Donnerstag, 22. Dezember 2016

Erwin

1

Er war der zweite von den Gästen. Der Heinz sprach schon mit einem unbekannten Kollegen.
“Hallo Herr Sellger”, grüßte Erwin, obwohl sie sich seit Urzeiten kannten. Der Anlass war schließlich beruflich.
“Hallo Erwin, das ist der junge Herr von Lovetzski, Herr von Lovetzski, das ist der Herr Meierfelder.”, vergaß Heinz alle Förmlichkeiten.
“Erwin”, er streckte seine Hand aus. Der unbekannte Kollege griff sie und antwortete mit “Thomas”. Ingenieure waren immer per ‘Du’, so gehörte sich das einfach. Nur die Ingenieure, die auf Seiten des Kunden befördert wurden, die Aufträge vergaben und die Teams zusammen stellten, waren irgendwann eher per ‘Sie’.
An dem Abend wurde der erfolgreiche Abschluss des Projekts gefeiert. Es kam noch weitere Kollegen hinzu. Die Gesellschaft traf sich in einem Gourmetlokal auf der schweizer Seite. Heinz war ein Spezialist in der Auswahl solcher Lokale.
Nach dem Aperitif, sollten die Speisen bestellt werden. Der Herr von Lovetzski schaute auf die Uhr und sagte: “Also, ich kann dann nur eine Vorspeise nehmen. Ich muss ja dann noch den Zug bekommen.”
Heinz protestierte: “Aber, aber. Das geht doch gar nicht. Sie müssen hier das Felchenfilet in Mandelbutter probieren. Und dann erst der Nachtisch. Der Erwin, nicht wahr?”, drehte er sich zu Erwin um: “Du fährst ihn doch gerne.”
Erwin nickte.
“Sehen Sie, der Herr Meierfelder, der Erwin, der kann Sie fahren. Sie bleiben nun hier. Oder haben Sie etwas vor?”
“Echt, würdest Du das machen?”, fragte von Lovetzski.
“Ja, klar. Ich trinke ja nicht und vor Mitternacht schlafe ich sowieso nicht. Da kann ich Dich auch fahren. Ist überhaupt kein Problem”, sagte er zu.


Die Feier nahm den üblichen Verlauf. Es wurde elf Uhr bevor Erwin mit Thomas losfahren konnte.
“Wo geht es hin?”
“Nach Neustadt. Direkt in der Innenstadt. Am Besten nimmst Du die Autobahn und dann ...”
“Nein, nein. Das ist doch ein Umweg. Über die Landstrasse ist das viel kürzer. Ich fahre ja sowieso nur 100”.
Und so fuhren sie gemächlich die nächste Stunde durch den Wald. Anfangs unterhielten sie sich über den Abend und das Essen. Dann kam Erwin auf ein Thema, von dem er nicht so richtig wusste, wie er das ansprechen sollte.
“Sag mal Thomas. Du warst doch bei der Architektur des ganzen Projekts beschäftigt. Jedenfalls stand dein Name immer bei den Dokumenten.”
“Ja, klar, das ist alles auf meinen Mist gewachsen. Obwohl man sich ja nie selber loben soll.”
“Das machst Du alle so vom Homeoffice aus, nicht wahr? Schon toll. Wie geht es bei Dir weiter?”
“So etwas ähnliches mache ich nun bei der CTM. Die brauchen fast dasselbe, nur  ein paar Anpassungen. Weißt Du …” Thomas fachsimpelte eine Weile herum. Erwin war das mit der CTM schon klar. Er sollte nur klären, ob was für seine Firma dort zu holen war.
“Wenn Du das so übernimmst, dann könnte da meine Gruppe ja auch mitmachen.”
“Ich mache da nur den Gesamtrahmen. Die Aufträge, die kommen dann in ein paar Monaten.”
“Ah, ja”, Erwin wusste das alles schon. Warum konnte er nicht einfach die Provision anbieten, wie sich das gehörte? Normal machten das doch alle. Erwin sprach vom Urlaub und von Hobbies. Seines war das Beobachten und Fotographieren von Vögeln. Obwohl soviel Zeit hatte er gar nicht dafür. Thomas hörte sich das alles geduldig an. Irgendwann gähnte er. Die beiden schwiegen eine Weile.
“Also vermutlich kommen die Aufträge gar nicht für Euch.”, sagte Thomas unvermittelt.
“Wie? Warum? Jetzt schon klar?”
“Ungarn können das auch anpassen. Die sind billiger. Viel billiger. Da bleibt dann noch etwas liegen.”, grinste Thomas.
“Es muss immer etwas liegenbleiben. So ist das.”, gab Erwin ihm Recht. Dann war das also geklärt. So war das eben im Geschäft. Es ging immer um billig und doch fertig werden. Sie kamen in Neustadt an. Erwin machte das Auto aus.
“Wir sind aber noch nicht da”, bemerkte Thomas.
“Es ist rot und das spart Sprit.” Erwin schaute in ein entgeistertes Gesicht. “Das habe ich mir so angewöhnt und es macht sich wirklich bemerkbar”, fügte er hinzu.
Auf dem Rückweg ging Erwin den Abend durch. Heinz hatte es mal wieder richtig krachen lassen. Vermutlich war es ja sein letztes, grosse Projekt. In seinem Alter ging er schon bald in Rente. Der Thomas hatte das alles noch vor sich. Und der war schon so clever beim Zuschnitt eines Projekt daran zu denken, wie für ihn ‘etwas liegen blieb’. Wenn Ungarn die Arbeit machten, brauchten sie nur fünf bis zehn Prozent billiger angeboten zu werden. Der Kunde würde sich freuen, die Ungarn bekommen die Hälfte. Das macht dann vierzig Prozent, was so ‘liegen blieb’. Mit dem Geld war auch die Zustimmung des Kunden kaufbar. Es blieb dann immer noch etwas liegen. Technisch war ja wirklich schon alles gemacht, nur ein paar Anpassungen gab es zu programmieren. Das konnte der Thomas auch alleine machen. Erwin schüttelte lachend den Kopf. Die Jugend von heute, dachte er.

Langsam kam er in sein Wohnviertel an. Um die Zeit waren alle Parkplätze besetzt. Er nahm unten den Parkplatz am Schwimmbad und ging dann den Weg zu Fuß zurück. Wie still die Straße um diese Zeit doch war. Alles war dunkel. An dem Haus mit der Skulptur in der Ecke, bog er nach links ab. Es war das zweite Haus in der Reihe.
Erwin schaut kurz in den leeren Briefkasten. Er schloss auf. Rechts stand ein neuer Kinderwagen. Es war ein richtig moderner Kinderwagen, mit beweglichen Rädern. So konnte man auf kleinstem Raum drehen, bemerkte er.
Die Stufen zum Hochparterre waren aus Stein. Danach zog Erwin die Schuhe aus und schlich die restlichen Stufen nach oben.

2

Erwin wartete in der Ankunftshalle. Der Flug aus Lwiv hatte zwei Stunden Verspätung. So blieb ihm nicht genug Zeit um wieder Heim zu fahren. Etwas zu Lesen hatte er nicht dabei. Dazu war er auch viel zu aufgeregt. Sie sollte ankommen. So war es jedenfalls ausgemacht. Er fand sich auf einer Bank auf der Aussichtsterrasse wieder und sah den startenden und landenden Fliegern zu.
Wie konnte ihm das passieren? Sein ganzes Leben hatte er nie etwas mit Frauen oder Mädchen gehabt. Und dann, in seinem Alter, etwas mit einer angefangen, die seine Tochter oder auch seine Enkelin sein könnte. Er rechnete nach. Enkelin wäre tatsächlich möglich. Die anderen kamen damals ja alle zum Schuß. Obwohl so genau wusste er das gar nicht. Jedenfalls die, die er kannte, damals, die hatten doch alle. Da war er sicher. Nur bei ihm wurde vor vierzig Jahren eine ganz andere Richtung eingeschlagen.

Er erinnerte sich wieder an das Feier nach der Jugendweihe. Fünfzehn war er gerade geworden. Es gab Geschenke und die Feier bei den Pionieren und dann danach in der Familie. Das Kindsein war beendet. Der Opa versuchte ihm das Rauchen beizubringen. Wie schlecht ihm von der Zigarre war. Das hatte ihn vom Rauchen überhaupt weggebracht. Warum hatten sie ihn nicht einfach noch Kind sein lassen? Vielleicht hätte er dann angefangen zu rauchen. So gesehen war es ganz gut, dass er damals zum ersten und letzten Mal geraucht hatte. Aber das mit dem Mann werden, das ging wirklich voll daneben.

Wie üblich wurde alles durch organisiert. Vom Biologieunterricht war die Theorie schon bekannt. Die Praxis sollten die angehenden Männer und Frauen gemeinsam im Verlauf einer Feier üben. Selbstverständlich war das offiziell nicht so gedacht. Aber im Verlauf der Jugendweihen war es so üblich, dass danach normalerweise jeder auch die Praxis kannte. Offiziell sollte die Jugend tanzen und trinken. In seiner Pioniergruppe sprach Gabi, die Vorsitzende, das Thema Praxis offen an. Wer Praxis hatte, sollte sich melden und vortragen, wie es war. Es meldeten sich ein paar Vorwitzige, die aber nur herum alberten. Also wurden Paare zugewiesen. Gabi war der Meinung, dass es beim ersten Mal sowieso egal war, mit wem das war. So könnten sie auch losen oder nach dem Alphabet sich aufstellen. Losen hätte Papierschnipsel bedeutet. Sie gingen lieber nach dem Alphabet. So war das gerecht. Dann blieben, die noch nicht hätten, auch nicht zurück, sondern würden eine Gelegenheit bekommen, einen Entwicklungsschritt zu vollziehen.

