Freitag, 8. Juli 2016

Der Onkel


"Sie sind der Herr Stossel? Ihre Frau oder Gefährtin oder wie auch immer das heutzutage genannt wird, ist schon im Kreißsaal. Kommen Sie mal mit" meinte die Krankenschwester auf der Frauenstation. Aufgeregt folgte er.
"Zum Glück ist es ja nicht die erste Schwangerschaft, sonst könnten Sie das vermutlich gar nicht mit erleben."
"Bitte?"
"Über vierzig wird fasst immer Kaiserschnitt gemacht. Die Beckenknochen, Sie verstehen."
"Äh, ... hoffentlich wird mir nicht schlecht. Ich war noch nie dabei."
"Kennen wir, macht nichts. Hier ziehen sie den Kittel an, Hände waschen und dann hinein."
Wenig später war er neben ihr.
"Du bist ja tatsächlich noch rechtzeitig gekommen." war ihre gestöhnte Begrüßung. Sie griff seine Hand und ließ sie auch nicht mehr los.
"Und nun kommt es gleich" meinte die Ärztin. Die Befehle "Hecheln" und "Pressen" kamen im Wechsel. Sybille tat wie ihr geheißen. Dazu stöhnte und schwitzte sie. Er bewunderte den Wechsel in ihrem Gesichtsausdruck. Da war nichts reserviertes, kontrolliertes mehr. Das hier war richtiger Kampf. Er war froh, dass er nicht mit ansehen musste, wie da am anderen Ende etwas herausgepresst wurde. So wurde ihm auch nicht schlecht.
Die ganze Sybille schrie, unten wurde etwas geborgen. Es krähte ganz leise, dann wurde es in Tüchern von einer Schwester in den Nebenraum getragen.
"Gehen Sie nur mit, das machen alle Väter."
Im Nebenraum, nur durch einen Vorhang vom Kreißsaal getrennt, legte die Schwester den kleinen in eine Wanne.
"Ist er nicht süss? Und alles dran, sehen Sie mal" die Schwester deutete auf den winzig kleinen Schniepel. Er schaute mehr in das Gesicht des Kleinen. War er wirklich der Vater?
Ein kurzer Blick reichte und er war sicher.
"Der sieht mir doch ähnlich?" fragte er die Schwester.
"Immer die gleiche Frage. Immer die gleiche Antwort. Ja, wie aus dem Gesicht geschnitten" lachte diese. Sie trocknete den Kleinen ab, legte ihn in ein Handtuch und gab ihm das Bündel. "Vorsichtig. Bringen Sie ihn zur Mutter. Sie sollte gleich mit Stillen anfangen."
Wie klein so sein Köpfen doch war! Vorsichtig trug er ihn zu Sybille.
"Unser Sohn" sagte er.
"Mein Sohn" antwortete sie und legte den Säugling an. Bevor eine Diskussion anfing, wurden Mutter und Baby aus dem Kreißsaal geschoben. Der Vater folgte.

