Samstag, 4. Februar 2017

Nackt

Er sah sie. Auf der anderen Seite der Schlucht stand Asgard, die Burg der Asen. Die Schlucht war, genau wie ihm immer erzählt wurde, von einer farbigen Brücke überspannt. Was hatte das zu bedeuten?
"Heh", hörte er von links und wurde nach rechts gestoßen. Dort war auch ein Widerstand. Er ging nach vorne und fühlte einen Ellenbogen im Bauch.
Als er an sich hinunter sah, sah er nichts. Ein Schatten war dort, wo seine Beine hätten sein sollen. Aber den Schatten konnte er spüren und auch bewegen. Seinen richtigen Körper hatte er auf irgendeinem Schlachtfeld verloren.
"Au", sagte er bei dem Schlag auf dem Kopf. Er drehte sich um und nickte mit seinem Schattenkopf in Richtung eines kaum sichtbaren Gegners. Ein Schmerz von der nicht vorhandenen Stirn, das Geräusch von Knochen auf Knochen und der Aufschrei des Hintermanns, zeigten ihm, dass er wohl seinen Hintermann wirksam getroffen hatte.
So ging es weiter. Von allen Seiten wurde nach ihm gestoßen, getreten und geboxt. Er teilte gleichsam nach den kaum sichtbaren Gegnern aus, bis er schließlich einen Platz gefunden oder erkämpft hatte, an dem er bleiben konnte.
Der Platz vor dem, mit einem Tor verschlossenen, Brückenkopf der Regenbogenbrücke war mit Schatten von gefallenen Kriegern und Helden gefüllt. Sie warteten und, an den Stellen, an denen neue Schatten erschienen, prügelten sie sich. Den Schatten war der Untergang der Sonne egal. Niemand schlief.


Am nächsten Morgen erschallten Hörner von Burg. Das Burgtor öffnete sich, zwei riesige Männer kamen heraus und überquerten die Brücke. Am Brückenkopf angekommen, öffneten sie das Tor und kamen heraus.

Sie riefen laut einen Namen. Hägar konnte ihn nicht richtig verstehen. Sein Name war es jedenfalls nicht.
Da keiner der Schatten hervor trat, riefen sie noch einmal.
Ein Schatten ganz vorne am Tor verdichtete sich. Erst realisierte sich Schwert, Schild und Helm, dann seine Kleidung. Am Ende schien er sogar seinen Körper wieder zu besitzen.
Die Riesen begrüßten den Krieger, gingen zur Seite und gaben den Weg über die Brücke frei. Er betrat konzentriert die Brücke und zog sein Schwert. Langsam schritt er weiter. Von der anderen Seite kam ihm ein nackter Mann gleicher Größe und Statur entgegen. Als sie sich in der Mitte trafen, hob der Held sein Schwert. Ein schneller Schlag von dem Nackten genügte und der Held fiel von der Brücke.
Der Nackte überquerte die Brücke und ging zum Brückenkopf hinaus. Die Riesen schlossen das Tor und gingen nach Asgard zurück.

Nach diesem Ereignis lösten sich einige der Schatten auf. Dabei seufzten leise. Hägar näherte sich ein wenig dem Tor. Wer nach Asgard wollte, musste also einen nackten Mann von der Brücke werfen, sinnierte er. Das sollte eigentlich doch kein Problem sein, dachte er. Warum hatte dieser Tölpel nur gezögert?

Am nächsten Morgen war er deutlich näher am Tor. Wieder verstand er den Namen nicht. Wieder wurde ein Schatten nach dem zweiten Ruf zu einem lebendigen Krieger. Dieser hatte die gleiche Idee. Entschlossen stellte er sich mit ausgeholtem Schwert in der Mitte der Brücke und wartete, bis der Nackte nah genug war. Der Hieb kam von rechts oben, war schnell, aber nicht schnell genug. Gewandt bog sich der Nackte zurück, so dass der Hieb über ihn fuhr. Anschließend drehte er und trat den Krieger mit seinem hinteren Bein von der Brücke. Hägar verstand nun, warum der andere Krieger gezaudert hatte.

Schatten lösten sich seufzend auf, andere Schatten kamen hinzu. Hägar drängte sich näher an das Tor. Als die Riesen wieder riefen, verstand er sie. Sie riefen keinen Namen, sondern einfach nur "Nächster".
Er war nicht nah genug, so kam ein anderer an die Reihe. Dieser warf zunächst das Schild nach dem Nackten und stürmte dann mit dem gezückten Schwert hinterher. Das war genau das, was Hägar auch versucht hätte. Er konnte gerade noch ein Seufzen unterdrücken.

Eine Idee musste her! Aber zunächst musste er der nächste sein. Direkt vor dem Tor war ein freier Bereich. Es wollte keiner der nächste sein. Entschlossen stellte sich Hägar davor. Egal was passierte, er wollte der nächste sein. Hinter ihm spürte andere Schatten, die auch zum Tor wollten.

Am nächsten Morgen hatte Hägar keine Idee, wie er an dem Nackten vorbeikommen sollte. Der war viel zu schnell. Vielleicht lag es ja daran, dass der Held seinen Körper frisch wieder bekam und deswegen nicht so locker war? Als die Riesen das Tor öffneten, brauchten sie gar nicht zu rufen. Hägar bekam Waffen, Kleidung und Körper wieder. Er holte tief Luft. Wie schön es war wieder den Atem zu spüren. "Danke", sagte er zu den Torwächtern. Diese lächelten ihm zu.

Langsam ging er auf die Brücke. Von der anderen Seite kam wieder ein nackter Mann. Warum sollte er eigentlich mit dem Kämpfen? Das war nicht, was die Weisen erzählten! So wie er sich erinnerte, schritt der Held über die Brücke und wurde dann in Asgard empfangen. Von einem Kampf hatte ihm niemand etwas erzählt.
"Warum sollen wir kämpfen?", fragte er den Nackten.
"Warum greifen immer alle an?", verblüffte ihn der Nackte. "Die Brücke ist breit genug für zwei. Aber alle meinen hier kämpfen zu müssen. Dabei sind es alles tote Kämpfer, die ihre Pflicht doch schon getan haben."
"Die Weisen haben auch nichts von einem Kampf erzählt. Wo gehst Du eigentlich hin?", fragte Hägar und trat dabei zur Seite.
"Auf die Welt, in einer Familie wird demnächst ein neuer Kämpfer geboren. Stimmt es, dass es nun ganz hartes Metall gibt?"
Hägar reichte ihm sein Schwert: "Die Klinge ist aus Stahl. Wenn die Pfeile nicht gewesen wären, hätten sie keine Chance gehabt".
"Krieger sterben im Kampf", sagte der Nackte zum Abschied.