Sonntag, 14. Mai 2017

Sekt

'Das Gluckerwasser nicht vergessen!', fiel ihm bei der morgendlichen Rasur ein. Als er die Stoppeln unter den Nasenflügeln wegschabte, war er dazu wach genug. Das war immer der Punkt, an dem er schon wach genug war, um an den kommenden Tag zu denken. Einseifen und die Backen schaben ging automatisch. An den Nasenflügeln war Konzentration gefragt. Die kamen zum Schluss. Da war die kleine Feier im Büro am Nachmittag. Es ging um Ritas Junggesellinnenabschied. Sekt sollte jemand mitbringen und er hatte zugesagt.
Beim Kontrollblick in den Wandspiegel fiel es ihm wieder ein.
Er hatte die Flasche vergessen. Mit erhobenen Zeigefinger ging er zum Kühlschrank und nahm die richtig große Flasche Gluckerwasser heraus. Ein richtiger Prügel war das, dachte er und kontrollierte sich noch einmal im Spiegel. S,o mit Flasche in der Hand, war das einfach ein anderer Anblick. Er konnte gar nicht mit dem Auto farhen, fiel ihm siedenheiß ein. Es war ja Freitag und, wenn er es auf dem Parkplatz liesse, wäre es unbewacht das ganze Wochenende ganz alleine zwischen den Büros. Geklaut werden konnte es zwar nicht, weil der Parkplatz war abgeschlossen, aber irgendwelche Deppen würden damit spielen können und das, nein das, wollte er nicht. So musste also die alte Jacke für den öffentlichen Nahverkehr her. 
Sah gar nicht mal schlecht aus, fand er. Sie gab ihm etwas jung gebliebenes, fühlte er. Nur für die Flasche brauchte er noch etwas. So offen konnte er doch nicht mit Flasche in der U-Bahn fahren. Das machten doch nur die Penner.

Dienstag, 9. Mai 2017

Overkill

"Halt, wartet auf mich", Ella trippelte ihren Brüdern hinterher. Die beiden blickten sich kurz um, grinsten sich an und liefen dann aber doch ein klein wenig langsamer.
"Warum wartet ihr denn nicht? Ihr müsst mich doch mitnehmen. Das ist doch unfair."
"Du hast doch sowieso Angst", meinte Lupo.
"Angsthase", stimmte Eko zu.
"Ich bin halt die kleinste und Vorsicht auch immer besser. Aber ich muss doch wissen, wo ihr hingeht. Das war doch so ausgemacht. Wo geht es denn nun hin?"
"Wir gehen rein. Sie sind weg und", Lupo machte eine bedeutungsvolle Pause, "...ich habe da ein Loch entdeckt. Das wird ganz einfach."
"Seid ihr sicher?"
"Klar doch. Das Haus ist vollkommen leer. Die haben bestimmt etwas liegen gelassen. Es ist ganz einfach. Wir müssen uns nur den Schacht nach oben klettern und dann ist oben das Loch."
Tatsächlich krabblelten aus dem Loch an dem Abluftschacht wenig später drei Mäuslein.

Samstag, 29. April 2017

Brötchen

Sie war tatsächlich da! Ob sie auch am Morgen noch toll aussah? Sollte er nun warten, bis sie wach wurde? Einfach aufstehen und Vorhang aufziehen, so wie er sonst jeden Morgen machte, kam dann doch nicht in Frage. Es erschien ihm unhöflich. Obwohl es war sein Bett und sein Zimmer, so dass er eigentlich schon klarmachen sollte, wer hier das sagen hätte. Trotzdem zögerte er. Was würde ihn genau erwarten? Hatte er sie sich nur schön getrunken? Welche Frau kommt eigentlich mit einem wildfremden Mann mit, der einfach nur den blöden Spruch aus "beautiful mind" aufsagte: "Lassen wir doch das ganze Geschwafel und gehen wir direkt zu mir".
Die sagte nur: "Endlich mal einer, der weiß was er will."
Als er zögerte, fügte sie noch ein: "So sind die Männer, alle. Erst große Sprüche und dann nichts halten."
Wie konnte er da nicht zahlen und sie mitnehmen? Und nun lag am nächsten Morgen tatsächlich diese Frau neben ihm im Bett und schlief.
"Danke", hatte sie gesagt und war dann mit einem "schön war's" eingeschlafen. So etwas war ihm noch nie passiert! Stolz rief er sich die Bettgymnastik in Erinnerung. Das war bestimmt die Wirkung von den neuen Kondomen mit den Noppen. Aber ein Werkzeug war immer nur so gut, wie Mann damit umzugehen wusste! Und er war gut.
Wenn sie einigermaßen gut aussähe, wollte er es ihr noch einmal besorgen.
Wenn sie strohdoof war, wollte er sie danach rausschmeißen.
Was sollte er tun, wenn sie weder gut aussah, noch strohdoof war? Das war die Kombination, die ihm gar nicht behagte.
Wie konnte sie eigentlich wissen, dass er es ihr so besorgen konnte?
"Schon wach?", hörte er ihre Stimme. Sie klang nicht zu hoch und nicht zu tief. Es war eine angenehme Stimme.
Er stand auf und zog die Vorhänge zurück.

