Sonntag, 23. Oktober 2016

Unpassend

"Stell Dich einfach zu einem Grüppchen dazu und mach halt den Zuhörer, der dazu gehört. Hör zu, lach mit und immer gut drauf sein."
"Du spinnst"
"Nein, glaub mir. Das funktioniert schon. Die kennen sich untereinander doch gar nicht. Jedenfalls nicht so richtig. Jeder kann wichtig sein. Keiner traut sich nachzufragen, wer denn der andere ist. Es könnte ja ein Wichtiger sein, den man einfach kennen muss. Und, wenn man den nicht kennt, gehört man ja vielleicht selber nicht so richtig dazu."
"Wie?"
"Menschen sind doch immer so Gruppenwesen. Man gewöhnt sich an die Leute, die um einen drumherum stehen. Die waren schon immer da, also gehören die dazu. Die haben mitgelacht, also sind die derselben Meinung. Das sind alles Besucher, die sich für Kunst interessieren, die zeigen wollen, welche noblen Wesen sie sind. Ich bin auch nobel und hier und gehöre offensichtlich nicht zum Personal. Also kann ich doch einfach dazu gehören. Auf einer Vernissage habe ich das schon einmal gemacht und es hat funktioniert. Und? Wer weiß, vielleicht läuft ja noch etwas", die rechte Hand des Kollegen griff in die Luft und schien etwas in seine Tasche zu stecken.
"Was soll da schon ..."
"Sekt bestimmt, gutes Essen und wer weiß ein Tipp, wie Geld verdient wird. Die Weiber in diesen Schichten sind auch manchmal so richtig geil und suchen richtige Männer. Wir sind doch richtige Männer! Und wir verlegen die besten Rohre", der Kollege lachte und ging zum Eingang.
Er sah seinem Kollegen hinterher. Dieser ging tatsächlich hinein, vorbei an dem Empfangsdiener im schwarzen Anzug. Der Kollege nickte, der Diener nickte. Eine Kontrolle oder Frage, ob eine Einladung vorläge, gab es tatsächlich nicht.
Langsam folgte er.
Fiel dem Diener sein schwarzer Ohrtunnel nicht auf? Waren auch die fleckigen Hosenbeine kein Thema? Wieder nickte der Diener einfach zurück. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich kurz, ganz kurz, die rechte Augenbraue des Dieners leicht hob.
Egal, nach ein paar Schritten wurde ihm "Sekt, Orangensaft oder Sekt-Orange" angeboten. Sie sah ihn mit blauen Augen an. Ihr Mund lächelte süß, der Ausschnitt gab nicht all zu viel frei, der Rock bedeckte die Knie und er fand sich mit einem Glas Sekt in der rechten Hand wieder. Ihre weiße Schürze war in weißer Schleife über ihrem runden Arsch zusammen gebunden. Es war ein gut schmeckender Sekt. Der Kollege stand bei einer Gruppe und hörte interessiert einem glatzköpfigen Mann mit Fliege zu. Die Gruppe lachte laut, der Kollege lachte mit.

"Ein Kanapee?" hörte er wieder eine Frauenstimme. Diesmal hatte sie braune Augen. Das Lächeln gefiel ihm wieder und die angebotenen Häppchen hörten wohl auf den Namen 'Kanapee'. Mit der linken Hand griff er zu. Es war ein Weißbrot, mit einem kalten Braten belegt. Der Senf war seltsam süß, aber gut.
Nachdem er einen Bissen geschluckt hatte, musste er grinsen. Für ein Sofa schmeckte das doch ganz gut, fuhr ihm durch den Kopf. Das Grinsen wurde von einer, nein der Frau erwidert!
Sie hatte pechschwarze Augen. Ganz kurz grinsten sich die beiden an, dann wandte sie sich wieder ihrer Gruppe zu. Ihre Haare fielen in Wellen bis hinunter zu ihrem richtig runden Hinterteil. Was hatte sie nur für hoch hakige Schuhe an? Konnte es sein, dass ihn solche Schuhe anmachten? Oder war es die Figur dieser leicht orientalischen Schönheit?
Er nahm einen Schluck und bemerkte ihre lila gefärbten Lippen. Es war genau das richtige Lila, das sich so in der Farbe ihrer Haare wiederfand. Jedenfalls, wenn das Licht aus der richtigen Richtung kam.
Das Kanapee  war vertilgt und auch im Glas war nicht mehr. Er stellte es auf einen Tisch und überlegte, ob er es wirklich probieren sollte. Sah sie ihn etwa wieder an?

