Sonntag, 29. Mai 2016

Die Affäre

Er atmete ein und atmete aus. Seine auf dem Tisch übereinander gelegten Hände bewegten sich nicht. Dann zuckte es in seinem geröteten Gesicht. Die drei Falten auf der Stirn zogen sich zusammen und seine Augenbrauen gingen nach oben. Seine Mundwinkel machten eine unmerkliche Bewegung nach außen.
Er atmete dann hörbar aus und holte wieder tief Luft. Nach ein paar Atemzügen war er wieder ganz ruhig. Um seine Lippen war kein Lächeln, sonst hätte er als Buddha durchgehen können. In seinen Gedanken ging er das Vorhaben durch. Wieder zuckte es in seinem Gesicht. Wieder beruhigte er sich.
An seinem Revers war eine kleine rote Rose. Es galt eine Partnerin zu treffen. Bei diesem Gedanken schaute er auf seine Hände. Der Ring! Mit einem Lächeln zog er diesen ab und verstaute ihn in seine Geldbörse.
Er atmete ein und atmete aus. Ruhig wartete er auf seine Verabredung.
Tatsächlich trat wenig später eine wesentlich jüngere, aber nicht sonderlich modisch gekleidete Frau in das Kaffeehaus. Sie trug zu ihren Jeans eine recht weit aufgeknöpfte Bluse. Hatte sie vergessen die Knöpfe zu schließen oder wollte sie tief blicken lassen? Durch ihre Sonnenbrille mit zu großem D&G Zeichen musterte sie das anwesende Publikum.
Als sie ihn bemerkte, kam sie schlendernd an seinen Tisch.

"Darf ich mich setzen?" fragte sie.
"Die Gesellschaft einer Dame lehnt der Herr doch nie ab."
Nun war es vorbei mit dem Zucken, es galt das Vorhaben auszuführen. Er beobachtete, wie sie sich ihm gegenüber setzte. Ihre Hände legte sie in genau der gleichen Haltung wie seine übereinander. Sie schaute ihn wartend an.
An ihrer rechten Hand bemerkte er die Kerbe eines abgezogenen Rings. Sie war also auch in einer festen Beziehung. Aber warum hatte sie diese Brille? Missbilligend schaute er sie an. Kurz hob er seine Augenbrauen und wartete.
Ihm gefiel, dass sie verstand. Kurz zuckten ihre Mundwinkel nach außen, dann schoben ihre Hände geschwind die getönte Brille nach oben in ihre Frisur.
Also hatte sie die grauen Augen, wie angekündigt. Das unterdrückte Lächeln um ihren Mund wertete er als Unsicherheit.
Er schaute von ihrem Gesicht in ihren Ausschnitt und wieder zurück.
Sie knöpfte ihn ein wenig zu. Auch das verstand sie ohne Worte!
"So sitzen der Herr und die Dame sittsam gegenüber." sagte er lächelnd die vereinbarte Phrase.
"Die rote Rose wies mir den Weg, aber sie ist nicht das Ziel" kam die vereinbarte Antwort ohne zu stocken. Er lehnte sich entspannt zurück und sagte:
"Dann sind wir es also. Wir sollten anfangen."

