Samstag, 10. Oktober 2015

Der Plan

In der Bahn zum Büro hörte er auf seinen Ohrhörern etwas von diesem Weg, der ein harter Weg werden würde. Er schaute aus dem Fenster und träumte. Wie ein Boxer vor einem Boxkampf fühlte er sich. Obwohl er sich für das Treffen keine Rolle im Rampenlicht des Chefs vorgenommen hatte, würde er versuchen einen weiteren Schritt zu seiner Beförderung zu machen. Demnächst würde das Referat 209 eröffnet. Der Leiter würde intern besetzt werden. Neben ihm kamen von Breitenstein und Lojewsky in Frage. Die Qualifikation hätte Lojewsky, die Verbindungen von Breitenstein. Er selbst hätte die nur Dienstjahre. Wenn er nichts machen würde, würden sie ihn noch einmal übergehen. Es galt an Beine zu pissen, ohne als Pisser da zustehen. Er lachte bei dem Gedanken. Wie gut er das doch formuliert hatte. Es traf die Situation genau. Zunächst sich kleinmachen und abwarten. Das ist nie verkehrt und hält Optionen offen. Ob von Breitenstein als erster etwas auf den Tisch legt? Ihn in jedem Fall unterstützen. Wenn er das nicht machte, hätte er die Verbindungen von Breitensteins gegen sich. Später dann Lojewsky helfen, von Breitenstein aus einander zu nehmen.
Sie sassen dann um den Besprechungstisch und lauschten Ausführungen des Chefs. Es ging um die Finanzierung der Umstellung der IT. Anscheinend war etwas veraltet und es galt Geld auszugeben. Es würde sauteuer werden und den Ablauf nicht stören. Genau das richtige für das Ministerium. Eigentlich war ja kein Geld dafür vorhanden in den einzelnen Budgets.
Sie schauten in ihre Notebooks, als sie um ihre Meinung gefragt wurden. Er sah aus dem Augenwinkel, dass Lojewsky aufblickte. Sofort schaute er ihn fragend an, sollte doch dieser Jungspund seine Ratlosigkeit verkünden. So kam es auch, Lojewsky meinte: "Maximal 10% in meinem Bereich. Mit den 100.000 € könnten wir kaum etwas anfangen. Selbst wenn alle anderen auch 10% geben, kommen wir höchstens auf 500.000."
Der Chef atmete hörbar aus und schaute grimmig. "Dann müssen wir kreativ suchen. Hat jemand da etwas?"
Bevor alle wieder in ihre Notebooks schauten, blickte er von Breitenstein an. Der Chef und Lojewsky schlossen sich seinem Blick an und tatsächlich, von Breitenstein lächelte: "Eigentlich wäre das ja ein Regelverstoss, aber wir könnten ja aus dem Förderprogramm für den Mittelstand etwas für ein mittelständisches Unternehmen verwenden. Das wäre dann ja Förderung durch Auftrag. Wir würden dann die Million einmal im Förderprogramm verwenden und einmal im Bereich IT."
Der Chef grinste, er nickte und Lojewsky fragte nach der Firma. "Es ist die Merkle & Co KG, ein Startup aus den Resten des Systemhauses Cap-Gemini. Junge Gründer sind zu den alten Hasen gekommen und nun wollen die durchstarten"
Er beeilte er sich zu bemerken: "Ein Startup. Deswegen sagte mir der Name überhaupt nichts. Sie haben ja wieder die besten Kontakte."
Von Breitenstein grinste, Lojewsky verkniff sich eine Replik. Der Chef fasste die erfolgreiche Finanzierung der IT-Umstellung zusammen. Noch am gleichen Tag könnten die Aufträge erteilt werden.

Auf der Fahrt zurück hörte er in seinen Ohrhörern das mit den Tagen wie diesen und der Unendlichkeit. Wieder träumte er aus dem Fenster heraus. Heute wollte er richtig feiern. Ein kleines Dinner mit französischem Einschlag fand er gut. Ausprobieren wollte er das mit der Schneckensuppe als Vorspeise. Wie hatte die der Koch in der Weinstube nur so gehackt hinbekommen? Er würde sie erst in der Pfanne kurz anbraten, dann fein in Würfelchen schneiden. Marlies hatte ja noch Pilates in ihrem Fitnessclub. So hätte er Zeit genug aus dem Schnitzel etwas mehr zu machen. Sie würde ohne weiter nach zu fragen, merken, dass er etwas feiern wollte und, falls sie auch Sex wollte, würde sie nach der Creme einen Espresso verlangen. Falls nicht, würde sie ein Cognac fordern. Wie schön geordnet seine Partnerschaft doch war. Danach gingen seine Gedanken zu dem Häuschen, das sie sich nach der Beförderung leisten könnten. Zwar würde das auch ohne gehen, aber dann müssen sie ja richtig sparen. Und Kinder wären gar nicht drin. Oder zum Weggeben in eine Krippe. Da bekommen die Kinder dann alle Arten von Kinderkrankheiten. So hat die Sekretärin ihm das von ihrer Kleinen erzählt. Die arme Frau musste ihren ganzen Urlaub nehmen, um ihr kleines zu pflegen. Zwar könnte Marlies schon nur halbtags arbeiten, aber bei solch einer Belastung würde das ja nur gehen, wenn sie nur vom Discounter kaufen würden. Es sei denn, sie bauten eine Einliegerwohnung mit und würden dann auch immer vermieten. Da hatte er neulich in der Kantine etwas von Mietnomaden gehört, die einfach die Miete nicht zahlen. Ihm würde so etwas nicht passieren, wenn er das Referat 209 bekäme, wäre das alles überhaupt kein Problem mehr. Er lächelte bei dem Gedanken.

Die Schneckensuppe war ein voller Erfolg, die Creme Brulee genau richtig und danach verlangte sie einen Espresso! Was konnte es besseres geben, als nach einem gelungenen Tag es seiner Liebsten zu besorgen? Auf und nieder bewegte er sich, als er sich fragte, was das mit dem "Ich will ein Kind von Dir" bedeutete, dass sie sagte, als sie ihre Beine öffnete. Sollte sie nicht mehr verhüten? Geil! In neun Monaten wäre er dann Vater. Kurz vor Weihnachten. Dann müsste er eigentlich schon befördert sein. Ein frisch gebackener Vater würde nie ein neues Referat aufbauen können. Der würde ja eventuell Elternzeit nehmen und dann kommt alles ins Stocken. Nächste Woche musste er dem Lojewsky stecken, dass die Software AG die Klitsche kauft. Dann wären das keine Mittelständler mehr. Der ganze IT Umbau wäre dann gefährdet, von Breitenstein kompromittiert und Lojewsky bei allen unbeliebt. Einzig er selbst wäre unbeschädigt und könnte das Referat 209 aufbauen. Es sei denn. Seine Auf und Nieder Bewegung kam ins Stocken. Wenn sich Lojewsky mit von Breitenstein anfreundete? Das wäre der richtige Schachzug für einen Karrieristen. Mist! Er fühlte wie der Quell der Freude seiner Frau erschlaffte. Warum ist sie nicht schon längst gekommen? Schnell erhöhte er die Schlagzahl bevor es ihm zusammen bräche. Sie beeilte sich zu stöhnen. Er stöhnte auch. Das Paar lag sich noch ein wenig in den Armen. Als sie sich mit einem "Das kann doch mal passieren" umdrehte, war er um seinen Schlaf gebracht.