Erwin hatte erwartet, dass jedes Paar sofort loslegen würde. Ihm war die rundliche Rosa zugeteilt. Sie lachte über alle vier Backen, als sie ihm gegenüberstand. Aber es sollte im Verlauf eines Tanzabends im Kulturzentrum passieren. Zunächst sollte in der Jugenddisco getanzt und getrunken werden. Wenn ein oder mehrer Paare in Stimmung waren, konnten sie sich in einem der  Gruppenräume, die, aus gegebenen Anlass, mit Matratzen bestückt waren, zurückziehen.  So schlug Gabi es vor und der Rat hatte nichts dagegen. Die Jugend sollte so organisiert erwachsen werden. Gabi bekam eine Empfehlung für ihren Einsatz.

An dem Abend drückte ihn Rosa aufgeregt. Ihre Brüste, die richtig groß waren, drückten sich platt. Ihren Mund presste sie auf seine und sie versuchte ihre Zunge in seinen Mund zu stecken. Er fand das nicht so toll, ließ es aber geschehen. Karl klopfte ihm auf die Schulter. “Heute wird das was”, sagte er. In der Disco lief etwas von den Puhdies. Gehüpft und gewackelt wurde zu der Musik. Einige konnten richtige Tanzschritte. Erwin stand mehr so herum. Bei den leiseren Stücken legte Rosa ihre Arme um seinen Hals, e legte seine Hände auf ihren runden Arsch. Das fühlte sich gut an.

An der Bar gab es Bier, Wein und Wodka. Rosa wollte Wein trinken. Er probierte ein Glas und brachte es halb herunter. Dann hatte er ein Glas Bier in der Hand. Rosa erzählte irgendeinen Witz. Die Gruppe lachte und jemand stieß ihn an. Das Bier tränkte seinen Hemdsärmel. Zunächst machte ihm das gar nichts aus. Es wurde gelacht und die Gläser geleert. Zurück auf der Tanzfläche wurde er ein wenig mutiger. Die Tanzschritte von Klaus konnte er aber gar nicht kopieren. Beim nächsten Plattenwechsel wollten sie wieder an der Bar etwas trinken, da roch er den Gestank von Bier an seinem Ärmel.
“Ih, das stinkt”, sagte er.
“Dann sollten wir ablegen”, meinte Rosa, griff seine Hand und zog ihn in Richtung Gruppenräume.
“Auf geht’s Erwin!”, hörte er von hinten rufen. Wer war das eigentlich gewesen? Damals traute er sich nicht, sich umzusehen. Er würde es schon schaffen, dachte er, als er mit Rosa und aufgeknöpften Hemd in einen Gruppenraum trat.
Auf der Matratze war ein Paar aktiv. Ein nackter Arsch hob und senkte sich. Unten war das rote Gesicht von Lena. Rosa sah begeistert zu. Erwin schluckte. Der Junge, es war Klaus, rief “Ja” und dann hob sich der Arsch nicht mehr.
“Endlich”, sagte Lena, als Klaus von ihr rutschte. Klaus zog seine Hose hoch. Lena schlüpfte in ihren Slip. Die beiden standen auf und verabschiedeten sich mit einem “Nun, ihr”.
Rosa zog ihren Slip aus und legte sich mit gespreizten Beinen auf die Matratze. “Komm schon! Hose herunte!”, sagte sie. Er öffnete diese und ließ herunter.
Sie meinte: “Der muss ganz hart werden. So richtig, wie ein Stöckchen. Mach schon.”
Wie er das machen sollte, war ihm nicht klar.
“Dann helfe ich Dir mal.”, sagte sie und griff nach dem, was ihm hing. Sie massierte, drückte und rubbelte, aber nichts tat sich. Als sie es in den Mund nehmen wollte, zog er es zurück.
“Na, ja. Du bist eben noch nicht soweit. Und für mich ist nicht so wichtig. Ich habe schon öfter”, sagte sie.
Ihm kamen Tränen. Sie stand auf und umarmte ihn. Ihre Brust drückte sich wieder platt, dann sagte sie: “Das macht doch nichts. Ich sag es nicht weiter”.
Er zog seine Hose wieder hoch, sie ihre Slip. Aber dann meinte sie noch: “Besser wir sehen wenigstens so aus.” Sie verstrubbelte ihre und seine Haare, dann atmete sie schnell ein und aus, rief: “ja, ja” und dann noch “puh.”

Als er mit ihr dann herauskam, klopfte ihm Klaus auf die Schulter. Wodka wollte er mit ihm trinken. Aber er brachte nur einen Tropfen herunter.

Seitdem hatte er ein Problem mit Alkohol und Frauen. Trinken wollte er nicht mehr. Keinen einzigen Schluck hatte er all die Jahre getrunken. Um Frauen machte er keinen Bogen. Er ging ihnen nicht aus dem Weg. Sie waren einfach nur nicht anziehend für ihn. Anfassen, Küssen war kein Thema. Das war alles vermischt mit dem Erinnerung von einer Rosa, die einen Steifen fordert und nicht bekommt. Noch einmal solch einen Eindruck zu machen, wollte er nicht. Damit kam er gut zurecht. Zumal er sich einredete, dass der Erfolg von Klaus eigentlich auch keiner war, weil Lena wohl nichts davon hatte. Warum sollte so etwas überhaupt gemacht werden? Laut Biologie ging es darum Nachwuchs zu machen. Menschen gab es aber schon genug, sagte er sich. Vierzig Jahre lebte er so ohne Frau und Alkohol.

3

Vierzig Jahre später schaute er in seltsam grauen Augen. Sie waren nicht so richtig grau, sondern hatten noch eingesprenkelte gelbe Pigmente, die ihnen etwas katzenhaftes haben. Das Mädchen, das ihm das Wasser in der Gaststätte in Lwiv brachte, hatte diese Augen. Sie war das erste weibliche Wesen, das er interessiert und unbefangen anschauen konnte. In Lwiv sollte er in einem Rechenzentrum die Software parametrieren. Es waren nur vier Wochen. Wie immer bei solchen Einsätzen suchte er sich eine Gaststätte aus, die Platz genug bot, so daß er gemütlich mit Wasser und Buch den Abend verbringen konnte. Er war am liebsten in Gesellschaft alleine. Gleich am ersten Abend bediente sie ihn. Am nächsten Abend setzte sie sich am Ende der Schicht, kurz bevor die Gaststätte absperrte, noch zu ihm. Ihr Deutsch hatte diesen warmen, gedehnten Akzent. Er hörte ihr gerne zu und erzählte auch von den Schwierigkeiten in seinem Projekt. Das ging bis weit in Nacht. Leider verpasste sie die Straßenbahn zur elterlichen Wohnung.
“Kann ich doch mit Dir schlafen. Bitte”, sagte sie.
“Bei mir”, verbesserte er. “Es heißt bei mir. Weil mit mir schlafen”, lachte er, “ ist ganz etwas anderes.”
Sie lächelte offen. Wie schön sie lächelte. An den Wangen hatte sie ganz kleine Grübchen beim Lächeln. Dabei zogen sich ihre Augen an den Aussenseiten zusammen und die gelben Pigmente im grau ihrer Augen schienen zu leuchten. Das kam vermutlich von den Wimpern die sich mit den Lidern senkten.
“Du kannst in meinem Bett schlafen. Im Zimmer gibt es noch ein Sofa, da werde ich schlafen.”, bot er an.
Er schlief doch mit ihr und lernte, wie dieser Klaus sich vor vierzig Jahren gefühlt haben musste. Glücklich schlief er ein. Am morgen schämte er sich, als er das Kind im Bett neben sich vorfand. Mit ihren gerade mal zwanzig Jahren, hätte sie sogar seine Enkelin sein können. Er war doch viel zu alt für sie.
Vielleicht war sie ja eine Prostituierte? Davon hatte er gehört. Immer mal wieder bezahlten Kollegen auf Projekt für die Weiber, die ja, aus irgendeinem Grund nötig waren. Wieviel sie bezahlten, wusste er nicht. Im Film hatte er mal gesehen, dass die Männer einfach Geld auf den Tisch legen und gehen. Aber es war sein Zimmer. Wie sollte er ihr wieviel Geld geben?
“Mein Lieber”, sie wurde wach, strahlte ihn an und schon spürte er ihre Lippen auf seinen.
Die beiden standen dann später auf. Sie war wirklich nur an ihn interessiert. Zwar bezahlte er ihre Frühstücke und auch die Nächte im Hotel wurden ein klein wenig teurer, aber das war auch alles.
Diese vier Wochen in Lwiv vergingen wie im Flug. Zum Abendessen trank er mittlerweile sogar den abgelehnten Wodka.
Kaum war er wieder glücklich in Deutschland, rief er sie an. Nach einer Woche abendlicher Telefonate war ausgemacht, dass sie an seiner Seite gern gesehen war. Sie wollte auch kommen, er sollte nur die Sache mit den Behörden machen.

