Freitag, 12. Februar 2016

Ali

Sollte er die Ecken seines Barts nach oben zwirbeln oder doch lieber so stumpf lassen? Er probierte es mit der rechten Ecke einmal aus und schaute sein Spiegelbild in der U-Bahntür an. Nein! Schnell wischte er den Bart wieder stumpf. Wenn er nun noch die Brauen düster zusammenzog, hätte er genau den wilden und brutalen ersten Eindruck, den er machen wollte. In den nächsten Monate sollte er den Wadenbeisser machen und die Beteiligung seines Onkels sicherstellen. Zwei Schnecken wären auch dabei. Die jüngere wäre noch zu pflücken. Er grinste, als er sich bei diesem Gedanken den Sack jucken musste. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und die Furche zwischen den Augenbrauen verschwand. Nein! Das war nicht der Eindruck, den er machen wollte. Er kniff die Lippen zusammen und stopfte seine Hände in die Sackotaschen. So war sein Gesicht wieder brutal ernst und als die U-Bahn hielt, stieg betont langsam ein zu fürchtender Schläger aus.
"Wir haben noch zu" begrüsste ihn das Mädchen.
"Ich bin der Ali und uns gehört hier ein gar nicht so kleiner Teil von" sagte er grimmig.
Das Mädchen schaute mit großen Augen wie er an den runden Tisch vor dem Tresen Platz nahm.
"Mach mir mal einen Tee" befahl er. 
Sie schaute ihn immer noch still an.
"Mach" er schlug kurz mit der Faust auf dem Tisch. Sie drehte sich um und machte sich an die Arbeit. Das hätte schon einmal geklappt, dachte er sich und schaute sich in dem Lokal um. Es gab hinter dem langen Tresen eine Durchreiche zur Küche. Als noch geraucht wurde, war hier bestimmt immer viel los. Vor dem Tresen standen neben dem runden Tisch noch vier weitere große, rechteckige Esstische. Hier wäre er nun der König für die nächsten Monate!

Das Mädchen kam mit dem Tee. Seine Hand griff ihr Hinterteil und in ihren erstaunten Gesichtsausdruck sagte er: "Der gehört mir auch, oder etwa nicht?"
"Schon, aber erst muss ich doch noch alles eindecken" wandte sie ein. Zu seiner Verblüffung lächelte sie ihm kurz zu. War sie die, die jeder bekam? Sollte es hier noch eine jüngere, kessere Schnecke geben?

Er beobachtete, wie sie flink zur gegenüberliegenden Wand des Gastraums hüpfte. Dort schob sie schnell die Türen zum Nebenzimmer auseinander. Ohne weiter nachzudenken zog sie die Stühle von den Tischen. Dann schob sie die Tische zusammen. Wie zart und doch kräftig sie doch war! 
Als sie die Tischdecken heraus holen wollte, meldete sich ihr Handy.
"Magda, wo bleibst Du?" sprach sie hinein. Dann lauschte sie.
"Scheiße" sagte sie. Schnell fügte sie "Entschuldigung, das ... so etwas passiert halt, aber für uns. Wie sollen wir das schaffen?"
Sie beendete das Gespräch mit "Gute Besserung".

