Freitag, 1. April 2016

Für immer jung

"Hier ist Rittmeister-Müller, wir wollten uns am Bahnhof treffen" sagte die rauchige Stimme am Telefon.
"Ja?"
"Also ich bin auf dem Weg, aber leider habe ich die Bahn nicht bekommen, weil ich noch eine Fahrkarte .."
"Macht nichts, die fahren doch alle 10 Minuten. Da machen wir uns doch keine Sorgen, das bekommen wir schon hin".
Er steckte sein Handy in die Innentasche seiner Jacke. Es war ein modisch schwarz-weiß karierter Blouson mit Kapuze. Stolz betrachtete er sein Outfit im Fenster des Stehcafes. Ein guter Kauf war diese Mischung aus bequemer Jacke und rebellischem Hoodie. Was machte er nicht alles, für einen professionellen, guten Eindruck beim Kunden!
In den 10 Minuten hieß es entspannen und sich mental vorbereiten. Er konnte sich ja in die Lieblingsmusik des Auftraggebers einhören. Aus den Ohrhörern flötete eine Frauenstimme "Lass sie tanzen" in sein Ohr. Danach rappte eine Männerstimme ganz schnell etwas Unverständliches. Dann wieder die Frau. Das gefiel ihm. Das war ja so ein richtiges Schwarz und Weiß. Aber was textete der Rapper da eigentlich? Gangsta Rap oder etwa nicht? Pistole und Überfall und Schießen. Er musste grinsen, als ihm bewusst wurde, dass es nicht um Tanzen in einem Club ging, sondern eher von Geiseln oder Gefangenen, die hoch hüpfen, wenn der Böse mit der Pistole in den Boden schießt. Das war so etwas wie Bonny und Clyde. Wer schoss da eigentlich? Es musste Clyde gewesen sein, der da schoss, weil Bonnie doch wohl eher ein Frauenname war. Wenn der Kunde es martialisch mochte, könnte er den Künstler als "Rittmeister Müller" vorstellen. Mit einem Eisbrecher Witz am Anfang hatte er immer gute Erfahrungen gemacht.

"Hallo. Sie sind der Meyer mit y?" die ältliche Frau streckte ihm ihre Hand entgegen. Alle anderen Fahrgäste der U-Bahn hatten ihn schon passiert.
"Ja?" Automatisch gab er seine Hand. Es war also eine tiefe Frauenstimme gewesen.
"Da bin ich. Rittmeister-Müller" stellte sie sich vor und drückte seine Hand. Tatsächlich. War der erwartete Künstler also eine Künstlerin. Das mit dem Müller, Rittmeister, ging damit nicht mehr.
"Es muss Alzheimer gewesen sein. Die Fahrkarten hatte ich am Bahnsteig gar nicht dabei. Und da musste ich die dann noch einmal ziehen. Vor dem Automaten war eine Gruppe Schüler und da musste ich doch warten und dann habe ich. Hoffentlich war das nicht, aber Sie sagten ja, dass das dann doch kein Problem wäre. Sie hätten ja dann doch ... " Ihre blauen Augen funkelten und sein Gehirn dachte nach. Was sollte er nun machen? Der Auftraggeber war ein schnell wachsendes Startup, das ihre Broschüren und ihre Graphik professionalisieren wollte. Ihr Outfit ging so gerade noch, aber ihre Erwähnung von 'Alzheimer' war unmöglich. Wer hatte ihn da hereingelegt? Was war schief gelaufen? Nun galt es irgendwie weiter machen.
"Äh, hallo? Wie machen wir nun weiter?" Sie schaute ihn fragend an.
"Oh, ja. Zunächst. " Das wusste er ja nun nicht so richtig. Aber dann fiel ihm ein: "Bei uns reden wir uns alle mit Vornamen an. Also ich bin der Leo und Du?"
"Gudrun. Ein bisschen aus der Mode, nicht wahr?"
"Leo ist auch nicht .."
"Ist das die Kurzform von Leopold?" Ihr Lächeln hatte etwas unerwartet schelmisches.
"Nein!" Als 'Poldi' wollte er auf keinen Fall gehen.
"Kein Poldi?" Sie fing doch tatsächlich an zu flirten. Und das wirkte sogar, aber sie trafen sich ja nicht zum Spass.

