Freitag, 29. Januar 2016

Der Schrei

Was sollte seiner Tochter auf dem Weg zur Schule passieren? Er drückte ihre Hand ein wenig fester und schaute nach rechts. Sie schaute mürrisch zurück. Wie groß sie schon war! Er nahm die Wölbung an ihrer Brust wahr und schaute schnell wieder auf die Treppenstufen. Sie ist noch ein Kind! sagte er sich. Und deswegen war das schon vollkommen in Ordnung, wenn er sie, zumal in diesen Zeiten, zur S-Bahn Station brachte.
"Papa" flehte sie und blieb vor den oberen Stufen stehen.
Fragend sah er sie an.
"Gib mir den Ranzen" sie griff nach dem bunten, für ihre schmalen Schultern viel zu schweren Schulranzen, den er für sie trug.
"Aber ..." da hatte sie ihn schon auf ihrem Rücken und nahm die letzten Stufen zu den Gleisen.
Ihm blieb nur hinterher zu laufen. Sie traf sich mit ihren Schulfreundinnen. Ihn kannte sie nicht mehr. Mit zur Schule wollte er dann doch nicht fahren. Was sollte ihr schon passieren? fragte er sich.
Er drehte sich um und ging zurück. In seinen Gedanken war er erst bei der Arbeit, dann bei Erika. Sie war bestimmt schon in der OP. Am Nachmittag könnten sie sie besuchen. Wenn er bis dahin das Gutachten fertig hätte. Er dachte über den Fall nach, als sie ihm auffiel. Es war ihr Gang. Die Art wie sie ihm entgegen kam. Ihr Oberkörper war zurückgenommen als erstes wackelte ihr Becken ihm entgegen. Von links nach rechts schaukelte es, als würde es gar nicht von ihr kontrolliert werden. Wenn sie älter wäre, wäre sie eine richtige Femme Fatale. Er war am Eingang, drehte sich zur Tür und holte aus der Hosentasche den Schlüssel. Als er die Tür öffnete, war sie hinter ihm. "Danke" hauchte sie, als er ihr die Tür aufhielt. Vor dem Fahrstuhl musterte er sie. Was machte ein höchstens fünfzehnjähriges Schulmädchen um diese Zeit hier? fragte er sich. Ihre Brust war gerade dabei sich zu entwickeln. Warum nur interessierte ihn der Körperbau eines kleinen Mädchens? fragte er sich. Seine Mundwinkel zuckten. Sie schaute ihn durch ihre Wimpern aufmerksam an und lächelte.

Der Fahrstuhl kam und er konnte sich nicht von ihren Augen lösen.
"Schon ist ert gekommen" lachte sie und öffnete die Tür. Er folgte ihr hinein, sie drückte die 11 und er drückte die 12.
"Warum bist Du nicht in der Schule?" fragte er.
Sie zog die Brauen hoch, dann hauchte sie "Ich ... gehe lieber spielen" und schaute ihn lächelnd an. Sprachlos bemerkte er ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. So ein Luder fuhr ihm durch den Kopf, als ihm einfiel, das sein Gesicht bestimmt rot wurde. 
Die Kleine beobachtete diese Verfärbung triumphierend. Sie zwinkerte ihm mit dem rechten Auge zu, als sie ihren Daumen an den Mund führte. Der Fahrstuhl hielt, sie drückte die Tür mit ihrem Hinterteilchen auf und fragte noch "Willst Du auch spielen?", bevor sie hinaus huschte. Er holte tief Luft und drückte auf den Türen-zu-Knopf, damit es schnell weiterging.