Er schaute sie fragend an. Aber sie schaute kurz nach unten, dann steckte sie das Handy weg und machte sich wieder an die Tischdecken. Als sie damit fertig war, schüttelte sie den Kopf. 
"Das wird doch nichts" sagte sie leise.
"Dann beweg deinen Hintern zu mir. Lass das doch mit der Arbeit"
Sie blickte in seine Richtung. Ihr Gesicht wusste nicht so richtig, was es von dem Angebot halten sollte. Dann erschien ein zustimmender Ausdruck. Zu einem "Ok" nickte sie, dann setzte sie sich langsam in Bewegung. Ihren Arsch konnte sie wirklich toll von links nach rechts bewegen!
Plötzlich blieb sie stehen und hob den Zeigefinger. Mit "Ich mach besser zu. Immerhin sollst Du ja ganze Arbeit leisten." tänzelte sie zur Tür. Das Schild drehte sie von "offen" nach "geschlossen" und die Tür sperrte sie ab.
Bei ihrem "Und nun die letzten Stunden hier genießen" wollte er sich die Hose öffnen, aber dann durchzuckte ihn ein unangenehmer Gedanke.
"Wie? letzte Stunden?"
"Alleine schaffe ich den Bus sowieso nicht zu bedienen. Papa hat alles darauf gesetzt und ..Papa, der arme" wieder blieb sie stehen und blickte mit erhobenen Zeigefinger zur Durchreiche. Aber dann zuckten ihre Lippen. "Auch egal" sagte sie leise und kam mit wiegenden Schritten zu ihm.
Entsetzt hob er die Hand und sagte: "Mal langsam, wie ist das hier?"
Sie blieb stehen.
"Magda ist im Krankenhaus, die kommt nicht mehr und ... oder? ... Du kannst nicht jemanden organisieren, der hier sofort mitarbeitet?"
"Nee, wie?"
"Dann ist aus. Ich wollte sowieso hier weg" sie nickte dazu und ging wieder auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, legte sie ihre Hand auf seinen Hinterkopf. Er bemerkte den Abdruck ihrer Brustwarzen. Trug sie wirklich keinen BH?
"Es sei denn, Du? Du hast doch bestimmt schon mal? In Kneipe?"
"Du meinst hin und herlaufen, so mit Tablett und so?" seine Stirn legte sich in Falten.
"Tresen, Bier zapfen, Speisen annehmen, Tisch abräumen und so." Ihr Gesicht lächelte nicht mehr.
"Scheiße!" er schlug auf den Tisch. "Ich bin doch nicht zum arbeiten hergekommen."
"Leise. Papa soll doch nicht stören" mit einem echten Lächeln setzte sie sich auf seinen Schoss. 
"Dann eben nicht, ist ja auch egal". Beide Hände waren hinter seinem Kopf. 
Die Braut war wirklich heiß, aber für ihn selbst brach alles zusammen. Anstatt hier den lockeren Antreiber und Abgreifer zu machen, müsste er nun den Verteidiger der Investition mimen. Was sollte er machen? Ihm war nicht nach schnell kurz ficken und dann untergehen zu Mute.
Nach ihrem Kuss hörte er sich sagen: "Ok, ich versuch das".

Den Tisch im Nebenzimmer deckten sie gemeinsam ein. Es machte Spaß mit ihr zu arbeiten. Er brauchte nur zu tun, was sie ihm sagte. Wie sie strahlte, wenn er es richtig gemacht hatte! Als sie fertig waren, gab sie ihm einen dicken Kuss. Ihre Hand strich seinen Rücken hinunter.
"Und nun" sagte sie. 
"Nun?" fragte er.
"An die Arbeit, mach schon mal die Tür auf!" lächelnd ging sie hinter den Tresen. 
Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen und das Schild wieder auf "offen" gedreht, kam schon ein Stammgast in die Kneipe.
"Hallo Günni, das ist der Ali." stellte sie ihn vor. Die beiden erklärten ihm das richtige Zapfen von einem Pils.
"Das dauert ein paar Minuten, dann noch einmal drauf und schon hat es eine richtige Krone!" wurde ihm erklärt.
"Beim Pils immer ein paar halbvolle Gläser bereit halten. Sonst dauert das zu lange. Ah, da kommen sie schon" meinte sie. Mit einem Klaps auf den Hintern ließ sie ihn hinter dem Tresen stehen und widmete sich der Gruppe.

Gegen zwei war die Schlacht geschlagen. Aus der Küche kam ihr Vater mit einer großen Platte Kassler mit Sauerkraut. Sein dunkelhäutiger Helfer trug einen Topf Kartoffeln. Die vier setzten sich an den runden Tisch vorne und wollten essen.
"Oh, Ali. Das ist Schwein" fiel dem Vater ein.
"Ali kommt von Alois" antwortete er. "In Bayern würden sie Loisl draus machen, aber hier wurde Ali draus"