Freitag, 2. September 2016

Für immer

Es gab auch eine Vorführung, die Verena interessierte. Sie wusste nicht genau, warum sie auf dieser Geburtstagsfeier war. Ein wilder, halb nackter Mann jonglierte mit Kegeln zu Ehren des Jubilars. Seine unbehaarte Brust hielt er ganz ruhig. Nur seine Arme wirbelten die Kegel durch die Luft. Breitbeinig stand er mit gebeugten Knien und erzählte mit ruhiger, tiefer Stimme Anekdoten aus dem Leben des Befeierten. Von dem Gelächter der Gäste ließ er sich in seiner Konzentration nicht stören.
Verena nippte an ihrem Prosecco und genoss den Anblick dieses Prachtexemplars männlicher Körperlichkeit und schloss sich gelegentlich dem Gelächter an. Als später die Tafel aufgehoben wurde und es hieß sich irgendwie die Zeit bis zur Heimfahrt zu vertreiben, entdeckte Verena diesen, mittlerweile mit einem langen, weißen Baumwollhemd bekleideten, Mann an einem Stehtisch. Er war umringt von einigen Bewunderinnen. Der Abend versprach unterhaltsam zu werden. Sie ging dazu.

Freitag, 26. August 2016

Schokolade

War das nun ein Fake oder nicht? Kurz überlegte Gina, dann wischte sie den blonden Hünen nach rechts. Zumindest einem von den Stechern wollte sie schon eine Chance geben.
Sie legte ihr Smartphone auf den Tisch, lehnte sich zurück und schaute auf den Bahnhofsvorplatz. Es war nichts los. Eine kleine Gruppe Penner lagerte auf den Bänken zur Linken. Gegenüber kamen gerade ein paar Punks an. Der Cappuccino schmeckte wie immer gut. Ihr Smartphone summte. Der Hüne hatte ihr Profil auch nach rechts gewischt.
"Hallo Schokoladenfreundin. Wann? Wo? Freu mich schon auf deinen Arsch!" las sie. Vom Arsch hatte sie nichts in ihrem Profil vermerkt.
"Arsch?" schrieb sie.
"Schokolade ist doch a n a l?" las sie.
Nur kurz wunderte sie sich. Dann bracht sie die Unterhaltung ab. Das mit der Schokolade sollte andeuten, dass sie 'danach' noch gerne mit ihm, der 'es' ihr besorgt hatte, auf dem Sofa sitzen und fernsehen wollte. Es ging nicht um das Kuscheln, obwohl das schön wäre, sondern nur einfach noch Zeit verbringen und Schokolade essen. Ein Übergewicht sollte auch erwartet werden können, obwohl ihr Bauch gar nicht so viel war, war es doch besser dies auch anzudeuten.
Ihr Profil sollte überarbeitet werden!
Bevor sie sich dieser Arbeit widmen konnte, sah sie den Bus kommen. Das war das Zeichen, das die Zeit gekommen war, sich auf den Weg ins Büro zu machen. Sie bestellte die Rechnung und wusste noch nicht, dass die nächsten Minuten den Auftakt bildeten, zu einer anderen Einstellung zur Zeit als solcher zu kommen.

Freitag, 19. August 2016

Auf die Schnelle

Der Guglhupf war gelungen! Zufrieden strahlte Elli das Ergebnis ihrer Backanstrengung an. Wie von ihrer Mutter gelernt, hatte sie die gesamte Form, gerade auch die Ecken, mit Butter eingeschmiert. Er kam vollständig aus der Form. Geschwind verteilte sie noch den Puderzucker darüber und verstaute ihre Überraschung in ihrer schwarzen Einkaufshandtasche. Probeweise hob sie diese vorsichtig hoch. Vom Gewicht her ging das! Das würde so heil ankommen. Es galt mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt zu fahren, mit dem Fahrrad würde der Guglhupf nie ankommen. Jedenfalls nicht in einer ansehnlichen Form. In der anderen Hand könnte sie noch die Sonnenblumen halten, wenn sie die Kuriertasche nehmen würde. Diese hatte sie von ihrem Vater geerbt. Sie wurde schräg getragen, den Riemen über die rechte Schulter und die Tasche dann an der linken Hüfte. Sie probierte das aus. Mit der rechten Hand die Tasche mit dem Guglhupf und in der linken die Sonnenblumen. So würde das gehen. Sie könnte immer die schwere Tasche vorsichtig absetzen, wenn es galt eine Bus- oder Bahntüre zu öffnen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie mal wieder zu früh war. Detlev hatte gesagt, vor 14:00 wären sie bestimmt nicht ansprechbar. Er hatte in der Mehrzahl geredet! Ihr Sohn würde nicht alleine sein und sie dürfte seinen Liebling kennen lernen.