Auf dem Bürgeramt wurde er merkwürdig behandelt. Eine mürrische Beamtin saß ihm gegenüber.
“Ein Visum für ihre ukrainisch Freundin auf Einladung. Das geht nicht. Da müssten sie heiraten, mit allen Rechten und Pflichten. Wollen Sie das wirklich?”
Erwin schluckte. An Heirat hatte er nie gedacht. Die Beamtin wollte ihn schon verabschieden, als er sich entschloß:
“Ja! Das will ich wirklich! Ich weiß in meinem Alter ist das merkwürdig. Und bestimmt rät mir auch jeder ab. Aber es muss einfach sein. Wie mache ich das nun?”
“Sie wissen schon, dass ihre Frau mit der Heirat die gleichen Rechte bekommt, wie eine deutsche Frau?”
“Natürlich, warum?”
“Wenn Sie wüssten, was hier alles vorbeikommt. Es verlieben sich die unterschiedlichsten Typen in ausländische Frauen. Manche meinen ja, wenn sie ihnen gefällt, dann könnten sie ihr Mitbringsel einfach wieder zurückschicken. Aber dem ist gar nicht so. Wenn die Frau erst mal hier lebt, bekommt sie die gleichen Rechte wie eine deutsche Frau. Dann ist das keine mehr, die sich einfach unterordnet. Das sollten Ihnen bewusst sein.”
“Was denken Sie denn von mir? Ich würde doch nie.”, Erwin wusste nicht so richtig, wie er antworten sollte. Ihm kamen die Tränen. Die Beamtin schüttelte nur den Kopf. “Vielleicht sind sie ja die Ausnahme. Kann ja sein. Das würde ich mir dann aber im Kalender eintragen.”
Sie gab ihm die Formulare.
“Ihre zukünftige Frau muss dann noch in Lwiv den Nachweis der deutschen Sprache machen. Sie soll das dann bitte Ernst nehmen, da sind andere schon durchgefallen. Und wenn man durch einen Test einmal durchfällt, dann ist die Wiederholung um so schwieriger. Da haben wir schon Sachen erlebt.”

Seine Aufgabe war mit dem Ausfüllen der Formulare recht einfach und preisgünstig. Bei Elena war die Sache um einiges aufwändiger. Sie musste einen Kurs besuchen, in dem sie sich auf den Test vorbereitete. Dann galt es ihre Papiere zusammen zu stellen. Neben ihrer Geburtsurkunde, die nicht direkt aufzutreiben war, sollten ja auch ihre Schulzeugnisse übersetzt und anerkannt werden. Auch eine ärztliche Untersuchung war notwendig, damit die deutsche Ehe auch in der Ukraine anerkannt würde. Alle diese Vorgänge nahmen etliches an Zeit und auch Geld in Anspruch. Gebühren mussten über den Tisch gegen Quittung, die er eventuell von den Steuern absetzen konnte, bezahlt werden, aber auch unter dem Tisch ohne Quittung bezahlt werden. Zum Glück war sie bald in Deutschland. Dort gab es nicht solche allgegenwärtige Korruption.

Zunächst wollte sie ja mit dem Bus fahren. Einen ganz Tag und eine ganze Nacht würde sie im Bus sitzen. Für Erwin kam das gar nicht in Frage. Er fragte im Sekretariat nach der Flugverbindung, mit der er geflogen war und buchte ein Ticket. Das war zwar doch recht teuer, aber sein Mädchen im Bus ging gar nicht. Mit wem hätte sie da fahren müssen. Es war auch schon alles abgemacht, aber dann passierte die Sache mit den Eltern. Vom Flughafen rief Elena an. Das Ticket verfiel.
Erwin organisierte dann den Billigflug. Der kostete nur ein wenig mehr als der Bus, dafür musste er nun warten.

Zum Glück stand der eiserne Vorhang nicht mehr. Elena hatte einen Reisepass und konnte reisen. Davor war das vollkommen unmöglich. Niemals hätte jemand aus Westdeutschland ein Mädchen aus der Sowjetunion so einfach innerhalb von ein halben Jahr nach Westdeutschland heiraten können. Das war damals vollkommen unmöglich. Eventuell wäre es mit einem Ostdeutschen möglich gewesen. Aber dazu hätte Erwin in der DDR bleiben müssen.

4

Wie hieß dieser Schwede noch, wegen dem er das Arbeiter- und Bauernparadies verließ? Bestimmt war es irgendeinson. Jedenfalls kam er aus Linköping. Erwin vergaß dieses Detail nicht, weil der Schwede es immer betonte. Dieser mochte wohl seinen Arbeitsplatz dort. Seltsamerweise konnte sich Erwin noch an die Frisur, hochgekämmt, und an die Hornbrille erinnern. Damals 1984 saßen sie in jeder Konferenzpause auf der Terrasse vor dem Hotel und erzählten sich Geschichten aus Wissenschaft und Technik. Erwin war Teil einer Delegation aus Dresden. Der Schwede hatte einen internationalen Konferenzbesuch in dem Jahr noch zu absolvieren. Da bot sich ein Aufenthalt am Goldstrand in Bulgarien an. Das Thema der Konferenz war “künstliche Intelligenz”. Es kamen aus aller Welt Informatiker, Mathematiker und Philosophen zusammen um die Ergebnisse der damaligen Forschung zu präsentieren. Osteuropäische Ergebnisse konnte es nur im theoretischen und philosophischen Bereich geben. Trotzdem nahmen Delegationen aus dem Osten auch an der Konferenz teil. Computertechnik war militärisch interessant und so wurden Forscher und Wissenschaftler, wenn sie linientreu waren,  zusammen mit einigen Geheimdienstler nach Varna geschickt. Erwin war linientreu.

So hatte er auch nichts dagegen einem Kommilitone aus Berlin zu helfen. Auf dem Hinflug nach Varna saß dieser neben ihm und sah, wie Erwin in einem englischen Handbuch las.
"Das ist englisch? Nicht wahr. Was ist denn das?”
“Das ist eine Manual von Pascal aus Zürich. Vielleicht können wir das demnächst auf unserem zx20 nachbauen. Das kommt von meinem Professor und sollte jemand …”
“Kannst Du auch sprechen?”
“Bestimmt ein wenig. Wieso?”
“Du kannst mir helfen. Ich möchte Leute aus dem Westen kennenlernen. Aus der BRD ist nicht interessant. Englisch kann ich nicht. Kannst Du nicht? Erzählst mir dann, wer was und so weiter.”
“Ministerium für Staatssischerheit?”
“Natürlich nicht. Sehe ich so aus? Die Verteidigung unseres Vaterlands ist unser aller Pflicht. Oder etwa nicht? Gerade in diesen Zeiten. Die stationiieren immer mehr Raketen in der BRD und hast schon von SDI gehört? Da wollen die Amis  die Atomraketen abschießen. Dann können die uns plattmachen. Ich habe da Kontakte und die freuen sich, wenn ich etwas über englische Teilnehmer erzähle. Ich würde Dich natürlich erwähnen.”
Das war ein Angebot, das Erwin nicht so richtig ablehnen konnte und auch gar nicht ablehnen wollte.

So nahm Erwin als einziger der Delegation am Büffet zur feierlichen Eröffnung der Konferenz teil. Hier trafen sich die Professoren, Topforscher, Spione und Industrievertreter. Es waren etwa dreißig Besucher, die an dem hufeisenförmig aufgebauten Tisch sassen und auf die Worte des Konferenzleiters warteten. Zunächst kamen Kellner, die die Sektgläser füllten. Erwin nahm Orangensaft pur. Dann redete erst der Konferenzleiter in amerikanischem Englisch, dann der Vertreter der bulgarischen Informatikgesellschaft in russischem Englisch, das niemand so richtig verstand. Nach dem allgemeinen Prost mit anschließendem Leeren der Sektgläser, bekam jeder einen Teller Suppe mit einem Ei in einem Eierbecher. Erwins Nachbar, der Schwede, nahm das Ei, untersuchte es und wollte es am Tisch aufschlagen. Zum Glück sah Erwin das und unterbrach ihn. Er legte seine Hand schnell unter den Arm des Schweden, so daß das Ei unversehrt blieb. In den fragenden Blick des Schweden sagte er: “See me”. Dann nahm er sein Ei, schlug es an dem Eierbecher auf und leerte es darin. Es war roh. “Look”, sagte er zum Schweden. Dieser atmete hörbar aus. Auf dem Tisch wäre das nicht so gut gekommen.
Erwin leerte den Eierbecher in die Suppe, rührte um und das Eiweß und -gelb flockte. Der Schwede nickte, stellte sich vor “...son from Linköpping” und so lernten die zwei sich kennen.

