Freitag, 10. Februar 2017

Der Sohn

Waren das Drachen, die dort hinten flogen? Das musste er sich genauer ansehen. Nur, wie sollte er denn dahin kommen? Es war anscheinend ein Moor vor ihm. Zwar ging dort ein schmaler, geschlängelter Pfad hindurch, aber normalerweise waren solche Wege gefährlich. Und es galt ja ganz gewaltlos zu sein. Ein anderer Weg war aber nicht zu sehen und so ging er langsam in das Moor hinein.
Links und rechts gab es merkwürdige Pflanzen zu sehen. Er versuchte diese einzuordnen. Eine war an den blauen Frauenschuh angelehnt. Hießen diese Orchideen eigentlich so? Von der unteren Ansicht sahen diese herrlich aus. Die dunkelblauen Blüten vor dem hellblauen Himmel passten herrlich zu dem satten Grün der Blätter.
Wenig später waberte die schwarze Brühe an der rechten Seite. Es blubberte richtig. Kam dort etwas herauf? Sollte er warten, bis etwas passiert? Vorne warteten die Dinger, die eben noch ganz klein waren. Mittlerweile waren die näher gekommen. Das war wirklich viel interessanter.
Nach ein paar Minuten sah er wirklich zwei Drachen über dem Moor fliegen. Ihr grüner Panzer passte gut zu dem rosa der Moorblumen. Die beiden spielten oder tanzten wohl? Gab es männliche und weibliche Drachen? Hatten die demnächst Sex?
"Wo bleibst Du denn?", hörte er seinen Begleiter.
"Ich komme schon", rief er und lief schneller.
Später betrat er das seltsame Haus in der Lichtung. Das hatte ihn schon von weitem gereizt. Immer nur in der Natur herum zu laufen, war zwar recht entspannend und hatte auch etwas ästhetisches an sich. Aber auf Dauer war das doch ein wenig langweilig. Als er die Lichtung bemerkte, ging er schneller, als er das Haus sah, rannte er.
Die Tür war wohl nicht verschlossen. Er konnte direkt in die Diele eintreten. Dort gab es nicht interessantes. Nur eine alte Jacke hing an dem Haken. Es war eine Männerjacke aus einem grünem Stoff. Sie hatte große Hornknöpfe. Bestimmt war das hier ein Jägerhaus. Der Jäger schlief oder war in der guten Stube. Vielleicht gab es ja hier eine Begegnung mit einem Bewohner.
Gespannt betrat er die gute Stube. Ein Hirschgeweih hing doch tatsächlich über dem Kamin. Auf dem Tisch waren allerhand Papiere. Sollte er diese durchsehen? Er musterte den Haufen. Aber zu Lesen hatte er im Büro genug. Da widmete er sich eher dem Geschirr unter der Anrichte. Dort gab es richtig altes Porzellan zu bewundern. Sie hatten richtige Sammeltassen hier. Auf einer war eine König Ludwig Gedenk Malerei mit Königsee und Watzmann. Er schüttelte den Kopf.
"Komm schnell, wir müssen hier raus", rief sein Begleiter.
"Ok, ok", sagte er.

Das Tier ließ sich tatsächlich reiten! Jedenfalls sah es nun so aus. Vor ihm war der Kopf von dem Riesenpudel mit dem flachen Schwanz. Links und rechts das mussten die Ohren sein. Und dazwischen waren die weißen, aufrechten Haare. War doch gut, dass er das einfach ausprobiert hatte. Was hätte er auch sonst tun sollen? Vor dem Turm lag dieser riesige, weiße Pudel herum. Obwohl nur der Kopf war vom Pudel, der Rest eine Mischung aus Drache und Bieber. Die Beine waren klein, der Rücken gewölbt mit kleinen Flügeln und der Schwanz platt. Wer dachte sich so etwas aus!
Die Schnauze mit der schwarzen Knopfnase und den riesigen Augen gaben dem Tier einfach etwas einladendes. Obwohl es am Anfang die Zähne zeigte, schien es ihm zu gefallen, dass er sich näherte. Und dann stieg er einfach auf und das Ding flog. Mittlerweile waren sie über dem Haus in der Lichtung. Auf einem Weg konnte er einen toten Hirschen entdecken. Aber ein Jäger war nirgends zu sehen.
Gerne würde er zu den Drachen fliegen. Wie sollte er dem Vieh das beibringen? Wie orientierte er sich eigentlich? Er beschloss einfach mal zusehen, was weiter passierte.
"So, wir sind da", meinte sein Begleiter.
Er klappte das Smartphone zu und sah sich die Strasse und die Häuser an.
"Hier ist das also, na ja", meinte er.

