Samstag, 14. Januar 2017

Der Blick

Sie war alleine. Aber das konnte sie nun auch nicht mehr ändern. Zum kämpfen war sie nicht stark genug. Also schritt sie leise, ganz sacht durch den Wald. Zum Glück war der Weg weit einsehbar. Wenn sie sich am Rand des Weges von Baum zu Baum bewegte, könnte sie sich bei Gefahr verstecken. Nach ein paar Schritten fiel ihr ein, dass, wenn von hinten jemand käme, der sie sehen und überraschen könnte.
Sie beschloss von einem Baum zunächst nach vorne zu lauschen und dann nach hinten zu sehen. Wenn alles klar wäre, wollte sie zum nächsten Baum huschen. Von dem Huschen fing ihr Herz an zu pochen. Ein Gefühl von Angst überkam sie. Warum musste sie nur ihren Helfer verlieren?
Huschen war keine gute Idee. Sie musste sich beruhigen. Unüberlegt hin und her zu springen, würde sie nur ermüden und dann wäre sie verloren. Es war nun einmal so, dass sie ganz alleine durch den Wald musste, wenn sie zurück zur Zunft wollte. Dann hieß es also, auf das Glück und die Fügung zu vertrauen.
 "Nein ich habe nur drei Schläge gebraucht! Bestimmt." hörte sie weit hinter sich. Schnell hockte sie sich unter einen Busch. Ihren Kopf nahm sie zwischen ihre Knie. 
"Drei Schläge! Wer soll Dir das denn glauben"
"Meine Axt ist doch aus Mithril. Leicht und hart. War doch ein guter Tausch. Nur drei Schläge für den Baum. War genau das, was wir für den Stollen brauchten."
Es waren zwei Zwerge, die sie zum Glück gar nicht beachteten. Bei Zwergen hätte ihr Scharm nie funktioniert!

Sie wartete, bis sie das Geplapper der Zwerge nicht mehr hörte. "Weiter geht es", machte sie sich Mut. Der Wald wurde ein wenig dichter, aber der Weg verlief nicht mehr gerade. Nun galt es noch mehr zu lauschen, ob hinter der nächsten Biegung jemand war!
Nach ein paar Kurven hörte sie hinter ihr tiefe Stimmen näher kommen. Schnell huschte sie wieder zur Seite, hockte sich hin und nahm auch wieder den Kopf zwischen die Knie.
"Man kann hier auch immer mal wieder etwas finden, das wir mitnehmen sollten."
"Wildschwein? Wo?"
"Jagen dürfen wir hier doch nicht, obwohl um diese Zeit wird uns schon niemand sehen, aber im Dorf, da wird man reden und dann? Ja, dann haben wir den Salat. Besser ist es einfach nicht zu jagen", die beiden blieben direkt vor ihr stehen. Sie wagte kaum zu atmen.
"Aber sieh doch mal, kaum schaut man sich einmal um, ist da schon etwas. Siehst Du, was ich auch sehe?", sie hob sacht ihren Kopf und schaute zu den Männern hin. Ihre Augen waren ganz weit geöffnet und ihr Mund zitterte ein wenig.
"Was denn?", der kräftige Begleiter schaute direkt in ihre Augen, aber schien sie doch nicht zu bemerken. 'Wie stark er doch war!', dachte sie. Dabei musste sie lächeln. So würde das nie funktionieren. Schnell nahm sie ihren Kopf wieder zwischen ihre Knie.
"Na, hier die Blüte des Kannoaberbaumes! Da hast Du doch wieder nicht aufgepasst. Komm, wir müssen sie vorsichtig behandeln, damit sie nicht in sich zusammenfällt. Am Besten machen wir den ganzen Zweig mit ab."
Die Männer näherten sich dem Baum an ihrer Seite. Sie hörte wie sie sich an den Ästen und Zweigen zu schaffen machten. Ein Zweig brach ab. Die Männer feierten ihren Erfolg.
Sie hob halb ihren Kopf und suchte nach ihnen mit weit geöffneten Augen. Wieder trafen sie sich mit den Augen des kräftigen Begleiters. Dieser schien ihr zuzulächeln.
"Komm, wir sollten uns beieilen. Wenn der Apotheker noch im Dorf ist, können wir die Blüte gut verkaufen."
Die beiden Männer setzten sich in Bewegung.

Verwundert erhob sie sich. Hatte der kräftige Mann sie nun angesehen? War sie aus irgendeinem Grund etwa unsichtbar? In jedem Fall ging von den beiden keine Gefahr aus. Und solange sie vor ihr gingen, war sie von vorne geschützt. 
Sie folgte den Männern mit einigem Abstand. Dabei lauschte sie ständig nach hinten, damit nicht von dort eine Überraschung käme.
Leider bogen die Männer nach kurzer Zeit ab. Sie musste alleine weitergehen und, nach ein paar Kurven, kam ihr ein seltsames Paar entgegen. Es war eine große, starke Frau mit einem langen, schwarzen Mantel, die von einem dicklichen Mann begleitet wurde.
Schnell versteckte sie sich wieder zwischen den Büschen. Kaum zu atmen wagte sie.
"Was haben wir denn da?", hörte sie eine krächzende Frauenstimme. Eine Hand zog an ihren Haaren. Sie war doch nicht unsichtbar! Ihr Kopf wurde aus den Knien gezogen.
"Du möchtest doch bestimmt mitkommen, nicht wahr?", die Hexe gab ihr eine Ohrfeige. Was konnte sie schon ausrichten? Mit einer großen, starken Hexe war nicht gut kämpfen. Zitternd stand das Mädchen auf und hielt den Kopf gesenkt, während die Hexe ihre Hände zusammenband.

"Hier, nimm sie mit", gab die Hexe ihrem Helfer das Ende vom Strick. Das Mädchen legte ihre Stirn in Falten und hob ihren Kopf leicht an. Ihren Unterkiefer hielt sie ganz locker, die Mundwinkel wiesen nach unten. Nur ihre Augen riss sie weit auf. So von unten blickte sie den Mann an. "Bitte", dachte es ganz in ihrem Inneren. So hatte ihr Scharm schon einmal funktioniert.
Der Mann konnte sich nicht dagegen wehren. Er ließ den Strick los, holte mit der bloßen Faust aus und schlug der Hexe von hinten auf den Kopf. Diese fiel davon nicht direkt um, sondern drehte sich benommen um. Der Mann schlug sofort zu, so dass sie dann doch zu Boden ging. Nüchtern sah er sie liegen und setzte seinen Fuß auf ihren Hals. Sein ganzes Gewicht verlagerte er auf den Fuß, so dass sie röchelnd erstickte.
"Das wäre getan", sagte er und löste die Handfessel des Mädchen. Diese bedankte sich gar nicht bei ihrem Retter, sondern befahl ihm: "Dann komm mal mit".

Mit jedem Schritt wurde sie sicherer. Hinter ihr lief ein starker Begleiter, der sogar schon eine Hexe für sie getötet hatte.