Seinem Kommilitonen teilte er den Erfolg mit. “Linköpping? Das ist toll, bleib da dran. Da ist auch schwedisches Militär”.
In den Pausen der Konferenz ging Erwin mit dem Schweden zur Terrasse. Die beiden tranken dort ihren Kaffee, sahen auf den Strand herunter und der Schwede erzählte seine Geschichten. Meistens waren es Anekdoten aus einem Science Fiction Roman, der vom Ende der Zeit und dem Anfang des Universums handelte. Groteske Situationen wurden dort geschildert. Erwin kommentierte diese Anekdoten so gut sein Englisch eben reichte.
Das einzige mit militärischer Relevanz, das der Schwede erzählte, war die Geschichte eines schwedischen Piloten, der von Linköping über die Ostsee in da Baltikum flog, dort umdrehte und wieder zurückkam. Das war für den Schweden der praktische Beweis, dass die Flugüberwachung auf allen Seiten gespielt war. Wenn einer in einem Propellerflugzeug so etwas machen konnte, war es mit der Flugabwehr nicht weit her.
Weil er aber seinem Kommilitonen Nachrichten versprochen hatte, dichtete er einfach einiges militärische hinein. Der Kommilitone war begeistert.

Zum Flughafen fuhr Erwin dann mit den höherrangigen Teilnehmern in einem extra Bus. Mit dem Schweden fand er sich in der Bar vor den Gates wieder. Es galt Abschied zu nehmen.
Der Schwede bestellte zwei Cocktails. Erwin schüttelte nur den Kopf. Er bekam dann ein Wasser. Der Schwede trank erst den einen, dann den anderen Cocktail. In Schweden könne er sich so billig nicht betrinken, sagte er. Alle Schweden würden das so machen. Am letzten Tag, kurz vor dem Heimflug, wurde immer getrunken. Erwin stellte fest, das einiges an Alkohol in den Schweden hinein ging.
Erwin hörte aus dem Lautsprecher “Frankfurt boarding”. Der Schwede stand auf und ging zum Gate. Er war einer der letzten, die durchgelassen wurden. Sie winkten sich kurz zu, dann bemerkte Erwin die Tasche auf dem Boden. Diese Tasche hatte der Schwede doch dabei. Entschlossen nahm er die schwere Tasche hoch und rannte zum Gate. Die Tasche war ganz schön schwer, er musste mehrfach die Hand wechseln. Ganz außer Atem kam er beim Gate an. Die Stewardessen grinsten nur über den verspäteten Passagier. Sie bedeuteten ihn  schneller zu sein und er kam im Flieger an. In der Mitte saß schon der Schwede alleine in seiner Reihe. Gerade als Erwin ihm die Tasche reichte, schlossen sich die Türen und die Stewardessen gingen durch die Reihen und kontrollierten, ob jeder angeschnallt war.
Erwin saß sich auf den Sitz neben dem Schweden. Er sagte: “Ich bin hier verkehrt, ich muss hier raus.”, aber die Stewardess schien ihn gar nicht zu verstehen. Zuviel Aufheben wollte er nicht machen. Irgendwie würde er schon nach Dresden zurückkommen.

5

“Willkommen im Westen”, begrüßte ihn der Beamte bei der Passkontrolle in Frankfurt.
“Willkommen ist gut. Ich bin hier verkehrt. Ich habe einem Kollegen nur seine Reisetasche hinterhergetragen. Aber da gingen schon die Türen vom Flieger zu und ich bin dann hier heraus. Was mache ich hier? Mein Gepäck ist in Sofia. Und meine Leute in Dresden.”, erklärte Erwin.
“Jetzt holen Sie  erst einmal ihr Begrüssngsgeld holen, dann haben sie mal eine harte Währung. Gibt es weiter vorne neben dem Zoll. Da können Sie ja dann weitersehen.”
Erwin fand das Büro. Ihm wurde das Begrüssungsgeld ausgezahlt und in den Ausweis eingetragen.
“Sie wollen tatsächlich wieder zurück?”, fragte die Dame.
“Was denn sonst?”
“Sie sind doch ohne Ausreisegenehmigung im Westen. Das ist doch drüben strafbar. Und wäre es da nicht besser Sie bleiben einfach hier?”
“Kann ich das so einfach?”
“Sie sind doch Deutscher. Hier in Hessen kommen die Flüchtlinge nach Gießen in die Erstaufnahme und dann geht das alles seinen Gang. Wie sie zurückkommen, mit den 30 Mark müssten Sie schon selber organisieren. Das wüsste ich nicht, wer das organisiert.”
Erwin wusste das auch nicht. So fand er sich in Gießen wieder.

Er füllte geduldig die Formulare aus. Seine Ausbildung wurde gar nicht anerkannt, aber er hatte die Möglichkeit das Abitur nachzuholen und dann zu studieren. Zunächst machte er das auch. Aber dann sah er eine Anzeige “Pascal Berater gesucht” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es stand dort etwas von Programmierung in Pascal und flexiblen Arbeitseinsätzen. Er beschloss dort einfach anzurufen.

“Hier Sellger, wer spricht”
“Meierfelder, Erwin. Ich rufe wegen der Anzeige an.”
“Wie geht es Pascal?”
“Bitte? Ich wollte programmieren. Und Pascal …”
“ist eine Programmiersprache. Super. Sie glauben gar nicht wieviele hier anrufen, die das nicht wissen. Was haben Sie denn so gemacht?”
“Noch nicht soviel. Ich sollte das an unserem Institut nachbauen. Aber nun hier im Westen.”
“Ah, jemand aus dem Osten. Wir sollten uns Treffen”, lud der Sellger ein.

Sellger war fragte Erwin etwa eine Stunde aus, dann bot er ihm eine zunächst freiberufliche Tätigkeit an. Er würde ihn zu Kunden schicken und dann das Honorar teilen.
“Und das soll ich so einfach können?”, fragte Erwin.
“So wie Sie, ach ich bin der Heinz”, hielt ihm Herr Sellger die Hand hin. “Erwin”, griff er zu.
“Also Erwin, Du liest da die Manuals und machst dann das Beste. Bei Problemen rufst Du an und dann wuppen wir das schon. Mit Computer kennen sich die Kunden doch auch nicht so genau aus. Einfach nur durch. Das klappt schon. Ich melde mich sobald ich etwas hab.”

Nach ein paar Tagen war es soweit.
“Also Erwin, das ist ganz einfach. Datenbank sagt Dir was?”
“Ja, da gibt es doch die IMS und …”
“Prima, so ist das gut. Dein erstes Projekt besteht im Händchen halten eines Kunden. Das solltest Du eigentlich können, nicht wahr?”
“Händchen halten?”
“Man kann das auch Beratung oder auch Consulting nennen. Beim Kunden”, hier lehnte sich Heinz konspirativ nach vorne, “ heißt das Unterstützung bei der Software Wartung. Aber unter uns, wir kennen uns aus mit den Internas, ist das ausschließlich Händchen halten, einen guten Eindruck machen und Zeit gewinnen.,” er machte eine rhetorische Pause.
“Die von der BfA haben eine Datenbankanwendung programmiert, die mit der aktuellen Version gar nicht funktionieren kann. Der Hersteller hat ihnen zu schnell eine Datenbank verkauft, die so noch gar nicht richtig funktioniert. Er arbeitet an einem Update, das wird in vier Wochen fertig sein. Nun haben die von der BfA einen Wartungsvertrag. Der sieht vor, dass im Fall eines Problems jemand kommt, der das behebt. Wie lange der dafür braucht ist nicht spezifiziert. Und nun wird der Beste geschickt. Du!”
“Äh, ich weiß doch gar nicht …”
“Du geht da nur hin, sicherst alles und tust dann so, als wenn Du arbeitest. Lass Dir mal die Anwendung erklären, das dauert dann schon einmal zwei Wochen. Lern die Leute kennen, spiel mit der Anwendung. Nach vier Wochen bekommst Du das Update und das ursprüngliche Programm läuft wieder. Was sagst Du?”
“Und das soll funktionieren?”
“Freundlich sein. Hilfsbereit. Ansprechbar. Der Kunde erwartet nichts anderes.”
So kam Erwin zu seinem ersten Einsatz als IT-Berater.

Die ersten Tage wurde er in den Büros der BfA herumgereicht. Die eingeforderte Unterstützung wurde gestellt. Alle Vorgesetzten und Entscheider mussten ihn sehen. So erfuhr er einiges über die Anwendung, die leider nun doch nicht eingesetzt werden konnte. Am dritten Tag hatte er einen Schreibtisch. Er bekam Besuch vom zuständigen Programmierer, der zu unterstützen war.
“Also ich weiß gar nicht, warum das nicht geht. Sieh mal hier melden sich ‘interne Tabellenzugriffsfehler’. Hast Du so etwas schon einmal gesehen?”, fragte dieses Monster von Mensch.
“Au das ist? Nein! Habe ich auch noch nicht gesehen. Aber vielleicht fällt uns ja etwas ein?”, fragte Erwin.
“Mir nicht. Ich bin da schon drei Wochen dran gesessen. Das ist nun alles ihre Sache. Schauen Sie sich das in Ruhe an.”, der dicke Programmierer mit den ungewaschenen, strähnigen Haaren stand auf und ging. Erwin vertiefte sich in das Manual. Am Abend hatte er die Anwendung gesichert.

