Freitag, 30. Oktober 2015

Die Chance

Die Falten in seinem Gesicht glätteten sich, als er sie anlachte. Obwohl eher sie ihn anlachte, ja förmlich ansprang. Er nahm sie mit. Es sollte ein Fastentag werden. Einmal in der Woche wollte er nur eine Mahlzeit zu sich nehmen, in der dann alle Nährstoffe und Mineralien für den Tag enthalten sein sollen. An diesem Mittwoch entschied er sich für eine Ananas. In der Norma auf dem Weg zur Arbeit war eine geschälte und entkernte Ananas im Angebot. Deswegen war er dort. Und als er das Plastikgehäuse mit der gelben Frucht in der Hand hielt, da sah er sie schon von weitem. Aber er schenkte ihr zunächst keine Aufmerksamkeit. Erst als er vor ihnen stand, sah er, dass sie genau die richtige Farbe hatte. Er nahm sie vorsichtig aus dem kleinen Eimer an der Kasse und roch an ihr. Es war ein angenehmer Geruch, von einer bestimmt in einem Gewächshaus gezogenen Rose hätte er anderes erwartet. Sie sollte nur ein Euro kosten und das war sie ihm wert. Zufrieden verließ er das Geschäft. Sein Gang wäre beschwingt gewesen, wenn er das rechte Bein hätte richtig belasten können.
Im Büro angekommen, ging er als erstes in die Küche. Dort deponierte er die Ananas in den Kühlschrank und das Röschen in ein Wasserglas. Er füllte es ein wenig mit Wasser auf, bevor es auf den gegenüberliegenden Schreibtisch stellte. Gespannt wartete er.
"Guten Morgen, ich habe es gewusst!" erwiderte er das "Guten Morgen" seiner Kollegin. Sie blieb auf halben Wege stehen.
"Was? Muss ich das verstehen?"
"Sie haben den passenden Rock an!"
"Seit wann achten Sie auf meinen Rock?"
"Schauen Sie" er deutete auf die Rose "Das ist doch der gleiche Farbton. Oder etwa nicht?"
Sie ging zu ihrem Schreibtisch und hielt die Rose an ihren Rock. "Gratuliere, passt genau. Aber, wie soll ich die Rose nun verstehen?"
"Bitte nicht falsch." Er spürte, wie er rot wurde.
"Sie werden ja rot. Nach so langer Zeit werden Sie rot. Wir sind nun schon eine Ewigkeit hier in diesem Büro und auf einmal stellen Sie mir eine Rose auf den Tisch und werden rot, wenn ich Sie frage, wie ich das verstehen soll."
"Ja, irgendwie. Also ich wollte ja nur. Nicht. Es ging mir um die Farbe als solche. Ich bin doch ein Mann und Männer sind farbenblind, war doch gestern. Eben nicht!" er nickte.
Sie wollte lachen. Es fing auch mit einem gezwungenen "ha ha" an, das aber doch eher in ein trauriges "ja ja" über ging.
"Was habe ich denn nun angestellt?"
"Nichts, nichts. Was sollen Sie schon angestellt haben? Ich habe von meinem Kollegen eine Rose auf dem Tisch bekommen. Eine rote Rose!" Sie schaute ihn an. Er zog die Augenbrauen hoch.
"Und ich dachte nun, dass ... Ach. Sie doch nicht." Sie setzte sich hin.

In der folgenden Stille durchliefen ihn unerwartete Gedanken. Seine Kollegin war älter als er. Und er selbst war ja auch nicht mehr jung.
"Für eine Büroaffäre sind wir doch zu alt." formulierte er seine Schlussfolgerung.
"Immer mit der Tür ins Haus. Wie haben Sie eigentlich ihre Frau kennengelernt? Will ich gar nicht wissen!" stoppte sie ihn. "Sagen Sie mir lieber, woher Sie wussten, dass ich diesen Rock heute anziehen würde?"
"Von der Reihenfolge her. Gestern war es zu kalt für Rock und den Tag davor hatten Sie den gelben an. Anscheinend hängen die Kleidungsstücke in einer gewissen Ordnung in ihrem Schrank."
"Sie bemerken meine Röcke? Ohne dass ich ein Interesse bemerke?"
"Seit wir zusammen hier sitzen, frage ich mich jeden Tag wie sie wohl zur Arbeit kommen. Ich zeige das nur nicht so. Wir sollen doch nur zusammen arbeiten."
"Und nie haben Sie etwas gesagt? Wir hätten doch .." Sie schwieg.

Die folgende Stille wurde von beiden recht arbeitsam verbracht. Ordner wurden gestöbert, Akten gesichtet. In der Mittagspause ging sie in ein nahe gelegenes chinesisches Restaurant, während er sich in die Kaffeeküche zurück zog und dort seine Ananas verspeiste.

Er durchforstete wieder Akten als sie zurück kam. Wie immer, wenn sie vom Chinesen kam, hatte sie das Glückscookie dabei. Dieses wurde immer zu dem Nach-dem-Essen-Kaffee gelesen. Als sie es gelesen hatte, räusperte sie sich.

Er schaute auf. Sie fragte: "Wenn wir jünger wären, so zwanzig Jahre, wie würde eigentlich eine Büroaffäre aussehen, wenn wir sie denn hätten?"
"ja, äh. Wir lieben uns, wenn wir im Büro sind. So in den Pausen. Und."
"Ich meine, ich hätte meine Kinder, meinen Mann, das gemeinsame Haus doch nie aufgegeben. Sie haben ihre Frau ja später kennen gelernt. Mit Affäre im Büro, wäre das gegangen?"
"Das wäre nur mit einer eher sexuellen Affäre gegangen."
"Wie?"
"Eine, die nur eben Sex beinhaltet. Sonst keine grossen Gefühle. Nur so als Hobby. Neben der Arbeit."
"Sie meinen also, wenn wir denn Lust hätten, würden wir uns zurückziehen und Geschlechtsverkehr haben. So für einen Zeitraum von 20-30 Minuten wären wir im Lager oder in der Registratur. Danach würden wir dann in aller Ruhe, hoffentlich beschwingter, weiter arbeiten?"
"Ja, genau. So!"
"Wie würden wir fest stellen, ob wir gemeinsam Lust hätten? Das ist ja in einer Ehe schon problematisch. Und unsere Methode müsste ja zwanzig Jahre halten. Ohne dass wir uns streiten würden. War schon gut, dass wir das nicht angefangen haben. So etwas hätte ja nie gehalten." Sie wollte wieder arbeiten.
"Würfeln!", sagte er, bevor sie die Akten aufklappen konnte.
"Wie bitte?"
"Wir hätten einen Würfel werfen können. So jeden Tag nach dem Mittag. Bei einer sechs machen wir es."
"Und sonst nicht?"
"Genau!"
"Das ist ja eine geniale Idee. Das hätte jeden Tag interessanter gemacht. Und trotzdem wäre unser Leben ganz normal weiter gegangen. Warum?" Sie zog ihre Schublade auf. "Hier habe ich einen Würfel." Sie legte ihn mit der Sechs nach oben auf den Tisch. "Beim ersten Mal muss es doch eine Sechs sein, sonst kommt das doch nie in Fahrt."

Er stand auf und holte vom Schlüsselbrett den Schlüssel zur Registratur. Die beiden zogen sich für mehr als zwanzig Minuten zurück.

Auf dem Zettel aus dem Cookie stand: "Gib jedem Tag die Chance der schönste deines Lebens zu sein!"