Oben öffnete er die Wohnungstür und schnaufte erst einmal durch. Was waren das für Zeiten? Die war doch höchstens fünfzehn und flirtete mit ihm. Als wenn ihr kindlicher Körper eine anziehende Wirkung auf ihn gehabt hätte. Verwirrt hatte er ihn aber schon. Kurz schüttelte er den Kopf, dann machte er sich an die Arbeit. Dabei würde er auf andere Gedanken kommen. Es ging um eine Scheidung und den Wert eines Hauses. Der Vater wollte das Haus aufgeben und mit den Unterhaltszahlungen verrechnen. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass das Töchterchen einen höheren Schulabschluss macht? Seine Tochter wollte dieser Rabenvater einfach aufgeben. Bei dem Gedanken war er wieder bei der Elfe im Aufzug. Bestimmt wurde die auch von ihrem Vater im Stich gelassen. Das arme, schutzlose Ding! musste er denken. Er beschloss sich zunächst einen Kaffee in der Küche zu machen. Und dann konzentriert fertig schreiben, Tochter abholen und Frau besuchen.

In der Diele hörte er Geräusche aus dem Lüftungsschacht. Anscheinend ging es in einer Wohnung darunter oder darüber heiß her. Kurz zuckte er mit den Schultern und wollte weiter gehen, als es lauter wurde. "Nein, nein, bitte" hörte er eine Mädchenstimme. Er blieb stehen. War das die kleine Elfe aus dem Fahrstuhl? Ein Schrei kam aus der Öffnung in der Wand, gefolgt von einem männlichen "Leise!". Dann war es still. Auch als er sein Ohr an den Luftstrom legte, konnte er nichts mehr hören. Er ging in Küche, nahm den gebrauchten Kaffeefilter aus der Kaffeemaschine und entsorgte ihn in den Mülleimer. Der Filter wurde entsorgt, so wie dieser Vater sich seiner Verpflichtungen gegenüber seinem Töchterchen entsorgen wollte. Das ging doch nicht! Schon hatte er sich umgedreht und ging zum Hausflur. Er musste nachsehen, ob es der Elfe in der Wohnung unter ihm gut ging! Sie hatte doch bestimmt niemanden.

Als er die Treppe hinunterging, bekam er leichte Zweifel. Es war gar nicht sicher, ob das ihre Stimme überhaupt war. Sie hatte ja nur mehr gehaucht und geflüstert. Aber, könnte er sich im Spiegel sehen, wenn etwas passiert wäre und er hätte nichts getan? Entschlossen betrat er den Flur. Er würde nur in der Wohnung unter ihm schellen und höflich fragen, ob sie auch den Schrei gehört hätten. Nach zwei Schritten wurde er langsamer. Wenn wirklich etwas passiert wäre, würde der Täter nicht einfach öffnen und sagen, ja einen Schrei hätte er auch gehört. Und dann wäre es das. Er müsste schon ganz entschieden auftreten. Tief holte er Luft und langsam ausatmend stellte er sich breitbeinig vor die Wohnungstür. Entschlossen drückte er lange auf die Klingel. Streng blickte er in den Spion und wartete.
Jemand blickte durch den Spion und verschwand. "Ich weiß, dass Sie da sind, machen Sie auf!" sagte er und drückte erneut auf die Klingel.
"Ja, ja, gleich" hörte er eine Männerstimme.
Er klopfte an die Tür.
Sie öffnete sich schnell und da stand sie. Ihre flache Hand hielt sie ihm entgegen und sagte mit einer deutlichen Frauenstimme: "Ich war wohl zu laut, entschuldigen Sie bitte"
"Dir ist nichts passiert?" fragte er dagegen und machte einen Schritt auf das Elfchen zu.
"Immer mit der Ruhe" sagte diese und machte einen Schritt zurück. Er blieb stehen und wunderte sich über diese Verwandlung. Ihre Stimme war viel älter, wenn sie nicht hauchte.
"Seit zehn Jahren sehe ich aus wie fünfzehn." sagte sie. "Habe ich Sie da ..."
"Äh und nun ..." ihm war das peinlich. Was machte er eigentlich hier? 
Bevor er ärgerlich werden konnte, fuhr sie fort: "Das mit dem Spielen ist übrigens richtige Arbeit. Wir entwickeln Computerspiele und mein Kollege testet das mit seinem neuen SmartTV. Wenn Sie Zeit haben? Es ist ein pädagogisches Spiel, das ..." 
Er drehte sich um und ging.