Freitag, 25. März 2016

Schwarz

"Guten Morgen" sagte Moritz zu dem Mann, der am Bahnsteig direkt vor der Tür des Aufzugs stand. Dieser blickte ihn entsetzt an, holte dann aber Luft und erwiderte ein "Guten Morgen". Zwischen seinen Augenbrauen hatte er eine Falte. Es war keine freundliche Rückgabe des Grußes.
Moritz sah das im Vorbeigehen, dachte aber erst darüber nach, als weiter hinten auf den Bahnsteig stand und auf die Bahn wartete. Er lächelte zu dem anderen Mann zurück, aber dieser schaute nur in Richtung Tunnel. Was war das denn? Am ersten Tag wollte er einen guten Eindruck machen und gut gelaunt in der Klinik aufschlagen. Also hatte er sich vorgenommen andere Menschen zu grüßen. Es gab doch ein altes Sprichwort das sagte, "wie man hineinruft, so schallt es heraus". Und was wäre da besser geeignet als "guter Morgen"? Oder auch "guten Tag". Das war doch die Kurzform vom "Ich wünsche Dir einen guten Morgen". Genau das, was er allen Menschen immer wünschte. Er wusste, dass in Süddeutschland auch "Grüß Gott" gesagt werden konnte. Aber das klang zum einen so richtig religiös und hatte für ihn noch diese Nebenbedeutung von "Grüß Gott, ich schick Dich hin". Sein Vater war richtig sauer, als er ihn darauf hinwies. Bei dem Gedanken daran, musste Moritz grinsen. Als die U-Bahn kam, hatte er beschlossen, das das bestimmt nur ein Griesgram war, der schlecht geschlafen hatte.
Die U-Bahn war um diese Zeit gar nicht so richtig voll und so setzte er sich alleine auf eine Bank und schaute sich die Passagiere an. Es waren alles Berufspendler auf dem Weg zur Arbeit. Sie hatten noch schläfrige Augen. Wenn sich andere zu ihnen setzten, grüssten sie nicht, sondern schauten höchsten kurz von ihren Smartphones oder Zeitungen auf. Hier grüsste keiner einfach einen Wildfremden! Er nickte, nahm sich aber vor doch einfach weiter zu grüssen.
Nach ein paar Stationen kamen grössere Schülergruppen hinzu. Diese waren wacher und lebendiger. Ein Mädchen mit Kopftuch setzte sich neben ihm.
"Guten Morgen" grüsste er, freundlich lächelnd.
Sie schaute ihn an, aber war überhaupt nicht erfreut. Im Gegenteil, sie riss die Augen auf, sprang entsetzt auf und quetschte sich zu der Gruppe gegenüber. Das Abteil war zwar schon voll, aber zu zwei Mädchen, passte sie noch. Ihre Klassenkameraden lachten.
Was sollte er davon halten? Er hatte nur freundlich gegrüsst.
"Was soll das denn?" fragte ein Bursche aus der Gruppe. Die Mädchen kicherten nur. "Schaut doch nur" rief er und setzte sich zu Moritz.
"Seht ihr, da ist doch nichts dabei!" sagte er zu den anderen Schülern. Nach Moritz blickte er nicht um. Dieser wusste nicht so richtig, was er dazu sagen sollte oder wie er überhaupt reagieren sollte. Zum Glück traf die U-Bahn wenig später am Rathaus an und die Schüler verließen den Waggon.