Sonntag, 23. April 2017

Besser

Laut Plan musste er mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Da hatte er keine Wahl. Wenn das mit der Alpenüberquerung etwas werden sollte, dann musste er im April in Form kommen. Ganz harmlos hatte das mit Radfahrerei angefangen. Zunächst ging es darum etwas für die Pumpe zu tun. Alle machten irgend etwas für ihre Pumpe. Laufen war doof, aber Rad, das war schon immer etwas. So kam er zu diesem erstklassigen Rennrad. Dünne Reifen hatte es. Damit war er auf Asphalt schnell wie der Wind und bei den Radwegen am Kanal ging es auch ganz gut. Da es keinen Gepäckträger hatte, transportierte er sein Bürooutfit im Rucksack. Der war wasserdicht. Jedenfalls war das die Aussage des Verkäufers. Eine Wassersäule von 1300 stand auf dem Etikett. Ausprobiert hatte er es noch nicht. Hoffentlich brauchte er es heute nicht. Laut Wettervorhersage waren Regen- und Graupelschauer angesagt. Bevor er aufstieg, sah er schon die Wolken am Horizont. Sie waren weit weg und, wenn er sich beeilte, schaffte er vorher. Zwar hatte er im Rucksack auch einen Poncho, der sah aber seltsam aus. Außerdem schwitzte er unter diesen regendichten Plastikplanen immer so. Aber eine Erkältung konnte er sich, zumal diesem Tag, gar nicht leisten konnte. Seine Stimme sollte doch gerade heute laut und deutlich klingen.

Freitag, 14. April 2017

Für immer

"Hallo, da seid ihr ja", sagte er, als Sabines Eltern eintraten. Sie kamen mit Mundschutz und einem Arzt in die Station. So genau konnte er sie gar nicht erkennen, aber es konnten ja nur Sabines Eltern sein.
"Unser armes Ding", sagte die Mutter. Der Vater presste ihre Hand.
"Gehen Sie nur näher. Sie sollte sie hören und sehen können. Den Kopf bewegen und reden geht noch nicht, aber das wird auch schon noch wieder kommen. Es war ein Wunder, das sie nur gebrochene Knochen hat."
Die beiden kamen an das Bett. Ihn beachteten sie nicht. Vermutlich sahen sie ihn auch nicht. Wer sieht schon einen Geist?
"Hallo Sabine. Da sind wir endlich. Wie konntest Du nur mit diesem ...", die Mutter schüttelte ihren Kopf und weinte.
"Marie, das mit den Vorwürfen wollen wir doch besser lassen. Unsere Kleine lebt und wird das alles überstehen. Nicht wahr?" Der Vater blickte von Frau zu Tochter zu Arzt.
"Die Wirbelsäule hat wie durch ein Wunder nichts ab bekommen. Es sind nur Rippen, Gesicht und Becken gebrochen. Das sieht zwar alles recht technisch aus, aber eigentlich braucht sie das alles gar nicht. Atmen geht alleine, Nerven sind nicht abgeklemmt. Das wird vermutlich alles wieder. Sie ist ja genau auf ihren Begleiter gefallen. Für den konnten wir nichts mehr machen. Der war nach der Einlieferung schon. Und nun ja auch schon beerdigt."
"Sie weint", sagte die Mutter. "Mein Liebes, das wird schon wieder. Und ...", die Mutter streichelte die Wangen ihrer Tochter, "... er war schon ... so leichtsinnig aber auch. Wie konntet ihr nur?"
"Bei anderen Sportarten hätte das auch passieren können. Unfälle kommen vor. Und er hat sich wohl ...", der Vater war sachlich und kühl, "Welch eine Kontrolle und Umsicht dieser Mann noch gehabt haben muss. Es sei denn es war Zufall, dass er sich so unter dich gelegt hat, dass unsere Kleine das alles übersteht."
"Ich habe die Arme ausgebreitet, als wäre ich ein Vogel. Fliegen, fliegen an mehr habe ich nicht gedacht. Da bin ich dann also tatsächlich ein ganz klein wenig geflogen, so dass Du das überlebt hast. So ein Wundermann war ich gar nicht", erklärte er, ohne dass jemand ihn hörte. Nur Sabine schien zu lächeln. Sollte sie ihn hören können?
"Ich bleibe nun immer bei Dir, um Dich zu beschützen. Wenn ich schon ein Geist bin, kann ich auch Dein guter Geist sein. Was meinst Du?"
Konnte sie ihn wirklich sehen?

