Samstag, 25. Februar 2017

Regelgerecht

So gerade hatte das noch geklappt! Freudig huschte er durch die sich schon schließende Tür des Fitnessstudios. Er grinste in Richtung Empfangstheke, aber dort war um diese Zeit niemand mehr. Es war ja schon 22 Uhr. Die kleine Blonde, die ihn immer anblaffte, wenn er am Abend durch huschte, war schon gegangen. Das Ding um mit seiner Karte dort einzuchecken, war auch nicht zu sehen. Die spinnen ja eigentlich, ein rund um die Uhr Fitnessstudio, das nach 21:00 keine Aufsicht mehr hatte. Dann müsste er eben irgendwie mit jemanden heraus huschen, beschloss er.
In der Umkleide war niemand. Vielleicht war ja eine Frau vor ihm hinein gegangen. Dann könnte das Nachttraining ja wirklich interessant werden, grinste er, als er seinen Anzug auszog und sorgfältig in dem Spind zusammenlegte. Es waren nur zwei Spinde belegt. Er musste aufpassen, dass er nicht übrig blieb.


Das Programm lief ab, wie sonst auch. Zunächst wärmte er sich auf einem Fahrradtrainer auf. Ihm war schon unangenehm, dass niemand auf den Laufbändern hinter ihm lief. Obwohl er ja immer trainierte, ohne nach den anderen zu sehen. Trotzdem vermisste er Gesellschaft. 15 Minuten ging er die Treppe hinunter zu den Geräten. Auch hier war niemand. Nur im Hantelbereich wurde gestöhnt. Es war das dumpfe stöhnen von Männern, wenn es sich zeigten. Seine Sache war das nicht. So hatte er das mit den Geräten von Anfang an gemacht. Damit war jede Bewegung immer richtig. Bei den Hanteln musste man ja genau die Technik trainieren. Wenn dort ein Fehler gemacht wurde, war das anfangs zwar nicht so schlimm, aber dann, mit der Zeit, wäre ein Gelenk oder eine Sehne zu sehr belastet. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Zumal er ja immer alleine für sich trainierte, so dass niemand ihn korrigieren konnte.
Und in der Tat trainierten die meisten muskelbepackten Männer im Hantelbereich zu zweit oder zu dritt. Sie beobachteten sich und unterstützten sich. Er hatte ja den Verdacht, dass dort auch schwule Sportler trainierten. An dem Abend sah das fasst offensichtlich aus. Wie sich die beiden die Langhanteln auflegten. Der untere drückte und stöhnte dabei. Was ja auch richtig war, dieser strengte sich ja an. Nur, warum stöhnte sein Kumpel mit?
Er wollte sich das nicht weiter mit ansehen und begab sich an seine Geräte.

Um 23 Uhr 30 stand er vor der Tür. Die Türflügel weigerten sich auseinander zu gehen. Er zog den seinen Mitgliedsausweis noch einmal durch den Schlitz. Die rote Lampe leuchtete wieder. War ja auch klar, die Software überprüfte, ob die Karte im Studio war oder nicht. Niemand konnte die Karte wieder hinaus geben. So war ein Betrug ausgeschlossen. Obwohl eigentlich hätte das Verlassen des Studios eine solche Sicherung gar nicht gebraucht. Es kostete doch nur das eintreten Geld. Beim Verlassen wäre in dieser Hinsicht doch keine Betrugsmöglichkeit gegeben. Aber vom technischen her war es doch besser dies zu überprüfen. Er nickte bewundernd. Die das so eingestellt hatten, haben das gut gemacht. Auf die Idee, dass mit der Sperre ein Anreiz gegeben wurde, eben nicht durchzuhuschen, wenn die Tür noch offen stand, kam er gar nicht.
Was sollte er nun tun? Warten bis jemand kommt? Er musste die Bahn bekommen, sonst kam er erst weit nach Mitternacht zu Hause an. Das war nicht ihretwegen schlimm, sondern weil er es gewöhnt war vor Mitternacht zu schlafen. Nur wenn er ausgeschlafen war, konnte er doch Leistung bringen. Deswegen musste er doch die Bahn bekommen. Sollte er über die Absperrung klettern? Kurz probierte er es. Den Anzug wollte er dann doch nicht riskieren. Er musste zur Bahn!

Entfernt hörte er wieder die schwulen Muskelmänner aus dem Hantelbereich stöhnen. Sollte er diese fragen? Was konnte schon passieren?
Er ging durch den Trainingsraum in den Hantelbereich. Eigentlich sollte er ja Turnschuhe anziehen. Mit den Lederschuhen konnte er ja den Boden beschädigen. Um die Zeit prüfte das bestimmt keiner mehr. Und er hatte auch schon Leute gesehen, die richtige Strassenschuhe an hatten. Er musste doch die Bahn bekommen!
"Also die Schuhe und der Anzug passen gar nicht", grinste der eben noch mitstöhnende Mann.
"Meine Karte funktioniert nicht. Kann ich von euch herausgelassen werden?"
"Wie bist Du denn hereingekommen?"
"Die Tür war noch so gerade offen, da bin ich schnell hinein"
"Das macht man doch nicht. Immer schön der Reihe nach, sonst weiß der Computer doch gar nicht, dass Du drin bist. Dann kann er Dich nicht herauslassen. Das geht doch gar nicht."
"Und nun? Bitte? Ich muss doch ...."
"Wir sind noch nicht fertig."
"Aber doch nur herauslassen und dann wieder hinein. Das könnte doch, Bitte?", er schaute mit großen, lieben Augen. Die Stirn legte er in Falten, sogar einen Schmollmund bekam er hin.
"Ach ja, da kann ich ja gar nicht nein sagen, zu so einem. Was meinst Du Paul?"
"Mach nur", stöhnte Paul und legte die Langhantel ab.

Die S-Bahn bekam er nicht mehr. Um viertel nach zwölf schloss er die Tür auf. Sie war wohl noch gar nicht da. Jedenfalls fehlte ihr Mantel. Auch ihre Stiefel standen nicht neben der Garderobe.
Nachdem er abgelegt hatte, tönte das Festnetztelefon.

"Wollen Sie nicht gestehen? Die Staatsanwaltschaft findet das immer gut.", fragte die Kommissarin.
"Ich habe nichts getan. Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, ich war an dem Abend im Fitnessstudio. So wie jeden Mittwoch. Aber eben nur später. Haben die beiden nicht", er schwieg.
"Sie waren bestimmt nicht dort. Ihre Karte wurde nicht eingebucht."
"Ich weiß, aber die beiden Sportler. Und der eine hat mich doch herausgelassen. Der ..."
"Der einzige, der in dem Studio war, war ein Paul Wiese. Der hat ganz alleine trainiert. Als er ging hat er seinen Koffer vergessen und ist noch einmal wieder hineingegangen. Von Ihnen weiß der nichts."
"Paul?", er verstand. Das schwule Paar teilte sich eine gemeinsame Karte. Deswegen waren die immer nur in der Nacht dort.
"Der Mörder trug einen dunklen Anzug. So einen, den Sie auch haben. Eifersucht ist ein ganz normales Motiv. Kooperieren Sie"