Freitag, 24. Juli 2015

Der Schatz

An diesem Mittwoch wusste er, dass die Zeit gekommen war. Er machte Pause in seinem Lieferwagen, als er im Rückspiegel die beiden Mädchen an der Bushaltestelle sah. Die grössere von den Kleinen hatte die Haare zu einen kecken Pferdeschwanz zusammengebunden. Bei jedem Wort von ihr wippte dieser lustig. Sie sah recht frühreif aus. Ihre Brust zeichnete sich fast schon der kurzen Bluse ab. Ihr Bauchnabel würde später bestimmt ein Piercing bekommen. Dann wäre ihre Beine auch länger und die Pumps würden zu High-Heels. Eine richtige kleine Lolita! Ihre Freundin hielt ihr den Schminkspiegel und schaute zu, wie sie tatsächlich versuchte sich die Wimpern zu schwärzen. Als der kleine Junge hinzukam, wurde es ernst. Nun musste geschwärzt werden. Der kleine Mann war ein richtiger Ratgeber. Gekonnt zeigte er ihr, wie der Pinsel locker nach außen geführt wird und dabei die äußere Augenfalte schattiert. Als er das beobachtete, zwang sich erst ein Lächeln auf seine Lippen, dann nickte er. Die Kinder waren alleine an der Bushaltestelle des Villenviertels. Der Bus kam, sie stiegen hinein und als der Bus nicht mehr zu sehen war, stieg er aus dem Lieferwagen und studierte den Fahrplan. Der Bus fuhr früh morgens, mittags und abends. Jeweils dreimal. Als ihm auffiel, das dies die Abfahrtszeiten waren und er für die Ankunftszeiten auf den Plan der gegenüberliegenden Seite schauen sollte, fluchte er leise.

Am Mittag des gleichen Tages wartete er in einem Mietwagen. Mit dem zweiten Bus kamen die drei Kinder. Es waren auch einige Omas dabei. Aber die Kinder gingen alleine den Berg hinauf. Die Lolita lief vorne, gefolgt von ihrer Zofe und ihrem kleinen Verehrer. Er sah ihnen nach und als sie fast nicht mehr zu sehen waren, folgte auch er. Sie bogen in eine Treppe ein und er fluchte leise. Vielleicht war es ja ein Zeichen doch alles ab zu blasen? Traurig schaute er ihnen nach. Es war eine schnurgerade Treppe nach oben. Als sie sich oben trennten, lächelte er wieder.

In den folgenden Wochen legte er eine Trainingseinheit mit dem Mountainbike auf den Mittwochmittag. Befriedigt stellte er fest, dass die Kinder immer mit dem gleichem Bus kamen und jedes den Rest des Heimwegs ganz oben am Berg alleine ging. Nun wusste er, dass die dumme Idee, die zu einer fixen geworden war, umsetzen musste. Warum hatte sie nur den Witz gemacht: "Das könntest Du in deinem Keller auch" hatte sie gesagt, als sie von dem Mädchen aus Österreich hörten. "Traust Du dich aber nicht" hatte sie dann angefügt. Die nächsten Jahre hatte er das immer wieder gehört. Und nun? Nun würde er das einfach umsetzen. Kühl und nüchtern geplant. Er hatte diesen alten Atombunker. Voll ausgestattet mit Lüftung, Wasser und sogar Strom. Draußen war nichts zu hören. Dort hatte er seine Ruhe, es war sein Reich! Er könnte dort Schlagzeug üben, das würde niemanden stören. Er würde dort üben, aber ein ganz anderes Instrument!

Zuvor galt es aber in dem Keller kleine Kameras zu installieren. Er wollte seinen Fang total kontrollieren. In den Wänden baute er Lautsprecher ein, die Bahngeräusche in den Bunker spielen sollten. Sie würden meinen, es wäre neben einer Bahnlinie. Richtig stolz war er über diese Idee. So richtig lange, wie dieser Kerl in Österreich das gemacht hatte, wollte er das gar nicht machen. Nur so König sein, absoluter Chef. Er würde es abrichten, manipulieren und dann weggeben. So nach zwei oder drei Jahren. Und es sollte sehen können, wie er zu Besuch kommt. Er würde je nach Maske anders auftreten. Mit der weißen Maske würde er nur reden, Essen und Trinken bringen und tröste. Wenn er die schwarze Maske auf hat, würde er schlagen und bestrafen. Das würde er hinbekommen! Aber mit der roten müsste er, ja würde er das können? In jedem Fall müsste er immer bestimmen, was er machen würde. Seine Vorstellungen wurden im Lauf der Zeit immer präziser, seine Frau fand ihn dabei wieder interessanter, aber er war von seiner Bunkerbegeisterung gar nicht mehr abzubringen. 

Mit Chloroform wollte er sein Opfer betäuben. Ganz einfach! Ganz einfach? war der zweite Gedanke. Würde es beim ersten Mal sofort klappen? Er hatte umgebaut, sein Opfer ausgekundschaftet und nun sollte er daran verzweifeln? Im Bunker öffnete er das Fläschchen, schaute auf die Uhr, befeuchtete den Lappen und presste ihn sich auf das Gesicht. Es roch widerlich, aber nach einem Atemzug, war er für eine halbe Stunde weg. Richtig verkatert wachte er auf. Nur eine halbe Stunde hatte es gedauert, aber das würde reichen. Ja! prinzipiell würde das klappen. Nur, wenn es strampelt und schlägt, würde er dann den Lappen auf ein Gesicht pressen können? Mit einer Nutte machte er den Versuch. Er ging in ihr Zimmer, sie drehte sich um und wehrte sich mit dem Ellbogen gegen den Lappen, aber er hatte gewonnen. Nun musste er noch ein Kondom füllen, schließlich war er ja ein Kunde, der dafür auch bezahlt. Sie verlangte einen Zuschlag, den er auch bezahlte. Einen richtigen Überfall verübte er auf einen kleinen Strichjungen am Bahnhofsstrich. Auch das funktionierte, hier bezahlte er aber nicht und in den Polizeiberichten tauchte keine Notiz auf. Nun hatte er genug Selbstvertrauen, sich seinen Schatz zu holen.

Er wartete am Mittwochmittag in seinem Lieferwagen. Die Seitentür war auf. Sie verabschiedeten sich voneinander und der kleine Junge kam näher. Als er an der Tür vorbeikam, presste er ihm den Lappen auf das Gesicht, er atmete erstaunt ein, wurde aber sofort kraftlos und er konnte ihn auf den Boden legen. Er schloss die Tür, kletterte auf den Fahrersitz und hörte die kleine Schlampe rufen: "Jan Lukas, halt!" Warum ist sie ihm hinter hergekommen? Egal, sie würde sowieso gleich weinen. Ein bisschen schneller als er wollte nahm er die erste Kurve, aber dann beruhigte er sich. Das hintere Nummernschild hatte er verändert, statt 8 war dort eine 3 und das B wurde zu einem P. Sie würden ihn deswegen nicht finden. Graue Lieferwagen gab es wie Sand am Meer. 

Kaum kam er aus dem Keller, wartete die Polizei schon auf ihn. Die kleine Schlampe hatte nicht geweint, sondern sich erinnert, dass sie vor zwei Jahren die schnellste im Treppengeländerherunterrutschen war. Zwar scheuerte sie sich die Oberschenkel, aber für ein Foto unten an den Treppe hatte es gereicht. Hätte er doch nur auch das vordere Nummerschild verändert!