Samstag, 13. August 2016

Drei Freundinnen

"Hallo Wallace, schaust Du morgen bei uns vorbei? Wir machen da eine kleine Feier."
"Hallo Markus, wie geht es Dir denn so? Alles in Ordnung?" grinste es der runde, große Mann und hielt ihm die Hand hin.
"Danke, geht so. Muss ja. Und selber?" er griff zu und spürte den warmen, nicht zu kräftigen Händedruck, des immer freundlichen Kollegen aus Schottland.
"Danke der Nachfrage. Das Wetter soll ja morgen richtig sonnig werden. Obwohl es ja am Abend noch einen Schauer geben könnte. Aber dann kann man sich ja in das Wohnzimmer zurück ziehen. Für mich ist das hier ja fast so ein schöner Sommer, wie bei uns daheim. Obwohl es hier ja schon um acht Uhr dämmrig wird."
"Also wegen der Feier morgen nachmittag, so gegen 16 Uhr, kommst Du nun?"
"Aber sicher doch. Was ist der Anlass? Soll es etwas feierliches sein? Ich könnte mit Rock kommen?"
"Ganz informell mal nach dem Einzug in die neue Nachbarschaft, so zum Kennenlernen mit Nachbarn, Kindergartenfreundinnen und Kollegen."
"Also mit Kilt wäre das schon repräsentabel. Immerhin bin ich ja dann so etwas wie ein Vertreter eines fernen Landes. Soll ich einen Wanderer oder lieber ein, wie heißt das? Huhn mitnehmen?"
"Äh?"
"Walker, Johnnie? Famous Grouse?"
"Ach, das mit dem Rebhuhn. Der war doch auch bei deinem Einstand dabei."
"Ok, dann bis morgen. Ich bring auch Leslie mit. Ist doch ok?"
"Aber sicher doch. Wir freuen uns auf Euch!"

Samstag, 6. August 2016

Das Porträt

"Was haben Sie denn da?"
"Das wird die Mütze für den kleinen Moritz. Alle Mütter in meiner Familie stricken ein Mützchen für ihr erstes Kind. Und genau so sollen Sie das auch darstellen. Ich, schwanger, fürsorglich strickend." sagte Frau Weissenberger.
"Ah, ja. Nun denn. Aber schauen Sie doch bitte mehr nach oben und nicht so angestrengt. Also so geht das ja eigentlich nicht." Micki legte den Skizzenblock weg.
Die schwangere Frau hörte auf zu stricken. "Soll ich stillhalten?" Durch die zwei Nadeln vor dem Gesicht schaute sie ihn an.
"Nein, nein. Stricken Sie nur einfach weiter. Ich schaue mir das in aller Ruhe an, bis ich so ein Gefühl für die richtige Pose bekomme. Dann melde ich mich schon. Und dann fangen wir das ein. Machen Sie nur einfach weiter".
Die Frau strickte wieder.
Der Maler zündete sich eine Zigarette an.
"Also ich bin schwanger, da werden Sie doch nicht?"
"Die Halle ist doch groß genug." Er stand auf und entfernte sich ein paar Schritte. Den Qualm blies er in Richtung Fenster. "Sehen Sie das weht sofort heraus. Sie sind da nicht der erste Kunde mit Raucherproblemen. Ich muss nur nachdenken, in welcher Pose ich Sie abbilde. Dabei brauche ich unterschiedliche Winkel. Wir hatten ja ausgemacht, das sie mit einem Buch oder Fächer abgebildet werden. Mit Stricknadel muss das doch natürlich unterbrochen wirken. Oder soll ich Sie so konzentriert malen. Aber das sind Sie doch gar nicht."
"Ok" Die Frau schüttelte zwar den Kopf, aber dann strickte sie weiter. Nach ein paar Zügen befahl er: "Still! Nicht bewegen. Genau so bleiben Sie bitte!"
Der Maler drückte die Zigarette aus und sprang wieder an seinen Platz. "So sehen Sie perfekt aus. Das ist genau die Pose, die zu Ihnen passt."
Nach einer Stunde hatte er genügend Skizzen beisammen und seine Kundin ließ ihn alleine in der alten Halle.

