Freitag, 10. Juli 2015

Koks

"Er war direkt tot. So einen Schlag überlebt keiner. Sehen Sie nur, direkt auf den Hinterkopf hinter dem Ohr wurde er getroffen. Sein Schädel war sofort hinüber. Könnte ein präziser Schlag mit einem Totschläger gewesen sein. Oder unglaublicher Zufall. Genaueres erst nach dem Labor."
"Wie lange ist das her?"
"Noch ganz frisch, keine Stunde"
Kommissarin Helferich schaute sich den Mann im schwarzen Anzug genauer an. Er war vielleicht dreißig Jahre alt. Seine Hände waren gepflegt. Unter den Schliessfächern entdeckte sie einen Schlüssel. "Sehen Sie mal dort. Den Schlüssel"
"Wir haben hier alles so liegen lassen, damit sie einen Eindruck bekommen. Fotographiert haben wir schon alles. Soll ich das Fach öffnen?" Der Mann im weissen Overall nahm den Schlüssel hoch und schaute die Kommissarin fragend an. Sie nickte. Im obersten Fach sahen sie Beutel mit weißem Inhalt.
"Könnten Drogen sein. Da müssen wir dann wohl die grossen Spurensicherung veranstalten. Ergebnisse gibt es morgen"
Die Kommissarin trat ein paar Schritte zurück und schaute sich in der Nische hinter den Toiletten mit den Zeilen von Schliessfächern um. Von der Passage vorne waren sie nicht direkt einsehbar. Eigentlich ein idealer Ort für die Übergabe von Dingen aller Art. Zur Sicherheit der Kunden wurde dieser Bereich per Video überwacht. Sagte das Schild an der Wand und auch die Kameras an den Ecken.
"Sehen Sie nur, da müssten wir ja die Videos anschauen." Der Mann im weissem Overall meinte nur: "Mal sehen".

Bevor sie zur Bahnhofspolizei ging, rief die kleine Frau neben den uniformierten Polizisten: "Können Sie mich nicht gehen lassen? Warum brauchen Sie mich noch? Ich habe ja schon alles gesagt" Sie schaute die Kommissarin flehentlich an. Diese schaute streng zurück.
"Es ist da einer gestorben und ..."
"Ich muss doch noch meinen Flug bekommen. Wenn ich nur nicht.." 
"Was nicht?"
"Er hat doch noch geblutet und ich kann das nicht sehen. Da konnte ich doch nur noch schreien. Und nun."
"Ja, was nun?"
"Mein Flug. In vier Stunden habe ich Abflug und eine Stunde braucht es doch zum Flughafen. Und. Hätte ich doch nicht geschrieen, sondern einfach nur umgedreht. Mist."
"Was haben Sie denn genau gesehen?"
"Ich suchte ein freies Fach, nur hinten waren noch welche frei und da lag der dann."
"Mehr nicht?"
"Nein, da habe ich nichts mehr gesehen. Es war auch keiner da."
"Schritte?"
"Nein, ich weiß nicht. Ich habe nur geschrieen."
Die Kommissarin gab hier auf und fragte den Uniformierte, ob die Zeugin mit Aussage schon protokolliert war. Dieser bejahte und die kleine Frau konnte gehen. 

Wenig später war sie bei der Bahnhofspolizei und fragte nach den Aufzeichnungen.
"Leider sind die Kameras in dem Bereich gestört. Wir haben nur die von Passage vorne und hinten."
"Besser als nichts. Lassen Sie mal sehen"
"Ist schon vorbereitet, hier kommt der Mann im Anzug. Müsste er doch sein? Er ist ganz alleine, niemand folgt ihm. ... Und, ja hier. In der Passage tut sich nichts. Keiner läuft weg."
"Wo ist er hin, war ja kein Geist?"
"Könnte auf die Toilette geflüchtet sein und dann unter die Leute. Oder auf dem Bahnsteig in der Mitte."
"Da bräuchte man nun so eine Gesichtererkennung, nicht wahr?"
"Wir hatten da mal einen Feldversuch hier. Aber das war viel zu blöd. Immer einen Alarm, da wäre jemand, der gesucht würde. Und dann war das doch wieder nichts. Das funktioniert nur so ein bisschen, aber im grossen."
"Können Sie uns das mit ins Präsidium geben? Sollen unsere Praktikanten da Ordnung hereinbringen. Wer hineingeht, wer hinausgeht. Wer um die Tatzeit in der Nähe der Schließfächer gewesen sein könnte."
"Bekommen Sie. Wenn Sie da Leute für haben."