In den nächsten Wochen widmete sich Erwin ganz dem Lesen und Ausprobieren. Er war nicht der überhebliche Besser-Wisser, den der dicke Programmierer erwartet hatte. Die beiden gingen gemeinsam in die Mittagspause und für alle Welt war sichtbar, dass nun in diesem Projekt wieder gearbeitet wurde. Als nach drei Wochen das Update kam, waren noch ein paar Tage Unterstützung abzuleisten. Der Abteilungsleiter holte Erwin zu sich.

“Das war ja ein grosser Herr Meierfelder. nun funktioniert ja alles.”
“Ja danke, das war …”
“Ich weiß, ich weiß. Da musste noch die neue Lieferung kommen, dann würde alles gehen. Ist ja schon in Ordnung so. Nur nun für die restlichen Tage, da wäre noch etwas zu machen. Vielleicht könnten Sie da ja drauf schauen. Wir haben nämlich ein ganz großes Problem. Unsere Drucker, die ich angeschafft habe, sollten zweiseitig drucken können. Die wurden mir extra so verkauft. Aber das bekommt hier keiner hin. Und da. Könnten Sie da nicht einmal drauf schauen?”

Es dauerte nicht ganz die drei Tage. Dann hatte Erwin diese Kürleistung vollbracht. Ab diesem Zeitpunkt war er im Geschäft. Zunächst noch auf freiberuflicher Basis, aber dann wechselte Sellger zu einem Beratungshaus und nahm Erwin mit. Dieser bekam dort einen Job als Nothelfer, wenn man einen Allrounder schicken musste. Sellger übernahm später die technische Leitung eines Großkunden. Das war praktisch, so konnte er ständig Beratungsleistungen nachfragen. Vermutlich kassierte er dabei auch Provisionen.

6

"Erwin, warum belästigst Du uns mit deinen Angebereien?", so fing der Brief seiner Schwester an. Erwin las den Satz noch einmal. Die Schrift seiner Schwester war aber leserlich genug. Er schluckte. Bisher waren die Briefe immer eher neugierig. Er schrieb von den Schwierigkeiten die Abschlüsse anerkannt zu bekommen, sie schrieb von der Position auf der Warteliste für eine größere Wohnung. Ein Besuch im Osten war ihm als Flüchtiger untersagt. So war ein Wiedersehen mit seiner Familie unmöglich. Aber es war möglich Briefe und Pakete zu schicken. Für Weihnachten, dem Jahresendfest, hatte er schon ein paar Geschenke gekauft. So machten es die anderen auch, die in den Westen gelangt waren. Was sollten diese Vorwürfe? Verwirrt las Erwin weiter.
Es war wohl sein Schwager, der in Schwierigkeiten war. Im Suff hatte dieser angekündigt, auch in den Westen gehen zu wollen. Seitdem wurde er im Kollektiv ausgeschlossen. An eine größere Wohnung war nun nicht mehr zu denken. Wo doch gerade der Albert immer so linientreu war. Der hätte in der Partei Karriere machen können! Und nun? Der versoffene Bruder hat in den Westen gemacht und musste das allen mitteilen. Warum war er nicht einfach verschwunden? Aber er konnte ja auch nie einfach nur saufen und ruhig bleiben. Immer musste er laut von seinen Weibergeschichten erzählen. Alle waren froh, dass er nicht mehr da war. Sie wollte nie mehr etwas von ihm hören. Eine Republikflucht war für sie und ihrer Familie vollkommen ausgeschlossen.

Nach dem ersten Lesen weinte er. Aber beim zweiten Lesen stolperte er über die Sache mit dem Saufen und den Weibergeschichten. Das war er doch nicht! Sie zog ihn doch immer damit auf, dass er nie einen Schluck trank, dass er deswegen auch viel zu langweilig für die Mädchen wäre. Warum schrieb sie so etwas? Auch das Wort Republikflucht hatte einen seltsamen Klang für ihn. Der Brief bekam damit etwas förmliches. Dem saufenden Weiberhelden, der das Arbeiter und Bauernparadies verlassen hatte, sollte damit aufhören die linientreue Verwandtschaft zur Republikflucht anzustiften. Allmählich verstand Erwin. Der Brief war in erster Linie an das Ministerium für Staatssicherheit gerichtet. Die lasen alle Briefe mit und suchten nach Verdächtigem. Albert konnte seine Karriere nur durch ein Abbruch der Beziehung zu ihm retten. Aber warum schrieb seine Schwester vom Saufen und von Weibern? Der Brief hatte eine wenn-dann Aussage, die so nicht stimmte. Wenn er soff, dann prahlte er mit Weibergeschichten. Er soff aber nicht, also war das mit den Weibern falsch. Dann waren sie auch nicht froh, dass er nicht mehr da war. Sie wollte bestimmt von ihm hören und bestimmt würden sie auch in den Westen gehen, wenn sie wüssten wie.
Dann konnte er seinen Leuten also nur keine Briefe mit der normalen Post mehr schicken. Konnte er auf anderen Wegen mit ihnen Kontakt aufnehmen?

Über die Erstaufnahme in Giessen fand er tatsächlich einen Weg an der Post vorbei Briefe zu seiner Schwester zu senden. Westdeutsche konnten ihre Verwandten in der DDR besuchen und dabei dann auch Briefe und Pakete mitnehmen. Die Schwester antwortete zunächst gar nicht, aber nach einem Jahr dann doch. Sie bat direkt um einen Weg die DDR mit Mann und Kinder zu verlassen. Zwar hätten sie die größere Wohnung bekommen, aber ein Leben wie er im Westen hätten sie nicht.
Jeden Brief beantwortete sie mit dieser ausdrücklichen Bitte. Da es ihrer Familie nicht schlechter ging, musste diese Form der Kommunikation sicher sein. Erwin wusste, dass er nun etwas machen musste.

“Heinz, ich brauche Geld und zwar viel Geld, so als Vorauszahlung oder Kredit. Ginge das?”, fragte Erwin seinen Chef, den Sellger.
“Bank? Die geben doch normalerweise Kredit für Anschaffungen. Was willst Du dir denn zulegen? Du bist doch immer so sparsam.”
“Meine Schwester will auch in den Westen. Mit Mann und Kinder. Die halten es dort nicht aus. Und nun kann ich mit einer Gruppe da etwas machen. Mit einem Gleitflieger hatten die schon einmal Leute herüber geholt. Den müsste man hier bauen, dann rüberschmuggeln und dann können die im Fichtelgebirge über die Grenze fliegen. Das kostet so ungefähr 25.000 DM. Das bekomme ich bei einer Bank gar nicht. Die wollen Sicherheiten. Und nun? Du kennst mich doch.”, bat Erwin.
“25.000? Das ist schon einiges. Wie willst Du das denn zurückzahlen? Bleibst Du dann die nächsten zehn Jahre mir treu?”
“Du kennst mich doch. Ich spare nun im Monat 200 DM, im Jahr wären das dann 2.400DM. Das mache ich dann die nächsten zwölf Jahre.”, bot Erwin an.
Sein Chef nahm an, aber seine Schwester hatte Bedenken. Mit einem Miniflugzeug die ganze Familie über die innerdeutsche Grenze zu fliegen, kam für sie nicht in Frage. Zwar wäre sie schon bereit, aber Albert hatte doch Höhenangst. Ginge es nicht auf dem Landweg? Sie hätten von Leuten gehört, die sich im Kofferraum von den großen Autos versteckt hatten. Erwin hatte auch davon gehört, nur war das der Weg, der gar nicht mehr ging.

“Ich brauche das Geld dann doch nicht”, wollte Erwin seinen Kredit zurückgeben.
“Wir haben einen Vertrag gemacht. Für mich war das eine lohnende Investition. Aber wenn?”, der Sellger überlegte. “Was ging denn schief? Wollen deine Leute nicht mehr?”
“Mein Schwager hat Höhenangst und das mit dem Kofferraum funktioniert doch nicht mehr. Da brauche ich das Geld nun nicht mehr. Aber …”
“Noch einmal biete ich Dir da nicht an. Ich hab Dir das einmal gegeben, wenn Du das nun zurückzahlst, war es das. So eine Bank bin ich nun doch nicht. Aber wenn Du willst höre ich mich mal um. Meine Freundin kommt doch aus Ungarn. Vielleicht könnte deine Schwester dort Urlaub machen und über Österreich kommen? Soll ich da mal fragen?”, schlug der Sellger vor.

Es war eine recht teure Flucht über Ungarn. Im Sommer 1988 verbrachten Erwins Schwester, ihr Mann und ihre zwei Kinder einen Urlaub am Plattensee. Sellger und seine Freundin machten dort ebenfalls Urlaub. Diese Freundin hatte Familie, die in der Nähe von Eisenstadt an der Grenze zu Östereich Dienst hatten. Mit ein wenig Schmiergeld sahen diese in die andere Richtung, als die Gruppe über den Grenzzaun kletterte.

Erwin stand Ende 1988 mit 35.000 DM in der Kreide.

