Freitag, 17. Juli 2015

Die Bank

"Komm, mach doch mit. Knacken wir die Bank!" schlug Matze vor.
"Ich mache so was nicht!" antwortete Alfons fest
"Ist überhaupt kein Risiko. Dr. Hildebrandt plant das genau. Und Du kennst ihn doch. Was der vorschlägt hat doch immer Hand und Fuß."
"Ja, schon. Aber kann ja auch schiefgehen"
"Null Risiko." Die beiden schauten sich kurz an, dann provozierte Matze mit: "Du hast bestimmt keine 15.000€, gibts zu"
"Ist viel Geld und hinterher .."
"Das klappt schon, aber wir müssen schon investieren."
"Ich schaffe nur 5.000€ und dann ist mein Konto schon zu. Wo hast Du die Kohle eigentlich her?"
"Meine Oma! Dafür hat man die doch. Was glaubst Du eigentlich, warum ich da einmal im Monat hingehe und Käffchen trinke?" nach einer kleinen Pause setzte Matze hinzu: "Deine wohnt doch in einem eigenen Reihenhäuschen, warum fragst Du nicht einmal?"
"Weiß nicht. Die kenne ich doch nur vom hören sagen."
"Trau Dich einfach. Die freuen sich immer, die Alten. Und haben Geld wie Heu. Wem sollen sie das denn sonst geben? Stell Dich vor und erzähl halt was von Hochzeit oder Wohnung oder Haus. Wirst sehen, was die gebunkert hat. Und wenn nicht, lass Dir die Preziosen geben. Weißt ja wo man die verticken kann."
"Was wollen Sie?" fragte die alte Dame.
"Kennst Du mich nicht mehr?" Alfons versuchte sich an einem gewinnenden Lächeln.
"Nein, Sie ... oder ... Stefan ist das möglich?"
"Überraschung" Er wusste von seinem Onkel nur, dass er ihm ähnlich sah.
"Mein Junge" und schon hing sie an seinem Hals.
"Schnell, hinein, eh die was merken" zog sie ihn in das Haus.
"Wer soll denn etwas merken?" lachte er.
Langsam folgte er ihr durch den dunklen Hausflur in die "gute Stube". Sie zog die Gardinen zu.
"Hoffentlich haben die nichts gemerkt."
Bevor etwas fragen konnte, bedeutete sie ihm Platz zu nehmen.
"Wir trinken einen Kaffee. Schön. Du kannst ein wenig bleiben Vater kommt heute später"
Sie verschwand in der Küche und er versuchte sich einen Reim auf das Gesagte zu machen. Seine Augen wanderten durch die Stube. Über einer Anrichte hingen Bilder. Er stand auf und sah sie sich genauer an. Auf einem schwarz-weiß Bild an der Wand war jemand abgebildet, der so aussah wie er selbst. Daneben war ein Familienportrait von den Eltern mit ihren zwei Kindern. Daneben das Bild eines Mannes in einer Uniform. Ein Bild mit der Tochter fehlte. Er presste die Lippen aufeinander. Dann widmete er sich der Keksdose unter den Bildern. Sie enthielt nur Kekse. Langsam setzte er sich wieder.

