Sonntag, 14. Mai 2017

Sekt

'Das Gluckerwasser nicht vergessen!', fiel ihm bei der morgendlichen Rasur ein. Als er die Stoppeln unter den Nasenflügeln wegschabte, war er dazu wach genug. Das war immer der Punkt, an dem er schon wach genug war, um an den kommenden Tag zu denken. Einseifen und die Backen schaben ging automatisch. An den Nasenflügeln war Konzentration gefragt. Die kamen zum Schluss. Da war die kleine Feier im Büro am Nachmittag. Es ging um Ritas Junggesellinnenabschied. Sekt sollte jemand mitbringen und er hatte zugesagt.
Beim Kontrollblick in den Wandspiegel fiel es ihm wieder ein.
Er hatte die Flasche vergessen. Mit erhobenen Zeigefinger ging er zum Kühlschrank und nahm die richtig große Flasche Gluckerwasser heraus. Ein richtiger Prügel war das, dachte er und kontrollierte sich noch einmal im Spiegel. S,o mit Flasche in der Hand, war das einfach ein anderer Anblick. Er konnte gar nicht mit dem Auto farhen, fiel ihm siedenheiß ein. Es war ja Freitag und, wenn er es auf dem Parkplatz liesse, wäre es unbewacht das ganze Wochenende ganz alleine zwischen den Büros. Geklaut werden konnte es zwar nicht, weil der Parkplatz war abgeschlossen, aber irgendwelche Deppen würden damit spielen können und das, nein das, wollte er nicht. So musste also die alte Jacke für den öffentlichen Nahverkehr her. 
Sah gar nicht mal schlecht aus, fand er. Sie gab ihm etwas jung gebliebenes, fühlte er. Nur für die Flasche brauchte er noch etwas. So offen konnte er doch nicht mit Flasche in der U-Bahn fahren. Das machten doch nur die Penner.

Dienstag, 9. Mai 2017

Overkill

"Halt, wartet auf mich", Ella trippelte ihren Brüdern hinterher. Die beiden blickten sich kurz um, grinsten sich an und liefen dann aber doch ein klein wenig langsamer.
"Warum wartet ihr denn nicht? Ihr müsst mich doch mitnehmen. Das ist doch unfair."
"Du hast doch sowieso Angst", meinte Lupo.
"Angsthase", stimmte Eko zu.
"Ich bin halt die kleinste und Vorsicht auch immer besser. Aber ich muss doch wissen, wo ihr hingeht. Das war doch so ausgemacht. Wo geht es denn nun hin?"
"Wir gehen rein. Sie sind weg und", Lupo machte eine bedeutungsvolle Pause, "...ich habe da ein Loch entdeckt. Das wird ganz einfach."
"Seid ihr sicher?"
"Klar doch. Das Haus ist vollkommen leer. Die haben bestimmt etwas liegen gelassen. Es ist ganz einfach. Wir müssen uns nur den Schacht nach oben klettern und dann ist oben das Loch."
Tatsächlich krabblelten aus dem Loch an dem Abluftschacht wenig später drei Mäuslein.

Samstag, 29. April 2017

Brötchen

Sie war tatsächlich da! Ob sie auch am Morgen noch toll aussah? Sollte er nun warten, bis sie wach wurde? Einfach aufstehen und Vorhang aufziehen, so wie er sonst jeden Morgen machte, kam dann doch nicht in Frage. Es erschien ihm unhöflich. Obwohl es war sein Bett und sein Zimmer, so dass er eigentlich schon klarmachen sollte, wer hier das sagen hätte. Trotzdem zögerte er. Was würde ihn genau erwarten? Hatte er sie sich nur schön getrunken? Welche Frau kommt eigentlich mit einem wildfremden Mann mit, der einfach nur den blöden Spruch aus "beautiful mind" aufsagte: "Lassen wir doch das ganze Geschwafel und gehen wir direkt zu mir".
Die sagte nur: "Endlich mal einer, der weiß was er will."
Als er zögerte, fügte sie noch ein: "So sind die Männer, alle. Erst große Sprüche und dann nichts halten."
Wie konnte er da nicht zahlen und sie mitnehmen? Und nun lag am nächsten Morgen tatsächlich diese Frau neben ihm im Bett und schlief.
"Danke", hatte sie gesagt und war dann mit einem "schön war's" eingeschlafen. So etwas war ihm noch nie passiert! Stolz rief er sich die Bettgymnastik in Erinnerung. Das war bestimmt die Wirkung von den neuen Kondomen mit den Noppen. Aber ein Werkzeug war immer nur so gut, wie Mann damit umzugehen wusste! Und er war gut.
Wenn sie einigermaßen gut aussähe, wollte er es ihr noch einmal besorgen.
Wenn sie strohdoof war, wollte er sie danach rausschmeißen.
Was sollte er tun, wenn sie weder gut aussah, noch strohdoof war? Das war die Kombination, die ihm gar nicht behagte.
Wie konnte sie eigentlich wissen, dass er es ihr so besorgen konnte?
"Schon wach?", hörte er ihre Stimme. Sie klang nicht zu hoch und nicht zu tief. Es war eine angenehme Stimme.
Er stand auf und zog die Vorhänge zurück.

