Freitag, 16. Oktober 2015

Der Stock

"Hallo Schatz, ich bin jetzt an der Station, wie komme ich nun zu Dir?" fragte sie in ihr Handy. Lauschend musterte die junge Frau mit den weißen Turnschuhen den Bahnsteig, ging dann zur Rolltreppe und fuhr hinunter. Ihr Handy war die ganze Zeit an ihrem Ohr. Sie hörte erfreuliches, jedenfalls lachte sie häufig oder sagte etwas wie "ja, genau" oder auch "ich freu mich auf Dich". Unten nahm sie zielstrebig den rechten Ausgang. Auf dem dunklen Platz vor der S-Bahnstation bekam sie große Augen nachdem sie sich in allen Richtungen umgeschaut hatte. In ihr Handy sprach sie leise: "Du, eh, da ist keine Apotheke, da ist nur eine große Strasse". Sie lauschte und sagte dann kopfschüttelnd: "Nee, nee, ich bin in Stadtgrenze ausgestiegen. Du wohnst doch an der Stadtgrenze, so hast Du doch.." Sie lauschte noch eine Weile, ging wieder in die Station, fand den gelben Aushang und dann: "Der nächste fährt in 30 Minuten". Eine Gruppe mehr oder weniger alkoholisierter Nachtschwärmer kam in die Station. "Kann ich nicht einfach zu Fuß gehen? Ist ja nur eine Station" schlug sie ihrem Handy vor. Mit "Schön, gut, also ich pass schon auf und Du kommst mir entgegen. Dann kann ja nicht passieren. Und wenn, ich lauf doch schnell. Hab Dich Lieb!" schloss sie das Telefonat ab. Sie verstaute das Handy in ihre kleine, schwarze Lederhandtasche und ging zum rechten Ausgang. Auf der großen Strasse war um diese Uhrzeit wenig los. So ging sie in der milden Sommernacht mit festem Schritt nach links.
Nach ein paar Schritten bemerkte sie, dass sie nicht alleine war. Vor ging ein alter Mann mit einem Spazierstock. Er drehte sich nach ihr um und fragte mit zitternder Stimme: "Hallo, so spät auch noch unterwegs?"
"Ja, ich habe eine Station zu früh genommen. Und nun muss ich entweder eine halbe Stunde warten oder zu Fuß gehen. Um die Zeit am Bahnhof warten"
"Lassen Sie das lieber. Sind ja nur Penner und Gesindel im Bahnhof. Ein Mädchen wie Sie hat da nichts verloren. Gehen sie auch über die Autobahn?"
"Ja, ja. Hier immer auf der Strasse und dann am Ufer lang bis zu einer Fußgängerbrücke über die Autobahn. So hat mein Freund mir das erklärt. Am anderen Ende müsste ich den Friedensplatz schon sehen."
"Ich muss auch dort hinüber. Würden Sie mich bitte begleiten? In meinem Alter gehe ich nur ungern alleine herüber". Auf seiner faltigen Stirn bildeten sich ein paar Falten, als er die Augenbrauen hoch zog.
"Warum nicht?" Sie setzte ihren Weg fort. Der alte Mann griff ihren Arm mit seiner linken Hand. Es war eine warme und, für sein Alter, unerwartet kräftige Hand. Kurz schaute sie ihn, er lächelte dankbar. Zwar ging sie nun ein wenig langsamer, aber dafür waren sie zu zweit.

Nach ein paar Minuten kamen sie zum Ufer. Hier machte die große Strasse eine Rechtskurve und nach links ging eine Rad- und Fußweg. Erleichtert nahm sie die Laternen war, mit denen dieser beleuchtet wurde. Der Weg vollkommen leer war.
"Niemand da. Was soll hier schon passieren?" fragte sie.
"Normal passiert hier ja nichts. Nur, wenn etwas passiert, dann ist das nicht schön" meinte der Alte.
"Oh, da kommen welche" sie sah ein paar Gestalten entgegenkommen. Im Licht der Laternen war nicht genau zu erkennen, wer diese Gruppe war. Es waren anscheinend drei Gestalten, die nicht zügig gingen, sondern erst einmal stehen blieben.
"Die haben genauso Angst vor uns" beruhigte sie der Alte.
Sie und auch die Gruppe gegenüber gingen weiter. Nach ein paar Metern war die Gruppe aber verschwunden.
"Wo sind sie?" fragte sie. Ihr Begleiter hob die Schultern hoch. Sie gingen weiter und kamen zu einer Abzweigung nach links zu einem kleinen Platz. Dieser war von Büschen umgeben und vom Weg nur einsehbar, wenn man an der Abzweigung stand. Dort sassen drei jüngere Männer auf einer der Bänke.

"Hallo? Mitfeiern?" einer von ihnen stand auf und ging auf sie zu.
Sie schüttelte den Kopf und wollte schneller laufen, aber ihr Begleiter blieb stehen und hielt sie am Arm fest.
"Vorsicht!" seine Hand zitterte. Sie wurden von den dreien umstellt. Mit "Opa, mach ma weg" wurde der alte Mann von ihrer Hand gerissen.
"Wir haben da ein richtiges Goldstück" grinste der eine, der andere nahm ihren Arm und hielt sie fest. Der dritte zückte sein Handy "Machen wir ein Video, geil!"
Sie sagte "Ich will das nicht" und als sie einfach gezogen wurde, schrie sie "Hilfe, Nein", die Männer lachten nur und schrien "Ja" und "Geil!". Der mit dem Handy kreischte laut und hoch "Jaaa Hilfe Das ist guuut".
Sie wurde auf die Bank geworfen. Zwei Männer standen vor ihr, der mit dem Handy stellte sich an die Seite. "Ich mach den Regisseur. Das blonde Biest wird von zwei richtigen Männern durch gefickt. Aber erst einmal dein großer Auftritt. Mach Dich doch oben herum mal frei. Los." 
"Du spinnst!" sie schüttelte den Kopf. Sie blickte zu dem alten Mann, der langsam zu der Gruppe hinzukam. 
"Schau nur zu alter Mann" sagte der, der sie hergezogen hatte. Dann drehte er sich wieder zu ihr um, holte aus und gab ihr eine Ohrfeige: "Machst Du wohl ... Au!" Er fiel zu Boden und hielt sich das Knie fest. Der neben ihm stehende Mann drehte sich um, aber röchelte als der alte Mann ihm die Gummi genoppte Spitze des Spazierstocks gegen das Brustbein rammte. Seine Rippen krachten hörbar. 
"Ich stech Dich ab" sagte der mit dem Handy und wollte sein Messer ziehen. Aber der Opa schlug im Drehen mit seinen Stock zu. Er traf auch sein Knie und so blieb das Messer stecken.

Sie stand auf, atmete aus und lief lächelnd auf ihren Retter zu. Ihre Dankbarkeit blieb ihr im Hals stecken, als dieser sie mit seiner linken Hand fest packte und zu den Männern sagte: "Sie gehört mir ihr Arschlöcher".