Tatsächlich konnte die Oma noch alleine Kaffee kochen. Auf dem Tablett fanden sich auch ein paar Kekse auf einer Untertasse. Sie stellte es auf dem Tisch, nahm die Tassen herunter und versuchte den Kaffee einzugießen.
"Mist, meine Hände, ich bin auch zu aufgeregt" sagte sie.
"Macht doch nichts, gib schon her, das kann ich doch machen" beeilte sich Alfons einzugreifen. Er nahm ihr die Kaffeekanne aus den zitternden Händen und füllte die Tassen.
"Ist das schön" sagte sie beim ersten Schluck um dann besorgt fortzufahren "Hoffentlich haben Dich die Feldjäger nicht gesehen. Du musst doch aufpassen"
Er hob kurz die Augenbrauen, aber dann antwortete er: "Habe ich. Am Bahnhof habe ich mich verstecken müssen, aber die sind dann wieder weg.".
"Der Vater will ja immer noch dass Du dienst." Der Vater! Damit musste sein Großvater gemeint sein, der vor seiner Geburt gestorben war. In welcher Zeit würde sie wohl leben?
"Krieg ist doof, Liebe machen ist besser"
"Ihr Hippies sagt das einfach so. Aber Berlin ist so weit weg. Und drumherum lauter Russen. Was machst Du da nur. Wie geht es Dir denn? Erzähl mal"
"Ach, das ist so eine große Stadt. Da ist immer etwas zu tun. Ich wohne da an der Mauer mit anderen zusammen. So richtig in einer Gemeinschaft. Wir teilen uns alles und eigentlich ist es ganz in Ordnung. Aber ich musste Euch einfach wiedersehen".
"Du bist ein guter Sohn. Die Mutter wiedersehen" Ihre Augen füllten sich mit Tränen und aus ihrer Schürze holte sie ein gemustertes Taschentuch. 
"Aber Du willst doch irgendetwas. Sag schon" erkannte die Oma.

"Wir wollen nach Amerika auswandern" Soll sie sich doch an Kosten dafür beteiligen! 
"Was zu den Amis. Ganz alleine"
"Alleine nicht. Das wäre ja viel zu gefährlich. Die ganze Gruppe will hinüber und bitte gib mir doch etwas für die Überfahrt."
"Ich habe kein Geld" sie schüttelte den Kopf.
"Bestimmt habt ihr irgendwo Geld, wovon kommt denn sonst das hier" er wies auf die Kekse.
"Ja, woher? Das bringen so Leute vorbei." Sie verlor ihren Faden und schaute ausdruckslos. Ihre Mundwinkel zitterten.
"Leute? Ist ja schon gut." Er legte seine Hand auf ihre und lächelte sie breit an. Ihr Blick wurde wieder glücklich.
"Wir schauen mal, wo hier ein Schatz versteckt ist. Der Vater hat doch bestimmt einen Schatz versteckt. Dann brauche ich keine Angst vor den Feldjägern zu haben. Und in Berlin sind die Russen drumherum."
"Die Russen!" ein Entsetzen machte sich in ihrem Gesicht breit.
"Wir suchen, nicht wahr?" er nahm ihre Hand, sie strahlte und die beiden durchsuchten Schränke und Schubladen. Sie fanden einen Strumpf mit 50-Euroscheinen. Es waren aber nicht genug und so musste er ihr noch die Schmuckstücke abnehmen. 

"Ihr habt alle euren Einsatz dabei" fragte der Mann mit der gelben Hornbrille.
"Jeder hat seine 15.000€ mitgebracht" bestätigte Matze.
"Ich erkläre euch dann noch einmal, wie das heute Abend läuft. Wir spielen gemeinsam gegen die Bank. Wenn einer alleine spielt, gewinnt immer die Bank, Aber mit meiner Methode gewinnen immer einige von uns. Und nachher teilen wir dann unsere Chips auf. Ich gebe euch Zeichen. Hand nach oben, noch eine Karte nehmen. Wenn ich sie umdrehe, nichts mehr. Ok?"
Alfons nickte erst, als er merkte, das alle anderen begeistert nickten.
"Wie immer haben die Neulinge keinen Schlips. Wie gut, dass ich welche dabei habe" der Mann mit Hornbrille gab auch Alfons einen Binder.
"Zu einem Polohemd?"
"Vollkommen egal. Ohne Schlips kommst Du erst gar nicht hinein."
Tatsächlich wurde Alfons weder abgewiesen noch seltsam angeschaut als er den anderen in das Spielkasino folgte. 
Die Gruppe nahm am black jack Tisch Platz. Als letzter setzte sich Dr. Hildebrandt. Er gab die Anweisungen, wie zu setzen war. Mal gewann Alfons, mal verlor er. Nach zwei Stunden hatte er nur noch 10.000 €. Erleichtert stellte er fest, dass seine Nachbarn dafür einiges gewonnen hatten. Die Gruppe spielte bis in den frühen Morgen. Die Bank wurde allerdings nicht geknackt.