Sonntag, 23. April 2017

Besser

Laut Plan musste er mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Da hatte er keine Wahl. Wenn das mit der Alpenüberquerung etwas werden sollte, dann musste er im April in Form kommen. Ganz harmlos hatte das mit Radfahrerei angefangen. Zunächst ging es darum etwas für die Pumpe zu tun. Alle machten irgend etwas für ihre Pumpe. Laufen war doof, aber Rad, das war schon immer etwas. So kam er zu diesem erstklassigen Rennrad. Dünne Reifen hatte es. Damit war er auf Asphalt schnell wie der Wind und bei den Radwegen am Kanal ging es auch ganz gut. Da es keinen Gepäckträger hatte, transportierte er sein Bürooutfit im Rucksack. Der war wasserdicht. Jedenfalls war das die Aussage des Verkäufers. Eine Wassersäule von 1300 stand auf dem Etikett. Ausprobiert hatte er es noch nicht. Hoffentlich brauchte er es heute nicht. Laut Wettervorhersage waren Regen- und Graupelschauer angesagt. Bevor er aufstieg, sah er schon die Wolken am Horizont. Sie waren weit weg und, wenn er sich beeilte, schaffte er vorher. Zwar hatte er im Rucksack auch einen Poncho, der sah aber seltsam aus. Außerdem schwitzte er unter diesen regendichten Plastikplanen immer so. Aber eine Erkältung konnte er sich, zumal diesem Tag, gar nicht leisten konnte. Seine Stimme sollte doch gerade heute laut und deutlich klingen.

Freitag, 14. April 2017

Für immer

"Hallo, da seid ihr ja", sagte er, als Sabines Eltern eintraten. Sie kamen mit Mundschutz und einem Arzt in die Station. So genau konnte er sie gar nicht erkennen, aber es konnten ja nur Sabines Eltern sein.
"Unser armes Ding", sagte die Mutter. Der Vater presste ihre Hand.
"Gehen Sie nur näher. Sie sollte sie hören und sehen können. Den Kopf bewegen und reden geht noch nicht, aber das wird auch schon noch wieder kommen. Es war ein Wunder, das sie nur gebrochene Knochen hat."
Die beiden kamen an das Bett. Ihn beachteten sie nicht. Vermutlich sahen sie ihn auch nicht. Wer sieht schon einen Geist?
"Hallo Sabine. Da sind wir endlich. Wie konntest Du nur mit diesem ...", die Mutter schüttelte ihren Kopf und weinte.
"Marie, das mit den Vorwürfen wollen wir doch besser lassen. Unsere Kleine lebt und wird das alles überstehen. Nicht wahr?" Der Vater blickte von Frau zu Tochter zu Arzt.
"Die Wirbelsäule hat wie durch ein Wunder nichts ab bekommen. Es sind nur Rippen, Gesicht und Becken gebrochen. Das sieht zwar alles recht technisch aus, aber eigentlich braucht sie das alles gar nicht. Atmen geht alleine, Nerven sind nicht abgeklemmt. Das wird vermutlich alles wieder. Sie ist ja genau auf ihren Begleiter gefallen. Für den konnten wir nichts mehr machen. Der war nach der Einlieferung schon. Und nun ja auch schon beerdigt."
"Sie weint", sagte die Mutter. "Mein Liebes, das wird schon wieder. Und ...", die Mutter streichelte die Wangen ihrer Tochter, "... er war schon ... so leichtsinnig aber auch. Wie konntet ihr nur?"
"Bei anderen Sportarten hätte das auch passieren können. Unfälle kommen vor. Und er hat sich wohl ...", der Vater war sachlich und kühl, "Welch eine Kontrolle und Umsicht dieser Mann noch gehabt haben muss. Es sei denn es war Zufall, dass er sich so unter dich gelegt hat, dass unsere Kleine das alles übersteht."
"Ich habe die Arme ausgebreitet, als wäre ich ein Vogel. Fliegen, fliegen an mehr habe ich nicht gedacht. Da bin ich dann also tatsächlich ein ganz klein wenig geflogen, so dass Du das überlebt hast. So ein Wundermann war ich gar nicht", erklärte er, ohne dass jemand ihn hörte. Nur Sabine schien zu lächeln. Sollte sie ihn hören können?
"Ich bleibe nun immer bei Dir, um Dich zu beschützen. Wenn ich schon ein Geist bin, kann ich auch Dein guter Geist sein. Was meinst Du?"
Konnte sie ihn wirklich sehen?

