Sonntag, 14. Mai 2017

Sekt

'Das Gluckerwasser nicht vergessen!', fiel ihm bei der morgendlichen Rasur ein. Als er die Stoppeln unter den Nasenflügeln wegschabte, war er dazu wach genug. Das war immer der Punkt, an dem er schon wach genug war, um an den kommenden Tag zu denken. Einseifen und die Backen schaben ging automatisch. An den Nasenflügeln war Konzentration gefragt. Die kamen zum Schluss. Da war die kleine Feier im Büro am Nachmittag. Es ging um Ritas Junggesellinnenabschied. Sekt sollte jemand mitbringen und er hatte zugesagt.
Beim Kontrollblick in den Wandspiegel fiel es ihm wieder ein.
Er hatte die Flasche vergessen. Mit erhobenen Zeigefinger ging er zum Kühlschrank und nahm die richtig große Flasche Gluckerwasser heraus. Ein richtiger Prügel war das, dachte er und kontrollierte sich noch einmal im Spiegel. S,o mit Flasche in der Hand, war das einfach ein anderer Anblick. Er konnte gar nicht mit dem Auto farhen, fiel ihm siedenheiß ein. Es war ja Freitag und, wenn er es auf dem Parkplatz liesse, wäre es unbewacht das ganze Wochenende ganz alleine zwischen den Büros. Geklaut werden konnte es zwar nicht, weil der Parkplatz war abgeschlossen, aber irgendwelche Deppen würden damit spielen können und das, nein das, wollte er nicht. So musste also die alte Jacke für den öffentlichen Nahverkehr her. 
Sah gar nicht mal schlecht aus, fand er. Sie gab ihm etwas jung gebliebenes, fühlte er. Nur für die Flasche brauchte er noch etwas. So offen konnte er doch nicht mit Flasche in der U-Bahn fahren. Das machten doch nur die Penner.


Gegenüber stand ein merkwürdiger Mann mit Kind. Es war ein kleines Kind, das nicht auf dem Arm genommen werden wollte. Es schlug und trat nach dem Mann. Sah er nun eine Kindesentführung? Der Mann sah wie ein Hilfsarbeiter aus. Jedenfalls trug er am frühen Morgen schon dreckige Hose und Schuhe. Welcher Vater hatte dreckige Kleidung? Das Kind war sauber angezogen. Was sollte er nun tun? War er einer von denen, die wegschauen, wenn etwas Schlimmes passierte? Hinterher würde er sich im Überwachungsvideo finden. Dann müsste er erzählen, dass er immer irgendwelche Doppelgänger hat. Weil er wäre da ja doch bestimmt eingeschritten. Er schluckte noch einmal und wollte aktiv werden, aber dann stellte der Mann das Kind ab. Der Kleine grinste und griff nach der Hand des Mannes.
"Na gut", sagte dieser, griff die Hand des Kleinen und schaute dann zurück. Mit seinem ganzen Vollbart grinste er und fragte dann: "Erwin?"
"Kennen wir uns?"
"Abitur 2001, bin halt mehr geworden. Rat mal?", die Nase und die Augen kamen ihm dann doch bekannt vor.
"Marcel?", fragte er, obwohl aus diesem Computernerd doch nie ein Arbeiter geworden sein konnte.
"Genau! Mit Sohn", er wies nach unten: "Sören". Vater machte er also.
"Und ihr geht nun zur Kita?"
"Wir gehen richtig arbeiten", krähte der Kleine.
"Ich habe keinen Anstreicher mehr bekommen und muss nun anmalen. Montag kommen die Tische und bis dahin muss halt der Chef mal dran." Marcel hob die Schultern hoch. Dann hat dieser Nerd es mit den Menschen nicht so toll drauf. War ja eigentlich auch zu erwarten.
"Und du? Wie geht es Dir? Feier?", Marcel wies auf die Plastiktüte.
"Bei uns im Amt stoßen wir an auf eine Kollegin, die heiratet und da habe ich noch eine Riesenflasche Sekt im Kühlschrank gefunden." Marcel konnte seine Verwunderung nicht verbergen.
"Habe mich einfach mal mich beworben und dann haben die mich genommen. Jetzt bin ich Staatsdiener. Überraschung, nicht wahr?", fasste er kurz seinen Werdegang zusammen.
"Wir müssen nun raus." Marcel stutzte kurz. "Wir ... Hier meine Karte, melde Dich mal", reichte er ihm eine Visitenkarte.

