Freitag, 15. April 2016

Die Brieftaube

Neben ihr schnaufte niemand. Es war nur ein ganz ruhiges, leises Ein- und Ausatmen zu vernehmen. Mit Dennis schlief es sich einfach besser. Hatte also doch Vorteile, ohne Mann zu schlafen. Am Fenster graute es schon. Es war noch ein wenig Zeit. Sie drehte sich um und schlief wieder ein.
Das Telefon klingelte. Das war nicht das Klingeln vom Wecker. Mist! Sie hatte den Wecker gar nicht gestellt.
"Morgen, Mist"
"Hallo Liebes, ihr seid ..."
"Bin noch im Bett, habe nun keine Zeit. Scheisse!"
"Ich .. Ich melde mich dann am Abend noch einmal und erzähl wie es läuft. Ich habe Dich lieb!"
"Ja, ich dich auch"
Warum hatte sie eigentlich nicht 'Du mich auch?' gesagt? Kopfschüttelnd lachte sie den Hörer auf den Nachttisch an und weckte dann das Monster.
"Aufstehen, Mach schon"
"Morgen Mami. Ich habe ganz toll geschlafen. Und geträumt habe ich ..." Dennis war sofort wach und fröhlich. Geradezu aufdringlich fröhlich. Womit hatte sie das nur verdient?
"Kein Frühstück? Brezeln? Vom Bahnhof? Toll!" Die Änderung im normalen Tagesablauf machten ihm nichts aus. In solchen Momenten zweifelte sie, ob er wirklich der Sohn ihres Mannes war. Er war doch mehr nach ihr.
Wenig später waren sie in der U-Bahn. Dennis mümmelte glücklich an seiner Brezel. Sie saß neben ihm und dachte nach. Zur Kita würden sie es noch gerade rechtzeitig schaffen. Ihr Job ginge sowieso später los. Nur das Bummeln in der Fußgängerzone würde sie nicht mehr schaffen. Nachdenklich kaute sie an ihrem Brezelstück. Ihr Blick fiel auf einen schlanken Mann mit graumelierten Schläfen. Von so einem hatte sie früher immer geträumt. Ein distinguierter Herr mit Einkommen und dem Willen sie einfach nur zu verwöhnen, das war ihr Traum aus schon fast vergessenen Zeiten.
"Nimm die Stiefel da runter!" befahl sie ihrem Monster. Es gehorchte folgsam. Das bittende Grinsen im Gesicht ihres Monsters übersah sie. Kurz tippte ihr Mittelfinger an seine Nase, dann griff sie sich noch ein Stück von der Brezel. Der Herr schaute tatsächlich zu ihr herüber. Sie lächelte kurz. Er lächelte zurück, sie wurde leicht rot und blickte in die Brezeltüte. Das konnte doch gar nicht sein. Konzentrierte kaute sie ihr Stück, schluckte es herunter und schaute wieder in Richtung des Herrn. Nun lächelte er nicht mehr zurück, sondern beobachtete sie ausdruckslos. Sie schluckte.
Als sie ausstieg, zog sie ihr Kind an der Hand und blickte sich nicht um. Entscheidungen waren gefallen. Eine Wahl hatte sie wohl nicht mehr.

"Ja"
"Rat mal wer dran ist?"
"Äh. Moni? Nee!"
"Doch, bin heute in der Stadt. Aber nur kurz. Habe Sehnsucht nach Dir. Treffen wir uns zu Mittag?"
"Super"
Die Arbeit ging flotter mit einem Höhepunkt in Aussicht. Mal aus dem Allerlei herauskommen, stand ihr ja auch zu, stellte sie fest.

