Freitag, 10. Juni 2016

Vögeln

Die haben gerade gevögelt! Das Mädchen musste lächeln, als sie sich gewahr wurde, dass die beiden vor ihren Füßen gevögelt haben Sie streckte ihm einfach das Hinterteil hin, er sprang auf, wackelte ein paar Mal, dann sprang er hinunter und wartete. Sie war mit dem gebotenen wohl nicht einverstanden und flog weg. Schade! dachte das Mädchen. Da hat der Meiserich so schön gesungen. Als die Meise landete, kam er von seinem Busch herunter und hatte sich von seinen besten Seiten gezeigt. Mehrfach flatterte er auf seine Auserwählte zu. Bis sie ihn schließlich einfach ließ. Er schaute ihr nach und flog wieder zu seinem Busch. Sein Gesang rief wieder nach einer willigen Frau für sein Nest. Das war das Programm der Natur für Meisen und andere Singvögel! Das Mädchen fragte sich nach dem natürlichen Programm für sie selbst. Warum konnte sie nicht einfach mit einem von den Jungs auf der Feier? Es standen doch genug zur Auswahl, aber nein, sie musste einen auf Jungfrau machen und vorzeitig nach Hause. Zu früh durfte sie da nicht auftauchen, immerhin war ja eine wilde Party bei Marina mit jungen Männern verabredet. Sie sollte auf keinen Fall die Kondome vergessen, hatte ihre Mutter sie ermahnt. Frühestens um acht konnte sie heimkehren. Sie schüttelte ihren Kopf. Was war sie nur für eine verrückte Nudel!
Da hörte sie ein Schleifen und ein leises Fluchen von rechts.
Es war ein Mann. Vermutlich war es ein Penner, der seine Habseligkeiten in einem Rollkoffer hinter sich herzog. Sie wartete gespannt. Der Mann hielt sich mit der linken Hand den Bauch, mit der rechten zog er den Koffer. Im Kies rollte dieser nicht so richtig. Immer wenn es hakte, fluchte der Mann und zog kräftiger an dem Koffer. Bedrohlich sah diese Begegnung im Morgengrauen nicht aus. Der Mann bemerkte sie, als er an dem Busch mit dem Meiserich kam. Er richtete sich auf und ließ den Koffer los. Sein Lächeln erwiderte sie, aber bevor er etwas sagen konnte, fiel er zu Boden. So wie ein Sack fiel er. Der Kopf schlug ungebremst auf dem Kies auf. So ein dumpfes Geräusch hatte sie noch nie gehörtl

