Freitag, 20. Mai 2016

Das Loch

Wie ein kleiner Junge betrachtete er die Fotos. Mal hielt er sein Smartphone quer und mal hochkant. Die Frau zu seiner linken blickte immer mal wieder zu ihm und seinem Smartphone. Als seine Backen allmählich rot wurden, lächelte sie. Sie hätte nicht erwartet, dass er bei so etwas mitmachen würde.
"Wilfried, Du solltest aber kühler sein" ermahnte sie ihn.
"Äh. Ach, Frau Müller-Rehkirch. Sieht man mir das an?"
"Nun ja. Immerhin." Ihr machte es nichts aus, wieder beim 'Sie' zu sein. War auch besser so. "Sie wissen doch, dass ihre roten Backen schon so etwas wie ein Alarmzeichen sind."
"Heute ist ja auch ein besonderer Tag" seufzte der stämmige Mann, "da sind doch alle aufgeregt. Das fällt dann doch gar nicht auf."
"So gesehen" nickte sie zustimmend.
Die beiden widmeten sich wieder ihren Smartphones. Sie schaute dabei immer mal wieder zu ihrem Nachbarn, aber er wandte sein Blick nur ab, als sie bemerkte:
"Ich habe es sogar ein kleines Video, sieh, äh, sehen Sie mal" hielt sie ihm ihr Smartphone hin.
"Das ist ja nun wirklich deutlich. Hoffentlich kommt es nicht heraus. Obwohl?" verschmitzt lächelte er.
"Nein, bestimmt nicht. Wir müssen nur richtig entspannt sein. Sie dürfen sich nichts, aber auch gar nichts anmerken lassen."
"Und Sie dürfen ihm nichts erzählen."
Zu Niederlassung gingen sie zunächst schweigend nebeneinander. Dann konnte sie nicht mehr:
"Wir gehen da ja schon volles Risiko, Herr Leinfelden."
"Das will ich meinen! In unserm Jahrgang kennt man noch Risiko. Aber was soll denn schon passieren?"
"Wir hätten dann ja schon ...."
"Nur wenn es herauskommt und auch dann nur, wenn es nicht gut ankommt. Aber ihre Idee mit den Latschen. So genial. Selbst dann. Sie werden sehen, das wird eine gelungene Überraschung. Aber immer entspannt." Seine ruhige, tiefe Stimme machte sie zuversichtlich.

Am Nachmittag, so gegen 15 Uhr, war es soweit. Es sollte der alte Chefingenieur in den Vorruhestand verabschiedet werden. Nahezu die gesamte Entwicklungsmannschaft versammelte sich in der Kantine. Der 'Alte' sprach in der Lobrede davon, wie sie angefangen hatten, damals in den 80ern. Niemand hatte diese Entwicklung für möglich gehalten, aber das Vertrauen hatte sich ausgezahlt und das Unternehmen wuchs, dank der hervorragenden Arbeit, und nun sei man Teil von einem Konzern und brauchte solche Pioniere nicht mehr. "Jedenfalls auf absehbare Zeit braucht sich keiner Sorgen zu machen". Er schloss mit "Vielen Dank Dieter" gratulierte er diesem und überreichte ein Geschenk, eingepackt in Silberpapier.
Dann fügte er noch hinzu: "Wir sollten aber in jedem Fall in Kontakt bleiben, da war doch noch eine Idee, die Du damals nicht verfolgt hast. Und nun, im frühen Ruhestand, kann man doch noch etwas erwarten. Natürlich nur, wenn Du willst."
Besagter Dieter nahm das Geschenk entgegen und legte es auf den Tisch. Mit beiden Händen fuhr er sich durch seine langen, grauen Haare, die immer noch in stattlicher Anzahl sein Haupt schmückten.
"Nun bin ich wohl fertig." begann er formlos seine Abschiedsrede. Er rief seinen Anfang in der Firma in Erinnerung, als er mit Jesuslatschen im Labor angefangen hatte.
"Wer hätte gedacht, dass hier in der Provinz, einem Hippie eine Chance gegeben wurde. Die eigentlich einfache Idee, die wir ja nur für die Messe gemacht hatten, ging dann einfach immer weiter. Aber damals waren ja noch andere Zeiten."
Es begann, wie bei ihm üblich, ein Schwärmen von der guten, alten Pionierzeit. Er schloss mit seiner Einschätzung der aktuellen Situation:
"Und nun habe ich Schluss. In den letzten Jahren habt ihr das ja bestimmt schon gemerkt, dass mir das hier eigentlich keinen Spaß mehr gemacht hat. Hatten wir früher noch etwas riskiert, so ist das heute ein Denken an Sicherheit, bis zum geht nicht mehr. Und, nein! Ich glaube nicht, dass wir in Kontakt bleiben." theatralisch schüttelte er seine Mähne.
"Na ja, dann bekomme ich also zum Schluss auch noch einen goldenen Wecker" damit schüttelte er das Geschenk. Es rappelte deutlich.
"Was habt ihr denn da drin?" fragte er den Alten.
Mit "Mal sehen" riss er die Verpackung auf. Ein flaches Päckchen holte er heraus.
"Sieht aus wie Urkunde mit Uhr, aber ... rappel" rief er.
Er klappte es auf.
"Wo habt ihr die denn her? Das gibt es doch nicht" Zwei Jesuslatschen zeigte er dem Alten. "Na, in Erinnerung an alte Zeiten, ist das wohl gemeint. Oder habt ihr kein Geld für den Wecker?" Ein Blick in die Schachtel zeigte dann noch eine Urkunde und die erwartete Uhr.
"Doch, Wecker und Urkunde, wie auch nicht" kommentierte er und legte die Latschen wieder hinein.
"Vielleicht schaue ich ja tatsächlich noch einmal hinein. Nun aber, genug bedankt. Lasst uns feiern!"

"Wie kamen die Latschen in die Schachtel, Frau Müller-Rehkirch?" fragte der Alte nach der Feier.
"Haben Sie die nicht ..?"
"Wir haben doch gestern gemeinsam die Schachtel gepackt."
"Und Sie haben sie mit in ihr Büro genommen. Sie bleiben doch immer bis zum Schluss. Ein guter Geist? Einbrecher?"
"In jedem Fall war das ja richtig. Wir brauchen den Dieter doch noch. Trotzdem, irgendwer hat die Latschen in die Schachtel gelegt. Ich bin doch nicht verrückt, oder?"
"Na ja, es wird jemand gewesen sein, der Sie und den Dieter kennt, der Zugang zum Gelände hat und der am Wachdienst vorbeigekommen ist, ohne, dass die etwas bemerkt haben." Sie zog die Stirn in Falten.
"Fragen Sie dort doch mal nach. Die sind doch für die Bewachung hier zuständig" schlug sie vor.

Die beiden fuhren wieder gemeinsam zurück.
"Ich habe ihm nichts erzählt. Obwohl es schon schwierig war." verkündete sie.
"Dann werden wir ja bald wissen, ob sie herausfinden, wie zwei nicht trainierte, ungeübte Einbrecher in das Büro vom Chef kommen, ohne dass der teure Wachdienst etwas bemerkt. Wenn das Loch in zwei Wochen immer noch steht, dann spielen wir die Fotos und ihr Video auf den PC vom Alten ein."
Auf ihren entsetzten Blick fügte er hinzu: "Wir beweisen damit unsere Verbundenheit mit dem Unternehmen, immerhin haut Dieter nicht einfach ab, das Loch wird ohne Aufsehen gestopft und alles kann unter uns bleiben."