Freitag, 26. September 2014

Die Malerin

Noch einer! Die Malerin schaute kurz von ihrem Sofa in der Ecke des Ateliers auf. Aber der Mann im grauen Anzug schaute nur nach dem ersten Bild. Sie wird dann doch nicht rechtzeitig Schluss machen können. Er könnte vielleicht der eine Käufer sein! Nachdenklich nahm sie einen Schluck Tee. Der ganze offene Tag der Ateliers im Kunstquartier hatte bis dorthin nichts neues gebracht. Vielleicht zum Schluss dann doch noch? Der Mann musterte das Bild genau, ging einen Schritt zurück und schaute sich um. Kurz nickte er ihr zu und ging dann von Bild zu Bild.



Vor jedem Bild baute er sich auf, trat einen Schritt zurück und ging dann zum nächsten. Danach wandte er sich direkt an die Malerin: "Sie malen aber richtig realistisch oder sind das Collagen und dann per Photoshop?"
"Nein, das ist alles gemalt, so richtig in Handarbeit. Das habe ich heute schon so oft erklärt" erklärte sie stolz, obwohl er das ja eigentlich hätte sehen sollen.
"Das ist selten heutzutage. Da steckt ja dann jede Menge Arbeit in solch ein Bild."
"Ach, ich mache das halt so. Da kommen die Details viel mehr zur Geltung. Das ist mein Stil!" strahlte sie bei der Anerkennung.
"Und was würden sie für dieses Bild hier verlangen?"
Na, also! Sie nahm einen Schluck Tee meinte dann: "Das? Ach ... so 1000€ für die großen und die kleinen liegen bei 500 €"
"Je nach Größe ist ihr Preis?"
Wie denn sonst? staunte sie: "Ja, je größer um so mehr Arbeit steckt doch darin. Für ein großes Bild brauche ich fasst zwei Wochen"

Erstaunt hörte sie ihn dozieren: "Ihre Bilder sind viel zu billig. So kommen Sie doch nie auf einen grünen Zweig. Sie müssen den höchsten Preis nehmen, den ein Kunde so gerade noch zahlen kann." Bei diesem Gedankengang wusste sie nicht so richtig, was sie davon halten sollte. Sie zog die Augenbrauen hoch, was ihn zu einem Lächeln veranlasste. Er fuhr fort: "Schauen sie sich nur die beiden Bilder an. Hier das linke würde zu einem Anwaltsbüro passen oder zu einem Notar. Das rechte wäre eher etwas für öffentliche Gebäude, vielleicht ein Finanzamt oder eine Sparkasse. Der eine möchte etwas Wertvolles in seiner Kanzlei und beim anderen gibt es Vorschriften für Kunst am Bau. Und diese muss teuer sein und von Kennern empfohlen werden. Für beide Kundenkreise sind ihre Bilder viel zu billig! " Sie verstand seine Ausführung als Prahlerei eines kleine Malerinnen Aufreißers. Er war, obwohl bestimmt Jahrzehnte älter, ziemlich attraktiv, so dass sie gespannt war, was wohl als nächstes käme. Die Sache mit Geld wollte sie ihm aber kleinreden: "Oh, ich sehe mich eher als Künstlerin, die so irgendwie immer durchkommt" erklärte sie.
Aber er ließ nicht nach: "Haben Sie schon einmal in einer richtigen Galerie ausgestellt? Einer, die auch von Kunden mit dem nötigen Geld besucht wird?"
Das schien sein Thema zu sein! Spöttisch fragte sie nach: "Und Sie haben solch eine Galerie?"
"Nein, nicht direkt. Ich bin stiller Teilhaber an dieser hier" er reichte ihr eine Visitenkarte. Sie nahm sie in die Hand, betrachtete sie und dann: "Das ist ja in München", da wollte sie schon immer hin. Sie lächelte.
"In Bogenhausen um genau zu sein. Dort wohnen die Kunden ihrer Bilder" er setzte sich zu ihr auf das Sofa, nahm sich eine Tasse und schüttete sich Tee ein. "Ich darf doch?" fragte er beiläufig.
Na, also! Sie nickte und rückte ein wenig von ihm weg. Ihre Beine waren nicht mehr übereinander geschlagen, sondern nebeneinander gesetzt. Das ihm näherliegende Bein war ein ganz klein wenig in seiner Richtung gedreht.
Weil er nichts sagte, fragte sie: "Und die würden meine Bilder ausstellen?"
Er nahm einen Teelöffel Zucker und rührte um. Dabei schaute er in ihre weit geöffneten Augen. "Also, wenn ich dem Klaus von ihren Bildern berichte, könnte ich mir vorstellen, dass er interessiert wäre." Ihre blonden Haare wickelten sich spielerisch um ihren rechten Zeigefinger. Richtig naiv sagte sie: "Oh, danke, dass Sie das für mich einfach so machen"
Seine Antwort "Einfach so nicht, dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?" hatte sie so direkt nicht erwartet. Sie schlug die Beine übereinander, griff ihre Tasse und trank einen Schluck, bevor sie fragte: "Das kommt ganz darauf an. Was es denn wäre?" Eine schnelle Nummer für eine eventuelle Ausstellung in einer eventuellen Galerie? Das geht ja gar nicht!
"Malen Sie mir doch ein Bild nach meinen Vorgaben. Für mein neues Büro. Würden Sie das machen?"

