Freitag, 1. Juli 2016

Nutzwert

"Hallo" sagte er, als er sein Tablett neben ihres platzierte. Sie nickte ihm kurz zu und die Ecken ihres Mundes zogen sich ein klein wenig auseinander. Er nahm das Zeichen erfreut als einen kleinen Erfolg wahr.
Es war ja nicht so, dass er unbedingt etwas erobern musste. Seinen Wert auf dem Flirtmarkt wollte er mit seinen morgendlichen Ausflügen aus der Kanzlei feststellen. Um diese Zeit waren die Tische der Cafés in der Fußgängerzone meistens von Rentnern besetzt, so dass an den Stehtresen informell und zufällig mehr oder weniger hübsche Frauen angesprochen werden konnten ohne dass es direkt aufdringlich wäre.
"Haben wir uns nicht schon mal gesehen?"
Sie schaute ihn kurz ins Gesicht und sprach "Nein, nicht das ich wüsste".
Die ersten Worte waren gewechselt. Es galt zu schmeicheln und zu imponieren.
"Ich weiß jetzt womit ich sie verwechsle" fiel ihm ein. "Sie sehen der ersten Frau von Boris Becker ähnlich." Zwei kleine Grübchen erschienen auf ihren makellosen Wangen!
"Wie hieß die denn noch gleich?" Es galt eine Unterhaltung anzufangen und nicht schwallen!
"Boris Becker? Muss ich den kennen?" Die Grübchen waren immer noch zu sehen. Kurz hob sie ihre Augenbrauen.
"Eigentlich ein bekannter Tennisspieler. Eigentlich ...". Es galt ihr zu schmeicheln und nicht ihre Unkenntnis zu kritisieren.
"Im Fernsehen war die beiden mal angesagt. Sie war wohl Fotomodel. Und Sie haben den gleichen Teint und  Ihr Gesicht hat dieselbe Form. So afrikanisch, asiatisch oder auch segelgebräunt nordisch. Interessant und exotisch eben."
Sie zeigte ihre Zähne, gluckste kurz und entgegnete: "Sie machen das nicht zum ersten Mal?"
Seine rechte Hand führte er zu seiner Brust: "Ich habe das nicht absichtlich gemacht. Aber in der Nähe einer schönen Frau muss ich einfach ...".
Ein Stoß in seinen Rücken unterbrach ihn.



"Was soll denn das?" erbost drehte er sich um. In seiner Jugendzeit war das immer ein Anlass sich um ein Schneckle zu schlägern. Der Gewinner bekam sie. Leider war es nur ein unförmiger, alter Mann mit riesengroßen Kopfhörern auf seinem Kopf. Das glänzende Schwarz der Muscheln betonte das Grau seiner restlichen Kopfbehaarung. Ein Plastikbogen ging von einem Ohr über die Nasenlöcher zum anderen Ohr. Vor jedem Ohr lief darin ein kleiner Schlauch zu einem Nasenloch. Wie eine Art Zombie lief er an den beiden vorbei.
"Was ist das denn. So richtig surreal. Mit so einem Ding liegt man doch immer auf Intensivstationen herum" kommentierte er ohne groß zu überlegen.
In ihrem Gesicht verschwand jeder Anflug von Grübchen.
"Der Arme hat wohl eine Art von Lungenkrankheit. In seinem Rucksack wird eine Sauerstoffflasche sein mit der er atmen kann."
Kopfschüttelnd widmete sie sich ihrer Butterbrezel.

So richtig weiter wusste er nun nicht. Da war ein Anfang gemacht. Ein eher langer Blick glitt von ihrer oberen Rundung über ihre Kehle zu ihrer Nase bis zu dem Augenlid ihres linken Auges. Ihre langen Wimpern waren einzeln nach oben gebogen!
Die Marmelade war wie immer gut und passte gut zur dunklen Vollkornscheibe. Kauend genoss er die erste Scheibe Brot seines Frühstücks. Ein Blick ging wieder nach rechts. Diesmal blieb er auf ihrer oberen Rundung. War das nun ein Stütz BH? Oder würde diese wunderbaren, runden Bälle ihre Form auch ohne behalten?
Er sollte noch mal aktiv werden!
In dem Moment hörte er von rechts: "Lisa, hast Du es geschafft."
Eine fette Blondine in seinem Alter gesellte sich zu der braunen Schönheit. Nun war es gelaufen. Für ihn war da wohl kein Platz mehr.

