Freitag, 2. September 2016

Für immer

Es gab auch eine Vorführung, die Verena interessierte. Sie wusste nicht genau, warum sie auf dieser Geburtstagsfeier war. Ein wilder, halb nackter Mann jonglierte mit Kegeln zu Ehren des Jubilars. Seine unbehaarte Brust hielt er ganz ruhig. Nur seine Arme wirbelten die Kegel durch die Luft. Breitbeinig stand er mit gebeugten Knien und erzählte mit ruhiger, tiefer Stimme Anekdoten aus dem Leben des Befeierten. Von dem Gelächter der Gäste ließ er sich in seiner Konzentration nicht stören.
Verena nippte an ihrem Prosecco und genoss den Anblick dieses Prachtexemplars männlicher Körperlichkeit und schloss sich gelegentlich dem Gelächter an. Als später die Tafel aufgehoben wurde und es hieß sich irgendwie die Zeit bis zur Heimfahrt zu vertreiben, entdeckte Verena diesen, mittlerweile mit einem langen, weißen Baumwollhemd bekleideten, Mann an einem Stehtisch. Er war umringt von einigen Bewunderinnen. Der Abend versprach unterhaltsam zu werden. Sie ging dazu.
"Ich bin Homöopath" verkündete er laut, als sie sich näherte. Belustigt fiel ihr etwas zu Psychopath ein, das sie lieber nicht weiter verfolgen wollte. Am Tischchen war kein Platz mehr frei, so stellte sie sich so in das Licht der Laterne, dass sie ihn und die Gruppe in aller Ruhe beobachten konnte.
Das Gespräch nahm einen unerwarteten Verlauf. Zunächst konnte sie nicht richtig verstehen, dann wurde er ein wenig lauter: "Also im Mastdarm sind dann noch die Reste, die sich in kleinen Kotsteinchen sammeln."
Das war kein small talk mehr. Er hatte etwas von einem Missionar oder Prediger. Dazu passte auch sein gepflegter Vollbart. Wo hatte sie diesen schon einmal gesehen? Seine Frisur passte gar nicht zu dem gekräuselten, vollem Barthaar. Die Haare waren glatt zusammengebunden zu einer Art Minipferdeschwanz an seinem Hinterkopf. Dieser Pferdeschwanz erinnerte sie an die comic Figur, die sie bei ihrem ersten Mal an der Wand des Jugendzimmers bewunderte. Sie musste leise lachen bei der Erinnerung. Sein Vollbart war diesen persischen Steinfiguren im Museum ähnlich. Dazu passte auch seine lange Nase, die nichts über die Länge des anderen Stücks aussagte, wie sie aus ihrer nicht geringen Erfahrung wusste.
Am Tischchen war mittlerweile ein Platz frei geworden. Es waren nur noch zwei Frauen, die sich über die Vor- und Nachteile von vegetarischer Ernährung unterhielten. Genau das Thema, bei dem sie auch ein wenig mit plaudern konnte.
Die beiden vertraten keine extremen Ansichten und so wurden, ab und an, lustige Anekdoten erzählt. Beim Lachen achtete sie darauf, ob er auch mit ihr mitlachte. Dann warf sie ihm einen Blick zu.
Es zog sich hin. Er machte keine großen Anstalten eine auszuwählen. Vielmehr schien er jede einzelne der drei Frauen gleich zu beachten.
Sollte etwa sie die Initiative übernehmen? Wollte er mit allen dreien? War er schwul? Ihre Augen verloren sich dafür viel zu lange in seinen. Dann unterbrach er den Blick, lächelte ihre Nachbarin an und führte die zuletzt gehörte Geschichte einfach weiter. Sie war sich sicher, dass er einen langen Blickkontakt nur mit ihr hatte. Sie konnte die Gruppe einfach nicht verlassen.

"Verena! Hier bist Du also" hörte sie unvermittelt. Es war Bernhard, den sie zu diesem Pflichtbesuch begleitet hatte. Seine Backen waren rötlich.
"Wir müssen fahren. Morgen muss ich früh heraus. Du fährst."
"Ich habe auch getrunken. Wir hätten uns da schon absprechen müssen. Da müssen wir nun ein Taxi rufen. Oder kann uns jemand mitnehmen?"
"Mitnehmen ist Scheiße. Da hocken wir dann noch irgendwo herum oder die hocken bei uns und dann wird ganz versackt. Du kennst die Bande doch. Ich rufe ein Taxi! Jetzt!"
"Du?" Sie verschränkte ihre Hände hinter Bernhards Hals, öffnete ganz weit die Augen und zog einen Schmollmund. Ihr aktueller Lebensgefährte verstand.
"Bleib nur, aber bleib brav und, wenn schon, dann bleib sicher!" nickte er. Sie küsste ihn ohne Zunge auf seine Lippen. Er trollte sich. Warum akzeptierte er das eigentlich so ohne Szene und Streit?
Als sie sich wieder dem Tisch zu wandte, war noch ihr Schwarm da. Die Konkurrenz war verschwunden.
"Kann ich mit Dir fahren?" fragte sie direkt.

