Freitag, 11. Dezember 2015

Die zweite Wahl

Sie schüttelte ihre runde Oberweite. Ganz kurz bewegte sie erst die rechte Schulter nach vorne, dann die linke. Dann bewegte sie nur ihren runden Kopf zur Musik in den Ohrhörern. Dieser wackelte nach links und rechts. Ihre Füsse machten sich selbständig und erst kam der linke, dann der rechte nach vorne. Kurz wurde er aufgesetzt, dann ging er wieder zurück. Ihre Oberweite wollte geschüttelt werden, aber sie hielt sich im letzten Moment noch zurück. Der Kopf bewegte sich immer noch unwillkürlich. Ein Lächeln war nicht auf ihren Lippen.
"Damla?" hörte sie.
Sie nahm die Hörer aus den Ohren und drehte sich zu der Frau um.
"Wer?"
"Katrin! Was machst Du hier? Und welche Musik hörst Du da eigentlich?"
"Ich ... Nein, das ist ja ein Ding" Sie umarmte die Frau.
"Du bist immer noch. .. Sieh einer an. .... Ich heirate!" sagte Damla stolz.
"Die erste, nein! natürlich ist Elke schon verheiratet, aber von uns die erste. So früh." Katrin legte die Stirn in Falten. "Doch nicht etwa ein Cousin, oder so?"
Damla zog die Brauen zusammen und  stellte den Kopf leicht schräg. "Seh ich so aus? Du! War da jeh irgendein ..." sie stampfte mit dem rechten Fuß auf.
"Natürlich nicht, nur so früh?"
"Nach meiner Oma bin ich schon viel zu alt für eine Hochzeit."
"Sagt meine Oma auch immer. Aber so früh schon binden. Wollt ihr auch Kinder und so?"
"Mit ihm? Klar doch!" Damla grinste. Ihre Augen strahlten. "Aber erst gibt es eine richtige, türkische Hochzeit. Hier, das spielen wir dann" Sie gab Katrin einen Hörer. Nach ein paar Sekunden bewegten sich Katrin Füsse vor und zurück. Aber die Bewegung war nicht so flüssig wie Damlas.
"Du musst nur kurz nach vorne und dann wieder zurück"
Katrin machte die Bewegung kurz mit, dann nahm sie ihren Hörer heraus.
"Und die Hochzeit ist mit euren Familien?"
"Nur meine Familie. Er ist Einzelkind und seine Eltern sind geschieden. Die laden wir nicht ein."
"Keine zwei Großfamilien? Etwa ein deutscher? Und deine ..."
"freuen sich alle. Papa hat ihm Spiegelei gemacht, als er bei mir übernachtete. So wie sonst auch immer. Was hast Du nur mit meiner 'Familie'?"
"Ach. Das." Katrin schaute sie kurz an. Dann nickte sie mit dem Kopf "Irgendwie ist das wirklich doof. Hast ja recht. Da kennen wir uns seit dem Kindergarten und ich sehe dich trotzdem wie in einem ganz anderen Film. Aber Du passt auch so da rein. Wie Du aussiehst"
"Wie seh ich denn aus?" Damla zog die Augenbrauen nach oben.
"So typisch, wie aus dem Haarem. Nur noch eine Pluderhose und Du bist eine von den Schönheiten. Alleine wie Du dich bewegen kannst. Weißt Du das denn nicht? Deine Figur. Und das alles." Katrin formte in der Luft eine Gitarre. "Das ist so richtig typisch. Und da habe ich eben. Aber verzeih mir, bitte?" Sie zog ihre Lippen bittend zusammen und legte die Stirn in Falten. Damla nickte.
"Danke. Und nun erzähl mir, wo Du den, denn her hast?"
"Kino"
"Bitte? Was?"
"Ich steh vor dem Rio, das Programmkino. Da hatten sie Humphrey Bogart Reihe. Und da schaue ich mir Casablanca Plakat an. Und gerade als ich denke, dass man da nur als Paar reingehen kann, sagt jemand 'Da kann man doch nur als Paar rein'. Ich schau mich um und schon sitzen wir nebeneinander. Ein Eimer Popcorn zwischen uns und ein halben Liter Cola in der Hand."
"Das war ja flott. Und dann hat er bei deinem Vater um die Hand ..."
"Nee. Bitte. Ich bin direkt mit zu ihm. Ein paar Tage später war er bei mir. Drei Monate ging das so, dann hat er gesagt, 'das nu Zeit is für Butta bei de Fisch'." Sie lachte. "Habe ich da zum ersten Mal gehört 'Butta bei de Fisch'. Da habe ich dann gar nicht lange überlegt und heute, wenn er denn kommt, machen wir Termin auf Standesamt."
"Du kennst den gerade mal drei, vier Monate?"
"Volles Risiko, nicht wahr?"

Hinter Katrin sah Damla ein Gesicht in der Ferne. Sie lächelte. Aber als Katrin sich umdrehte, verschwand die Gestalt hinter einem Verkaufsstand.
"Weg ist er."
"War er das?"
"Vermutlich. Er sollte ja eigentlich schon hier sein. Also ich warte nun nicht mehr viel länger."
Sie atmete hörbar aus. Dann fragte sie Katrin: "Aber erzähl doch mal von Dir. Bist Du immer noch liiert?"
"Du weißt?"
"Sven hat mich voriges Jahr besucht. In Köln. Und er meinte, dass Du in einer festen Beziehung steckst."
"Nicht mehr. Wir waren zwei Jahre zusammen. Und kaum ist er fertig mit seiner Ausbildung, will er 'Butter zu den Fischen geben' und alles fix machen. Heiraten, Kinder. Und ich bin doch gerade erst fertig und da bin ich dann wieder ausgezogen. Bin nun wieder bei Mami und Papi, aber auch nicht mehr lange"
"Was neues?"
"Nee. Meine Eltern gehen auseinander. Erst Onkel Hans und Tante Meike, nun meine Eltern. Das Häuschen werden sie verkaufen. Ich würde ja nie Heiraten! Nie! Bei den Scheidungen, die es überall gibt. Alles bricht auseinander. Da .."
"Mach mich nicht unsicher. Komm hören wir doch besser wieder rein."
Die beiden hörten wieder Musik, ihre Köpfe bewegten sich gleich und auch die Füsse tappten nur kurz auf.

Wenig später sagte eine tiefe Stimme: "Entschuldigung, ich bin so doof. In der Bahn, ich habe einen Umstieg verpasst." Die beiden nahmen ihre Hörer heraus und schauten sich nach dem blonden, grossen Mann um.
"Knut" Damla umarmte ihn. Sie legte ihre Lippen auf seine und presste ihre Zunge in seinen Mund. Seine Zunge erwiderte den Kuss.
Katrin machte einen Schritt zur Seite und stemmte die Hände in die Hüften. Breitbeinig sah sie dem küssenden Paar zu. Dann stieß sie den Mann an und sagte sie laut: "Was soll das?"
Damla fühlte ihre Zunge aus dem Mund des Manns gepresst. Seine Lippen schlossen sich. Sie drehte den Kopf und lächelte Katrin an. "Das ist er" flüsterte sie.
Er schaute Katrin an und zog seine Lippen auseinander. Diese nahm ihre rechte Hand nach oben.
Er sagte: "Sorry, aber Du ..."
Katrin schlug nicht zu. Zwar ballte sie eine Faust. Den Schlag aber bremste sie ab. Sie schaute noch einmal kurz, dann sagte sie nur noch "Du Arschloch, werd doch mit der glücklich".
Damla sah ihr nach und fragte dann: "Was war das?"