"Nein!" röchelte es neben ihm. Sie sah wieder weg. Sollte er nun losgehen?
"Nein!", röchelte es entschieden. Er bemerkte einen neuen Nachbarn, der sich wohl bemerkbar machen wollte. Kaum drehte er sich in diese Richtung röchelte es wieder "Nein".
Der Nachbar hatte ein Paar weiße Augen. Sein Kopf schreckte zurück. Was war das?
Nun röchelte es "Na? Du".
Er trat ein Schritt zurück.
"Gruselig, nicht wahr?" sagte der, nun grinsende, Nachbar.
"Damit habe ich gar nicht ..."
"Eben, das ist es ja! Halloween ist erst nächste Woche! Und hier ist alles so ernst!", der junge Mann war  ein Pflichtgast.
Nach einem weiteren Glas stellte sich heraus, dass es sich um den Sohn der Gastgeber handelte. Dieser wollte eigentlich so richtig Chaos machen, aber nun traf es sich ja, dass ein weiterer unpassender Gast anwesend war.
Die beiden tranken noch ein Glas Sekt, dann schlug der Sohn vor, doch etwas Stärkeres zu trinken. Die beiden gingen in die Bibliothek. Dort befand sich eine kleine Bar mit interessanten Flaschen. Interessiert stellte er fest, dass Whiskey wohl wirklich besser schmeckt, wenn er längere Zeit in Holzfässern gelagert wurde.
Auf dem Sofa wurde ihm eine Zigarre angezündet, die Musik spielte leise im Hintergrund. Der Sohn war schon irgendwie interessant. Aber als ihm Oralsex angeboten wurde, sagte er zunächst "Prost" und er lachte auch noch. Der Sohn schien es jedoch Ernst zu meinen.
"Stell Dich nicht so an. Ich blase so gut, wie Du es noch nie bekommen hast", bekräftigte er. Dazu legte er seine Stirn in Falten.
Als er eine Hand in seinem Schritt fühlte, stand er ruckartig auf. Der Whiskey machte sich schlagartig bemerkbar.
"Ich muss hier weg", sagte er mehr zu sich selbst, als er einfach ging.
"Du bist homophob, Du Arsch", rief ihm der Sohn nach.

Wie er es genau zu dem Transporter geschafft hatte, wusste er nicht mehr so genau.
"Puh", sagte er und zog an der Fahrertür. Sie war zu. Der Kollege war wohl noch beschäftigt. Er hockte sich hin und wartete.
Langsam wurde ihm kalt.
Endlich sah er den Schatten aus dem Eingang kommen. Der Kollege kam sichtlich schnurstracks zum Transporter. Erfreut bemerkte er ihn: "Na, dann können wir ja losfahren. Wie war es bei Dir? Auch was abbekommen?"
"Whiskey mit einem ... na ja ... getrunken. Was sollte der Scheiß?"
"Keine von den Schnallen angemacht? Nichts mitgenommen? Schau mal hier", der Kollege holte eine Perlenkette aus seiner Hosentasche. "Lag auf ihrem Nachttisch. Braucht sie doch bestimmt nicht, wenn sie es einfach so herumliegen lässt. Meinst Du nicht?"
"Ey? Die zeigt Dich an. Das geht doch nicht. Scheiße!"
"Was soll sie sagen? Dass sie es mit einem älteren Klempner getrieben hat, der die Toiletten repariert hat? Wer glaubt denn so etwas?"