"Zum Thema, hast Du die Muster vorbereitet?"
Erstaunt sah er zu, wie sie einen recht großes Tablet aus ihrem Köfferchen holte. Sie war anscheinend doch recht modern ausgestattet. Es hatte eine schöne, nachhaltige Hülle aus Pappdeckel, die mit links und rechts mit Gummis zusammen gehalten wurden. Als sie die Hülle öffnete, staunte er.
"Papier? Warum hast Du die Muster im Druckformat? Die wollen wir doch noch ändern."
Sie schaute erstaunt. Ihre Augen wurden fast kreisrund. "Mit dem Bleistift, wie sonst?"
"Und dann wieder am ... Nee, das ... So wie ganz früher ... Zeig mal, was Du kannst." seine Verblüffung konnte er kaum verbergen.
"Hier, die Tasse mit dem Logo"
Interessiert schaute er zu, wie sie auf einem Blatt Papier schnell eine Strichzeichnung anfertigte.
"Wenn man das übt, ist man viel besser als mit Maus oder so am Computer. Die Kinder von heute meinen immer, dass das viel besser ist. Aber das stimmt gar nicht. So. Das kann ich dann einlesen und dann haben wir das genau so, wie wir das wollen." Wie stolz sie auf ihre Arbeit war!
Er nickte lächelnd, dachte dann kurz mit einer Falte zwischen den Augenbrauen nach und löste es dann so: "Nicht schlecht! Eher sogar gut! Wir müssen das nur dem Auftraggeber verkaufen. Die sind nur mit Software und Bits unterwegs. Das dürfen wir nicht mit 'Stift auf Papier' und 'so war das früher' oder auch 'das haben wir immer so gemacht' benennen. Wir sagen dazu 'analog arbeiten'. Bei den Fotos heißen Filme auch so und analoge Tonträger kommen ja auch wieder in Mode. Wir 'lesen' das nicht 'ein', sondern wir 'digitalisieren' das."
Zufrieden legte er seine Hand auf ihre und drückte sie. "So machen wir das! Gudrun!"

"Das waren ja schon merkwürdige Vorgaben. Was verkauft der Kunde eigentlich, genau?" fragte diese erleichtert.
"Ach, die machen in Apps mit Smartphone und da brauchen die ..." sein Smartphone meldete sich. Aber nicht mit einem Klingelton. Es war seine eigene Stimme, die einfach nur sagte: "Leo, das ist nun eine wichtige Meldung." Danach kam eine Pause und ein "Lesen!", das wiederholt wurde. Stolz schaute er in ihr fragendes Gesicht. Er war ein professioneller Smartphoneartist! Mit einem Wisch beendete er die Ansage.
"Ist vom Auftraggeber" kurz schaute er auf die Anzeige. Dann steckte er es ein.

"Was stand denn drin?" fragte sie. "Oder befolgst Du deine eigenen Anweisungen dann doch nicht? Bist Du so ein lockerer ..." fügte sie schelmisch lächelnd an. Im Flirten war sie wirklich gut. Aber sie waren ja nicht zum Vergnügen hier und eigentlich sollte er schon seine eigenen Regeln durchziehen. Vielleicht ja später.
Er legte das Smartphone auf den Tisch, richtete sich auf und schaute auf die Anzeige an. Es war keine SMS, sondern ein Bild mit ganz kleinen Buchstaben.
"In unserem Alter bräuchten wir da Stelzen und dann wär das zu klein" lachte sie und holte etwas aus ihrer Tasche.
"Möchtest Du mal ausprobieren?" bot sie ihm die Lesebrille an.