Freitag, 28. August 2015

Regeln

Unwillkürlich zog sich seine rechte Backe zusammen und kniff sein rechtes Auge zu. Laut holte er durch den halb geöffneten Mund Luft. Aber es gelang ihm die Haltung nicht zu verlieren. Nicht einen Millimeter wurden seine Schritte länger. Auch rief oder schrie er nicht. Nach ein paar Schritten hatte er seine Fassung wieder und er erreichte die Fußgängerampel wie gewohnt. Obwohl um diese Uhrzeit wenig Autos unterwegs waren, war diese in Betrieb und wollte bedient werden. Es geht doch nicht doch nicht, dass solche Idioten einfach schräg bei rot über die Kreuzung laufen! Er stellte sich aufrecht vor den Mast und drückte den Knopf. In vergangenen Zeiten konnte er kerzengerade stehen, aber sein Bauch wurde runder und fülliger, so dass er nun die Schultern zurückziehen musste, damit er nicht vorn überfällt. Er atmete tief ein und aus. Als es grün wurde, ging er genau in der Mitte des Überwegs. Sorgsam setzte er einen Schritt vor dem anderen. Bis er schließlich im Amt ankam.
Die Zeit bis zur Feier am Vormittag widmete er dem Studium seiner Fachzeitschriften. Als studierter Bauingenieur war er sich das schuldig. An diesem Tag hatte das Fräulein Lämmle Geburtstag. Das 'Fräulein' drückte nicht etwa Jugendlichkeit oder Attraktivität aus, sondern nur, dass sie immer noch ohne Beziehung zum anderen Geschlecht war. Eigentlich war sie auch ohne Beziehung zum eigenen Geschlecht. Aber das stand auf einem anderen Blatt. Sie interessierte ihn nicht besonders, weder äußerlich, sie war so mehr wie ein Brett, noch innerlich, sie war nur so eine Kollegin. Und Kollegen bringen zu ihrem Geburtstag immer einen Kuchen mit, den es loben gilt. Sie brachte wieder ihren Rüblikuchen mit. Es handelte sich um einen einfachen Rührteig mit Möhrenschnitzelchen, oben mit Schokoladenüberzug. Jedes Stückchen hatte noch am Rand eine kleine Marzipanmöhre. Weil sie ihren fünfundvierzigsten feierte, hatte sie Sekt mitgebracht. Er trank zwei Gläschen Sekt. Das erste stürzte er vor dem Kuchen herunter, das nächste um die Flasche leer zumachen.

Von der Feier erholte er sich an seinem Schreibtisch. Bis zum Mittagessen suchte er ein paar Nachrichtenportale im Internet auf. Nach dem Mittagessen kam die schwierige Zeit im Amt. Es war Publikumsverkehr. Seine Hoffnung auf einen Nachmittag ohne Publikum wurde allerdings nicht erhört. Gegen halb drei klopfte es an der Tür. Ohne sein "herein" abzuwarten öffnete sie sich und eine blonde, hagere Frau schaute herein.
"Bin ich hier richtig, bei den Anträgen zur Sonnenhalde?"
"Bitte was?"
Während sie an sein Schreibtisch kam, fing sie schon an ihren Spruch aufzusagen:
"Nun, mein Mann war doch letzte Woche hier. Und wir müssen wirklich die Garage nach vorne bauen. Und nicht nach hinten, wie das im Plan steht. Und dafür müssen wir doch den Plan ändern. Und." Auch bei diesem 'Und' machte sie eine kleine Pause, in der sie ihn mit großen Augen anschaute, bevor sie sie weitermachte: "Haben Sie oder ihr Kollege doch meinem Mann letzte Woche so erklärt."
Sie legte ein Schreiben auf den Tisch, lehnte sich zurück und war still.
"Ich bin übrigens der Herr Lüdenscheid und Sie?" lächelnd nahm er das Schreiben in seine Hände.
"Frau Batisch" Sie errötete und fügte ein "Oh, entschuldigen Sie" an.
Langsam blätterte er schweigend in dem Schreiben. Es war eine Kopie des Katasterauszug. Mit rotem Stift waren Rechtecke durchkreuzt und bei einem Grundstück war roter Kasten eingefügt. Im Anschreiben wurde ausgeführt, dass man plant die Garage so zu bauen, wie es alle in der Strasse machen und nicht wie es, bestimmt irrtümlich, immer noch im gewiss veralteten Plan stünde. Fotos von den Nachbarhäusern waren beigefügt. Wer denken sie denn, wer sie sind, dachte er sich, als er aufblickte.