"Moni! Gut siehst Du aus, lass Dich ansehen" Sie umarmte die Frau mit den lachsroten Haaren und der gleichfarbigen Lederhose.
"Erzähl mir von Dir. Was machst Du? Welcher Typ ist nun dran? Ich habe nur eine halbe Stunde Zeit. Mist!"
Die beiden setzten sich und waren bald beim Thema.
"Ich habe einen, der hat ... na was?"
"Wie?"
"... graumelierte Schläfen und Kohle. Und Familie. Und mich für den Spaß" grinste Moni. Auf Nachfrage erzählte sie dann von ihrem 'Wolfie', der in Amsterdam einen Handel mit 'allem' besaß.
"Allem? Bist Du nun unter die Mafiabräute gegangen?"
"Mafia? Das ist so negativ und so mit großer Familie und so. Nee. Wolfie ist ein normaler Geschäftsmann, der halt Angebot und Nachfrage nach allem vermittelt." Moni zog das 'allem' lang und setzte leise hinzu: "Waffen, Drogen, Mädchen, Organe". Nach einer Pause fügte sie noch "Kinder" an.
"Und das fliegt nicht auf?"
"Wolfie sagt immer, ein Geschäftsmann steht sowieso mit einem Bein im Knast, da kann er es dann auch gleich richtig machen. Und heutzutage mit Internet ist das alles viel einfacher geworden. Zwar weiß man, wer was anbietet, aber das ist dann, wenn die Bullen nachfragen, immer nur Fantasie und nie so richtig echt. Nur bei Kinderpornos, Finger weg! Das finden die auf den Festplatten."
"Aber das mit den Kindern? Wie soll das denn funktionieren? Und macht Dir das nichts aus? Die armen Dinger."
"Habe ich auch gedacht. Aber Wolfie hat mir dann erklärt, dass jedes Jahr hunderte Kinder einfach verschwinden. Wenn sie nicht getötet werden, sind sie irgendwo. Bei irgendeinem. Wenn es denen langweilig wird, müssen sie weg. Wenn es jemanden gibt, der dafür bezahlt, überleben sie. Das ist doch gut für alle beteiligten, meinst Du nicht?"
"Ja, so gesehen. Und was machst Du nun hier eigentlich?"
"Ich hole Nummern" grinste Moni.
Sie musste lachen.: "Früher hast Du Nummern geschoben. Und nun? Holen?"
"Das darf ich eigentlich gar nicht erzählen" flüsterte Moni. Kurz legte sie ihren Zeigefinger auf den Mund und fuhr dann leise fort: "Die Nummern sind Schlüssel für Computerdaten. Die sind verschlüsselt und können von keinem gelesen werden, der den Schlüssel nicht hat. Ich bin so etwas wie eine Brieftaube. Heute Nachmittag geht es zum Schlag zurück."
Sie war sprachlos. Was es nicht alles gab?

Am Abend brachte sie ihr Monster ins Bett. Es schlief sofort ein. Da hatte der Tipp mit dem Rotwein im Saft wirklich geholfen! Sie deckte es zu und zog sich mit der Flasche auf die Couch zurück. Als sie ein Glas eingeschenkt hatte und kurz bevor sie ein Schluck nehmen konnte, klingelte das Telefon.
"Hallo Liebes, war Dein Tag auch so toll?"
"Ja, stell Dir vor ..."
"Du bekommst Deinen Geschäftsführer. Die STEA in Bielefeld suchen MICH. Heute Nachmittag habe ich das mehr oder weniger klar gemacht. Nun noch am Abend mit dem 'Alten' die Chemie zum Eigentümer pflegen und dann morgen Nachmittag die technischen Details. Ich komme morgen erst in der Nacht an. Könntest Du bitte bis morgen früh einmal klären, ob irgend etwas grundsätzliches gegen eine gute Zeit in Bielefeld spricht?"
"Ja, äh"
"Du, ich habe Dich lieb. Nun muss ich zum Abendessen mit dem alten Knacker. Bis morgen dann, bussi"
Ihr "bussi" kam nach dem Ende des Telefonats. Das Glas Rotwein trank sie zügig aus. Dann lehnte sie sich zurück und schaute zur Decke. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihre Gedanken wandten sich Moni zu. Konnte ihre alte Freundin ihr helfen? Sie musste ihr helfen, immerhin hatte das dumme Stück ja die Geschichte mit den Nummern erzählt.