Sonntag, 9. April 2017

Macho

"Kommst Du?", Mona drängte schon wieder.
"Ja, ja. Gleich. Musst Du immer so drängen. Ich weiß gar nicht, welche Mütze besser aussieht. Was meinst Du? Diese hier hätte doch etwas." Er setzte sich eine schwarze Pudelmütze auf und grinste seine Freundin an.
"Du spinnst. Ist doch viel zu warm. Wir sollten dann aber bald"
"Na gut, dann also die einfache aus Baumwolle. Flach und schmucklos. Fast schon wie ein Kopftuch."
Grimmig zog er einen schwarzen Mützenschlauch auf seinen Schädel. Es war ein Schlauch aus Baumwolle, der an einem Ende mit einem zugenähten Knoten versehen war. Falls er seine Haare hinten zu einem Dutt zusammengebunden hätte, wäre es so wie ein Kopftuch. Bei Mona sah das herrlich aus. Sie hatte ja auch blonde Haare, die so lang waren, dass ein Dutt an ihrem Hinterkopf möglich war und sogar noch ein kleiner Pferdeschwanz verschämt unter Mütze zum Vorschein kam. Sein kleines Knötchen machte bei der Mütze nicht viel aus. Es sah aus wie eine Schlafmütze.
"Warum eigentlich überhaupt eine Mütze?"
"Du weißt doch, wie die Leute hier sind. Ich will kein Kopftuch tragen und wir haben doch Partnerlook ausgemacht." Sie kraulte seinen Vollbart und schaute ihn mit einem gekonnten Schmollmund an.
"Ja, ja", er liebte es ihr zustimmen zu können.
"Beeil Dich, der Bus wartet nicht", mahnte sie ihn. Ihre blauen Augen wiesen nach unten, zu seinen Füßen. Tatsächlich! Da war noch nichts. Er suchte nach den Flip-Flops.
"Wir wollen doch oben ein wenig herumlaufen. Es wird kalt und steinig sein. Warum haben wir denn sonst die gleichen Bergschuhe gekauft?"
"Da schwitze ich doch nur drin."
"Dann sind wir oben und unten im Partnerlook. Und es ist oben wirklich kalt und steinig."
"Kann man sich doch gar nicht vorstellen. Das wird da oben auch nicht unter zehn Grad sein. Aber ...", ein Blick in ihre blauen Augen reichte aus, " ... dann eben. Nun gut."