Sie stand auf und ging langsam zu dem Mann.
"Der ist tot" meinte plötzlich eine tiefe Stimme.
Erschrocken bemerkte sie eine schwarz gekleidete Gestalt mit bleichem Gesicht.
"Huch, wo kommst ..."
"Wir müssen die Polizei holen" Er wühlte in seinem Mantel herum. Sie hatte diesen Gothikanhänger gar nicht bemerkt. Das war mal etwas anderes.
"Scheiße, kein Sprit mehr. Musst Du anrufen. Ich fühl mal, ob der wirklich ..."
Sie suchte ihres.
"Der ist noch warm, aber da schlägt nichts mehr."
Andächtig stand er neben der Leiche.
"Ich habe noch nie, so richtig warm noch. Und doch tot."
"Meins ist bestimmt noch bei Marina. Such mal nach seinem. Der hat doch bestimmt eines in seinen Taschen."
"Das ist eine gute Idee. Mal sehen" Er durchsuchte die Taschen von der Leiche. "Nee, da ist nichts. Nur hier ein Schlüssel. Vielleicht in dem Koffer?"
Er schaute sie fragend an und schwenkte einen Schlüsselbund. So richtig entscheidungsstark war auch dieses Exemplar des anderen Geschlechts nicht. Ihr Nicken gab ihm dann Gewissheit und schon machte er sich an den Koffer.
"Wo kommst Du eigentlich her?"
"Vom Friedhof. Da war eine Versammlung. Bin dann nach Hause. Und dann sehe ich wie der hier umfällt. Da muss man doch hin." Er machte eine Pause und schaute noch einmal zur Leiche. "Sonst kenne ich das nur von einer Leichenhalle. Da versammeln wir uns auch manchmal. Aber die sind schon alle kalt."
Sollte sie das Beeindrucken? "Ah ja."
Ihr Desinteresse steckte er geübt weg und schon war der Koffer auf.
"Da sehn wir mal"
Zwei Taschen waren in dem Koffer. In eine blickte er: "Scheiße. Das ist jede Menge Kohle. Das sind 500,- € Scheine. Wir sind in Krimi."
Er legte die Tasche zurück, stand auf und meinte: "Da mache ich nicht mit. Das ist mir zu heiß. Das ist doch kriminell. Illegal. Da müssen wir die Polizei rufen. Unsere Handys sind nicht. Was sollen wir nun machen?"
Wieder sollte sie eine Entscheidung treffen. Diesmal war es nicht das vorsichtige 'Deflorieren' wie dieser Nick das ins Gespräch brachte, sondern etwas Praktisches, Materielles. Das Geld dort in den Säcken wartete doch nur darauf genommen zu werden.
"Wenn die Polizei kommt, dann krallt sich die Kohle bestimmt einer von denen. Da könnten wir uns das doch auch teilen. Wäre so doch eine ganz logische Idee. Oder brauchst Du kein Geld?" hörte sie sich ganz kühl sagen. Sie wunderte sich schon ein wenig über diese Klarheit.
"Aber. Das geht nicht. Da kommt doch jeder hinter. Ich. Mit einem Sack voll Geld. Das kann ich gleich abgeben. Der wird doch bestimmt gesucht. Vielleicht verfolgt? Wir sollten zur Polizei. Oder uns verstecken. Aber Geld wäre schon was. Scheiße. Was sollen wir nun tun?"
Er hatte da schon ein paar Punkte. Sie nickte.
"Ja. Ist keine Antwort" grinste er.
"Da bezog auf deine Punkte. Die sind ja nicht vom Tisch zu weisen. Aber der Reihe nach: verfolgt wurde der nicht. Der war dafür ja viel zu langsam. Und dann wäre ja auch schon jemand hier. Das können wir mal ausschließen. Zur Polizei können wir auch noch später gehen. Nun sollten wir in aller Ruhe überlegen, ob wir eine Möglichkeit haben, das Geld so ganz unauffällig zu verwenden. Wenn wir das können, sollten wir das nehmen. Es wäre ein Geschenk. Sozusagen. Habe ich da nicht Recht?"
Er schaute verblüfft. Offensichtlich war das sein nachdenkender Gesichtsausdruck. Ging also. Was sollte sie eigentlich mit ihrem Anteil machen? Am besten war es einfach mal etwas anzudenken.
"Das Geld müsste sozusagen gewaschen werden. Mit einer Pizzeria zum Beispiel, dort wären dann immer unsichtbare Gäste, die auch bedient werden. Oder bei einem Friseur oder so etwas. Also ich könnte da ja, aber ..." Er schaute interessiert.
"Wenn ich einfach einen auf Nutte mache. Freiberuflich. Dann könnte ich pro Woche doch locker, zwei oder drei von den Scheinen eingenommen haben. Alles ohne Arbeit."
"Und deine Leute?"
"Mutter wäre hin und weg. Ihre Tochter entdeckt endlich ihre freizügige Sexualität und wird erwachsen. Vater würde sie das auch beibringen. Ich würde dann natürlich mein Studium finanzieren. Und wer weiß. Was könntest Du machen?"
"Also Strich geht gar nicht. Das mache ich nicht"
Er schüttelte den Kopf.
"Aber was ist denn dein Hobby? Schminkst Du >Dich selber? Das könntest Du doch anbieten."
"Echt? Wie? Das wissen doch alle, dass ich das umsonst mache."
"Dann erzählst Du halt herum, dass Du das für zahlungskräftige Kunden anbietest. Einmal im Monat bist Du nicht da und kommst mit zweitausend wieder zurück. Das spricht sich dann rum und ehe Du dich versiehst, bist Du im Geschäft. Deine Tasche ist dann sozusagen die Anschubfinanzierung von der Familie oder so."
Er schaute unschlüssig.
"Wenn Du meinst. Das kann. Na gut". Er reichte ihr eine Tasche und nahm die andere.
"Das wird schon alles gut werden. Wir dürfen nur niemandem davon erzählen. Am Besten wir vergessen einfach, wo wir das Geld herbekommen haben."

So wurde sie zu einer ungevögelten Nutte.