Das Gluckerwasser stellte er sofort in den Kühlschrank. Sekt trinkt man doch immer gut gekühlt. Die Plastiktüte faltete er zusammen, warf sie dann aber doch weg. Warum sollte immer alles gesammelt werden? An der Kühlschranktür klebte ein Aufkleber einer Sicherheitsfirma. Sie nannten sich "Schutzengel". Ihr Logo zeigte einen Engel, der nicht etwa ein Kampfengel mit Schwert war, sondern eher Bunnyengel. Schlank und Rank im Profil Oberweite war eine weiße Figur auf schwarzem Hintergrund abgebildet. Ohne Aufschrift wäre das auch als Logo für einen Bumsclub durchgegangen. Aber so wie das da stand, war das wirklich eine Sicherheitsfirma. Vielleicht war die Aussage ja die, dass sie auch auf private Harems aufpassen würden.
Mit zusammen gezogenen Augenbrauen staunte er die Tür an.
"Morgen Erwin, was ist?", fragte Rita, seine Kollegin.
"Fällt mir jetzt auf, das Logo hier. Schon gesehen?"
"Ich fand die Form ganz nett. Ist so eine Art Pinup Girl, ohne Pinup zu sein. Ein bekannter von Alex hatte das dabei und da habe ich das dann an den Schrank ..., Was ist damit?"
"Es ist ja ein Sicherheitsdienst und da hätte ich ja eigentlich, wenn schon Schutzengel, dann so was Xena oder so erwartet. Und das ist ja nun. Also ich hätte da ja keine Angst vor."
"Das ist aber in jedem Fall ein Engel und sieht doch auch richtig engelhaft aus. Also mir gefällt das", meinte Rita. Dabei nahm sie ihren Kopf zurück und nickte dem Bild zu. Was sollte er davon halten? Sollte er überhaupt etwas davon halten?
"Sekt dabei?", wechselte sie das Thema.
"Klar doch! Alles dabei für den Junggesellinnenabschied."
"Junggesellenabschied, ich feiere doch mit Euch. Alex feiert mit seinen Freundinnen." Ihre Lippen waren nach oben gezogen, in ihren Augen war aber etwas fragend, unsicheres.
"Ihr macht das vertauscht. Ist ja nun auch mal etwas Neues. Wie habt ihr Euch denn so plötzlich überhaupt gefunden?"
"Weißt Du, das war Anfangs so eine eher geheime Sache. Dass ich überhaupt so etwas gefunden habe. Und dann wussten wir ja noch nicht, ob wir überhaupt ... und ... dann war das ... Wir wollten dann zusammenbleiben und ich habe dann auch bei Alex Vater um seine Hand angehalten. Das war letzten Sonntag."
In die Pause wollte er etwas zum Rollentausch bemerken, aber da widersprach ihr Gesichtsausdruck, der eine Entschlossenheit ausstrahlte.
"Der Vater hat vielleicht gestaunt, dass seine Alexandra von einer Rita gefreit wurde. Zunächst war er geschockt", an der Stelle blickte Rita von ihm weg zum Fenster. "Dann hat er sich erholt. Und fand, es wäre auch Zeit, dass seine Tochter jemanden hat. Ein Mann wäre zwar besser gewesen. Aber Hauptsache sie sei glücklich. Und dann meinte er noch, er hätte nun etwas zu erzählen." Ihre Augen fanden sein Gesicht wieder. "Ich solle nur die Rolle des Mannes übernehmen und richtig auf seine Kleine aufpassen, meinte er noch bei der Zigarre. Stell Dir vor, ich habe richtig fette Zigarre darauf geraucht." Nun lächelten Mund und Augen. Es war eine Last von ihr abgefallen. Sie in den Arm zu nehmen, verbot sich ihm instinktiv. Er klopfte ihr auf die Schulter und sagte nur: "Das müssen wir richtig feiern!"

Die Magnusflasche Sekt wurde erst geschüttelt, dann so geöffnet, dass Rita eine Dusche abbekam. Als die Gläser gefüllt waren und die Flasche auf dem Tisch stand, bemerkte Rita das Etikett.
"Wow, Champagner. Von ... Taittinger. Alle Achtung Erwin".
Loisa, seine Lebensgefährtin, hatte den Sekt in den Kühlschrank gestellt.