Freitag, 3. Juni 2016

Nichts

"Also ich nehme den gefüllten Oktopus" sagte Frau Niederle entschieden. "'En su tinta' nennen die den. Das war eine gute Idee hierhin zu gehen."
"Danke, danke. Aber die Auswahl ist hier ja auch nicht besonders schwer gefallen, wenn wir nicht gerade Pizza essen wollen. Aber Pizza?" Dr. Schatz war in seinem mondänen Element.
"Einen sardischen Vorspeisenteller haben die wohl hier auch. Und danach Dolci. Und als Wein nehmen wir Frascati. Und Aperitif?"
Sie nickte nur dazu. Er bestellte die gewählten Speisen in fließendem Italienisch, was vom Kellner ohne Rückfrage verstanden wurde.
Nach dem Aperitif und in der Mitte der Vorspeise sah sie die drei Mädchen. Sind die wohl ausgerissen? fuhr ihr durch den Kopf. Sie beschloss sich dem Essen zu widmen.
"Sind die toll, diese gegrillten Auberginenscheiben. Und die Sauce dazu. Sie verstehen wirklich zu dinieren." lobte sie ihr Gegenüber.
Dieser fiel auf die Ablenkung nicht hinein. Er drehte sich um und war sofort wieder Lehrer:
"Mist, die drei sind doch von unseren Schülern."
"Wir sehen die einfach nicht! Es ist unser freier Abend und Heberle passt doch auf. Bestimmt hat er ihnen das erlaubt. Und wenn nicht? In dem Alter müssen die doch einfach hinaus gehen. Haben wir doch früher auch gemacht, oder etwa nicht?"
"Sie meinen ..." Er schaute versonnen. Sie sah, wie sein sonst so ernstes Gesicht tatsächlich einen schelmischen, geradezu jugendlichen Ausdruck annahm.
"Ja, das waren Zeiten" sagte er.


"Erzählen Sie doch mal von ihren Eskapaden" forderte sie ihn auf.
"Ach, das langweilt Sie doch nur"
"Nein, nein, ich höre gerne zu". Sie schaute in seine grauen Augen, die sich ein wenig öffneten. Ihr Nicken bestätigte ihn und er erzählte von seinen Geschichten. Seine Worte sprudelten so aus ihm heraus. Sie lauschte der Melodie und widmete sich dem Oktopus. Der war wirklich gut in seiner schwarzen Sauce. Hinten am anderen Ende des Platzes bemerkte sie die drei Mädchen, die versuchten in eine Bar hineinzukommen. Der Dr. Schatz erzählte von seiner ersten Flasche Whiskey, die er an einem Steinbruch geleert hatte. Es schien ihm wichtig zu sein, darauf hinzuweisen, dass Gott mit den Trinkern war.
"Darauf sollten wir doch anstoßen. Meinen Sie nicht Frau Niederle?" streckte er ihr sein Glas entgegen.
Sie fand ihn richtig süß.
"Sie haben doch bestimmt auch gekifft" erkundigte sie sich. Dabei senkte sie ihre Stimme, als wenn so etwas immer noch verpönt wäre.
Damit war er beim nächsten Thema. Wie er von den unterschiedlichen Sorten schwärmte. Ihm gefielen wohl die schwarzen mit den grünen Streifen am besten. Wie ein kleiner Junge, der mit seinen Abenteuern prahlt, ging ihr durch den Kopf. Die drei Mädchen hatten Anschluss gefunden. Sie gingen mit einer Gruppe älteren Jungs oder jungen Männern in Richtung Strand. Warum auch nicht? dachte sie. In dem Alter waren die bestimmt keine Jungfrauen mehr.

"Zum Dessert möchte ich aber etwas von Ihnen hören. Sie waren doch bestimmt auch nicht eines von den braven Mädchen, oder?"
"Wie heißt es doch so schön, die braven Mädchen kommen in den Himmel und die bösen kommen überall hin" lachte sie.
"Sie waren überall, nicht wahr?" Nun war es an ihn sie durch ein Nicken zum Erzählen zu bringen.
Ihre Droge war hemmungsloser Sex. Wie viele Details sollte sie erzählen? Sie fing ganz harmlos mit 'Jungs' an. Er war wohl zunächst belustigt. Je mehr Details sie erzählte, um so verlegener wurde er. So war das früher auch immer mit den unerfahrenen Jungs, die bei ihr vorbeikamen um eingeführt zu werden. Sie musste bei der Formulierung lächeln. 'Jungs kommen zum einführen'. Wie versaut war sie damals!
"Hallo, was ist Ihnen den Lustiges eingefallen? Erzählen Sie" ermahnte er sie.
"Ach, nun ..." sich so richtig als Klassenschlampe zu outen, war nicht das, was sie wollte. Aber die Erinnerung brachte sie auf eine Idee:
"Sie erinnern mich an meinen ersten Orgasmus. Wissen Sie das?"
"Bitte?" Das sass! Er bekam eine knallrote Birne. Sein Blick wandte sich seinem Sorbet zu. Mit dem Löffelchen rührte er in dem wässrigen Eis.
"Ja, er kam als dritter auf der Fahrt zum Zeltlager" deutete sie an. In seinen fragenden Blick wurde sie genauer. "Die jungen Kerle sind doch nie so ausdauernd. Und er war von dreien eben der dritte. Da wusste ich dann genau, wie es sich anfühlt."
Er schluckte und sie leckte genüsslich an ihrem Löffelchen. Ob sie noch das rohe Ei drauf setzen sollte, mit dem sie sich nach Kalli befriedigt hatte? Nein, das dann doch nicht!
Sie kam auf die Gegenwart: "Heut sind ja eher jungfräuliche Teenager die Ausnahme, nicht wahr"
"Bei Physik und Mathematik ist das nun wirklich nicht so präsent, was die sexuellen Erfahrungen und Einstellungen der mit anvertrauten Schüler und Schülerinnen betrifft" dozierte Dr. Schatz wieder.
Da war er wieder der steife Dr. Schatz. Sie beschloss den Abend mit Lehrergesprächen zu beenden. Die vergangenen Zeiten waren eben vergangen.

