Freitag, 19. August 2016

Auf die Schnelle

Der Guglhupf war gelungen! Zufrieden strahlte Elli das Ergebnis ihrer Backanstrengung an. Wie von ihrer Mutter gelernt, hatte sie die gesamte Form, gerade auch die Ecken, mit Butter eingeschmiert. Er kam vollständig aus der Form. Geschwind verteilte sie noch den Puderzucker darüber und verstaute ihre Überraschung in ihrer schwarzen Einkaufshandtasche. Probeweise hob sie diese vorsichtig hoch. Vom Gewicht her ging das! Das würde so heil ankommen. Es galt mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt zu fahren, mit dem Fahrrad würde der Guglhupf nie ankommen. Jedenfalls nicht in einer ansehnlichen Form. In der anderen Hand könnte sie noch die Sonnenblumen halten, wenn sie die Kuriertasche nehmen würde. Diese hatte sie von ihrem Vater geerbt. Sie wurde schräg getragen, den Riemen über die rechte Schulter und die Tasche dann an der linken Hüfte. Sie probierte das aus. Mit der rechten Hand die Tasche mit dem Guglhupf und in der linken die Sonnenblumen. So würde das gehen. Sie könnte immer die schwere Tasche vorsichtig absetzen, wenn es galt eine Bus- oder Bahntüre zu öffnen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie mal wieder zu früh war. Detlev hatte gesagt, vor 14:00 wären sie bestimmt nicht ansprechbar. Er hatte in der Mehrzahl geredet! Ihr Sohn würde nicht alleine sein und sie dürfte seinen Liebling kennen lernen.



Frisch aus dem Bett machte ihr der nur mit einem Badetuch bekleidete Sohn auf.
"Du bist zu früh"
"Ach, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag" umarmte sie ihn. Spürte sie da etwa eine Erektion? Schnell löste sie ihre Arme wieder. Ihr Sohn schüttelte nur den Kopf, drehte sich um und ging mit "Wir kommen dann gleich" in sein Schlafzimmer.
Sie lächelte. Soll er doch seinen Spaß haben. So prüde war sie jedenfalls nicht, wie es ihr Vater damals gewesen war.
Aus dem Schlafzimmer drangen Bettgeräusche. Warum auch nicht. Wenn zwei verliebt waren, dann war das eben so. In der Küche befüllte sie schon einmal die Kaffeemaschine. Zweistimmiges Grunzen klang aus dem Schlafzimmer. Beides war eher tief als hoch. Sollte Detlev etwa? Das wäre ja einmal spannend. Sie hätte da ja kein Problem mit. Ob Dieter das auch sieht? fragte sie sich als sie den Guglhupf aus der schwarzen Einkaufshandtasche hob.
Auf einem flachen Teller drapierte sie ihn. Aus der Kuriertasche holte sie dann zwei ganze Kerzen und eine halb abgebrannte Kerze. Diese verteilte gleichmäßig auf den Guglhupf. Zwar wurde Detlev fünfundzwanzig, aber so viele Kerzen wären Verschwendung. In der Dusche tat sich schon etwas. Gingen sie zu zweit in die Dusche, so wie sie es früher immer getan hatten? Sie ging nicht aus der Küche, sondern suchte ein Wasserglas für die Sonnenblumen. Aus der Anrichte holte sie zwei Gedecke. Nachdem sie diese aufgebaut hatte, erschrak sie und holte schnell noch eines nach.

