Freitag, 24. Oktober 2014

Der Schlaffi

"Ich möchte mit zu dem Empfang am Freitagabend" forderte Sabrina forsch von ihrem Chef. Dieser schaute sie verblüfft, aber freundlich an. "Das habe ich mir verdient" bekräftigte sie.
Ihr Chef lächelte sie an: "Sabrina, Sie haben da ganz recht. Wenn Sie nicht wären, hätten wir diese Gelegenheit gar nicht. Aber. hmhm. Aber ich kann Sie doch nicht bevorzugen, das geht gar nicht. Sie sind ja wichtigste Mitglied in meinem Team, zwar die beste, aber. Bitte verstehen Sie das doch." erklärte er.
"Ich stell es einfach als ein Opfer dar. Immerhin verzichte ich ja auf das Salsafestival? Das werden die schon verstehen" die senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen verriet ihre Entschlossenheit.
"Na, gut. Sie müssten aber mit ihrem Partner kommen und denken sie beide bitte an den Dress Code 'dunkler Anzug'" lenkte er ein.
"Wird gemacht" war ihre kurze, aber durch das strahlende Lächeln doch freundliche Antwort. Als sie sein Büro verließ, schluckte sie ihren Triumph herunter. Es sollte ja nicht an die große Glocke gehängt werden.


"Du brauchst am Freitagabend ein Hemd mit Manschettenknöpfen, wir gehen mit zum Empfang" kam sie ohne Umschweife auf den Punkt.
"Bitte, was? Wir haben doch .." weiter kam er nicht.
"Komm schon. Ein Empfang mit unseren Geschäftspartner. Im Salon des Opernhauses. Mit Essen und Kammermusik. Dort kann ich mich bekannt machen und so den Job hier in diesem Kaff als Sprungbrett nutzen. Warum hätte ich hier denn sonst anfangen sollen" erklärte sie ihm. Dabei verschränkte sie ihre Hände hinter seinem Nacken und schaute ihn mit großen Augen an. Das hieß direkter Widerstand ist zwecklos. Er ließ sich dann noch einmal erklären, dass sie dadurch in die fasst schon Eigentümerkreise vorstossen könnten. Und sie sich dann mit ein wenig Geschick eine Stufe höher in einem anderen Unternehmen platzieren könnte.
"Aber ich bin doch Lehrer hier" wandte er ein.
"Ach, wenn es klappt, verdiene ich deutlich mehr und wechseln müsste doch bei dir auch gehen. Heutzutage werdet ihr doch gesucht."
Er nickte nur und musste ihr recht geben. Als Realschullehrer konnte er wirklich mit ein wenig Geduld und Spucke überall anfangen. Zum Schluss fragte er noch: "Und was wird aus Elvira?"
Der Gedanke an die frustrierte Kollegin, die Sabrina wieder zur Mitarbeit reaktiviert hatte, war sichtlich überraschend. "Ach, die? Die wird das schon alleine schaffen. Immerhin habe ich ja alles schon vorbereitet. Das Feld ist bestellt und soll sie doch ernten." Nach einer Pause fügte sie hinzu: "Obwohl, sie kann sich natürlich auch wieder gehen lassen. Aber ich kann mich doch nicht immer um alles kümmern!" Sie schüttelte mit dem Kopf. 
"Da dann werde ich mir wohl ein Hemd zu den Manschettenknöpfen kaufen müssen" stimmte er der Planung zu. Auf ihren fragenden Blick, wühlte er in seinem Schreibtisch und zog eine kleine Tasche hervor. "Hier, sieh mal, war mal. Ein Geschenk zur Konfirmation. Mutti meinte, die bräuchte ich irgendwann bestimmt einmal".