7

“Erwin, danke”, begrüßte in die Schwester, als er sie in der Notaufnahme besuchte. Hinten sah er Albert, der vom Bett aufstand. Wie groß ihre Kinder geworden waren! Sie schauten fragend den Mann an, der von ihrer Mutter umarmt wurde.
“Das ist der  Onkel Erwin, der uns in den Westen gebracht hat”, erklärte sie. Die Kinder sagten brav ihr “Hallo Onkel”, ließen sich hochheben und drücken. “Danke”, sagten sie zu den mitgebrachten Geschenken.
Schwester, Schwager und Erwin saßen anschließend um eine Kanne Tee.
“Das war ja eine ganz knappe Sache”, erzählte Albert von der Flucht über die Grenze. “Dein Kollege hat uns an die Grenze gebracht und hat uns dann da gelassen. Ganz alleine waren wir da. Gerade als wir an den Zaun gehen wollten, haben wir die Grenzer gesehen. Wir versteckten uns und eigentlich war das schon zu spät. Aber dann drehten sie im letzten Moment einfach um, machten eine Pause und gingen dann wieder zurück. Wir konnten ganz gemütlich über den Drahtzaun klettern. Also bei uns wäre das nicht passiert. Das kann ich Dir sagen.”
“War doch eine gute Idee über Ungarn zu fliehen, nicht wahr.”
“Wo warst Du eigentlich? Warum hast Du uns nicht auf der anderen Seite erwartet?”, fragte Albert.
“Ich musste doch in Düsseldorf im Rechenzentrum. Aber war doch egal, ihr wurdet doch abgeholt. Das hat doch alles geklappt.”
“Das schon. Aber hier ist das auch nicht so toll. Wie geht es nun weiter?”
“Hat man euch doch bestimmt schon gesagt. Erst einmal schauen, was eure Zeugnisse und Abschlüsse hier im Westen bedeuten. Ich musste alles nachmachen. Aber dann bin ich so untergekommen. Arbeit ist hier das wichtigste. Der Rest kommt dann schon. Habt ihr schon Pläne gemacht?”
“Wir dachten, wir kommen zu Dir.”, meinte die Schwester.
“Meine Wohnung ist doch viel zu klein, aber ich könnte euch etwas suchen. Nur könnt ihr dort arbeiten? Hier wohnt man meistens bei der Arbeit. Oder man pendelt mit dem Auto.”
“Auto! Hörst Du, hier hat man Autos”, sagte Albert seiner Frau.
“Also erst arbeiten, dann Auto”, versuchte Erwin zu erklären.
Er fand in seiner Nachbarschaft eine Sozialwohnung für die Familie. Leider wurde die Lehrerausbildung seiner Schwester nicht anerkannt. Auch die Buchhaltungskenntnisse von Albert erwiesen sich als wertlos. Nach einigen Monaten fand dieser dann eine Anstellung als Pförtner am Ordnungsamt.

Weihnachten 1988 feierten sie gemeinsam. Für Erwin war es eher eine Jahresendfeier, aber Schwester und Schwager fanden im Westen sollte man das so machen, wie man es im Westen halt macht. So feierte Erwin zum ersten Mal Weihnachten mit Baum und Bescherung. Die Kinder sangen ihre Lieder, die sie im Kindergarten gelernt hatten, dann wurde Kartoffelsalat gegessen. Anschließend spielten die Kinder mit ihren Geschenken, die Erwachsenen mit Karten. Albert trank dazu Bier, Erwin trank Mineralwasser.
“Nun sag schon, wieviel hat Dich die Flucht gekostet? Das war doch nicht umsonst, oder war dein Kollege so lieb?”, fragte Albert zu fortgeschrittener Stunde.
“Ach, das. Das ist doch gerne geschehen.”
“Nein, nein. Sag schon. Das zahle ich Dir zurück. Wieviel ist es denn?”
“35.000”
“Ui. Das schaffe ich schon. Nicht in diesem Jahr, aber dann. Das bekommst Du alles wieder, bestimmt!”
“Und, wenn nicht, dann …”
“Was denkst Du von mir. Klar mache ich das”

Von seinem Schwager bekam Erwin kein Geld. Aber das machte ihm gar nichts aus. Sparsam wie er war, zahlte er jeden Monat seine Rate. Es blieb auch noch etwas übrig, mit dem er seiner Schwester und ihrer Familie half. Bis Anfang der 90er lief das ganz harmonisch. Mit Baum, Bescherung und anschließendem Spielen verbrachte sie die nächsten Weihnachten. Bis Albert unvermittelt vorwarf: “Du bist ganz schön eingebildet”. Mit einem ganz ruhigen und nüchternen Ton sagte er das. Erwin bezog das auf das letzte Spiel: “Du musst aufpassen und weniger trinken, dann gewinnst Du auch mal.”
“Das meine nicht. Es ist deine ganze verdammte Wessikohle. Überhaupt! Warum sind wir eigentlich hier? Ist doch alles. Warum musstest Du uns herüberholen. Wenn wir dort geblieben wären, hätte ich bei der Stadt bleiben können und wäre nun Beamter. Anna wäre Lehrerin. Wir hätten uns alles leisten können. Aber so bin ich doch gerade mal Pförtner. Bei uns ist alles zusammengebrochen. Die sind alle noch in den Ämtern. Hätten wir doch nur gewartet. Ein Jahr. Das war voll daneben. Und alles nur wegen Dir und Deiner Angeberei. Deine Schuld.”, der Schwager war gar nicht mehr zu halten.
“Aber ihr wolltet das doch so haben. Ihr habt das gewollt. Und da habe ich das dann auch organisiert.”, Erwin schluchzte dabei. “Das war doch alles nicht so gemeint gewesen. Wer dachte denn, dass Du das wirklich machst.”, wandt seine Schwester ein.
“Genau! Da haben wir noch gedacht, der macht das nicht. Und dann heißt es in Ungarn Urlaub machen und dann rüber. Da kommt dann dieser Wessi an mit seine ungarischen Schlampe. Nimmt uns mit zur Grenze und sagt ‘Geht da mal rüber. Da kommt ihr zum Erwin’. Wir wussten doch gar nicht, was uns da erwartet. Sollten wir da etwa sagen, nein danke? Bestimmt wäre ich in dem Jahr noch aufgestiegen. Die haben das schon vergessen. Und Dein Kollege. Und Du. Ist ja auch egal.”, Albert machte eine neue Flasch auf.
Die Schwester legte ihre Hand auf Alberts Hand und versuchte ihn zu beruhigen. Sie drehte sich zu Erwin und sagte leise: “Recht hat er schon. Wäre ja wirklich besser gewesen.”
“Dann, dann gehe ich wohl besser”, sagte Erwin leise. Traurig verließ er seine Familie. Diese zog dann später wieder in den Osten und lud ihn nie mehr zu einem Wiedersehen ein.

Es war wohl alles ein Problem vom Geld. Geld hatte ihn nie sonderlich interessiert. Er wusste gar nicht wie er es ausgeben sollte. Deswegen gab er es gerne für seine Nächsten, seiner Familie aus. Aber das ging ja nun nicht mehr. Sollte er es einfach spenden? Oder weniger arbeiten? Die Arbeit machte ihm großen Spaß und auch ohne zu fragen, stieg sein Gehalt. Er beschloss es auf ein Sparkonto zu legen und niemanden davon zu erzählen. Dann hätte er auch keine Neider mehr.
Ihm war klar, dass er nicht ganz für sich alleine vor sich hinleben konnte. Das wäre nicht gut. So gewöhnte er sich an, Kaffees und Kneipen zu besuchen. Dort trank er sein Mineralwasser, las in einem Buch oder einer Zeitung und, wenn es sich so ergab, führte er unverbindliche Gespräche über das Wetter oder Sportereignisse. Der politischen Meinung seiner Gesellschaft konnte er sich immer anschliessen.