Samstag, 1. April 2017

Catch22

Mit der rechten Hand fuhr sie in der Luft umher. Sie griff nach einem unsichtbaren Hebel und bewegte ihn nach vorne. Dann öffnete sie die Hand, nahm sie halbkreisförmig zurück und drückte dann auf einen unsichtbaren Knopf neben dem Hebel. Das alles geschah ohne dass sie die Augen von der Anleitung auf ihren Knien nahm. Sie studierte diese angestrengt. Es war diese Bewegung mit dem Hebel und den Knopf, auf die alles hinaus lief. Das hatte der Chef extra gesagt Noch einmal wiederholte sie die Bewegung.
Dann schaute sie auf die Birne in der linken Hand an. Bevor sie hinein biss, öffnete und schloss sie ihren Mund. Imaginär schluckte sie etwas hinunter, erst danach führte sie ihre linke Hand mit der Birne an ihren wieder geöffneten Mund und biss ab. Sorgfältig kauend widmete sie sich wieder der Anleitung und machte mit der rechten Hand wieder die wichtige Bewegung.
Das ganze wiederholte sich einige Male. Bevor die U-Bahn ihre Haltestelle erreichte, war die Birne verspeist und die Bewegung eingeübt. Bei der Einfahrt erhob sie sich und bereitete sich sorgfältig auf das Verlassen des Waggons vor. Ihre dünne Tasche mit der Anleitung hängte sie so um, dass der Riemen über ihre rechte Schulter hing und die Tasche an ihrer linken Seite war. Den kleinen, schwarzen Rucksack nahm sie auf den Rücken, die grüne Handtasche klemmte sie unter den rechten Arm.
Es reichte noch sich sorgfältig die Mütze aufzusetzen, bevor die Türen sich öffneten.

Sonntag, 26. März 2017

all-inklusiv

Er sah ihn dort sitzen. Es war dieser Kollege, den er nur immer mal wieder begegnet. Den Namen kannte er gar nicht. Der war wohl auch aus dem Urlaub wieder zurück. Jedenfalls grinste der merkwürdig und deswegen musste er sich zu ihm setzen.
"Hallo, auch wieder da", grüsste er.
"Ja, hallo. Nun geht es wieder weiter. Müssen wir wohl wieder in die Mühle", der Kollege konnte aber gar nicht den müden, eher depressiven Gesichtsausdruck des Büromenschen aufsetzen.
Dann musste er wohl: "Nach so einem richtigen Urlaub kommt man doch entspannt zurück. Wie war denn Ihrer?"
Das war genau das gewünschte Stichwort. Sein Gegenüber schwärmte von der Fernreise, die diesmal nach Asien ging. Die Tempel in Kambodscha hatten sie sich angesehen. Und sogar einen kleinen Buddha aus Holz hatten sie günstig erstanden.
"In Bangkok die Märkte haben wir uns nicht noch einmal angetan", konterte er in einer Schwallpause.
"Sie waren auch in Asien?"
"Immer mal wieder nach Thailand auf eine von den Inseln im Süden. Da hat man ja alles. Das Wasser. Das Essen. Und für Kultur immer der Tag in Bangkok. Da aber dann nicht die Märkte mit den Booten. Im Fernsehen sieht das immer toll aus, aber der Gestank und die Mücken. Das ist gar nicht mein Ding."
Der Kollege schwärmte dann nicht mehr so richtig. Gegen die Mücken hatte er so ein Spray gehabt. Der Geruch war auch gar nicht so schlimm.

Sonntag, 12. März 2017

Der Rucksack

Seine Knie wippten auf und ab. Seine Hände lagen auf seinen Oberschenkel, die sich im Takt seiner Füsse hoben und senkten. Die Sohlen der Arbeitsschuhe waren nach oben gebogen und so konnten sie sich leicht vor und zurück gerollt. So war kein Zucken, sondern ein gemütliches, nachdenkliches Rollen, das die Knie hob, wenn die Schuhspitze dem Boden berührte, und senkte, wenn die Ferse der Schuhe am Boden war. Er hatte ja noch etwas zu erledigen und konnte sich noch nicht mit übereinander gelegten Füssen entspannen. An diesem Nachmittag war er ein wenig früher unterwegs. Neben ihm lag ein schwarzer Rucksack, den er immer mal wieder anschaute. Dann ruhten seine Füsse. Wenn er zum Rucksack schaute, schluckte er. Deutlich wanderte der Adamsapfel nach oben und nach unten.
Es musste einfach klappen!