"Da bin ich" strahlte ihr Sohn aus dem Bademantel. "Mein Schatz kommt auch gleich. Dann könnt ihr Euch mal kennenlernen"
"Schön, dass Du jemand gefunden hast. Hast Dir ja soviel Zeit gelassen."
Detlev setzte sich an den Tisch. "Omas Guglhupf?"
"Von mir, nach Omas Rezept. Hoffentlich schmeckt er genauso gut. Ich habe Vollkornmehl genommen, vom Biobauern. Kannst Du Dich an den noch erinnern? Stell Dir vor, die haben da ein sogenanntes Eiermobil. Das hast Du noch nicht gesehen. Das ist so eine Hühnerschar mit fahrbarem Stall. Die sind dann frei auf einer Wiese und legen die Eier in ihrem, ja, Campingwagen."
"Hühner? Campingwagen? Wie?"
"Das haben einen Wagen mit Schlafplätzen für die Hühner, dann fahren sie auf die Wiese, machen einen Zaun herum und lassen die Hühner frei herumlaufen. So sind das sozusagen Freilandeier. Und es ist nicht so dreckig, weil die Hühner ja immer woanders ..."
"Na, mal probieren, ob man das ..."
"Finger weg. Das ist doch ein Geburtstagskuchen. Die zünde ich gleich an." Sie wollte schon ihre Streichhölzer aus ihrem Ledertäschchen kramen, da kam jemand in die Küche.

"Ah, da ist mein Schatz. Corinna das ist Elli, Elli das ist Corinna" begrüsste Detlev die Frau mit der auffällig rosa Strähne über der Stirn. Es war ein richtig künstliches Rosa, dessen Wirkung durch die schneeweiß gefärbten Haare noch betont wurde. Elli fragte sich, wie das denn hinbekommen hatte. Sie umarmte die Frau, gab ihr ein Küsschen links und eines rechts. Corinna war bestimmt zehn Jahre älter als Detlev, aber das sollte doch nichts mehr ausmachen?

Kaum saß man am Tisch, zündete Elli die Kerzen an.
"Nun noch ein 'Happy Birthday' singen" kündigte sie an.
"zwei ein halb?" fragte Corinna
"Jede steht für 10 Jahre, das würde ja sonst viel zu viel."
"Du bist erst 25? Mein Kleiner, so jung. Und so." Corinna umarmte Detlev und gab ihm einen langen Kuss auf dem Mund. Anschließend wand sie sich nach Elli um und grinste.
"Das ist ja ein Ding. Madonna" Corinna unterbrach sich und lachte. "Ich und Madonna, geil. Na jedenfalls sagt Madonna über ihre jugendlichen Lover, dass die nicht so richtig wissen was sie tun, aber das tun sie so oft."
"Eh" Elli wusste nicht so recht was sie dazu sagen sollte. Corinna erwartete auch keine Antwort. Sie widmete sich wieder Detlev, der das Streicheln ihrer rechten Hand sichtlich genoss. Diese fuhr von seinem Hals über den Ausschnitt des Bademantels zu einem von Elli nicht direkt einsehbaren Bereich unter dem Tisch.

"Also!" unterbrach sie die beiden. "Wir feiern hier Geburtstag, oder?"
Sie stimme 'Happy Birthday' an. Corinna nahm schnell ihre Hand zurück und stimmte mit ein. Detlev bedankte sich, blies die Kerzen aus und dann machten sich die drei an den Kuchen.

Er schmeckte besser als Omas Kuchen bestätigte Detlev. Oma hatte ja auch immer beim Discounter gekauft und Qualität setzt sich einfach durch. Nach dem ersten Stück fragte Corinna: "Sag Elli, Du heißt doch eigentlich Elfriede nicht wahr? Das wäre dann Elfriede Stelle, oder?"
"Sind die Plakate schon draußen? Elfriede auf der Stelle, Platz eins auf der alternativen Liste zu den Stadtverordnetenwahlen. Demnächst bin ich bei denen im Rathaus. Ich habe nämlich ..."
"Wusste ich es doch! Damals? Zeltlager bei den Pfadfindern? Erinnerst Du Dich nicht?"
Zu Detlev gewandt, fuhr sie fort: "Wir nannten sie während des Lagers, nur Elfriede auf die Schnelle. Kaum war sie im Abteil mit den Jungs, hat sie die vernascht."