Freitag, 24. Juni 2016

Klassen

Mürrisch machte er sich auf den Weg zur Baustelle. In den neuen Arbeitshosen und den neuen Schutzschuhen ging er. Die Schuhe gefielen ihm. Wie leicht sie doch waren. Trotzdem waren die Zehen vorne geschützt. Jedenfalls prüfte er das mit der Hacke seines rechten Fußes, die er auf die Spitze des linken Schuhes drückte. Nichts! Unterwegs trat er gegen ein paar Straßenlampen, aber auch da war nichts. Sie waren einfach leicht, die neuen Arbeitsschuhe! Nach etwa der dritten Lampe besserte sich seine Stimmung. Vielleicht war es ja doch gut, wenn sich einer um die Arbeitskleidung und das alles kümmerte. In seinem Alter konnte er doch froh sein, etwas gefunden zu haben. Die schöne neue Arbeitshose würdigte er nicht. Diese war in Khaki gehalten, mit schwarzen Taschen an den Beinen. Ein ganzer Werkzeugkasten hatte darin Platz, aber das beachtete er gar nicht. Er fragte sich was das wohl für Jungs waren, mit denen er arbeiten würde. Es würde ihn wieder jünger machen unter jungen Männern zu sein! Da war er sicher.
Auf dem Weg zum Eingang des Bürogebäudes kam ihm ein junger Mann entgegen. Dieser war auf einem Klapproller unterwegs. Beim Pförtner hielt er an, bückte sich, klappte den Roller zusammen. Alles geschah in einer fließenden, fasst tänzerischen Bewegung. Als er das beobachtete, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken.

Es galt Küche, Toilette und Abstellraum an einem Seitenflügel des Gebäudes umzubauen. Es war eine Aufgabe, die, wie der Leiharbeitsvermittler sagte, 'kräftige Männer brauchte. Wie erwartet, traf er auf jüngere Männer, die mit Vorschlaghämmern die Wände zusammen klopften. Erika, eine stämmige Frau mit blonden Zöpfen, die sie noch einmal zu einem Kranz zusammen gesteckte hatte, überraschte ihn allerdings. Eine Kollegin kannte er gar nicht. Es ging. Sie war genauso gekleidet, trug die gleichen, leichten Sicherheitsschuhe mit der harten Schutzkappe. Die Schuttklumpen schaufelte sie genauso in die großen, schwarzen Plastikkübel. Nachdem sie gemeinsam diesen Kübel zum Lieferwagen im Hof geschleppt hatten, war vergessen, dass sie neu war. Die Zeiten änderten sich eben.
Wenig später kam eine Gruppe Büromenschen auf die Baustelle. Da sah er wieder den hübschen, jungen Mann, der ihm am Eingang schon aufgefallen war. Ihm fiel der gelbe Schlips auf. Dieser schien aus Plastik zu sein, jedenfalls glänzte er so. Trotzdem fiel er vom Knoten herunter, so wie ein Seidenschal. Genau rechteckig war er. Er lief nicht spitz zu, sondern war gerade abgeschnitten. Eben genauso ein Schlips den jemand umbindet, der auffallen will und seinen persönlichen Stil zeigen will. Gerne hätte er den Schlips mal angefasst, nur um zu sehen, was das für einer war. Aber er war ja zum Arbeiten auf der Baustelle und nicht um sich mit den Kunden zu unterhalten. Schnell widmete er sich wieder den herumliegenden Trümmern. 
Das Gesicht ging ihm nicht aus dem Kopf. Irgendwo hatte er es schon einmal gesehen. Das war so ungefähr in Gabriels Alter. Wer war denn noch alles in der Gruppe? 
Der Kübel war wieder gefüllt und sollte demnächst zum Lieferwagen getragen werden. Aber um die Zeit war Pause und so sass er mit den Arbeitern am Gang, als die Büromenschen die Baustelle verließen. Mit dem Chef war wohl alles geklärt. Sein Blick traf sich mit dem des Schlipsträgers. Das Wiedererkennen zauberte ein Lächeln auf seine Lippen. "Paul" rief er.
Der Angesprochene zog die Brauen zusammen. Sein Kopf ging kurz nach hinten, dann ging er mit der Gruppe mit. 

"Wer war denn das?" fragte ihn Erika.
"Ach, ich hab den wohl verwechselt. Ist ja auch egal." 
Ihm fiel ein, dass er das auch schon einmal so gemacht hatte. Als er mit dem Studium fertig war und gerade seinen ersten Job hatte, da kannte er die Bedienung beim Empfang auch nicht mehr. Es gehört ja schon einiges dazu, wenn man im Anzug auf einem Empfang ist und den Ober, der da mit einem Tablett herumläuft und einem den Sekt anbietet, aus der Schule kennt. Da hatte er sich das "Du" auch verbeten. 
Jeder Blödsinn, den man so machte, kam einfach wieder zurück. Warum sollte dieser Paul ihn wiedererkennen? Nun war er ja unter dem Personal, das kräftig zupacken konnte.

"Sind Sie nicht dem Hüni sein Vater?" 
"Ja, habe ich doch richtig gesehen"
"Ich habe Sie hier gar nicht erwartet. Das ist ja eine Überraschung. Entschuldigen Sie" Paul hielt ihm die Hand. Er griff zu und schüttelte sie.
"Was ist eigentlich passiert damals? Nach dem Abi hat man sich noch einmal gesehen, dann ist der Hüni einfach abgetaucht. Ich bin dann noch einmal am Garten lang, aber da ..."
"Das Hotel vom Bäuerle hat mich auch umgebracht. Hast Du? Haben Sie?"
"Paul passt schon"
"Gut, also ich bin dann aber der Wilfried"
"Dann erzähl doch mal" nickte Paul.
"Mit dem Hotel hat er sich doch so etwas von übernommen. Da hat er immer weiter Aufträge erteilt. Und am Ende konnte er nicht zahlen. Was sollte ich da denn machen? Die ganzen Fliesen wieder abklopfen und einpacken, das geht ja nun gar nicht. Dann bin ich einfach in ein Loch gefallen." Er hätte das gar nicht so erzählen wollen, aber es kam einfach heraus.

In die Pause fragte Paul: "Wie geht es denn dem Hüni?"
"Der ist bei der Polizei gelandet."
"Wie? Ist der .."
"Nein, nein. So richtig bei der Kriminalpolizei. Der hat sich beworben, die haben ihn genommen und dann hat er da studiert. Der hat recht schnell begriffen, dass das mit dem Geschäft und dem Haus gar nicht mehr zu halten war. So als Unternehmer bist Du so schnell wie Du oben ist auch wieder unten. Aber wem sag ich das. Ist das hier Deine Firma?"
"Nee, nee. Ist eine Ausgründung vom Volkswagen. Und wir probieren das mal. Aber ich muss nun los. Wir sehen uns ja noch? So um 18 Uhr? Oder ruf mich doch an, hier die Karte."

"Du kennst ja Leute" kommentierte Erika.