Er fuhr Trabant. Es war kein normaler, billiger und abgegriffener Trabant, sondern einer mit neu gepolsterten Ledersitzen und wirklich gut schließenden Türen. Der Motor sprang sofort an und tuckerte gar nicht.
"Das ist doch mal etwas" grinste er. "Es sitzt sich gut. Nur schnell fahren, dafür hat er keine Zulassung. Aber in der Ruhe liegt die Kraft."
"Was bist Du nur für einer?"
"Ich bin einer, der eben kein Porsche mehr fährt. Ich bin ein Suchender. Einer, der das große Glück finden muss."
"Ach so? Das große Glück? Die Taube auf dem Dach?"
"Genau!" kurz blickte er hinüber und tätschelte ihren Oberschenkel. Das gefiel ihr. Ein Fick mit Gefühl und vielleicht auch gebrochenem Herzen würde der Höhepunkt dieses schon verloren geglaubten Abends werden. Sie zog ihren Rock mit beiden Händen ein wenig höher und rutschte mit ihrem Arsch ein wenig nach vorne. Wenn er wollte, könnte er so beim nächsten Mal schon einmal zu greifen.
Er blickte kurz herüber. "Es ist mir durchaus Ernst. Du könntest genau die Richtige sein. Was hältst Du davon, wenn wir heute Nacht nebeneinander schlafen. Aber eben nicht miteinander .."
"Bitte?"
"Bei einem schnellen Fick, gehen wir wieder auseinander. Das wäre dann doch nur eine Zeitverschwendung. Viel besser wäre doch die Biochemie so richtig anzuwerfen. Schon einmal drüber nachgedacht?"
"So mit richtigem Vorspiel? Wäre mal wieder etwas. Ich mag es auch lieber lange und ausdauernd."
"Schön. Wir schauen unsere Körper genau an, wir riechen aneinander. Dann legen wir uns nebeneinander in das Bett und schlafen ein. Morgen frühstücken wir, unterhalten uns dabei und bleiben dann zusammen oder auch nicht. Wenn wir uns aneinander gewöhnt haben, dann machen wir richtig Liebe."
"Was soll das denn?"
"Das ist der Anfang einer Konditionierung, so dass wir ..." Sie lauschte seiner missionarischen Stimme, die diesmal von den Details sexueller Erregung genau so sprach, wie sie es vorher bezüglich Darm, Kot und Ernährung getan hatte. Es war eine herrlich maskulin klingende Stimme, die diesmal von Botenstoffen und Hormonen erzählte, die für eine dauerhafte Bindung zwischen den Partnern zuständig waren. Diese Stoffe würden von Drüsen ausgeschüttet, die von Gefühlen angestoßen würden. Wie bei einem Hund, der immer wenn er die Glocke hört, zu sabbern anfängt, könnte dieser Apparat trainiert werden. Am Ende würde für ein Paar das ganze gemeinsame Leben ein einziger langer Orgasmus sein.
Seine Stimme und seine Art zu Reden machte sie so an, dass sie sich kaum zurückhalten konnte. Sie fühlte sie sich wie ein Automat, der eingeschaltet wurde. Ihre Ohnmacht sich zu widersetzen ärgerte sie.
"Also, kommst Du mit zu mir? Es könnte unser beider Leben verändern?"
"Und das sagst du zu einer, die Du einfach so mal triffst. Machst Du das mit jeder? Wie oft?"
"Ich sage das zu einer, die auf der Suche nach einem guten Orgasmus ist. Habe ich auch früher so gemacht. Wie langweilig! Seit einem Jahr bin ich auf der Suche der Einen. Und immer wenn ich das Gefühl habe es könnte etwas sein, mache ich ihr aufrichtig eben dieses Angebot."
"Wie oft? Sag schon."
"Jede Woche. Manchmal kommt sogar eine mit. Aber bis zum Frühstück ist noch keine geblieben. Meistens will sie dann doch nur schnell mal gefickt werden. Dann werfe ich sie raus. Ich suche eine Frau mit Selbstkontrolle und Willenskraft. Die wäre dann für immer. Traust Du Dich?"
"Du spinnst!"
"Wir haben ja noch eine Viertelstunde Zeit, denk einfach in Ruhe nach."