Freitag, 29. Juli 2016

Die Neue

Sollte sie es sein? Demütig schaute sie auf dem Weg zu seinem Schreibtisch nach unten. Ihre blonden Haare hielt ein schmaler Haarreif aus pinkem Plastik. Dieses Pink wiederholte sich in ihrem Blazer und vor allem in ihren Pumps. Er fragte sich, ob ihre Zeigezehen, also die unmittelbaren Nachbarn der grossen Zehen, länger wären. Schnell schaute er wieder nach oben. Ihre schmalen Hände griffen die Lehne des Besucherstuhls, aber sie wartete.
"Nehmen Sie nur Platz. Sie sind die Frau Dr. Kovacs?"
"Genau"
Als sie sich setzte, gab ihr geöffneter Blazer den Blick auf ihre, von einer weissen Bluse bedeckten, Brust frei. Kurz konnte er die Bügel eines BHs erkennen.
Während ihr süßes Stimmchen die üblichen Fragen beantwortet, rätselte er zunächst über die Form und, vor allem, der Anordnung ihrer Brüste. Würden sie ohne die starken Bügel herunterhängen? Waren sie durch einen kleinen, aber deutlichen Zwischenraum von einander getrennt?
Einen Augenkontakt konnte sie nicht lange stand halten. Schnell senkte senkte sie ihre Augen und schaute auf ihre zierlichen Hände. Er folgte ihrem Blick und bemerkte keinen einzigen Ring. Lächelnd wandten sich seine Augen ihrem hoch geschlossenen Ausschnitt zu. Sollte er wirklich einfach mal fragen?
"Wir sind hier nicht so zugeknöpft, wie Sie vielleicht denken, Frau ... äh ... Kovacs" entfuhr ihm.
"Ach so, ja" und ihre Hände machten sich sofort an den oberen Knöpfen zu schaffen.
Er lehnte sich zurück und ihre Blicke trafen sich. Diesmal schauten sie sich länger in die Augen. Als sie ihre Bluse auseinander klappte, öffnete sich die Tür.
Eine dunkles Gesicht mit einer blauen Baseballmütze schaute hinein.
"Oh, Entschuldigung. Ich dachte .."
"Sie sehen doch! Und warum ..." da war die Tür schon wieder geschlossen.
"Unsere Zeit ist wohl um. Vielen Dank für Ihre Mühe und wir melden uns dann." Er stand mit seinem Besuch auf, schüttelte ihre Hand und sah ihr hinterher bis sie die Tür aufmachte. Als sie sich bei geöffneter Tür kurz umblickte, nickte er ihr erfreut zu.
"Schicken Sie den Nächsten schon herein" forderte er sie auf.

Freitag, 8. Juli 2016

Der Onkel


"Sie sind der Herr Stossel? Ihre Frau oder Gefährtin oder wie auch immer das heutzutage genannt wird, ist schon im Kreißsaal. Kommen Sie mal mit" meinte die Krankenschwester auf der Frauenstation. Aufgeregt folgte er.
"Zum Glück ist es ja nicht die erste Schwangerschaft, sonst könnten Sie das vermutlich gar nicht mit erleben."
"Bitte?"
"Über vierzig wird fasst immer Kaiserschnitt gemacht. Die Beckenknochen, Sie verstehen."
"Äh, ... hoffentlich wird mir nicht schlecht. Ich war noch nie dabei."
"Kennen wir, macht nichts. Hier ziehen sie den Kittel an, Hände waschen und dann hinein."
Wenig später war er neben ihr.
"Du bist ja tatsächlich noch rechtzeitig gekommen." war ihre gestöhnte Begrüßung. Sie griff seine Hand und ließ sie auch nicht mehr los.
"Und nun kommt es gleich" meinte die Ärztin. Die Befehle "Hecheln" und "Pressen" kamen im Wechsel. Sybille tat wie ihr geheißen. Dazu stöhnte und schwitzte sie. Er bewunderte den Wechsel in ihrem Gesichtsausdruck. Da war nichts reserviertes, kontrolliertes mehr. Das hier war richtiger Kampf. Er war froh, dass er nicht mit ansehen musste, wie da am anderen Ende etwas herausgepresst wurde. So wurde ihm auch nicht schlecht.
Die ganze Sybille schrie, unten wurde etwas geborgen. Es krähte ganz leise, dann wurde es in Tüchern von einer Schwester in den Nebenraum getragen.
"Gehen Sie nur mit, das machen alle Väter."
Im Nebenraum, nur durch einen Vorhang vom Kreißsaal getrennt, legte die Schwester den kleinen in eine Wanne.
"Ist er nicht süss? Und alles dran, sehen Sie mal" die Schwester deutete auf den winzig kleinen Schniepel. Er schaute mehr in das Gesicht des Kleinen. War er wirklich der Vater?