Als Lehrerin war sie privat versichert und hatte ein Einzelzimmer mit einer Krippe.
"Es ist unser Sohn" sagte er noch einmal. "Oder etwa doch nicht?"
"Schon, aber Du wirst nicht bleiben. Das habe ich schon einmal erlebt. Es ist besser ich gewöhne mich an 'meinen Sohn'."
"Ich bin da anders. Nie könnte ich Dich und den Kleinen verlassen. Wirst sehen"
Sybille antwortete darauf gar nicht mehr. Sie war müde und kümmerte sich nur um ihr Baby. Wie es sofort nuckelte!
Er schaute den beiden zu. Das musste nun seine Familie werden. An ihn sollte es nicht liegen. Obwohl sie ja mindestens fünf Jahre älter war. Das sollte in diesen Zeiten aber doch keinen Unterschied mehr machen. Mit Isabelle, das war mehr eine Wohngemeinschaft geworden. Warum musste sie eigentlich für zwei Monate nach Polen? Da konnte er einer Frau wie Sybille gar nicht wider stehen. Isabelle verzieh ihm das.
Als er vor drei Monaten die schwangere Sybille traf, war er überrascht, wie attraktiv sie auf ihn wirkte. Isabelle konnte da nicht mehr mithalten, so sehr sie sich auch bemühte. Es ging auseinander. Wie sie auf Sybille fluchte, die ja nur von irgendwem ein Baby haben wollte.
Wer wollte nun das Baby haben? Wie stolz er darauf war, so etwas gemacht zu haben.
"Leg ihn in seine Krippe" sagte die Mutter.
Sie brauchte ihn! "Sicher, klar. Aber willst Du ihn nicht bei ..."
"Ich schlaf nun erst mal." Sybille drehte sich tatsächlich weg. Was war das nur für eine Mutter? Der Kleine! Der war auch müde. Jedenfalls waren die Äuglein geschlossen. Vorsichtig legte er das Bündel in die Krippe. Soll er es auf den Rücken oder auf dem Bauch legen? Er entschied sich für den Rücken. Am Ohr sah er genau die Muschel, die alle männlichen Stossels haben.

Kaum sass er auf seinem Besucherstuhl, wurde langsam die Türklinke heruntergedrückt und eine Krankenschwester schaute hinein. Sie ging leise zum Bett und zur Krippe, dann sagte sie leise: "Lassen Sie sie einfach schlafen. Kommen Sie."
Vor der Tür erklärte sie ihn: "Das war ja eine Geburt ganz ohne Komplikationen. Kein Riss, kein Schnitt und kein Winzling. Die Mutter hat sogar schon Milch. In zwei, drei Stunden wird sich der Kleine wieder melden. Bis dahin ... Schlafen"
"Ah, wie Riss? Schnitt? Winzling?"
Die Krankenschwester trat einen Schritt zurück: "Überlegen Sie doch mal." mit ihren Händen formte sie einen Kreis. "So groß ist das Köpfen, das durch das Becken der Mutter herausgepresst wird. Wenn das erste Kind da durch ist, kommen die nächsten immer ohne Probleme. Sie sind aber zum ersten Mal Vater, nicht wahr?"
"Ja." Er wusste nicht so richtig, wie er darauf antworten sollte.
"Kümmern Sie sich um die Wohnung, die Formulare und so weiter. Ruhen auch Sie sich aus. Seien Sie eine Hilfe! Das mit dem Stillen und so, ist nicht ihre Aufgabe. Noch nicht!" lachte sie.

Zu Sybilles Wohnung hatte er keinen Schlüssel. Betrinken wollte er sich zunächst, aber dann fand er die Idee doch doof und fand sich dann nüchtern in seiner Küche. Mit Isabelle trank er Tee und erzählte vom Kreißsaal, dem Schreien und seinem kleinen Sohn. Nachdem er von den Erkenntnissen betreffs Becken und Babykopf erzählte, kam das Gespräch auf das erste Kind Sybilles. Wo war es? Warum war es ihm nie aufgefallen? Sybille war dann ja gar nicht eine kindlose Frau in Torschlusspanik. Normalerweise wurden doch Mütter und Kinder nicht getrennt. Ihm fiel das recht große Kinderbett in Sybilles Arbeitszimmer ein. Sybille meinte nur, dass ihn das ja nichts angehen würde. Wollte Sybille ein Kind nur so als Baby? Und danach sollte sich der Vater darum kümmern? Isabelle machte ihm klar, dass sie das nie mitmachen würde. Er lag die ganze Nacht wach neben seiner schnarchenden Mitbewohnerin.

Am nächsten Morgen wollte er Klarheit. Entschlossen öffnete er die Tür zu Sybilles Zimmer und traf ein blondes Mädchen neben der Krippe an. Es hatte seltsam ungepflegte Haare. Das passte nicht zu Sybille.
"Hallo, wer bist Du den? Wo ist Sybille? Was machst Du hier?"
"Ich passe auf Moritz auf. Das ist mein Onkel" grinste sie und zeigte ihren fehlenden, linken Eckzahn.