, warte" rief sie ihm winkend zu. Ihre roten Haare flatterten, als sie zu ihm lief. Er drehte sich zu ihr um und wartete auf sie. Die Hände hatte er vor der Brust verschränkt. Die letzten Meter lief sie nicht mehr. Sie schaute ihn an und sagte leise: "Verzeih mir, nur ...". Dann machte sie zwei, drei Schritte, umschlang seinen Hals und legte ihren Kopf auf seine Unterarme.
Wie erwartet, senkten sich diese und sie spürte seine Hände auf ihrem Hintern. Zufrieden lächelte sie. Dann hörte sie ihn fragen: "Warum vertraust Du mir nicht?"
Wie nieder geschlagen er sich anhörte. Sie blickte zu ihm auf. Seine blauen Augen schauten traurig zurück. Er hatte wieder diese Dackelfalten auf der Stirn!
"Es ..." sagte sie langsam. Dann lächelte sie ernst, holte Luft und sprach langsam: "Du bist doch gar nicht das Problem. Wirklich nicht. Da bin ich mir doch sicher. Sieh." hier schluckte sie in seinem erstaunten Blick. "Im Herbst, da bin ich doch immer so depressiv und ich kenne mich. Ich würde Dir das Herz brechen. Und dann so. Schluss machen per Telefon oder Skype oder so. Das will ich uns nicht antun. Und so."
Warum lächelt er eigentlich so verständnisvoll? Was? Dann hörte sie: "Aber Du kannst dann doch einfach öfter zu Bernd in den Odenwald fahren. Das wäre doch ok" Seine Hände zogen ihren Arsch näher. Sie fühlte seine Begierde, ihr Unterkiefer senkte sich und der Gedanke, dass ihre Pläne sich kannten, wirbelte durch ihren Kopf.