Er bestellte ein Getränk für seinen Gast und die beiden unterhielten zwanglos. Es sollte so aussehen, als hätten sie eine Verabredung zum kennen lernen und vielleicht ein wenig mehr. Mal lachte er über ihren Witz, mal lachte sie über etwas, das er erzählte.
Als ihre Getränke zur Neige gingen, gab er das vereinbarte Stichwort:
"Aber der Herr und die Dame treffen sich nicht zum Spaß"
"Ich soll Ihnen von diesem Handwerksbetrieb erzählen" sagte sie und legte eine Visitenkarte auf den Tisch.
"Diese haben die Ausschreibung für die Abluft im neuen Klinikum gewonnen. Der Herr Vladic wird sich daran ziemlich abarbeiten. Der Betrieb hat aktuell diesen einen Auftrag, wenn hier etwas schief läuft, müssen sie in die Insolvenz. Der eingesetzte Verwalter wird dann abwickeln. Wenn sie die richtigen Pläne gehabt hätten, hätte es ja auch geklappt. Aber ihnen wurden leicht abgeänderte Pläne unter geschoben. Der Kanal ist ein wenig zu nah an der Heizung. So dass bei einer demnächst fälligen Abnahme der Brandschutz nicht gewährleistet ist."
Sie machte eine erwartungsvolle Pause, aber er schaute nur ausdruckslos.
"Selbst wenn er klagen wollte, kann er den Prozess nicht überstehen. Und wenn doch, die Pläne werden vor der Abnahme wieder ausgetauscht. Die gehen wirklich über Leichen, meinen Sie nicht?"
"Wer würde nicht über Leichen gehen, wenn es was zu verdienen gibt. Wer sahnt hier denn ab?"
"Äh. Nun ja. Es gibt ein Betrieb, der ohne Ausschreibung einspringen kann und so den Klinikneubau rettet. Das kostet natürlich einen Aufschlag, obwohl die Vorarbeiten vom Vladic einfach übernommen werden, aber da schaut dann keiner so richtig hin. Und dies ist dieser Betrieb."
Sie legte eine zweite Visitenkarte auf den Tisch.
"Es handelt sich um den Schwager der Schwester meines Chefs."
Sie lehnte sich zurück und wartete.
Er studierte die Karte. Nach einer Weile stellte er fest:
"Damit hätten wir ja dann eine schöne Geschichte. Ich les das schon richtig. 'Korruption am Klinikneubau' wäre doch eine schöne Überschrift."
Er legte seine Hand auf ihre und fuhr fort: "Wenn wir nur richtig harte Beweise hätten. Gibt es da irgendetwas?"
"Nicht so richtig. Der Plan wurde per Einbruch ausgetauscht. Die Firma Vladic hat ein recht ungesichertes Firmengelände. Dort liegen ja keine Wertsachen herum. Wenn er zur Abnahme bereit ist, werden wieder die originalen Pläne untergeschoben. Damit hat er dann Schuld. Vermutlich bringt er sich um. Oder betrinkt sich. Der arme Kerl."
Er fuhr mit seinem Mittelfinger über ihren Handrücken. "Ist Ihnen der Einbrecher bekannt?"
"Nein, da hat besagter Schwager 'seine Kontakte', wie ich überhören konnte."
"Nun gut, da kann ich mich drum kümmern."
Er lächelte sie an und nickte:
"Der Herr und die Dame sollten eine Affäre beginnen" gab er seine Zustimmung zu einer vertieften Zusammenarbeit Ausdruck.
Sie antwortete nicht direkt und er merkte, wie sich ein Zucken aufbaute.
"Wie sieht ihr Plan aus?" fragte sie.
"Wir würden alles so laufen lassen. Soll ihr Landrat doch ein wenig Nebenverdienst haben. Er muss nur wissen, dass es jemand gibt, der davon weiß."
"Ich sag ihm das aber nicht!"
"Nein, nein. Das machen die Leute, die wir die Einbrecher zusammenschlagen schon. Beim zweiten Einbruch nehmen wir die gefälschten Pläne. Dann muss er das durch ziehen und hat einen unbekannten Mitwisser. Und dann, wenn alles durch ist, kochen wir ihn so ganz langsam durch."
"Was wäre für mich drin?"
"Sie wäre am Ende so etwas wie eine Puppenspielerin. Er wird die Befehle mehr oder weniger von Ihnen bekommen. Am Anfang nicht so direkt, aber dann immer offensichtlicher. Was meinen Sie?"
Lange musste er auf ihre Antwort warten. Schluckend unterdrückte er sein Zucken. Er atmete kontrolliert durch die Nase ein- und aus.
Als er das Zucken nicht mehr unterdrücken konnte und die drei Falten auf seiner Stirn erschienen, lächelte sie, legte ihre Hand auf seine und sagte: "Die Dame ist für die Affäre bereit".