Die Begrüßung in der Klinik war herzlich wie erwartet. Er wurde auf seine Station gebracht. Dort zog er sich um und befestigte das Schildchen "Dr. Moritz Meijer" an seinem weißen Kittel. Im Ärztezimmer löste er eine Ärztin ab, die sichtlich überrascht war ihn zu sehen.
"Ihr Deutsch hat überhaupt keinen Akzent, überhaupt nichts Holländisches" fragte sie neugierig.
"Wie kommen Sie auf Holland?"
"Wird das Meier dort nicht mit ij. .. oh ... da haben Sie ja ein e noch dabei. Das wäre ja dann Me - ei - er." sie zuckte mit den Schultern. "Ich bin immer überdreht nach der Nachtschicht, Entschuldigung." Sie seufzte.
"Das macht doch nichts. Ist ja auch schon eine gediegene Schreibweise. Mein Urgroßvater schrieb das noch mit y, das war dann Meyer mit y. Aber als dann mein Großvater meinen Vater im Geburtsregister gemeldet hatte, wurde dann aus dem y ein i und j." Die Ärztin setzte sich wieder hin. " ... Ab da war der offizielle Name dann Meijer und so ist das dann auch ..." Er sah, dass sie nicht mehr zuhörte.
Aber sie wollte noch ein wenig Smalltalk: "Sagen Sie gibt es eigentlich auch einen Max?"
Geduldig antwortete er: "Mein älterer Bruder ist der Max. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Leser von Wilhelm Busch. Er hatte da so ein dickes Album. Der war Sohn musste Max heißen und der zweite dann Moritz. Mein Bruder hat, wie es bei uns üblich ist, die Landwirtschaft geerbt. Als zweiter war ich dann eben ..."
Sie gab auf, gähnte und entschuldigte sich: "Sehen Sie so ist das immer bei mir. Erst die Aufregung, dass da etwas Neues kommt und dann die .. Sie verstehen das doch, nicht wahr. Ich wünsche Ihnen noch einen erfolgreichen Einstieg in den Job."
"Gehen Sie nur und noch einen schönen Feiermorgen, sagt man wohl besser, nicht wahr?"

Als es wenig später auf Visite gehen sollte, wurde er von einer Delegation aus Oberarzt und Krankenschwester abgeholt. Am Kittel des Arztes stand "Dr. Tarek Sulaiman". Dieser sah Moritz grimmig an und begrüsste ihn mit: "Hello Doctor, how are you?".
"Danke, gut. Aäh Guten Morgen"
"Ah, Sie also Deutsch, gut!" nickte Dr. Sulaiman.
Bei der Visite wunderte sich Moritz, ob er das Deutsch des Dr. Sulaimans verbessern sollte oder lieber nicht. Er entschloss sich zurückzuhalten, weil Vorgesetzter war ja Vorgesetzter und den verbesserte man ja nicht in aller Öffentlichkeit.

"Was soll der Schwatte hier? Warum kommt nicht der ... Au ... Türke?" rief der Patient, als Moritz seinen ersten Notfall hatte.
Moritz lachte: "Wie sagte doch gleich ihr Assauer: Wenn die Schwatten keine Tore schießen, können wir auch einen von unseren vorbeischiessen lassen." Dabei deutete er auf den Schalke-Schal der auf dem Nachttisch lag.
"Geben Sie mir doch die Chance eines zu schießen. Wissen Sie es der Medizin doch ganz egal welche Hautfarbe der Arzt hat." erklärte er dem verdutzten Kranken. 
"Assauer ist nicht mehr bei Schalke. Aber gut ist der trotzdem." er wollte lachen, aber dann: "Au ... ich kann nicht lachen...machensemal".
"Ganz ruhig, lassen sie mal alles ganz locker. Vielleicht ist es eine Kolik, lassen Sie mal sehen"
Moritz untersuchte den Bauch des Kranken. Es war eine Blähung. "Mal ganz ausatmen und tapfer sein" mit einer gekonnten Bewegung schob er sie an der Operationswunde vorbei und sie entlud sich geräuschvoll.
"Puh, sorry, aber Danke. Äh... Woher kommt ihr gutes Deutsch eigentlich weg? Bestimmt von der Kaserne, wo die Amis waren. Aus dem Urwald sind Sie doch wohl nicht, oder?"
Moritz lachte und zog kurz die Schultern hoch.
"Urwald ist schon ganz gut. Mein Urgroßvater war Kolonialbeamter in Togo und hat sich da verliebt. Die Frauen dort sind einfach mehr ..., wissen Sie. Und sein Sohn hat die Liebe zu Deutschland nie abgelegt und seinem Sohn, also meinem Vater weitergegeben. ..."