Sonntag, 9. April 2017

Macho

"Kommst Du?", Mona drängte schon wieder.
"Ja, ja. Gleich. Musst Du immer so drängen. Ich weiß gar nicht, welche Mütze besser aussieht. Was meinst Du? Diese hier hätte doch etwas." Er setzte sich eine schwarze Pudelmütze auf und grinste seine Freundin an.
"Du spinnst. Ist doch viel zu warm. Wir sollten dann aber bald"
"Na gut, dann also die einfache aus Baumwolle. Flach und schmucklos. Fast schon wie ein Kopftuch."
Grimmig zog er einen schwarzen Mützenschlauch auf seinen Schädel. Es war ein Schlauch aus Baumwolle, der an einem Ende mit einem zugenähten Knoten versehen war. Falls er seine Haare hinten zu einem Dutt zusammengebunden hätte, wäre es so wie ein Kopftuch. Bei Mona sah das herrlich aus. Sie hatte ja auch blonde Haare, die so lang waren, dass ein Dutt an ihrem Hinterkopf möglich war und sogar noch ein kleiner Pferdeschwanz verschämt unter Mütze zum Vorschein kam. Sein kleines Knötchen machte bei der Mütze nicht viel aus. Es sah aus wie eine Schlafmütze.
"Warum eigentlich überhaupt eine Mütze?"
"Du weißt doch, wie die Leute hier sind. Ich will kein Kopftuch tragen und wir haben doch Partnerlook ausgemacht." Sie kraulte seinen Vollbart und schaute ihn mit einem gekonnten Schmollmund an.
"Ja, ja", er liebte es ihr zustimmen zu können.
"Beeil Dich, der Bus wartet nicht", mahnte sie ihn. Ihre blauen Augen wiesen nach unten, zu seinen Füßen. Tatsächlich! Da war noch nichts. Er suchte nach den Flip-Flops.
"Wir wollen doch oben ein wenig herumlaufen. Es wird kalt und steinig sein. Warum haben wir denn sonst die gleichen Bergschuhe gekauft?"
"Da schwitze ich doch nur drin."
"Dann sind wir oben und unten im Partnerlook. Und es ist oben wirklich kalt und steinig."
"Kann man sich doch gar nicht vorstellen. Das wird da oben auch nicht unter zehn Grad sein. Aber ...", ein Blick in ihre blauen Augen reichte aus, " ... dann eben. Nun gut."

Samstag, 1. April 2017

Catch22

Mit der rechten Hand fuhr sie in der Luft umher. Sie griff nach einem unsichtbaren Hebel und bewegte ihn nach vorne. Dann öffnete sie die Hand, nahm sie halbkreisförmig zurück und drückte dann auf einen unsichtbaren Knopf neben dem Hebel. Das alles geschah ohne dass sie die Augen von der Anleitung auf ihren Knien nahm. Sie studierte diese angestrengt. Es war diese Bewegung mit dem Hebel und den Knopf, auf die alles hinaus lief. Das hatte der Chef extra gesagt Noch einmal wiederholte sie die Bewegung.
Dann schaute sie auf die Birne in der linken Hand an. Bevor sie hinein biss, öffnete und schloss sie ihren Mund. Imaginär schluckte sie etwas hinunter, erst danach führte sie ihre linke Hand mit der Birne an ihren wieder geöffneten Mund und biss ab. Sorgfältig kauend widmete sie sich wieder der Anleitung und machte mit der rechten Hand wieder die wichtige Bewegung.
Das ganze wiederholte sich einige Male. Bevor die U-Bahn ihre Haltestelle erreichte, war die Birne verspeist und die Bewegung eingeübt. Bei der Einfahrt erhob sie sich und bereitete sich sorgfältig auf das Verlassen des Waggons vor. Ihre dünne Tasche mit der Anleitung hängte sie so um, dass der Riemen über ihre rechte Schulter hing und die Tasche an ihrer linken Seite war. Den kleinen, schwarzen Rucksack nahm sie auf den Rücken, die grüne Handtasche klemmte sie unter den rechten Arm.
Es reichte noch sich sorgfältig die Mütze aufzusetzen, bevor die Türen sich öffneten.