Sonntag, 5. März 2017

Die Liebe seines Lebens

Sie band gerade ihre weiße Schürze zusammen, als sie ihn bemerkte. Er lächelte im Gegensatz zu den anderen Besuchern des Bahnhofcafés. Alle anderen Gäste waren, wie immer am Montagmorgen, noch im Bett oder noch am Feiern. Dieser Gast aber saß gut gelaunt an seinem Tischchen. Neugierig, aber eher indirekt von der Seite, musterte sie ihn. Die Falten in seinem Gesicht verrieten eine eher depressive Weltsicht, wie sie in diesen Zeiten normal war. Trotzdem lächelten seine Augen und auch seine Mundwinkel. Sein Tisch war schon gewischt, bestellt hatte er anscheinend noch nichts.
Wie lange er dort wohl schon wartete? Was er wohl bestellen würde? Er sah aus wie jemand, der nur ein Kaffee trinken wollte. Hoffentlich bestellte er nicht nur einen schnellen Espresso.
Beiläufig kam sie an seinen Tisch.
"Guten Morgen, was darf es sein?"
"Hallo ...", er wurde aus seinen Träumen gerissen und machte erst ein erstauntes, dann aber wieder freundlich, lächelndes Gesicht.
"Entschuldigung, einen Cappuccino bitte"
"Kommt sofort".

Samstag, 25. Februar 2017

Regelgerecht

So gerade hatte das noch geklappt! Freudig huschte er durch die sich schon schließende Tür des Fitnessstudios. Er grinste in Richtung Empfangstheke, aber dort war um diese Zeit niemand mehr. Es war ja schon 22 Uhr. Die kleine Blonde, die ihn immer anblaffte, wenn er am Abend durch huschte, war schon gegangen. Das Ding um mit seiner Karte dort einzuchecken, war auch nicht zu sehen. Die spinnen ja eigentlich, ein rund um die Uhr Fitnessstudio, das nach 21:00 keine Aufsicht mehr hatte. Dann müsste er eben irgendwie mit jemanden heraus huschen, beschloss er.
In der Umkleide war niemand. Vielleicht war ja eine Frau vor ihm hinein gegangen. Dann könnte das Nachttraining ja wirklich interessant werden, grinste er, als er seinen Anzug auszog und sorgfältig in dem Spind zusammenlegte. Es waren nur zwei Spinde belegt. Er musste aufpassen, dass er nicht übrig blieb.

Sonntag, 19. Februar 2017

Bier

Puh! Das war geschafft. "Alles" hatte Dagmar auf die Karte geschrieben. Auch diese Geburtstagskarte wurde mit der Hand geschrieben. Das hatte sie immer so gemacht. Sie drehte die Karte um und schaute sich noch einmal den Rocker auf seinen Motorrad an. "75 und immer noch Vollgas" stand darunter. Weiter!
Angestrengt malte sie ein 'G' gefolgt von einem 'u', ohne abzusetzen. Das 't' mit 'e' ging wieder ganz flott. Sie schüttelte ihren Kopf. Noch einmal neu schreiben lernen, wer hätte das gedacht.
Kritisch beäugte sie die ersten Wörter ihrer Wünsche. "Alles Gute" war tatsächlich leserlich. Wie sollte sie nur das kleine 'z' schreiben? Einen kleinen Krakel wollte sie nicht machen.
Die stämmige Frau nahm sich eine Serviette. Angestrengt malte sie ein 'z' in Schreibschrift. Die Schlaufe unter dem Krakel sollte doch ganz deutlich zu erkennen sein.

Freitag, 10. Februar 2017

Der Sohn

Waren das Drachen, die dort hinten flogen? Das musste er sich genauer ansehen. Nur, wie sollte er denn dahin kommen? Es war anscheinend ein Moor vor ihm. Zwar ging dort ein schmaler, geschlängelter Pfad hindurch, aber normalerweise waren solche Wege gefährlich. Und es galt ja ganz gewaltlos zu sein. Ein anderer Weg war aber nicht zu sehen und so ging er langsam in das Moor hinein.
Links und rechts gab es merkwürdige Pflanzen zu sehen. Er versuchte diese einzuordnen. Eine war an den blauen Frauenschuh angelehnt. Hießen diese Orchideen eigentlich so? Von der unteren Ansicht sahen diese herrlich aus. Die dunkelblauen Blüten vor dem hellblauen Himmel passten herrlich zu dem satten Grün der Blätter.
Wenig später waberte die schwarze Brühe an der rechten Seite. Es blubberte richtig. Kam dort etwas herauf? Sollte er warten, bis etwas passiert? Vorne warteten die Dinger, die eben noch ganz klein waren. Mittlerweile waren die näher gekommen. Das war wirklich viel interessanter.
Nach ein paar Minuten sah er wirklich zwei Drachen über dem Moor fliegen. Ihr grüner Panzer passte gut zu dem rosa der Moorblumen. Die beiden spielten oder tanzten wohl? Gab es männliche und weibliche Drachen? Hatten die demnächst Sex?
"Wo bleibst Du denn?", hörte er seinen Begleiter.
"Ich komme schon", rief er und lief schneller.

