Freitag, 5. Februar 2016

Das Gegenstück

Sein Gegenstück begegnete ihm an einem Montagmorgen. Als er auf den Bahnsteig lief, schlossen sich die Türen der U-Bahn. Er wusste, dass der Fahrer nichts mehr machen konnte. Die Bahn war weg. Enttäuscht sah er sich um und stellte fest, dass er ganz alleine auf dem Bahnsteig war. Nun galt es fünf Minuten zu warten. Ein wenig lief er den Bahnsteig hinauf und hinunter. Vor der verspiegelten Tür des Aufzugs fand er sich wieder. So richtig genau konnte er sich darin zwar nicht sehen. Aber zum einen schaute er sich immer gerne an und die kleine Locke über dem rechten Ohr, die so richtig keck abstehen sollte, wollte einfach kontrolliert werden. Soweit er erkennen konnte, war alles in Ordnung. Er grinste sein Spiegelbild an, als sich die Tür öffnete. Eine junge Frau mit langen, blonden Haaren war in der Kabine. Ihre Augen hätten sich treffen können, aber er machte schnell einen Schritt zurück, drehte sich zur Seite und schaute, ob die Bahn nicht schon kam. Gerne hätte er die Frau genauer angeschaut, aber Frauen waren für einen Mann, wie er einer sein wollte, eben keine Objekte zum betrachten und zum bewerten. So machte er noch einen kleinen Schritt zur Seite in Richtung Bahngleis. Er bemerkte, dass sie ihn betrachtete. Das Gefühl von einer vielleicht sogar recht attraktiven Frau seines Alters gemustert zu werden, gefiel ihm. Bestimmt war es der hübsche Schal mit den großen Maschen, der ihre Aufmerksamkeit fand. Wie lange hatte er dafür gebraucht, einen solchen zu finden, der einen ähnlichen Braunton hat, wie seine Sneaker und seine Umhängetasche. Erst am Samstagnachmittag war es soweit. Er lächelte bei dem Gedanken. Aus irgendeinem Grund musste er seinen Kopf bewegt haben. Jedenfalls trafen sich ihre Augen. Sie erwiderte sein Lächeln. Ihre Augen hatten eine interessante grau-blaue Farbe.
In diesem Moment fuhr die Bahn herein. Vor dem sich unbewusst anlächelnden Paar öffnete sich die mittlere Tür des Waggons. Sollte er mit ihr hinein gehen? Obwohl sie sich gar nicht kannten? Schnell ging er zu der vorderen Tür des Waggons. Das war die Tür, die er sonst auch immer nahm. Mit einem schnellen Schritt betrat er den Waggon und lehnte sich an die Wand, so dass er gegen die Fahrtrichtung schaute. So hatte er sich das Fahren im Stehen angewöhnt. Wenn die U-Bahn bremste, wurde er gegen die Wand gepresst und brauchte sich nicht fest zu halten. Interessiert sah er wie die Frau die hintere Tür genommen hatte. Die mittlere Tür hatte sie auch nicht nehmen wollen! Sie ging trotzdem in den Waggon hinein und setzte sich in das Abteil, das ganz nah an der mittleren Tür war. Sie schaute mit ausdruckslosem Gesicht in Fahrtrichtung. Von dieser Entfernung hatte er keine Scheu mehr sie in Ruhe zu betrachten. Welch einen schönen Mittelscheitel sie hatte. Ihre langen Haare fielen zwanglos links und rechts herunter. Wenn Frauen lange Haare haben, sollten diese ungezwungen und trotzdem ordentlich sein. Sie gefiel ihm. An welches Mädchen erinnerte sie ihn nur? In seinem aktuellen Umfeld war keine, die annähernd so wäre. Da war er sich sicher. Ihm fiel das Mädchen aus längst vergessenen Zeiten. Mit der ist er zusammen in die Kirche zur ersten Kommunion gegangen. Die hatte auch solch eine Frisur gehabt. Hatte er seit der Zeit nie mehr gesehen. An der Hand hatten sie sich gehalten und als sie vor dem Altar standen, hatte er mit seiner Hand ihre Haare gestreichelt. Wie süss haben alle gesagt. Wer so schon bei der Erstkommunion zusammen war, der käme auch später wieder zusammen, hatten damals alle gesagt. Wie hieß die eigentlich noch? Die wohnten über dem Edeka am Rathausplatz. Warum nur fiel ihm das jetzt wieder ein? War das wirklich nur dieser Mittelscheitel und diese langen, blonden Haare? Er konnte das Gefühl von seiner Hand in ihren Haaren wieder zurück bringen. Ein Lächeln spielte mit seinen Lippen.

Als die Bahn langsamer wurde, drehte er sich nicht zur vorderen Tür, wie sonst. Diesmal ging er langsam den Gang hinunter zur mittleren Tür. Er wollte sich ihr zwanglos nähern, ohne dass es aufdringlich wäre, dachte er sich. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, bemerkte sie ihn. Er sah wie ihre Augenbrauen sich nach oben zogen. Ihre Augen schauten ihn von oben bis unten an. Warum fühlten sich seine Ohren so heiß an? Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als er sich an der Stange vor der Tür festhielt. Ihr abwartender Blick zu diesem Lächeln schien ihm als Aufforderung, dass er nun etwas tuen sollte um sie zu beeindrucken. Aber er war doch kein frauenfeindlicher Aufreißer! Er wollte er doch nur wissen, ob sie sich nicht kannten. Seufzend atmete er aus. Da erschien eine Falte zwischen ihren Augen und ihr Mund öffnete sich zu einer Frage. Sie erkannte ihn. Dann war sie also wirklich die Kleine, die er an der Hand hatte, als sie damals vor fünfzehn Jahren Erstkommunion hatten. Hatte er doch recht gehabt! Erfreut nickte er ihr zu und verließ den Waggon durch die mittlere Tür. Dem Waggon sah er erleichtert nach, als er langsam zur Treppe ging.

Hätte er sich doch nur mit einem "Hallo, wie geht es" zu ihr gesetzt. Dann hätte sie sagen können "Die Kirche, nicht wahr". Er hätte genickt und "Dass wir uns so wiedertreffen. Das ist ja eine Überraschung" gesagt. In der nächsten Station wären sie ausgestiegen und gemeinsam nach oben gegangen. Er hätte ihre Hand genommen und erzählt: "Weißt Du noch damals. So gingen wir zur ersten Kommunion. Die haben alle gesagt, wir wären so ein schönes Paar." Bei dem "Paar" hätte er ihre Hand ein ganz klein wenig gedrückt.
Sie wäre an dieser Stelle stehen geblieben. Hätte ihn ohne zu lächeln angesehen, seine Hand aber immer noch festgehalten und gesagt: "Ich glaube da verwechselst Du oder ich was."
Er hätte sie erstaunt angesehen und gehört wie sie von ihrer Konfirmationsfeier erzählte. Damals hatte sie ihre erste Liebe getroffen. Es war der Neffe des Pfarrers, der zu Besuch war.
"Und ..." hätte er gestammelt und dann, erst verlegen, dann befreit mit ihr gelacht. Ihre Hände hätten sich nicht getrennt.
Nach dem Lachen hätte sie "Aber irgendwie ... " gesagt. Es hätte eine kleine Pause gegeben und dann hätte er sie geküsst.