Nach dem obligatorischen Grappa gingen sie zur Herberge zurück. Es war ein Landhaus neben dem Dorf auf einer kleinen Anhöhe. Sie bemerkte die Gruppe als erstes.
"Au weia, die haben aber gefeiert. Sehen Sie nur."
"Da haben wir dann also doch noch etwas zu tun. Obwohl ich, als Mann mich von den eher angetrunkenen Mädchen ja fern halten sollte." Er blieb tatsächlich stehen.
"Richtig! Wir haben sie im Dorf nicht gesehen, wir brauchen uns auch nicht ihre Ankunft in der Herberge an zu tuen. Der Heberle kann das auch alleine machen."
"Wieder umkehren? Also das wäre ja auch ziemlich doof."
"Wir könnten zum Ausguck gehen. Und wenn in der Herberge kein Licht mehr brennt, schleichen wir uns hinein."

Vom Ausguck konnten sie sehen, wie in der Herberge im Erdgeschoss einige Lichter angemacht wurden.
"Das wird dauern, die machen nun alle wach. Was machen wir nur hier?"
"Wir könnten auch mal wieder jung sein" schlug sie vor.
"Bitte?"
"Wir sind gleich groß. Wir sind sportlich und beweglich. Warum probieren wir das nicht einfach aus. Kommen Sie."
Sie zog ihren Slip aus, stellte den rechten Fuß auf die Mauer und wartete.
"Nun? Einfach mal so eine Nummer im Stehen. So 'en passant' wie die Franzosen sagen würden?"
Er war sprachlos, ließ sich am Hosenbund heranziehen und wehrte sich nicht gegen das Öffnen des Schlitzes derselben.
"Soll ich alles machen oder wollen Sie ..."
An dieser Stelle drang er in sie hinein und rammelte. Allzu lange hielt er nicht durch, aber sie stöhnte gemeinsam mit ihm. Sie dachte sich, das wäre sie ihm schon schuldig.
"Und? Wie hat Dir das Dessert gefallen?" fragte sie ihn, nachdem er seinen Schlitz wieder geschlossen hatte.
"Wir haben da nichts gemacht. Das war ich nicht. Frau Niederle!"
"Richtig! Das vergessen wir lieber". Das war auch nicht gelogen, dachte sie sich. Wenn kleine Jungs älter werden, können sie es nicht unbedingt besser.

Ein paar Minuten später traten sie in die mittlerweile wieder verschlafenen Herberge.
"Da sind Sie ja endlich." empfing sie ihr Kollege. "Stellen Sie sich vor. Aber das ist ein Fall für die liebe Kollegin. Frau Niederle, sie müssen mir helfen. Es sind Mädchen ausgerückt. Und. Ich glaub einer ist etwas Schlimmes passiert. Stellen Sie sich vor. Die kamen hier ganz leise herein. Ich war im Bett. Oben alles Still. Die sind sofort in die Duschen. Und ich dann. Hinterher. Dann wieder. Ich bin ja ein Mann. Und das geht ja nicht. Also. Ich habe nicht geschaut. Nur gehört. Eine hat geweint. Und immer gesagt, 'sie wollte das nicht'. Die anderen haben gelacht. 'Nun bist Du Frau', haben sie gesagt. Und das alles bei mir. Ihre Eltern waren noch dagegen. Und nun. Was soll ich nun machen?"
"Nichts" sagte sie kühl. "Die kleine wird morgen stolz aufwachen und wissen dass sie dazugehört. Ihre Freundinnen werden sie dabei bestärken. Und zu ihrer Mutter wird sie demnächst sagen, dass sie auch 'Frau' ist." Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: "Es sei denn. Sie haben doch bestimmt alle Smartphones eingesammelt, so wie es abgesprochen war?"