Ein richtiger Kunde! Tief atmetet sie ein, dachte nach und bot an:
"Sie haben ja meine Bilder gesehen. Selbstverständlich könnte ich Ihnen ein ähnliches nach ihren Motiven und auch die Farben mit Ihnen absprechen."
Zögernd erklärte er die Einzelheiten: "Ja, die Technik beherrschen Sie. Aber. Also. Es geht darum, dass ich gerne etwas hätte, das so aussieht, wie als wenn es ein Monet wäre. Und Sie malen zwar in einer ähnlichen Technik, aber doch ganz andere Bilder."
"Bitte, was?" Sie verstand noch nicht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte.
"Ganz einfach: Ich gebe ihnen alles vor, Motiv, Farben und sogar ein Vorbild. Und Sie machen daraus ein Gemälde, das dann hinter meinen Schreibtisch hängt. Ich handle ja nicht in Kunstsachen und meine Kunden wissen nur so ungefähr, dass das ein Monet sein könnte. Und bei meinen Freunden kann ich angeben, wie kostengünstig ich das hin bekommen habe." Er fand die Idee richtig schlüssig, nahm einen Schluck und lehnte sich in Erwartung ihrer Antwort zurück.
Sie schaute entgeistert und wusste gar nicht was dazu sagen sollte. So fragte er nach: "Was meinen Sie dazu?"
"Ich habe meinen eigenen Stil, den will ich machen und nicht ... nein, das geht nicht. Ich bin doch keine Auftrags.. Sie sehen doch was ich mache und anbiete. Sie könnten sich ... " Ihr fehlten die Worte, ihren Abscheu richtig auszudrücken.
Er versuchte ihr zu erklären: "Wenn Sie eine Marke wären, würde das meine Kunden beeindrucken, aber so geht nur etwas allerseits bekanntes. Und Sie sind ja noch nicht bekannt, da müsste ich dann erklären, warum Sie gut sind. Und ich laufe nicht als Kunstkenner. Hinterher würde noch jemand meinen, ich wäre reingelegt worden. Aber Monet ähnlich, da schaut man hin, staunt und erzählt, wie gut es mir wohl gehen muss."
"Das kann ich nicht machen!"
"Ich kann verstehen, dass das alles überraschend für Sie kommt. Hier nehmen Sie meine Karte, wenn Sie es sich noch überlegen, rufen Sie mich an. Warten Sie aber nicht zu lange! Für Sie wäre das ein idealer Einstieg."

Sie schloss die Tür hinter ihm ab und fing an zu malen. So konnte sie sich beruhigen. Als Frau fühlte sie sich abgelehnt, als Handwerkerin anerkannt und als Künstlerin beleidigt.