Montag, 30. Januar 2017

Loser

An dem Abend musste er ganz zwanglos sein. Leicht und locker galt es Kontakte zu knüpfen. Ganz unverkrampft sollte er auftreten. Auf gar keinen Fall durfte erscheinen wie jemand, der unbedingt wichtige Kontakte haben musste.
Er schaute nachdenklich in den Spiegel. Der Rasierschaum stand ihm gut. Konzentriert rasierte er sich.
"Tchakaa Du schaffst das", sagte er zum Spiegel, nachdem er sich das after shave auf seine brennende Gesichtshaut gerieben hatte. Sofort fiel ihm ein, dass das bestimmt nicht richtig war. Sofort korrigierte er sich: "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen." Aus dem Spiegel schaute ihn ein verblüfftes Gesicht an. "Zunächst wird geflirtet, erst dann gefickt", sagte er zum Spiegel. Das Gesicht grinste, sein Kopf schüttelte sich.
Auf dem Bett hatte sie schon den Aufzug für den Abend hingelegt. Das war also sportlich elegante Bekleidung. Langsam zog er sich an. Dabei wiederholte er das Mantra "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen". Bei der Krawatte war er unsicher.
"Sag mal Liebes, muss das sein? Es soll doch ...", weiter kam er nicht. Ihr Gesicht sagte alles. "Wenn Du meinst", er band sie sich um.


Er war an dem Abend richtig gekleidet. Eine recht große Zahl an Sakkoträger hatte eine Krawatte! Erleichtert ging er zum Buffet und griff sich eine Brezel.
"So trifft man sich. Hallo", hörte er eine bekannte Stimme. Erstaunt drehte er sich um. Es war der dicke Eddie.
"Was machst Du denn hier?", fragte er zurück.
"Ich bin ganz privat hier. So Hobby. Immerhin ist Essen und Getränk dabei", grinste der Kollege.
"Du hast es gut. Ich muss hier netzwerken. Also Kontakte bekommen, pflegen und ausbauen. So hat das der Alte gesagt."
"Hier ist sowieso niemand von Belang. Die interessieren sich hier für Kunst und Kultur. Da kann man dann hochtrabend schwätzen und hören. Mir macht das Spaß."
"Ah"
"Komm, wir könnten das zusammen machen. Einen Trinken, einen Essen und gehoben schwafeln", schlug der kleine Dicke vor.
"Nein, nein. Ich muss das hier Ernst nehmen. Wenn ich das hin bekomme, wäre das ein erster Schritt. Vielleicht ein andermal."
"Dann eben nicht", der Dicke schaute ihn verständnisvoll an. "Ich lasse Dich dann lieber mal alleine. Du schaffst das dann schon.", zum Schluss klopfte er ihm auf die Schulter und ging dann.

Da hatte er noch einmal Glück gehabt, dachte er. Loser können einen einfach herunterziehen. Und wer mit Losern herumhängt, wird dann auch noch selber einer. 'Tchakaa', sagte er sich leise.
Dann schaute er sich aufmerksam um. Wer von den Gästen könnte denn jemand von Belang sein? Sie standen im Foyer herum. Einige schienen sich zu kennen und bildeten Trauben. Andere standen einzeln an den Tischen. Er zögerte. Nach der Begrüssung zur Eröffnung der Vernissage, wollte er zum Angriff übergehen.

Eine Pianisten nahm am Flügel Platz und er näherte sich einer ersten Traube, zu der er sich, ganz wie er das gelesen hatte, einfach dazustellte. Bei den ersten Klängen des Flügels erstarb das Gespräch, alle lauschten andächtig. Er betrachtete die Anzüge und prüfte das Alter der Personen. War hier jemand von Belang? Grauhaarige Männer waren dabei, genauso wie interessant gekleidete, selbstbewusste Frauen. Nachdenklich musterte er die potentiellen Kontakte. Als die Pianisten ihre Darbietung beendete, waren seine Augen bei einer dicken, ungeschminkten Frau gelandet. Sie schaute zurück und grinste ihn an.
"So, das wäre gelauscht", sagte sie zu ihm.
"Richtig, ich bin auch nicht der Musik wegen hergekommen"
"Weswegen, denn dann?", fragte sie ihn. Mit der Tür wollte er nicht sofort ins Haus fallen, aber wie sollte er auf solch eine direkte Frage antworten?
"Äh", war alles was ihm einfiel.
"Also ich bin ja wegen der Bilder hier, die sind so richtig schweigsam, finden Sie nicht?"
"Richtig, ja, das ist  ja ..."
"Sagen Sie bloß, dass ihr Chef Sie hergeschickt hat, damit Sie mal finanzkräftige Leute kennen lernen, denen Sie dann irgendetwas anbieten sollten?"
"Sieht man mir das.. Und? Äh..."
"Na, was ist es denn?"
"Beratung im Bereich Gebäudemanagement ... Die Firma ... also hier ist meine Karte ...", er hielt ihr seine Visitenkarte hin und lächelte mit seinen Mundwinkeln.
Sie nahm ihm die Karte ab, verstaute sie in ihre Handtasche und drehte sich um, ohne ihn weiter zu beachten.

Was sollte er davon halten? Immerhin hatte er ja eine Karte unter die Anwesenden gebracht. Wer weiß, vielleicht kam ja etwas dabei heraus. Und so näherte er sich Grüppchen um Grüppchen. Fasst immer war auch jemand dabei, mit dem er ein paar Worte wechselte. Seine Karte wurde meistens angenommen und eingesteckt.

Auch wenn jemand alleine vor einem Bild stand, konnte er ein Gespräch anknüpfen. Dabei lernte er etwas über den Künstler, der hier wohl eine erste Ausstellung hatte. Die Pianisten war anscheinend auch recht bekannt, wie sich herausstellte.

"Hast Du mal eine Visitenkarte?", hörte er auf einmal Eddie. Der Dicke war ja auch noch da. Er hatte ihn beständig ignoriert.
"Na klar? Warum?"
"Ich habe doch meine vergessen und wir haben doch so eine komische email Adresse".
"Gut, hier hast Du meine."
Eddie griff sich die Karte und machte sich davon. Der Dicke ging zu einem Stehtisch, an dem ein Teil der ersten Traube mit der dicken, ungeschminkten Frau stand, die er ganz am Anfang schon angesprochen hatte. Erstaunt sah er, wie Eddie um einen Kugelschreiber bat, der ihm auch gereicht wurde. Er schrieb etwas auf die Karte und gab sie einem älteren Mann. Dieser bedankte sich herzlich. Eddie kam wieder zu ihm.

"Hat der Alte doch Recht gehabt. Bei solchen kulturellen Ereignissen kann immer mal wieder ein Kontakt aufgetan werden, der sich vielleicht lohnt. Wenn Du mir das nicht gesagt hättest, hätte ich dem Herr von der Leyten, stell Dir vor von dem Business Tower ist der. Ich hätte dem nie von unserer neuen Idee erzählt. Sein Sohn ist da auf der Suche und, vielleicht, meldet er sich.", sprudelte Eddie.
"Gratuliere", zwang er sich zu sagen.
"Gebe ich natürlich an Dich weiter. Wenn es denn überhaupt dazu kommt. Trinken wir noch einen?"