"Hallo, Vater und Sohn Lehmann?", der Mann mit dem Parka streckte ihm eine kräftige Hand entgegen.
"Ja genau, wir kommen wegen der Wohnung", sagte sein Sohn, während er den Händedruck aushalten musste.
"Dann erklär ich Ihnen mal die Wohnung. Die Küche ist zu übernehmen, die kommt nicht heraus. Ansonsten ist das alles leer. Wollen Sie die Lampen übernehmen?"
"Wenn sie Ihnen nicht gefallen, werfen sie sie grad weg. Der Vorgänger wollte sie nicht und sie brauchen ja Lampen, oder?"
"Die sind schon nicht schlecht. Danke!", meinte der Sohn.
Der Vermieter zeigte ihnen die Wohnung. Es waren die angekündigten drei Zimmer, Küche und Bad. Die Zimmer waren in der Tat nicht miteinander verbunden. Damit würde dann der Sohn mit zwei Mitbewohnern zusammen wohnen können.
"Untermiete ist doch ausdrücklich ..."
"Aber ja doch, heutzutage geht das ja gar nicht anders. Wenn Sie ja schon achtzehn wären, hätte mir ja eine Bürgschaft von Seiten ihres Vaters genügt, aber so? Die machen alles immer schneller, früher kam ja nach dem Abitur erst noch der Wehrdienst, da waren die Studenten immer über zwanzig. Aber heute?", wies ihn der Vermieter auf das doch immer noch junge Alter des Sohns hin.
"Nur noch ein halbes Jahr, dann ist er wirklich flügge", betonte er das baldige Ende von Verantwortung.
"Wir ändern den Vertrag dann aber nicht noch ab. Ihr Vater ist der Hauptmieter und übernimmt auch die Nebenkosten. Sonst so immer hin und her."
"Nein, nein. Ich miete schon die Wohnung für die nächsten drei Jahre. Haben Sie schon den Vertrag dabei?", er verpasste seinen Part nicht!
"Haben Sie ihre Gehaltsabrechnung?"
Er zückte einen Briefumschlag, der Vermieter nahm die Abrechnung und staunte: "Warum kaufen Sie nicht gleich eine Wohnung? Die Preise steigen und in drei Jahren könnten Sie das doch wieder verkaufen."
"Nein, nein. Da hätte ich ja dann wieder Schulden und wenn. Nein, nein. Das mache ich nicht."
Der Vermieter zeigte den Mietvertrag. Es war ein normaler, befristeter Mietvertrag. Er unterschrieb und sein Sohn bekam die Schlüssel.

Danach liefen Vater und Sohn wieder zur Bushaltestelle.
"Papa?"
"Ja"
"Also ich muss heute noch direkt zur Uni. Wir treffen uns dann am Hauptbahnhof. Mit dem Bus hast Du vier Stationen, dann musst Du bis zum Hauptbahnhof noch zweimal wechseln. Ich habe hier einen Ausdruck", er gab ihm einen Zettel.
"Ja, und?"
"Hast Du das echt gemerkt, so vertieft wie Du in deinem Spiel warst."
"Klar doch, das ist ganz entspannt. Schau mal hier, ich kann nun fliegen. Mit einem Bieber-Pudel-Drachen oder so". Er zeigte seinem Sohn das Display.
"Ach, lass nur", warum interessierte sich sein Sohn gar nicht für ein meditatives Handyspiel?