Samstag, 1. April 2017

Catch22

Mit der rechten Hand fuhr sie in der Luft umher. Sie griff nach einem unsichtbaren Hebel und bewegte ihn nach vorne. Dann öffnete sie die Hand, nahm sie halbkreisförmig zurück und drückte dann auf einen unsichtbaren Knopf neben dem Hebel. Das alles geschah ohne dass sie die Augen von der Anleitung auf ihren Knien nahm. Sie studierte diese angestrengt. Es war diese Bewegung mit dem Hebel und den Knopf, auf die alles hinaus lief. Das hatte der Chef extra gesagt Noch einmal wiederholte sie die Bewegung.
Dann schaute sie auf die Birne in der linken Hand an. Bevor sie hinein biss, öffnete und schloss sie ihren Mund. Imaginär schluckte sie etwas hinunter, erst danach führte sie ihre linke Hand mit der Birne an ihren wieder geöffneten Mund und biss ab. Sorgfältig kauend widmete sie sich wieder der Anleitung und machte mit der rechten Hand wieder die wichtige Bewegung.
Das ganze wiederholte sich einige Male. Bevor die U-Bahn ihre Haltestelle erreichte, war die Birne verspeist und die Bewegung eingeübt. Bei der Einfahrt erhob sie sich und bereitete sich sorgfältig auf das Verlassen des Waggons vor. Ihre dünne Tasche mit der Anleitung hängte sie so um, dass der Riemen über ihre rechte Schulter hing und die Tasche an ihrer linken Seite war. Den kleinen, schwarzen Rucksack nahm sie auf den Rücken, die grüne Handtasche klemmte sie unter den rechten Arm.
Es reichte noch sich sorgfältig die Mütze aufzusetzen, bevor die Türen sich öffneten.



"Du hast bestanden, Mona?", fragte die Kollegin mit den rötlichen Haaren.
"Ja, gut nicht wahr.", sie lächelte stolz.
"Das war bestimmt schwer für Dich, das alles erklären zu müssen. So richtig auf, äh, Deutsch.", die andere Kollegin mit den blonden Haaren sprach es direkt an.
"Chef hat mir da geholfen. Hat einfach gesagt, wenn die sehen, dass ich das ganz ohne zu schauen kann, dann fragen die nicht so schwer. Dann geht gut. Und funktioniert!", strahlte sie.
"Das müssen wir feiern. Heute Abend kommst Du aber doch mit, oder?", die beiden brauchten nicht lange auf sie einzureden. Sie sagte zu und lauschte wie ihre Kolleginnen über ihre 'Jungs' redeten. Das war ein Thema, bei dem sie mangels Partner nicht richtig mitreden konnte. Zwar war sie nicht prüde, aber sie hatte ihre eigenen Vorstellungen von Partnerschaft, die unvermittelt aus ihr heraussprudelten, als die blonde Kollegin von ihrem Neuen schwärmte: "Stellt euch vor, der ist so jung. Und so lieb, er ...", an dieser Stelle warf sie ein:
"Das ist doch kein richtiger Mann! Was willst Du denn damit?", in den verständnislosen Blick erklärte sie ihren Standpunkt: "Also, für mich muss es schon ein Mann sein, der auch etwas hat. So wie Chef. Der verdient Geld und kann dann eben auch eine Familie ernähren kann. Ein Haus braucht es ja nicht unbedingt sein, aber ein großes Auto muss es schon sein. Stattlich soll er sein. Grösser und stärker. eben. Das ist doch natürlich."
Sie schloss mit einem Nicken und verkniff sich sichtlich das Aufstampfen.
"Warum machst Du denn dann überhaupt die Ausbildung fertig? Kannst Dir doch sofort einfach einen suchen und gut ist?"
"Ich will schon zunächst selber was haben. Ist ja auch noch keiner da. Aber wenn? Dann muss richtiger Mann sein. So wie Chef."
"Zu haben ist er ja. Mittlerweile hat er auch ein großes Haus. Ganz für sich alleine. Und der mag Dich auch. Wäre das nichts?", schlug die rothaarige Kollegin vor.
"Ich weiß nicht. Meinst Du wirklich?", daran hatte sie noch gar nicht so richtig gedacht. 
"Ach Mona", lachten die Kolleginnen.