Samstag, 4. Februar 2017

Nackt

Er sah sie. Auf der anderen Seite der Schlucht stand Asgard, die Burg der Asen. Die Schlucht war, genau wie ihm immer erzählt wurde, von einer farbigen Brücke überspannt. Was hatte das zu bedeuten?
"Heh", hörte er von links und wurde nach rechts gestoßen. Dort war auch ein Widerstand. Er ging nach vorne und fühlte einen Ellenbogen im Bauch.
Als er an sich hinunter sah, sah er nichts. Ein Schatten war dort, wo seine Beine hätten sein sollen. Aber den Schatten konnte er spüren und auch bewegen. Seinen richtigen Körper hatte er auf irgendeinem Schlachtfeld verloren.
"Au", sagte er bei dem Schlag auf dem Kopf. Er drehte sich um und nickte mit seinem Schattenkopf in Richtung eines kaum sichtbaren Gegners. Ein Schmerz von der nicht vorhandenen Stirn, das Geräusch von Knochen auf Knochen und der Aufschrei des Hintermanns, zeigten ihm, dass er wohl seinen Hintermann wirksam getroffen hatte.
So ging es weiter. Von allen Seiten wurde nach ihm gestoßen, getreten und geboxt. Er teilte gleichsam nach den kaum sichtbaren Gegnern aus, bis er schließlich einen Platz gefunden oder erkämpft hatte, an dem er bleiben konnte.
Der Platz vor dem, mit einem Tor verschlossenen, Brückenkopf der Regenbogenbrücke war mit Schatten von gefallenen Kriegern und Helden gefüllt. Sie warteten und, an den Stellen, an denen neue Schatten erschienen, prügelten sie sich. Den Schatten war der Untergang der Sonne egal. Niemand schlief.

Montag, 30. Januar 2017

Loser

An dem Abend musste er ganz zwanglos sein. Leicht und locker galt es Kontakte zu knüpfen. Ganz unverkrampft sollte er auftreten. Auf gar keinen Fall durfte erscheinen wie jemand, der unbedingt wichtige Kontakte haben musste.
Er schaute nachdenklich in den Spiegel. Der Rasierschaum stand ihm gut. Konzentriert rasierte er sich.
"Tchakaa Du schaffst das", sagte er zum Spiegel, nachdem er sich das after shave auf seine brennende Gesichtshaut gerieben hatte. Sofort fiel ihm ein, dass das bestimmt nicht richtig war. Sofort korrigierte er sich: "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen." Aus dem Spiegel schaute ihn ein verblüfftes Gesicht an. "Zunächst wird geflirtet, erst dann gefickt", sagte er zum Spiegel. Das Gesicht grinste, sein Kopf schüttelte sich.
Auf dem Bett hatte sie schon den Aufzug für den Abend hingelegt. Das war also sportlich elegante Bekleidung. Langsam zog er sich an. Dabei wiederholte er das Mantra "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen". Bei der Krawatte war er unsicher.
"Sag mal Liebes, muss das sein? Es soll doch ...", weiter kam er nicht. Ihr Gesicht sagte alles. "Wenn Du meinst", er band sie sich um.

Freitag, 20. Januar 2017

Der Haken

Ratsch, machte es und er lag auf dem Boden. Es war klar, dass auch das schief ging. Aber vielleicht war die Schlinge ja fest genug. Es wurde schwarz. Er schluchzte, als er die Augen wieder öffnete. Die Tränen flossen nur so aus seinen Augen. Traurig war er nicht. Warum nur flossen diese Tränen? Die Decke war hohl. Wie dumm von ihm das Seil an dem Haken der Wohnzimmerlampe zu binden. Deswegen flossen die Tränen nicht. Da war er sich ganz sicher. Auch der Gedanke an seiner Dummheit waren nicht der Grund der Tränen. Von ihm getrennt waren Tränen. Er selbst wusste, dass er nun in den Baumarkt gehen musste, um einen dicken Haken zu kaufen. Einen Haken, den er in den Balken schrauben konnte. Einen Haken, der sein Gewicht würde halten können. Dann, genau dann, hätte das hier alles ein Ende. Der Gedanke an das Ende erzeugte in ihm kein Gefühl von Befreiung, sondern ging einher mit einem nachlassenden Tränenfluss.

