Freitag, 13. November 2015

Andrea

Als Andrea aufwachte, war sie alleine in der Wohnung. Ein Blick auf die Uhr bestätigte, dass sie verdammt viel Schlaf nachgeholt hatte. Verwundert schaute sie sich in dem kleinen Zimmer um. Sie sprang auf und ging in das Wohnzimmer. Dort entdeckte sie die Reste von Alfreds Frühstück. Laut atmete sie aus. Die Tür zum Balkon wollte einfach geöffnet werden. Obwohl es kühl am Morgen war, ging sie im Nachthemd hinaus und schaute sich den Innenhof an. Direkt unter ihnen war ein Spielplatz neben einem hohen Baum. Der Balkon bot gerade Platz für einen kleinen Tisch mit zwei gegenüberstehenden Stühlen. Sie maß den Tisch mit den Händen aus und versuchte den linken Stuhl an die Vorderseite zu stellen. Aber es gab hier keinen Platz und sie stellte ihn wieder zurück.



Sie hätte sich auf den linken Stuhl gesetzt, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. So ging sie wieder hinein. Am Esstisch gegenüber des Balkons stellte sie fest, dass Alfred wohl an sie gedacht hatte. Im Brotkorb waren zwei, noch warme Semmeln. Auch gab es ein unbenutztes Gedeck. Sowohl Honig und Marmelade, als auch Wurst und Käse stand auf dem Tisch. Erfreut setzte sie sich und frühstückte. Sie aß Käse mit Marmelade. Das Geschirr räumte sie nicht direkt weg. Auch ließ sie Butter, Marmelade, Käse und Wurst auf dem Tisch. Alfreds CD Sammlung war einfach interessanter. Es waren alles Titel und Gruppen, die ihr unbekannt waren. Es handelte sich anscheinend um einen Liebhaber von Jazz und Klassik. Auch Wagner Opern fand sie. Sie zog die Mundwinkel nach unten, als sie diese entdeckte. Dann schaltete sie das Radio ein und lümmelte sich auf der Couch gegenüber. Etwa eine Viertelstunde verbrachte sie so. Dann stand sie entschlossen auf, kümmerte sich um den Frühstücksgedecke und ging zum Bad.

Später am Schreibtisch nahm sie den Zettel mit der WLAN Info. Es hieß "Alfred007" und war mit "&/zuHJnµ" geschützt. Nachdem sie das 'µ' an ihrem McBook gefunden hatte, war sie mit dem Internet verbunden und wollte gerade ihre eMails checken, als es "bing" machte. Per skype wollte jemand mit ihr Kontakt aufnehmen. Es war ihre Mutti.
"Hallo Kleines, endlich bist Du wieder da."
"Hallo, es geht mir gut"
"Mach mal das Video an. Wir haben uns so lange nicht gesehen."
"So, das geht jetzt aber wieder langsam"
"Du bist doch wieder in Deutschland, oder?"
Andrea nickte.
"Und so spät am Morgen läufst Du immer noch im Nachthemd herum"
"Ich kann das auch wieder abschalten"
"Schon gut" Die Mutter machte eine Pause. "Bin ich froh, dass Du heil zurück bist. Und an dir noch alles dran ist. Ist es doch, oder?"
"Was denkst Du nur. Das war doch ganz harmlos."
"Die anderen sind schon seit Monaten wieder hier. Und von dir hieß es nur. Die ist im Busch. Warum nur?"
"Das war die Gelegenheit. Unser Dolmetscher war ein ganz, ganz Lieber. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Als ich hörte, dass seine Leute nur noch in einem Tal leben und damit eine abgeschlossenen Population waren. Da musste ich doch einfach. Alle Dörfer in dem Tal haben wir abgeklappert. Und ich bin nun die, die Frauenberichte gesammelt hat."
"Das hat Dir bestimmt Spaß gemacht. Aber was sollte dabei herum kommen?"
"Das war richtig anstrengend. Und deswegen bin ich doch hier. Am Institut vom Professor Bender könnte ich das ganze zusammenfassen und dann eventuell eine Promotion machen. Stell Dir vor, ich wäre dann Dr. Korleone, geil nicht!"
"Du hast ja nun wohl alles auf eine Karte gesetzt. Wenn Du nun fast ein Jahr aus dem Team bist, kommst Du da schwierig wieder herein."
"Immer als Kabelträgerin zu schaffen ist auch langsam doof. Das war zwar am Anfang ganz toll, aber dann ist es doch immer dasselbe. Ich bin da nur das Mädchen für alles."
"Hat Dir sonst immer Spaß gemacht. Und Nein konntest Du auch immer gut sagen. Ist da etwa was vorgefallen?"
"Was Du nur wieder denkst!"
"Dann also wieder einfach keine Lust gehabt weiter zu machen. Wenn nun eine andere die Kabel trägt, dann musst Du dir wieder etwas neues suchen. Wir können dich im Amt unterbringen. Du bist doch noch in Kirche? Dann kann ich Dir auch etwas besorgen. Oder fest zum Fernsehen.  Du weißt, deine Familie steht zu Dir."
"Puh. Das musste wohl sein. Aber hör nur. Ich mach das schon selber. I go my own way. Kennst doch mein Motto. Und außerdem. Neue Stadt, neues Leben. Hier geht bestimmt etwas. Zurück geht immer, aber das wäre so aufgeben. so verlieren."
"Pass nur auf Dich auf. Übrigens mit zurück kehren. Da fällt mir ein der Sebastian hat nach Dir gefragt. Ich habe gesagt, ich wüsste nichts von Dir."
"Sebastian?"
"Tu nicht so. Du kannst nicht immer alle Männer vergessen. Das war doch der Nette, den Du mir mal vorgestellt hast. Das letzte Semester an der Uni ..."
"Das ist nun schon wieder drei Jahre her. Wir hatten eine Abmachung und die habe ich gehalten. Wenn es für ihn mehr geworden ist, ist es doch seine Schuld. Oder etwa nicht?"
"Wollte ich nur weitergeben. Wie sieht es eigentlich finanziell bei Dir aus. Du kommst doch über die Runden?"
"Ich habe einen Vertrag beim Institut. Das passt schon. Und wenn es wirklich nötig ist, kann ich immer noch kellnern. Oder ich gehe auf den Strich."
"Ach nee. Obwohl. Soll ja neuerdings ein Job, wie jeder andere sein. Aber das wäre ..."
"Mama! Witzalarm"
"ha, ha! Wo willst Du eigentlich hin. Kind? Du bist nicht immer jung. Irgendwo solltest Du einmal bleiben ..."
"Ich weiß, ich weiß. Aber noch nicht Mama. Lass mich das mit der Promotion versuchen. Das wäre etwas. In sechs Monaten weiß ich mehr. Und nun Tschüss, bussi" Sie winkte in die Kamera und gab einen Luftkuss.

Nach dem Gespräch las sie die eMail vom Institut für angewandte Soziologie. Es wurde bestätigt, dass das Institut ihre Bewerbung um Mitarbeit im Projekt "vergleichende Sexualpraktiken in Hierarchiestrukturen" bekommen hat. Eine Prüfung würde demnächst beginnen. Wenn diese positiv ausfällt, könnte ihr ein Arbeitsplatz im Institut zur Verfügung gestellt werden. Selbstverständlich wäre dann auch ein Zugang zur Bibliothek möglich. Allerdings wäre eine Bezahlung nicht mit dem aktuellen Budget vereinbar.