8

"Hallo Erwin. Du hast Dich aber verändert?", es war Michael, der Erwin nach der Rückkehr von Lwiv begrüsste.
"Wie? Was? Meinst Du?", Erwin hatte doch gar nichts verändert. Was sollte er davon halten?
"Lass mal sehen. Moment", Michael trat einen Schritt zurück und musterte ihn.
"Äusserlich nichts, aber dein Auftreten ist insgesamt energischer. Wenn Du es nicht wärst, würde ich auf Freundin tippen.", woher wusste er das?
Erwin wurde ein wenig rot und seine Lippen zuckten unwillkürlich.
"Echt? Sag bloß. Gratulation", nun streckte Michael ihm die Hand hin. Erwin griff verblüfft zu und gestand dann.
"Ja. Nun doch! Ja."
"Hast Du ein Photo dabei? Darf ich mal sehen?"
"Das geht keinen etwas an."
"Normalerweise gibt der Mann immer mit seinen Eroberungen an. Und nun gehörst Du doch auch dazu. Oder ist sie etwa? Na. Auch egal", Michael wollte schon gehen.
"Na gut", Erwin holte sein Smartphone heraus. Er machte selten Fotos. Am Flughafen von Lwiv hatte er Elena nach der letzten Umarmung und dem letzten Kuss fotografiert. "So habe ich Dich immer bei mir", hatte er ihr noch gesagt. Bei der Erinnerung daran wurden seine Augen feucht.
"Ist so ...", Michael unterdrückte seinen Spott.
"Hier, da ist sie beim Abschied am Flughafen."
"Ui, wie alt ist die denn?"
"Viel zu jung nicht wahr"
"Hübsch, alle Achtung", Michael nickte und zeigte einen nach oben gestreckten Daumen. Dann klopfte er Erwin auf die Schulter.
"Und nun? Auf den Dreh gekommen? Auf zu neuen Eroberungen? Jetzt wo das Tier erwacht ist, muss es gefüttert werden."
"Ach, das war schön und ein einmaliges Erlebnis. Aber.", Erwin holte Luft, hob die Schultern und senkte sie wieder. ", nun geht es normal wieder weiter."
"Das glaubst Du doch wohl selber nicht. Da wurde ein Schalter umgelegt.", Michael fasste Erwins Schulter und schüttelte sie. "Sieh mal. Ich habe schon gesehen, dass Du dich verändert hast, das sehen andere doch auch. Frauen, die jemanden suchen, sehen dich nun als Angebot, das zu prüfen ist. Du bemerkst diesen Blick und dann erscheinen dir auf einmal Frauen attraktiv, die Du früher gar nicht beachtet hast. Und schon ist da etwas Neues im Anmarsch."
Erwin schluckte: "Ich weiß nicht. Wer sollte denn mit mir?"
"Die Kleine auf dem Handy hat doch wohl. Oder etwa nicht?"
Da hatte Michael Recht. Der Gedanke mit einer anderen ins Bett zu gehen, fühlte sich wie ein Verrat an. Obwohl er ihr nichts versprochen hatte. Vielleicht einmal telefonieren hatten sie ausgemacht. Trotzdem war da dieser unerwartete Gedanke. War das etwa Liebe?
"Sie ist, glaub ich, meine einzige Liebe.", antwortete er fest. Dabei nickte er zustimmend.
"Das verblasst schon. Und in ein, zwei Wochen oder Monaten kommt dann ... zum Beispiel die Rita aus dem Vorzimmer beim Sellger vorbei und dann ist da etwas Neues. Wirst schon sehen.", damit verabschiedete sich Michael.

Erwin sah ihm hinterher. Er drehte sich wieder zu seinem Bildschirm und griff nach der Maus. Warum wanderten seine Gedanken zu der Sekretärin vom Heinz? Sie war genauso klein und hatte auch so blonde Haare wie Elena, aber zwanzig Jahre älter. Sollte tatsächlich ein Tier erwacht sein, das er nun füttern musste? Die Rosa bei der Jugendweihe war auch blond, schoß ihm durch den Kopf. Ihr Lachen kam ihm wieder in Sinn. Dann fiel sein Blick auf den Inhalt der Fenster, die am Bildschirm zu sehen waren. Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf seine Arbeit.
Am Abend telefonierte er zum ersten Mal nach Lwiv.

Ein paar Wochen später kommentierte Michael wieder: “Hallo Erwin, sag bloß Du machst nun auf zweier Beziehung?”
“Seh ich so aus?”
“Ja. Vom Eindruck bist Du ein Männchen, dass sich auf sein Weibchen freut. Das Frauchen, das Yogaseminar an der Ostsee macht, um ‘von dem allem’ mal Abstand zu gewinnen. Die Jungs machen dann immer so ein Eindruck, wenn sie wieder kommt. Und?”
“Morgen kommt sie an. Mit Visum zum Heiraten. Es ist uns richtig Ernst und …”, Erwin hielt eine Predigt zu den Vorzügen einer festen, klar geregelten Beziehung. Es war so überzeugt, dass Michael nur aufmerksam zuhörte. Er erkundigte sich sogar aktiv nach den Bestimmungen und beeindruckt.

Am nächsten Tag kam Michael vorbei: “Und wie ist sie?”, fing er an. Dann sah er Erwins Gesicht. “Sag bloß, da ist etwas schiefgelaufen?”
“Ja, ihre Eltern, sie muss dann doch noch ein paar Wochen dort bleiben. Aber dann, wenn das geklärt ist, dann kommt sie. Bestimmt. Sagt sie. Und dann ist das auch so!”, Erwin bekräftigte das mit einem Nicken.
Michael erzählte dann vom Projekt und den Kunden bevor er ging.

“Herr Meierfelder? Sie sind aber einer. Gehen Sie immer so ran?”, Rita schaute ihn mit einem richtig interessanten Augenaufschlag an. Ihr Gesicht konnte wirklich sehr jugendlich und attraktiv wirken. “Also ich wäre ja nicht abgeneigt und single bin ich auch”, setzte sie hinzu. Aber was hatte er eigentlich gesagt?
“Was? Wieso?”
“So sind die Männer, alle. Erst wird geschwärmt, was man mit einer Frau alles machen möchte und dann, wenn es Ernst wird, ein Rückzieher machen. Also ich wäre dabei?, “ sie konnte einen Schmollmund machen. “Immer noch”, fügte sie breit lächelnd an. Er wusste, dass er hier nur mit einer Einladung zum Besuch im kommunalen Kino herauskommt. “Die schönsten Liebespaarszenen von Casablanca bis zur Titanic” kamen dort. Ein Prospekt lag auf ihrem Schreibtisch und Erwin hatte nur bemerkt, dass dort ja nur Paare hingehen könnten.
“Ja, dann. Besorge ich mal Karten. So am Freitag Abend? Spätvorstellung?”, Erwin lud zum ersten Mal eine Frau ein! Mit Elena telefonierte er immer nach Feierabend bevor ihre Arbeit anfing.

Sie spielte mit. Wenn die Frau auf der Leinwand seufzte, seufzte Rita auch. Wenn sie sich nach dem Mann umsah, sah sie Erwin an. Jedenfalls immer dann, wenn Erwin nach links schaute. Er wusste nicht so richtig, was er nun machen sollte. Zum Glück war der Eimer mit den Popcorn zwischen ihnen. Obwohl die Popcorn mit bemerkenswerter Geschwindigkeit verschwanden. Mit den letzten Popcorn war er gespannt, wie der Abend wohl weiter verlaufen würde.
Sie lehnte sich an seine Schulter. Kurz zauderte er, dann legte er seinen Arm um ihre Schulter. So waren sie bei der Casablanca Szene ein richtiges Paar. Ihre Zungen berührten sich. Es fühlte sich vertraut, ähnlich, aber auch ganz anders an, stellte er fest. Von den nachfolgen Szenen bekam er nicht so viel mit. Ihre Hand fühlte er in seinem Schritt. Ein Gefühl, dass er geniessen konnte. Sollte er nun mit seiner Hand unter ihrem Rock aktiv werden? Seine Hand kam zu ihrem Knie, dann presste sie ihre Schenkel zusammen, nahm ihre Hand zurück und richtete sich wieder auf. Frauen waren wohl doch komplizierter als gedacht, kam ihm in den Sinn.

“Wo gehen wir nun hin?”, fragte sie am Ausgang.
“Also …”
“Ich habe Durst. Ein Bierchen beim Willi ist bei mir Tradition, kommst Du mit?”, schlug sie vor.
“Bier? Ich trinke doch nichts und um diese Zeit gehe ich normalerweise ins Bett.”, er fühlte wie er dabei rot wurde. “Äh, also …”
“Meinen Sie etwa mit einer Kinokarte wäre …”
“So habe ich das doch gar nicht gemeint. Der Abend war toll und wir sollten das dabei auch belassen. Geh nur ein Bierchen trinken, ich gehe nach Haus. Und alles ist in Ordnung.”, beeilte er sich zu erklären. Das fühlte sich sogar ganz richtig an.
“Du bist wirklich ein ganz Lieber”, flüsterte sie.
Nach einem eher langen Zungenkuss, den sie einfach nicht beenden wollte, trennten sie sich. Kurz lächelte er ihr noch zu, dann drehte er sich um und ging zügig nach Hause.

9

Und nun saß er in der Ankunftshalle und wartete auf die Frau, die er heiraten wollte. So eine Frau hatte eine eigene Bezeichnung, fiel ihm ein. Verlobte! Das war es. Er wartete auf seine Verlobte, die mit einem Billigflieger in ein paar Minuten landen sollte. Sein Blick ging zur Anzeigetafel. Es war immer noch eine Viertelstunde.

Seine Gedanken wanderten zu dieser Erfahrung mit Rita. Es war ja nichts gewesen. Das war auch gut so. Rita war etwa so alt wie Elenas Mutter. Nun fiel ihm ein, wie ähnlich sich diese beiden waren. Vorher war ihm das gar nicht bewusst. Er hatte sie einmal gesehen, als er Elena an einem Sonntag besucht hatte. Sie wollte ihn ihrer Familie vorstellen. Die Eltern bewohnte eine Wohnung in einem alten Haus am Marktplatz.

An dem Sonntag waren noch Elenas Brüder zu Besuch. Die Mutter verschwand nach der Begrüßung mit Elena in der Küche und er fand sich am Esstisch mit drei ukrainischen Männern wieder. Diese wunderten sich zwar, dass er tatsächlich keinen Alkohol trank. Aber sie schienen das zu akzeptieren. Ihr Deutsch reichte für ein wenig Konversation, bis die Frauen mit dem Essen kamen. Damals fiel ihm die Ähnlichkeit von Mutter und Tochter auf. Nun schob sich das Gesicht von Rita zwischen die beiden. Merkwürdig, wie es doch wohl nur auf Äußerlichkeiten, also Haare, Gesicht und Größe ankam.