Samstag, 14. Januar 2017

Der Blick

Sie war alleine. Aber das konnte sie nun auch nicht mehr ändern. Zum kämpfen war sie nicht stark genug. Also schritt sie leise, ganz sacht durch den Wald. Zum Glück war der Weg weit einsehbar. Wenn sie sich am Rand des Weges von Baum zu Baum bewegte, könnte sie sich bei Gefahr verstecken. Nach ein paar Schritten fiel ihr ein, dass, wenn von hinten jemand käme, der sie sehen und überraschen könnte.
Sie beschloss von einem Baum zunächst nach vorne zu lauschen und dann nach hinten zu sehen. Wenn alles klar wäre, wollte sie zum nächsten Baum huschen. Von dem Huschen fing ihr Herz an zu pochen. Ein Gefühl von Angst überkam sie. Warum musste sie nur ihren Helfer verlieren?
Huschen war keine gute Idee. Sie musste sich beruhigen. Unüberlegt hin und her zu springen, würde sie nur ermüden und dann wäre sie verloren. Es war nun einmal so, dass sie ganz alleine durch den Wald musste, wenn sie zurück zur Zunft wollte. Dann hieß es also, auf das Glück und die Fügung zu vertrauen.

Freitag, 6. Januar 2017

Frohes Neues!

"Frohes, Neues", sagte Nikki zu der Elfe, die sich auf der Bank gegenüber niederließ. Ihre dunkle Mütze und die langen, glatten und blonden Haare gaben ihr etwas verträumtes. Die freundlichen Worte ignorierte sie einfach. Mit ihren blauen Augen schaute sie schweigsam aus dem Fenster.
Nikki atmete hörbar aus. Sollte es das gewesen sein? Sie hatte sich fest vorgenommen im neuen Jahr freundlich und offen zu allen zu sein.
Zum Glück erwiderte dann doch die Elfe: "Danke, ebenso" .
Sie lächelte sogar und zeigte kurz ihre weißen Zähne. "Entschuldige, ich bin noch gar nicht im neuen Jahr angekommen", fügte sie hinzu.
"Normal fahre ich auch nicht schon am zweiten Januar ins Geschäft. Aber diesmal liegt Neujahr so ungünstig. Da müsste ich doch vier Tage Urlaub nehmen und die fehlen mir dann doch später. In dem Matschwetter kann man doch sowieso nicht wegfahren. Besser dachte ich mir im Sommer ein paar Tage mehr frei haben. Aber dann ist es ja doch noch so richtig dunkel im Januar. Vielleicht hätte ich doch lieber frei genommen?", sprudelte es aus Nikki aus.
Die Elfe hörte schon gar nicht mehr zu. Sie blickte abwesend aus dem Fenster.
Nikki wollte gar nicht zudringlich werden. Das war schon einmal ein Anfang. Aber war das nicht doch ein doofer Schluss? Besser wäre doch ein Lob oder Kompliment gewesen. Sie betrachtete das im Fenster gespiegelte Gesicht des blonden Mädchens. So sah sie noch viel schöner aus. Im Hintergrund war es noch dunkel. Die Blässe ihrer Haut kam durch diesen Kontrast noch viel stärker zur Wirkung. Dazu noch die blonden Haare. Sonst wäre ich solch einem Engel nicht begegnet, wäre besser gewesen, dachte sich Nikki. Obwohl so eine blöde Anmache auch doof gewesen wäre.
Im Fenster auf der anderen Seite des Waggons sah sich Nikki. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Ihr Gesicht war nun wirklich freundlich und aufgeschlossen!
In der nächsten Station ging die Elfe. Nikki stellte sich danach an die Tür und betrachtete wieder ihr Spiegelbild. Sie lächelte und wusste, dass sie verliebt war.