Am Nachmittag hatte Mona ein Gespräch mit besagtem Chef.
"Hallo, Frau .., aber wir sollten vielleicht Du sagen? Die Ausbildung ist ja nun zu Ende und ... Also ich bin der Wolfgang", schlug ihr Chef vor und hielt ihr seine Hand hin.
"Gut", sie griff zu und fügte: "Mona"
"Schön! Setzen wir uns doch". Ihr Chef ging um den Schreibtisch und schaute sie schweigend an. Sie wusste nicht so recht, was nun von ihr erwartet wurde. Er bekam rote Bäckchen.
"Also ..", fing sie an.
"Ja. Nun.", er holte Luft und dozierte dann: "Leider haben wir da  mit Ihrer, äh, Deiner Aufenthaltserlaubnis etwas zuviel Zeit verstreichen lassen, so dass nun das mit dem Visum und der Arbeitserlaubnis nicht mehr so richtig in Frage kommt. Wenn uns da nichts einfällt, dann muss Du zurück und kannst gar nicht hier bleiben." Er zuckte an der Stelle mit den Schultern und legte seine beiden Hände auf ihre Hände. 
"Wie bitte?", wurde sie nun zurück geschickt? Warum hatte er ihr geholfen? Was sollte das?
"Wir heiraten einfach. Dann kannst Du hier bleiben und weiter arbeiten. Mein Haus ist doch groß genug. Und ich verlange gar nicht viel so an, äh, Geschlechtsverkehr. Also nicht, dass wir uns da missverstehen.  Es geht mir um Dich als Mitarbeiterin. Du machst den Job so gut und eine bessere könnte ich mir doch gar nicht vorstellen. Nur, wenn die Vorschriften so sind. Da kann ich doch nichts machen. Dann sind wir eben ein Paar. Was meinst Du?" Mit gerötetem Kopf schaute er sie an.
"Heirat?", war ja schon gut. Aber da fehlte doch etwas:  "Liebe?", das sollte doch auch schon sein.
"Also das mit dem Liebe machen, das braucht gar nicht so oft zu sein. Nur so ein paar Mal im Monat, oder so. Am Besten am Wochenende. Und ein oder zwei Kinder wären doch schön. Nicht wahr? Wenn Du nicht willst, dann eben nicht. Am Besten wir heiraten erst einmal und dann sehen wir weiter. Es ist ja nur eine Formalität mehr. Obwohl Du ja schon recht attraktiv bist. Obwohl, wenn Du nicht willst, dann brauchst Du auch nicht."
"Ich verstehe nicht", weinte Mona und nahm ihre Hände zurück. Dann legte sie rechten und linken Zeigefinger nebeneinander. "So soll das doch ...", aber er hörte gar nicht zu.
"Meine liebe Mona. Das ist eben Deutschland mit seinen Behörden. Da musst Du dich nach richten. Du kommst ja nicht aus einem EU Land. Da musst Du dann nach der Ausbildung zunächst wieder zurück. Mit Glück kannst Du wieder kommen, aber in dem Job haben wir angeblich genug Arbeitskräfte, da muss ich das dann erst wieder umständlich begründen. Da kannst Du nur bleiben, wenn Du heiratest. Und da biete ich Dir das eben an. Ganz ohne Forderungen. Obwohl das ja schön wäre. Also ich fände es ..."
Mona stand auf und lief hinaus.

Nach ein paar Metern auf dem Gang lief sie langsamer. Sollte sie nicht doch das Angebot annehmen? Es wäre dann zwar nicht die große Liebe, aber doch wenigstens vielleicht ein Anfang. Aber dann ihr Mann sollte sie doch mindestens wollen. Sie lief wieder schneller.