Sonntag, 19. Februar 2017

Bier

Puh! Das war geschafft. "Alles" hatte Dagmar auf die Karte geschrieben. Auch diese Geburtstagskarte wurde mit der Hand geschrieben. Das hatte sie immer so gemacht. Sie drehte die Karte um und schaute sich noch einmal den Rocker auf seinen Motorrad an. "75 und immer noch Vollgas" stand darunter. Weiter!
Angestrengt malte sie ein 'G' gefolgt von einem 'u', ohne abzusetzen. Das 't' mit 'e' ging wieder ganz flott. Sie schüttelte ihren Kopf. Noch einmal neu schreiben lernen, wer hätte das gedacht.
Kritisch beäugte sie die ersten Wörter ihrer Wünsche. "Alles Gute" war tatsächlich leserlich. Wie sollte sie nur das kleine 'z' schreiben? Einen kleinen Krakel wollte sie nicht machen.
Die stämmige Frau nahm sich eine Serviette. Angestrengt malte sie ein 'z' in Schreibschrift. Die Schlaufe unter dem Krakel sollte doch ganz deutlich zu erkennen sein.
"Was machst Du denn da?", hörte sie eine Stimme.
"Ach, hallo", es war Josef, der neue Kollege.
"Du, ich schreibe meinem Onkel eine Geburtstagskarte. Da muss ich nun neu Schreiben lernen.", sie hob ihre rechte Hand und zeigte ihren den dick bandagierten Daumen.
"Wie?"
"Muss doch mit der Hand geschrieben sein. Und mit dieser Hand geht das doch nicht so richtig. Das würde zwar schon so mit eingeklemmten Stift gehen. Aber das sieht dann doch nicht gut aus. Da mache ich das lieber richtig anders. Ich lerne nun mit der linken Hand zu schreiben. Das klappt sogar ganz gut. Schau mal hier.", sie hielt ihm die Karte hin.
"Was hast Du denn mit dem Daumen gemacht? Das war aber bestimmt schlimm", er wollte es wohl genau wissen.
"Bin im Training am Ärmel hängen geblieben. Und da ist dann die Kapsel vom Gelenk. Aber nicht gebrochen. Da habe ich dann hier eine Schiene und eben den dicken Verband."
"Training? Ärmel?"
"Taekwondo geht in jedem Alter. Nur musst Du aufpassen, dass der Daumen immer anliegt. Bei den Techniken mit der flachen Hand. Der ist dann bei der Abwehr im Ärmel vom anderen hängengeblieben. Es hat einfach nur 'knack' gemacht. War zuerst harmlos. Habe ich erst danach gemerkt. Wurde immer dicker."
"Und damit arbeitest Du? Das schmerzt doch total. Du bist ja ..."
"Eine von den Harten, die in den Garten", sie gluckste. Ihre üppige Oberweite bebte. Die rechte Hand hielt sie wieder hoch. "Ist doch nicht gebrochen. Und die Finger funktionieren. Damit kann ich alles machen, außer Handschrift. Und das brauche ich für die Arbeit nicht. Da haben wir ja Tastatur. Nur bei der Karte für meinen Onkel. Nun sag doch mal, kann man das Lesen?", wieder hielt sie dem feingliedrigen Jüngling mit Pferdeschwanz die Karte hin.
"Sicher doch. Sieht halt aus wie in der ersten Klasse, so richtig ausgemalt", er nickte anerkennend.
"Denke ich doch auch. Ich habe mal gelesen, so etwas hält einen jung. Einfach mal die Synapsen neu verkabeln. Das ist so wie in England oder Zypern Auto fahren. Da fährt man ja links. Obwohl das bestimmt einfacher ist. So mit links schreiben. Was ist das für Buchstabe?", wies sie ihn auf die Serviette hin.
"uh?"
"'z' von 'zum' sollte das sein. Aber das mit dem Sack da unter dem 'z', das geht wohl nicht. Was meinst Du könnte so mit Druckbuchstabe. Aber das sieht dann doch nicht aus."
"Also ich kenne 'z' nur so", er nahm den Stift und schrieb ein Zorro-z  auf die Serviette.
"Nein, so nicht. Das ist ein Druckbuchstaben 'z'. Habt ihr das nicht mehr gelernt? So richtig Schreibschift?"
"Eigentlich so richtig Schönschrift nicht. Ist doch auch .."
"Nur für Geburtstagskarten wichtig. Dann kommt das aber wirklich gut. War jedenfalls bisher immer so. Aber ... Ich versuche das mal in einem Zug zu schreiben", konzentriert malte sie auf der Serviette.

"Ich war am neulich auf der Geburtstagsfeier von meinem Onkel.", plapperte Josef.
"Nur weiter, ich höre schon zu", einen Versuch hatte sie schon fertig.
"Also das war ja schon total krass. Mein Onkel Jonas ist so gerade Frührentner geworden und da haben dann alle zusammen gefeiert. Die ganze Familie war da. Normalerweise finde ich so etwas nun nicht so toll. Aber dann war das schon richtig gut. Die haben so Widmungen gebracht. Von jedem Verein und der Jonas immer mittendrin dabei. Mit jedem Tisch hatte er getrunken. Stell Dir vor der ist Frührentner, weil der es ja am Magen hat. Und dann ..."
"Toll, was meinst Du dazu?", Dagmar hielt ihm ihre 'zum's hin.
"Ja, so ist das vorne ein richtiges 'z'."
Dagmar nickte und malte auf der Geburtstagskarte weiter.
"Aber der Hammer kam ja dann erst am nächsten Morgen. Wir waren da am Frühstückstisch, haben uns noch unterhalten, wie gut der Jonas doch drauf war und, ob das auch alles so ok war, weil der ja eigentlich wegen des Magens früher in Rente geht und dann soviel, dass da keiner aufgepasst hat und so. Und dann ging die Türe auf und da stand er dann. So im Schlafanzug noch und stell Dir vor, sagt einfach nur 'moin' geht an den Kühlschrank und nimmt sich als erstes eine Flasche Bier. Kannst Du dir das vorstellen. Am frühen Morgen als erstes eine Flasche Bier. So als erstes." Er tippte ihr auf die Schulter.

Dagmar legte den Stift zur Seite, ihre Stirn in Falten und schaute ihren jungen Kollegen an. Ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht: "Das vorstellen? Eine Flasche am Bier am Morgen nach einer Feier. Das ist doch ganz einfach. Erst einmal die Feier vorstellen. Mit allen alten Kumpels ein oder zwei Bierchen trinken. Und dann am Morgen danach. Das Gefühl im Magen, dass dann so ist, wenn am Abend vorher gefeiert wurde. Das kenne ich! Das muss weg. Das kommt weil die Feier zu Ende ist und der Magen das gar nicht so richitg mit bekommen hat. Deswegen muss da das vom Abend vorher noch einmal hinein. Dann feiert der Magen wieder und beruhigt sich. Mein Magen muss das immer zu Neujahr machen. Ein Pikkollo braucht der immer. Das Funktioniert dann auch. Noch einmal so in Feierlaune kommen und dann den wachen Abschwung. Ja so mache ich das. Machst Du das etwa anders?"