Die Frauen schienen sich über Gardinen zu unterhalten. Oder waren es Lippenstifte? So genau konnte er das gar nicht verstehen.
Langsam beendete er sein Frühstück. Wie immer hob er sich den Kaffee zum Schluss auf. Es schienen Lippenstifte zu sein, jedenfalls hatte die Blondine ein spitz zu laufenden, dicken Stift in der Hand. Wie groß die neuerdings zu sein schienen!
Mit dem Löffel rührte er in seinem Kaffee, da fiel ihm ein, dass er ja ein wenig Musik machen konnte. Frauen mögen Musiker! Take-Five, das alte Jazzstück im 5er Takt, konnte er mal trommeln. Ob das auch mit dem Löffel und der Tasse ging?
Eins, zwei, drei, vier auf die Untertasse und fünf auf die Tasse geschlagen. Das machte er zweimal, dann sagte er, in eben diesem Rhythmus, "dumm, dumm, dumm". Zwei- oder dreimal machte er das, dann hörte er "Wilfried?"

Es war leider die fette Blondine.
"Wilfried stimmt, aber? Woher? Ich kann Sie Dich nicht so richtig unterbringen?" Er ging an der Schönheit vorbei, nicht ohne zufällig mit der Außenseite seiner linken Hand ihren runden Arsch gestreift zu haben. Dieser wurde nicht zurückgezogen, so dass ja noch nicht alles verloren schien.
"Marina! Vom Gymnasium. Du hast das immer in Bio gemacht. Diese Melodie."
"Nach so langer Zeit. Unverändert. Lass Dich" Schon umarmte er sie und küsste sie links und rechts. Frauen finden Männer mit Frau attraktiver, hatte er mal gelesen. Macht ja auch Sinn. Bei Bier und Wein ist das ja auch so. Wenn jemand sagt, das ist lecker, dann probiert man doch selber auch mal. Zwar konnte er sich nicht mehr so genau an die einzelnen Mädchen erinnern, aber eine Blondine war dabei.
"Was waren wir nicht für ein Paar! Ist deine Freundin auch ..."
"Nein, nein. Wir sind sozusagen Geschäftsfreundinnen" erwiderte Marina.
"Aber? Sag mal ein Paar? Lass mal überlegen?"

"Ja, doch. Da war was." Wie alle anderen Frauen auch, erinnerte sie sich an Wilfried. "Es war bei Alfons die Sonnenwendfeier" begann sie ihre Erzählung. "Stell Dir vor Catalina. Ich hab die Hosen verwechselt und ihn dann ausprobiert."
"Wie die Hosen? Erzähl". Catalina und auch er hörten gespannt weiter zu.
"Alfons war ja der Kiffer bei uns damals. Das war einer der ersten selbst angebaut hatte. Stell Dir vor im Vorgarten. Damals. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls bekomme ich danach immer ein wenig Hunger und es war ja nichts mehr da. Alfons sagte: 'Kannst mir ja einen Blasen, das ist auch nahrhaft', ich also unter den Tisch und mache die verkehrte Hose auf. Eben die hier vom Wilfried". Sie tippte ihn auf die Brust. Eigentlich sollte sie nur sagen, dass es super toll war. Aber sie fuhr ungeniert fort: "Sein Ding ist ja einmalig. Es hat die nach oben gekrümmte Form, dünn der Schaft und oben drauf die Eichel ist so groß wie eine Walnuss. Hat genau hinein gepasst und genau ausgefüllt." Sie demonstrierte die Größe mit ihrem Mund.
Catalina holte etwas aus ihrer Handtasche. Es war ein Art Haken aus Plastikkugeln. Die erste Kugel war so groß wie eine Walnuss, daran waren zwei kleinere Kugeln hintereinander geklebt. Dann kamen zwei Kugeln,die abgeknickt waren. Abgeschlossen wurde der Haken nicht von einer Spitze, sondern von einem kleinen Zylinder mit einem Knöpfchen.
"Die hier füllt auch so gerade den Mund." Catalina steckte sich die dicke Kugel in den Mund und zog sie wieder heraus. Ihm dämmerte der Nutzen des Geräts. "Das ist unser neuestes Modell. Ich probiere es heute Nacht mal aus. Bin schon ganz gespannt."
Marina kommentierte es: "Ein geiles Teil. Das ist ein tolles Design. Die Kugel ist von der Größe genau richtig, könnten wir in unterschiedlichen Varianten auch anbieten und die kleineren Kugeln sollten beim Höhepunkt ein stärkeres Schliessen der Vaginalmuskulatur ermöglichen. Musst Du mir unbedingt erzählen, wie das wirkt."
Ihr Blick fiel auf ihn, wie er so leicht errötet dabei stand. "Seiner ist ja ein klein wenig länger, aber es wird ja auch nie so richtig eingeführt. Das geht ja anatomisch gar nicht. Er kam auch immer so schnell, da bin ich ja nie zum Abschluss gekommen." Sie legte ihren Kopf zur Seite und fragte, mädchenhaft lächelnd: "Du kannst doch bestimmt länger. Nach all den Jahren. Hast doch bestimmt geübt?"
Alles, was er herausbrachte, war "Das ist doch krank", dann ging er zu seinem Tablett.
Catalina lachte, legte ihre linke Hand auf seine rechte und meinte: "Ein Vergleich wäre nicht schlecht, was meinst Du?"