Freitag, 20. November 2015

Alfred und Andrea

Alfred schaute sich den gedeckten Tisch an und fand, dass das doch ganz ordentlich aussieht. Drei Gänge hatte er vorbereitet. Passend zur Herkunft seines Gastes war es eine Minestrone, gefolgt von einer Lachslasagne. Zum Abschluss sollte es eine Panacotta geben. Mit einem Blick auf die Uhr ging er in die Küche. Dort öffnete er die Flasche Bardolino, bevor er das Gemüse schnitt. Er fragte sich, ob er der Zeitangabe trauen durfte, weil italienische Zeit nicht immer deutsche Zeit war. Die Lasagne brauchte noch etwa 15 Minuten bis zur passenden Bräunung, das Gemüse würde er nun blanchieren und dann wäre das auch vorbereitet. Er wäre flexibel! Zufrieden kontrollierte er das Gästezimmer, dann wartete er, Musik hörend im Wohnzimmer.


Andrea stieg mit ihren Koffern aus dem Bus. Zum Glück war der Fußweg asphaltiert und nicht gepflastert. Die Riesendinger ließen sich ziehen. Nach etwa 500 Meter war eine Nebenstraße zu überqueren. Vom Fußweg auf die Strasse lief die Sache problemlos. Von der Strasse wieder auf den Fußweg stellte eine kleine Herausforderung dar. Mit zwei Händen konnte sie jeden Koffer anheben und hinauf wuchten. Befriedigt schaute sie ihre Leistung an und setzte ihren Weg zu ihrer zukünftigen Wohnstätte fort. Nach weiteren 300 Metern stand sie vor dem Mietshaus. Es war ein Reihenhaus aus der Nachkriegszeit. Die ganze Reihe sah gleich aus. 

Die zweite Klingel von unten trug den Namen A. Müller. Sie klingelte, die Tür öffnete sich und sie zog ihre Koffer neben den im Flur stehenden Kinderwagen. "Es ist im zweiten Stock, komm nur rauf" hörte sie eine Stimme. Sie nahm den ersten Koffer über Eck. Mit der linken Hand griff sie die untere Seite neben den Rädern, hob dann den Koffer an, so dass dieser nur noch auf den Rädern zur rechten Seite stand. Dann holte sie Luft, griff mit der rechten Hand unter den Handgriff auf der rechten Seite und wuchtete den Koffer hoch. Langsam nahm sie die Stufen nach oben. Dort erwartete sie ein Mann in einem Pyjama und begrüsste sie mit einem "Willkommen Andrea, ich bin der Alfred". Er hielt ihr die Hand hin, aber sie stellte den Koffer ab und nickte nur. "Es ist eben etwas für sportliche Bewohner. Habe ich doch gesagt." Alfred hob entschuldigend die Arme hoch.
"Uff" sie holte Luft. "Und ich habe noch einen Koffer".
"Nur zu, ich mache mich dann an die Minestrone. Wir haben ja keine Eile" entgegnete er und ging wieder in die Küche.
Sie kniff die Lippen zusammen und ging langsam nach unten. Der zweite Koffer war zwar objektiv leichter, erforderte aber eine kleine Pause im ersten Stock. 

Als sie endlich oben war, roch sie schon die Minestrone.
"Wir können dann in ein paar Minuten essen" sagte Alfred.
"Das wäre ja eigentlich nicht nötig."
"Mir ist es wichtig" meinte Alfred ernst.
Sie schluckte und lächelte so freundlich sie konnte.
"Ich zeig Dir das Zimmer, hoffentlich gefällt es." Nach ein paar Schritten war sie in einem kleinen Zimmer mit einem leeren Schreibtisch und einer Couch.
"Du kannst auch die Couch ausziehen, wenn du mehr Platz brauchst." erklärte Alfred.

Es ertönte eine Klingel. "Es ist fertig" rief Alfred. Er holte die Minestrone aus der Küche und stellte sie auf den Esstisch.
"Eigentlich"
"Dein Platz?" Andrea stand auf "Immer mache ich"
"Du wusstest ja nicht, habe ich ja gar nicht gesagt."
Die beiden nahmen schließlich Platz und Alfred begann mit der Konversation.
"Und ist die Minestrone richtig italienisch?"
"Sie ist gut, wirklich lecker"
"Du müsstest das doch als Italiener wissen, wie so etwas richtig schmeckt. Oder kommst Du aus einer Gegend, in der sie keine Minestrone kennen?"
"Ich bin keine Italienerin, ich ..."
"Andrea Korleone, das ist doch ein italienischer Name, oder etwa nicht!" protestierte Alfred. "Ein Männername!" setzte er hinzu.
"Mein Urgroßvater kam aus Italien, aber ich bin ein Mädchen vom Kohlenpott" lächelte sie.
"Das geht so nicht!" flüsterte Alfred.
Sie riss ihre Augen auf und öffnete ihren Mund.
"Also" mit fester Stimme erklärte Alfred. "Ich wollte einen Mann aufnehmen, der kulinarisch interessiert ist, mir beim Haushalt hilft und nicht an Sex interessiert ist. Dafür gebe ich dann mein Gästezimmer für ein paar Monate. Du hast zugesagt und bist eine Frau. Ich will das nicht."
"Ich bin nicht an Sex interessiert!" bekräftigte Andrea. "Da ist es doch egal ob ich im stehen pinkeln kann oder nicht. Und ich bin doch kein aufgebrezeltes Ding, das Männer mordet, oder?"
Alfred musterte sie. Sie hatte Recht. Immerhin hatte er sie für einen Jungen gehalten. Und vorbereitet hatte er ja schon alles.
"Versuchen wir es. Aber bitte die Regeln einhalten, keine Frau äh Mann mitbringen und die vereinbarte Hausarbeit auch übernehmen. Sonst bringt es das nicht."
"Versprochen"

Nach dem Essen vereinbarten sie Spülmaschine, Staubsauger und Wischmop als ihre Hausarbeit. Er machte im Wohnbereich des Wohn- und Esszimmers die Musik an und holte ein altes Buch aus dem Regal. Sie räumte, wie vereinbart, den Tisch ab.
Als sie fertig war, rief er in Küche: "Wenn Du mithören willst, bist Du eingeladen. Du kannst auch Musik aussuchen. Ich höre eigentlich alles, wenn es nicht zu laut ist. Der Fernseher ist nur für Nachrichten, wenn Du aber einen Film sehen willst, können wir drüber reden".
"Vielleicht morgen, ich richte mich erst einmal ein". Sie zog ihre Koffer in ihr Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Darauf war ein Zettel mit Wlanpasswort. Sie lächelte und seufzte dann.

Nach ein paar stillen Minuten räumte sie zügig ihre Sachen von den Koffern in den Einbauschrank. Sie war müde, wollte ins Bett und knöpfte sich die Bluse auf. Aber mit dem zweiten Kopf hörte sie auf. Diesen schloss sie wieder, ging in das Wohnzimmer und wünschte Alfred eine gute Nacht.