Ukrainische Männer müssen Alkoholiker sein, fiel ihm ein. Jeder Mann bekam ein Wasserglas mit Wodka vor dem Essen. Er lehnte seins ab, Elenas Vater trank seins mit. Beim Essen gab es kein Lallen oder sonstige Aussetzer. Die waren das einfach gewöhnt. Soweit er in Erfahrung brachte, machten die Brüder eine Art Ausbildung und waren an dem Sonntag zufällig auch in Lwiv. Ansonsten wohnten die Eltern mit Elena in dieser Wohnung.

Und genau wegen dieser Wohnung verzögerte sich der erste Flug von Elena.
“Stell Dir vor, die wollen das Haus verkaufen”, sagte sie am Telefon.
“Und? Der Käufer übernimmt dann doch die Mietverträge. Und werden die Mieten vielleicht erhöht. Das bekommen wir schon hin, mach Dir da doch keine Sorgen”, wollte er beruhigen.
“Nein, nein. Sie wollen das Haus ohne Mieter anbieten. Dann bekommen sie mehr Geld. Eigentlich ist das verboten, aber die haben Freunde. Unten die Familie haben sie schon verprügelt. Und nun haben wir auch Besuch bekommen. Da kann ich doch nicht kommen.”
“Ja klar.”, stimmte er zu. In ihr Schweigen sprudelte er: “Ich will das nicht. Komm dann aber doch bald nach. Wie lange brauchst Du denn?”
“In zwei Wochen müssen wir draussen sein. Wohin? Ich weiß nicht”, schluchzte sie.
“Sag mal, soll ich kommen?”, bot er an.
“Was machst Du hier? Dann verlierst Du Job und hier kannst Du höchstens das Haus kaufen.”
“Was würde das eigentlich kosten? Ein Haus in Lwiv?”, schlug er vor.
“Hast Du soviel Geld?”
“Eigentlich wollte ich mit Dir ein Haus hier in Deutschland kaufen. So mit Garten und so. Aber das brauchen wir ja gar nicht. Bei euch sollten die Häuser sowieso billiger sein. Frag doch mal, wieviel die haben wollen. Und ich kann hier mal sehen, was meine Bank dazu sagt.”
“Das machst Du wirklich?”
“Wenn es geht, ja.”

Nach ein paar Telefonaten und Besuchen bei seiner Bank fand sich tatsächlich ein Weg, wie das Haus gekauft werden konnte. Mit einer Vollmacht konnte Elena in seinem Namen Immobilien in der Ukraine erwerben. Allerdings gab es wieder die üblichen Gebühren, die offiziell und gegen Quittung preisgünstig waren, aber eine inoffizielle teurere Komponente ohne Quittung voraussetzten.  Er hatte sich an diese Korruption schon gewöhnt. Wenn sie nur käme und ihre Eltern in der Wohnung bleiben konnten, war es ihm auch egal, ob das Geld nun sinnvoll ausgegeben war. Was hätte er sonst damit machen können? Ein Haus mit Garten ohne Elena hätte er sich nie gekauft.

10

Endlich erschien die Meldung, dass der Flieger aus Lwiv demnächst landet. Erwin erhob sich von der Bank und ging zur Absperrung. Durch diese Türen würde seine Verlobte kommen. Mit einem besonders großen Koffer würde sie zur Hochzeit kommen. An den Gedanken musste er sich wieder gewöhnen. Bisher war das alles nur Absicht und Vorhaben, aber nun sollte das Ernst werden. Es waren Milchglastüren, die den Blick nicht direkt in die Halle mit den Gepäckbändern freigaben. Nur ahnen ließ sich die Ankunft von Passagiergruppen. Es war noch viel Zeit. Zunächst mussten sie durch die Passkontrolle. Die, die herauskamen, konnten noch gar nicht zu dem Flieger aus Lwiv gehören. Trotzdem musste er dort warten und den Raum nach einer kleinen Frau mit blonden Haaren absuchen. Meistens war es vergebens, aber dann sah er Elena. Ganz hinten von links kamen Leute von der Passkontrolle. Die Türen schlossen sich wieder. Erwin strahlte. Sie hatte ihren schwarz-roten Rock angezogen. Das musste sie gewesen sein!
Mit der nächsten Öffnung der Türen, sah Erwin, wie Elena sich mit einem Mann unterhielt. Es war ein schlanker, großer Mann. Die beiden lachten, der Mann berührte sie.

Bei den nächsten Türöffnungen war Elena in einer Menschentraube verschwunden. Alle wollten zu den Gepäckstücken auf den Bändern. Ein riesiges Gepäckstück musste Elena dabei haben. Jedenfalls hatte sie einen Zuschlag bestellt, den Erwin nachlösen musste. Vorher hatte sie zwei Koffer angemeldet, einer war in dem Ticket enthalten, den anderen bezahlte Erwin bei der Buchung. Und dann meldete sie noch ein riesiges Teil nach. Wie wollte sie das alles dort heraus bringen? Gerne wäre er ihr dabei behilflich, aber es ging ja nicht.

Auf einem Wagen schob sie eine große Truhe durch die Tür. Er sah ihr rundes, strahlendes Gesicht hinter dem Wagen. Da war er schon bei ihr. Er fühlte ihre Brüste an seiner Brust, ihre Arme an seinem Hals und mit seiner Zunge ihre Zungenspitze.
“Erwin”
“Elena. Endlich”, Erwin stellte sie ab und sah sie an.
“Sie sind also Erwin, der Glückliche”, hörte er eine männliche Stimme neben ihm. Es war ein junger, hagere Mann mit einem Ansatz von Glatze.
“Ja. Erwin. Der Glückliche?”, fragte er.
“Na, sie haben eine bezaubernde Verlobte. Da sind Sie doch glücklich”, sagte der Mann und wies auf seinen Gepäckwagen mit drei Koffern. Einen nahm er hinunter und sagte: “Meine Arbeit ist dann vorbei. Dann wünsche ich Euch alles Gute.”
“Danke”, rief Elena hinterher.
“Wer war das?”
“Weiß ich nicht, hat mir mit der Truhe und den Koffern geholfen. Ein ganz Lieber. Gut nicht”. Das war seine Elena. Wenn es schwer wurde, fand sie immer jemanden der ihr half. Irgendwie schmerzte der Gedanke.

Die Koffer und die Truhe passten so gerade in seinen Kleinwagen. Ihm war das irgendwie peinlich. Warum musste er solch einen alten Wagen fahren.
“Schön. Passt so gerade”, kommentierte Elena und ihr Lächeln deutete keinen Vorwurf an.
“Wir brauchen dann irgendwann einen größeren Wagen”, meinte er.
“Wieso? Der ist doch groß genug”
“Also ich will schon, du doch auch?”
Sie küsste ihn.
“Ich will eine Tochter”, befand sie.

Vor dem Haus hatte er dann eine unerwartete Aufgabe. Die Koffer konnte er alleine hinauf tragen. Es waren drei Stockwerke ohne Fahrstuhl.
“Was ist eigentlich in der Truhe?”, fragte er.
“Ist Aussteuer. So Bettwäsche, Geschirr, Besteck und Vorhänge. Das braucht die Frau zum Heiraten. Ist von Mutter.”, erklärte Elena.
“Das habe ich doch alles.”, wandt Erwin ein.
“Jedes Mädchen braucht Aussteuer. Und Mutter hat diese Truhe von ihrer Mutter. Und ich gebe sie meiner Tochter. Warum nicht in den Keller. Ist doch trocken?”
“Na gut.”
“Später, aber”. Elena küsste ihn.

Geschwind ging sie nach oben. In jedem Stockwerk wartete sie auf ihn. Wie ihr Rock wippte zu ihren Schritten. Das Gewicht der Koffer merkte er gar nicht.
Kaum waren sie in seiner Wohnung, da zogen sie sich aus und holten nach, was er die Monate lang vermisst hatte. Ihm fiel auf, wie hungrig sein Tier war.
“Ich muss Dir was sagen", fing Elena an, als er erschöpft neben ihr lag.
“Sagen? Warum? Wir können später auch noch reden.”
“Nein, nein. Mir ist wichtig.”
“Ja, dann”, was kam nun?
“Mein Bruder hatte die Idee”, er fragte sich sofort, welcher der zwei Brüder eine Idee haben konnte. Aber es konnte ja nicht alles glatt verlaufen.
“Wie soll ich ihm helfen?”, bot er ohne zu zögern seine Hilfe an. Er würde alles für sie und ihre Familie tun.
“Gar nicht. Es ist dein Name”
“Will er auch Meierfelder heißen?”
“Nein, nein. Es ist nur, er hat ein Grab mit dem Namen ‘Meierfelder’ gesehen. Und da hat er dann die Idee gehabt. Wir haben Dich einfach in der Ukraine mit angemeldet. Du bist nun auch in der Lage dort ein zu kaufen. Gut nicht wahr”
“Das ist doch für Deine Eltern. So war das doch geplant”
“Nein, nein. Das ist ja das. Wir haben das Haus auf deinen Namen eingetragen. Und alle Dokumente auch nach Deutsch und mit Stempel übersetzt. Gut, nicht”
Wie schön das Gelb in ihren Augen strahlte. Er ließ sie in der Nacht nicht mehr aus den Armen.