Freitag, 3. Oktober 2014

Willi

"Mach du nur" hatte sie gesagt. Und dann noch "Wenn was geschieht, erzähl mir genau wie es war". Dabei hatte er nur gesagt, dass er dann eben ohne sie ausgehen würde, aber bestimmt treu sein würde. Sie war sich ihrer Sache so sicher, dass er zu mindestens versuchen musste, eine klar zu machen. Nachdenklich schaute er in seiner Seite vom Kleiderschrank. Im sportlich eleganten Dress wäre er fein, aber das sähe doch so aus wie Büroanzug. Könnte er damit einfach losflirten? Ihr Zweifel an seinem Erfolg legte die Latte spürbar hoch, so dass er entnervt beschloss einfach das anzuziehen, was er sonst auch trägt. Warum sich einengen? Und dann eben zum Salza Abend ins Cubanito, Caipirinha trinken und eventuell, aber vermutlich sowieso nicht, eine unbekannte, schöne und willige Frau kennenlernen.



Im Cubanito waren schon alle Pärchen, die sie sonst auch immer hier antrafen, Mille und Elena, Joey und Andrea, sogar Robert und Milena waren da. Alle fragten zunächst nach Toni, wo sie denn geblieben wäre. Das mit ihrer Weiterbildung am Wochenende empfanden alle als unfair aber notwendig. Sie könnte ja vier Tage dafür freinehmen, wenn weniger los wäre. Er bestellte sich eine Caipirinha und wollte zunächst in Ruhe sehen, wie sich der Abend entwickelt. Aber nach ein, zwei Schlucken meinte Elena es wäre gut, wenn sie einmal mit ihm tanzen würden, sie hätten ja noch nie zusammen getanzt. Schön, dass sie denselben Tanzlehrer hatten, so passten die Schritte genau und es fühlte sich auch ganz gut, mal mit einer anderen Frau zu tanzen. Nach ein paar Tänzen wechselte er über Andrea zu Milena. Das wäre seine Traumfrau gewesen, wenn er nicht ja schon mit Toni zusammen gewesen wäre! Vor allem ihr Fahrgestell! und wie sie das zum Salza zu bewegen wusste. Ihrer beider Fahrgestelle kamen sich beim Tanzen immer näher und er fand die Idee es einmal mit einer anderen zu probieren, eigentlich doch ganz reizvoll. Am Ende vom Tanz umarmte sie ihn kurz, gab im Küsschen auf die Backe, strahlte ihn dann aus ihren braunen Augen an und meinte "Nur zu, es gibt noch andere! Dann kannst Du Toni was erzählen!". Er schaute sich verblüfft um und tatsächlich, es waren, wie eigentlich immer, mehr Frauen als Männer im Cubanito. Eine mit einem strahlenden Lachen fand sich in seinen Armen wieder. Mit ihr konnte er gut tanzen, jede Pirouette fiel so aus, was wären sie schon lange zusammen. Allerdings war sie mehr am tanzen an sich, denn an flirten oder mehr interessiert. Und nach kurzer Zeit ging er zur Bar. Dort fand er seine Caipirinha ganz alleine vor, die anderen waren alle am tanzen. Während er sein Glas leerte, fand er die Idee hier etwas für eine Nacht zu finden reichlich abwegig. Wenn eine Frau jemanden für eine Nacht sucht, würde sie an einen Ort gehen, an dem es mehr Frauen als Männer gibt? Er musste woanders probieren.

Vor einigen Jahren wäre das suchen sicher einfacher gewesen. Aber so zog er ziellos durch einige Kneipen, die gefüllt waren mit mehr oder weniger gut gelauntem Publikum und trank teuren Alkohol. Am Ende war er in der "Wacht am Rhein". Die macht um 5 Uhr zu und um 7 Uhr wieder auf. Hier wollte er immer schon mal einen Absacker trinken. Hinter dem roten Tor verbarg sich ein langer Tresen, zwei Tische und ein Flipper. Die Frau hinter dem Tresen könnte seine Mutter sein, aber in seinem Zustand hatte sie etwas jugendliches. Breit lächelnd bestellte er Hefeweizen und nahm auf einem Hocker Platz. Noch dieses letzte Bierchen und dann nach Hause, dachte er sich. Was sollte noch passieren? dachte er, als er ein "Kennen wir uns nicht irgendwoher?" hörte. Er drehte sich nach rechts und sah eine Frau mit langen, strahlend roten Haaren. "Bestimmt nicht, aber wir können uns ja kennenlernen" antwortete er selig. Ohne zu suchen, hätte er sie vielleicht gefunden. Was es nicht alles gibt. "Das mit dem kennenlernen ist gut" fand sie. Die hat richtig geile Titten bestaunte er ihren Ausschnitt. Er war so perplex, dass er die Einladung mit ihr vor der Türe eine Zigarette zu rauchen nicht ausschlagen konnte. Auf dem Weg zur Tür bestaunte er den Minirock und die Lederstiefel. Draussen waren sie alleine an dem Tischchen mit dem Aschenbecher. Es war seine erste nach sieben Jahren Enthaltsamkeit und doch schmeckte sie ihm. Gegenüber war dieses lächelnde, von roten Locken umrahmte bleiche Gesicht mit dem ganz in rot gehaltenen Mund. Als dieser sich kurz spitzte, wurde sein Mund unwillkürlich nach vorne geführt, legte sich auf ihren und seine Zunge fand den Weg in ihren Mund. Und dann wurde seine Zunge so angesogen, wie ihm das noch nie passiert war. Die schien richtig auf ihn abzufahren. Dann liess der Sog nach, ihre Münder trennten sich und sie sagte "Schau mal da rein". Mit ihrem Handy machte sie ein Selfie. "Ham wa uns gefunden, zumindest für die Nacht" stellte sie fest. Wer hätte das gedacht! Sollte er doch noch zum Wildschuss kommen?

Zurück am Tresen leerte er das Bier, zahlte und ging dann aber zuerst noch auf die Toilette. Das Pissoir dort bestand aus einer alten Pissrinne. Dort standen schon zwei Freunde, die in Ruhe laufen liessen und erzählten. Er stellte sich dazu, als das Gespräch auf einen Willi kam. "Der ist zu den Alimentenzahlungen gekommen, wie die Jungfrau zum Kind" donnerte der eine. "Ich sag nur Samenraub, das war Samenraub" wieherte der andere. Zum Glück war es eine Pissrinne, so ging beim Lachen nichts daneben, freute er sich. Neugierig fragte er, was es mit diesem Willi auf sich hätte. Der Willi sei ein Oberstudienrat wurde ihm erklärt, alles in festen Bahnen, bis auf die paar Wochenenden im Jahr, an denen er über die Stränge schlägt. Vor zwei Jahren muss er einen Volltreffer gelandet haben, obwohl Kondom dabei war. Und vor ein paar Monaten kam eine Aufforderung zum Vaterschaftstest, weil er auf einem der Selfies war, die die Dame in der fraglichen Zeit gemacht hatte. Und nun müsste er jeden Monat fasst dreihundert Euro abdrücken. Und das Geld von davor nachzahlen.

Er ging dann an der Frau mit den langen roten Haaren und dem Minirock vorbei zur Tür. Toni erzählte er gar nichts.