Am Tatort waren immer noch die Kollegen beschäftigt. Sie hatten einen Bettler mit einem recht modernen Rucksack aufgegriffen. Dieser gepflegte Rucksack passte gar nicht zu der eher abgerissenen Gestalt. Er war leer bis auf einen Geldbeutel mit einem Ausweis, der zu dem Toten passen könnte.
"Wo haben Sie den denn gefunden?"
"Neben den Papierkorb dort vorne saß er. Ganz ruhig und still."
"Der Tote ist dann also ein Alfons von der Heyde. Ist ja schon einmal was."
Sie wandte sich an den Bettler, der, mit einem Krückstock in der rechten Hand, neben dem Streifenpolisten stand. 
"Wo haben Sie den Rucksack her?"
"Weggeworfen"
"Wer hat diesen Rucksack weg geworfen?"
"So Junge. Kommt von hier" er wies auf die Nische mit den Schließfächern " und hat weg geworfen."
"Wie sah dieser aus?"
"So" der Bettler fuchtelte in der Luft herum. 
"Ins Präsidium mit ihm" wies die Kommissarin an.

"Sie sollten sich einmal waschen" sagte sie zu dem Bettler an ihrem Schreibtisch. Sie stand auf und öffnete erst einmal die Fenster. 
"Also dann, was ist passiert?"
"Ich warten, wie immer. Dann kam so ein Junge und warf den Rucksack auf den Boden. Schöner Rucksack. Dann Schreie. Ganz klein machen" Er schaute mit aufgerissenen Augen und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ganz klein und unschuldig konnte er aussehen.
"So, so ein Junge ist gelaufen. Wohin?"
"Weiß nicht. Nicht geschaut."
Die Kommissarin telefoniert mit dem Polizeizeichner. Dieser hatte sein Büro im Stockwerk eins höher und könnte versuchen ein Phantombild anzufertigen. Sie begleitete den Bettler zum Fahrstuhl, hielt dann aber den Gestank doch nicht aus und nahm lieber die Treppe. Als sie oben war, wartete er schon vor dem Fahrstuhl. Ihr fiel seine Größe und Masse auf. Wie er nur auf die Strasse gekommen ist? Sie begleitete ihn zum Zeichner und kehrte zu ihrem Büro zurück. Es würde eine Weile brauchen, bis das Phantombild fertig war.

"Haben wir eigentlich etwas?" fragte sie ihre Kollegen.
"Bestimmt eine Drogengeschichte und es war sein Lover"
"Oder der Streberbruder hat seinen Junkiebruder erschlagen lassen" 
"Wir brauchen nur einen Jungen in den Videos zu finden und voila."
"Es ist am Vormittag passiert, da sind so viele Jungs. Aber der Reihe nach. Haben wir schon Info von der Spusi? Wissen wir eigentlich schon etwas über diesen Alfons von der Heyde?"
Das Team begann das Flipchart zu beschreiben. Es wurden die unterschiedlichten Theorien erläutert. Als der Zeicher fertig war, ging sie hinauf, um die Zeichnungen zu sehen. Ihr humpelte der Bettler entgegen. Er hatte den Krückstock in der linken Hand. Als sich ihre Verwunderung in ihrem Gesicht abzeichnete, versuchte der Bettler nicht mehr zu humpeln sondern sie zur Seite zu schubsen und zu fliehen. 
Es gelang ihm nicht.