Dienstag, 9. Mai 2017

Overkill

"Halt, wartet auf mich", Ella trippelte ihren Brüdern hinterher. Die beiden blickten sich kurz um, grinsten sich an und liefen dann aber doch ein klein wenig langsamer.
"Warum wartet ihr denn nicht? Ihr müsst mich doch mitnehmen. Das ist doch unfair."
"Du hast doch sowieso Angst", meinte Lupo.
"Angsthase", stimmte Eko zu.
"Ich bin halt die kleinste und Vorsicht auch immer besser. Aber ich muss doch wissen, wo ihr hingeht. Das war doch so ausgemacht. Wo geht es denn nun hin?"
"Wir gehen rein. Sie sind weg und", Lupo machte eine bedeutungsvolle Pause, "...ich habe da ein Loch entdeckt. Das wird ganz einfach."
"Seid ihr sicher?"
"Klar doch. Das Haus ist vollkommen leer. Die haben bestimmt etwas liegen gelassen. Es ist ganz einfach. Wir müssen uns nur den Schacht nach oben klettern und dann ist oben das Loch."
Tatsächlich krabblelten aus dem Loch an dem Abluftschacht wenig später drei Mäuslein.
"Es riecht nach Mensch", meinte Ella.
"Du brauchst nicht mitzukommen. Dann erzählen wir Dir später, was wir alles gefunden haben."
"Und für uns bleibt auch mehr", grinste Eko.
Die beiden machten sich auf den Weg an der Küchenwand entlang.
"Ich komme schon, wartet", fiepte Ella und lief schnell hinterher.
Die drei erschnüffelten sich den Weg zur Speisekammer. Deutlich war der Geruch von Lebensmitteln aus dem Türspalt zu erkennen.
"Lecker, lecker. Wie kommen wir da nur rein?", fragte Eko.
"Gar nicht. Das ist doch viel zu klein. Aber sie haben bestimmt nicht alles ausgeräumt. Bestimmt liegt irgendwo etwas herum. Wir müssen nur weiter suchen", Lupo ging einfach weiter. Seine Gruppe folgte.

"Katze, Vorsicht", meldete Eko, der die feinste Nase hatte.
"Schnell weg", rannte Lupo los.Schnell lief die Gruppe nach vorne in das nächste Zimmer. Dort war es halbdunkel. Durch die Fenster schienen von weitem die Straßenlaternen.
"Und nun? Wie sollen wir zurück kommen?" Ella erkannte sofort die Gefahr.
"Wir werden schon etwas finden. Zunächst einmal sehen wir uns hier um und dann werden die Katzen auch irgendwo hin gehen. Sie haben uns doch nicht entdeckt. Sonst hätten wir ein Problem. Aber so? Ist doch alles in Ordnung. Wir müssen nur schön an der Wand im Schatten bleiben." Lupo konnte sie nicht direkt überzeugen.
"Warum gehst Du nicht zurück? Schaust nach", schlug Eko vor.
"Ich? Wieso, ich?"
"Du bist doch immer fasst unsichtbar."
"Ja, genau. Das wäre doch wirklich gut, wenn Du das machst. Wir teilen uns auf. Eko und ich schauen uns hier um und Du bist unser Wachposten und Kundschafter. Das ist doch genau die richtige Aufgabe für Dich. Mach schon ...", Lupo fand, wie immer, die richtigen Worte. Sie stimmte zu und ging zurück.

Nach ein paar Metern wusste Ella nicht mehr so genau, ob das richtig war. Immerhin waren das Katzen! Sie quetschte sich zitternd an die Wand und starrte in die Dunkelheit. Vorne sah sie etwas Weißes. Kam das näher? Ella beschloss sich tot zu stellen.

Wie immer, bemerkte das Jagdtier nichts. Jäger wollten immer rennen und treiben. Ein Stück Fell in der Ecke war da einfach nicht interessant. Die weiße Katze bekam Gesellschaft. Ella hörte ein Fauchen. Richtig bedrohlich klang das. Aber dann fiel Elle ein, dass, wenn zwei sich streiten, der dritte doch immer etwas schauen hatte. Sie öffnete ihre Augen und sah das Hinterteil der weißen Katze mit erhobenen Schwanz etwa einen Meter vor sich. So nah! Schnell schloss Ella wieder ihre Augen und drückte den Kopf zwischen ihre Pfoten.

Sie hörte das Fauchen der Katzen. Auch hörte sie, wie ihre Pfoten auf dem Boden kratzten. Eine der Katzen jaulte laut. Dann war Stille. Kein Geräusch war mehr zu hören. Es fiel dann noch etwas um. Sie hörte ein dumpfes Aufschlagen von etwas weichem.

Was war da passiert? Ella schaute vorsichtig hoch. Vor ihr lagen beide Katzen auf dem Boden. Sie bewegten sich nicht. Ihre Augen waren geöffnet und schauten starr. Da wurde auch nicht mehr geatmet. Weder bewegten sich Barthaare noch Flanken. Waren die Katzen etwa tot? 

Ella musste sich das genauer ansehen. Vorsichtig schaute sie sich um, ob noch jemand im Raum war. Aber sie hatte ja nur Katzen gehört. Unentschlossen trippelte sie in Richtung der Kadaver. Aus dem Mund der weißen Katze war ein weißer Schleim ausgetreten. Der Geruch war widerlich. Sie rannte schnell zu ihren Brüdern.

"Hallo? Wo seid ihr?", fiepte sie in dem Zimmer am Ende des Korridors.
"Hier, Lecker Schmecker", schmatzte Eko aus der gegenüber liegenden Ecke.
Ella folgte dem Schmatzen. Ihre Brüder verspeisten gierig etwas. Lupo erklärte zwischen den Bissen: "Das ist so lecker. Mampf. Aber es ist genug da. Mampf. Warum haben die das nur hier hingelegt? Mampf. Sonst gibt es immer nur wenig."
"Ihr glaubt nicht, was mit den Katzen ist", Ella schüttelte den Kopf. Wie konnten die das nur vergessen haben?
"Katzen?", Lupo hörte kurz auf.
"Es waren zwei Katzen. Eine weiße und eine schwarze. Und ich ..."
"Die kleine Ella. Ganz alleine. Zwei Katzen", Eko lachte los.
"Die sind nun beide tot. Da drüben"
"Egal. Dann können wir ja in Ruhe weiterfressen". Eko machte sich wieder über sein Stück her.
"Sie sind beide einfach umgefallen. So, einfach so. Oder vielleicht hat die eine, die andere. Aber dann fiel die Gewinnerin auch einfach um. Was war da nur los? Sollten wir nicht ...", Ella wusste, dass da irgend etwas nicht stimmte.
"Ist doch egal. Es schmeckt und es ist ... Warum nicht auch ...", Eko wunderte sich, dass Ella so gar nicht richtig hungrig war.
"Na ja", Ella schnupperte kurz an dem Stück, wollte eigentlich nicht, aber dann musste sie einfach hinein beißen. Es roch nach Schokolade und da konnte sie sich nicht zurück halten.

Am Wochenende kam die Familie Meyer-Lodenschmidt zurück.
"Scheiße", sagte der Vater, als er die Katzen in der Diele sah. "Warum hast Du nicht gesagt, dass die Katzen von Müllers aufpassen sollten. Ich habe da doch Gift ausgelegt und die Scheißviecher haben den Mäusen alles weggefressen."
Als er die Mäuse in der Küche entdeckte, war ihm klar, dass viel auch viel bewirkt.