Sie hatte sich nicht zurück gelehnt, sondern saß aufrecht mit hängenden Schultern und wartete geduldig auf seine Antwort. Demütig! Das gefiel ihm. Er atmete tief durch die Nase ein und reckte sich ein wenig bevor er zu seiner Erklärung ansetzte. Sie schien sich zu ducken. Seinen rechten Zeigefinger hob er hoch. "Bevor ich .. vielleicht hole ich mal, was in den Akten zu der Planung steht. Ein Moment"
Er ging zum Aktenschrank und mit einem Griff hatte er einen Hängeordner in der Hand. Aus diesem nahm er einen Plan, den er über dem Anschreiben entfaltetet.
"Sehen Sie hier, das war der ursprüngliche Plan der Siedlung. Die Anwohner sollen diese Strasse befahren und auf der anderen Seite war eine Sackgasse geplant. Deswegen sollten die Garagen auf der Rückseite sein. Der Weg zum Eingang der Siedlung ist dort viel kürzer."
"Aber, da ist doch keine ..." Sie brach ab, als sie seinen kritischen Blick bemerkte.
"So war es gedacht! Und es war gut geplant. Mit Hand und Fuß. Sehen Sie doch hier oben, der Planer"
Sie las "Haslach/1969" und schaute ihn fragend an.
"Der Herr Haslach war der erste Amtsleiter hier. Mein Chef wurde von ihm ausgesucht. Das kann ich so gar nicht einfach ändern. Wir müssten das in einer großen Runde besprechen. Eine Antwort, die nicht unbedingt positiv sein muss, hätten Sie in drei bis vier Monaten. Kann ihr Vorhaben so lange warten?"
Tränen traten in ihre Augen. Sie holte Luft und wollte laut werden. Aber dann kam ein Seufzer und "Aber die anderen haben doch auch" geflüstert.
"Die anderen sind auch nicht hier vorbei gekommen und haben eine Planänderung verlangt. Die haben das wohl einfach so gebaut. Und keiner hier hat etwas gewusst. Jetzt kommen Sie mit Fotos. Nun muss ich die Schwarzbauten ihrer Nachbarn verfolgen. Prüfen bei wem Bestandsrecht greift."
"Nein, bitte nicht" Nun weinte sie auch noch. "Wir müssen da doch wohnen."

Befriedigt lächelnd faltete er den Plan wieder zusammen und verstaute ihn in den Hängeordner. Zwischen ihnen lag das Anschreiben mit dem Auszug aus dem Register samt Anmerkungen und den Fotos. Sie wollte es zu sich nehmen, aber er war schneller.
"Das haben Sie hier doch abgegeben. Es ist nun amtlich"
"Bitte, das nehmen wir zurück."
Er gab das Anschreiben. "Kein Problem mit ihrem Antrag. Dann bauen Sie also die einzige Garage, die kein Schwarzbau ist. Solche Bauherren sind mir ja die Liebsten."
"Können wir das nicht insgesamt alles vergessen?" fragte sie leise. Ein "Bitte" fügte sie an und öffnete ihre Augen zu ungeahnter Größe.
Er grinste nur und schaute still in ihre Augen. Dann wanderte sein Blick langsam ihr Gesicht hinunter und blieb an ihrem Halsansatz stehen. Die Knöpfe ihrer Bluse waren zwar weiter aufgeknöpft, aber die beiden Teile hingen übereinander und ein Spalt war zwar da, aber ein Blick war nicht freigegeben. Seine Augen wanderten wieder zurück und als sie sich wieder mit ihren trafen, hob er seine Augenbrauen fragend.
Sie stand auf.