"Also ich besauf mich heute" verkündete sie ihrem Ludwig am Freitagnachmittag.
"Wie? Was? Empfang crashen?" grinste dieser.
"Kein Empfang! Immer diese Paranoia mit dem alle gleich behandeln müssen. Er müsste ja mindestens noch Elvira mit einladen, die ist aber neuerdings solo." erklärte sie. "Aber das Beste kommt ja noch. Ich soll nächsten Monat Prokura bekommen und in zehn Jahren den Laden übernehmen."
"Nun, trinken wir erst einmal einen Pflümli und dann in aller Ruhe" Ludwig nahm zwei Gläschen und füllte diese mit dem Pflaumenschnaps aus der Wohnzimmervitrine. Die beiden nippten und sie erzählte, wie sie am Vormittag zum Chef gerufen wurde. Dieser müsste etwas wichtiges mit ihr besprechen. Es ginge um ihre langfristige Planung. Der Chef eröffnete ihr, dass sie seine Schlüsselmitarbeiterin wäre und er sie gerne als Quasigeschäftsführerin hätte. Sie sollte als eingeschränkte Prokuristin einmal anfangen. In den nächsten Wochen würden sie das eintragen. Und in ein paar Jahren würde er sich zurückziehen wollen und so weiter.
"Das klingt doch super, prost" kommentierte Ludwig
"Dachte ich auch, aber am Nachmittag kam dann die Ausladung zum Empfang" presste sie hervor. "Jetzt kann ich mir binden oder woanders ganz von vorne anfangen!"
"Wenn Du mal richtig oben bist, kommen schon noch die Empfänge. Und hier kann man auch richtig feiern. Zu Fuß." er umarmte sie und gab ihr einen Kuss.

Tatsächlich besuchten sie, wie ursprünglich geplant das Salsafestival. Es tat beiden gut mal wieder richtig zu tanzen und einmal im Jahr kamen mehrere Gruppen aus der Karibik in die Provinz. Das ganze Wochenende wurde dann gefeiert. Auch Sabrinas Kollegen waren auf dem Fest. Sogar Elvira hatte ihr rotes Kostüm angezogen und tanzte mit einem Salsalehrer. Sabrina hätte nicht gedacht, dass diese so aus sich herausgehen könnte. Aber der Rhythmus macht es ihr wohl einfach. In einer Tanzpause, die beiden nippten an ihren Mojitos, kam Elvira vorbei.
"Hallo, da gratulier ich Dir aber" begrüsste Elvira sie, danach fügte sie noch ein "Schön, dass Du hier bleibst" bevor sie wieder weiter zog. Sabrina beachtete diese Worte erst gar nicht. Aber auf dem Weg nach Hause, Arm in Arm mit ihrem Ludwig, fragte sie sich, was es mit dem 'bleiben' auf sich hätte. "Was meinte sie wohl damit 'dass ich hier bleibe'?" wunderte sie sich.
"Du passt hier wunderbar hin" lobte er.
"Aber, das mit dem Wechsel und den Möglichkeiten in anderen Unternehmen habe ich nur Dir erzählt!" sie löste sich aus seinen Armen und schaute ihn prüfend an.
"Ich möchte hier mit Dir bleiben!" sagte er mit fester Stimme. Zwischen ihren Augen bildete sich eine Falte und ihr Mund kniff sich zusammen.
"Elvira hat sich für Dich eingesetzt, damit Du hier deine Karriere machst und das hat sie auch gut hinbekommen!" er schaute sie nur noch an.
"Wie kannst Du nur!" rief sie. Sie holte weit mit ihrer flachen rechten Hand aus, aber er lächelte sie nur mit feuchten Augen an. Dieser Schlaffi, der sonst immer tut, was sie ihm sagt, würde sich von ihr lächelnd ohrfeigen lassen. Wie kann der nur? Sie kniff die Lippen zusammen, trommelte mit ihren Fäusten auf seine Brust. Sanft umarmte er sie.
"Und nun?" fragte sie
"Nägel mit Köpfen machen, heiraten, Kinder, Vaterzeit nehmen und Du führst die Firma an die Börse" schlug er vor.