Freitag, 26. Juni 2015

Marie-Carmen und Gerald

"Komm mit, ich zeig Dir was. Das hast Du noch nicht gesehen" Marie-Carmen wusste nicht so recht, was sie von dem Angebot halten sollte.
"Was denn?"
"Schau mal, das kann ich auch an der Rückseite machen" Gerald stieg auf sein Skateboard und nahm Fahrt auf. Er steuerte nicht die aufgestellten Rampen und auch nicht die Stahlreling in der Mitte des Skateplatzes an, sondern die Betoneinfassung, die die alte Musikschule umgab. Sollte er versuchen dort zu sliden? Es war eine hohe Stufe bestimmt mehr als einem halben Meter? Marie-Carmen nickte andächtig mit dem Kopf, als sie ihn auf der Stufe sliden sah. Er hatte das Board quer zur Stufe und rutschte auf dem Holzbrett etwa zwei Meter, bevor er wieder herunter sprang und weiter rollte.
Grinsend kam Gerald wieder zu ihr.
Sie zuckte nur mit den Schultern: "Du springst halt höher, und?"
"Hier ist das ja noch einfach. Aber auf der Rückseite der Schule ist ja nur der Weg und es sind Bäume und Büsche an der Stufe, da gibt es nur eine Stelle, die klappen könnte. Seit ein paar Tagen komm ich vor den Büschen wieder herunter."
"Wow. will sehen"
Die beiden fuhren die paar Meter zur Rückseite der Musikschule.
Marie-Carmen sah sofort die Herausforderung an dieser Stelle. Zum einen gab es viel weniger Anlauf als an der Vorderseite. Es stand nur die Breite eines asphaltiertes Versorgungsweg, der zwischen den Bahngleisen und der Einfassung lag, zur Verfügung. Zum anderen die Büsche! Den Schwung zum herauf kommen, bekäme man nur mit einem flachen Winkel. Aber dann ist man auch sehr schnell und ein wenig zu weit vorne und schon geht es in den Busch.
"Das ist doch viel zu eng"
"Hier ist noch zu wenig Platz, ganz am Ende ist eine Lücke zwischen .. Scheisse, da hocken welche" Gerald bremste ab. In der Nische der Einfassung sassen zwei dicke Frauen mit Kopftuch. Sie hatten zwischen sich ihre Kaffeebecher und etwas zu Essen aufgebaut. Die beiden Frauen schauten freundlich dem Skaterpaar auf. Die linke sagte etwas und dann lachten die beiden.

"Tja" meinte Gerald.
"Wir müssen denen erklären, dass sie mal kurz zusammen packen sollen!" forderte sie.
Zu den Frauen sagte sie: "Steht doch mal auf. Er will hier was zeigen. Auf! Auf!" dabei winkte sie mit den Händen nach oben. Die Frauen schauten sie an und die linke sagte etwas von "Schampu?". Dann lachten sie wieder.
"Sie verstehen nicht was wir wollen. Las mich mal machen" Gerald beruhigte Marie-Carmen und nahm sein Board in die Hände. "Seht mal" sagte er zu den Frauen, dann bückte er sich, fuhr das Board an die Stufe und mit einem "Hui" führte er se schräg auf die Stufe. Die rechte Frau hob die Augenbrauen, aber er fuhr mit dem Brett zu ihr.  "Nun aufstehen!" stupste er sie mit dem Brett. Sie sagte etwas ärgerliches, er zuckte mit den Schultern und er hob sein Brett über sie hinüber. Auf die andere Frau hatte er nicht geachtet. Sie wollte einen Schluck Kaffee nehmen, als als das Brett ihren Arm traf. Der Kaffee wurde verschüttet, die Frau protestierte, stand auf und schien Gerald schlagen zu wollen. Dann machte Gerald etwas, das Marie-Carmen nie erwartet hätte. Er wehrte den Schlag mit der rechten Seite des Skateboards ab. Die Achse traf die Frau über dem Ohr, Marie-Carmen hörte etwas wie ein "Krack" und sah die Frau zu Boden fallen. Dieser Gerald, dachte sie. Wieder hörte sie ein "Krack". Sie drehte sich um und sah die andere Frau zu Boden fallen. Diesmal hatte Gerald die linke Seite des Boards oben. Er schaute sie entgeistert an.
"Das wollte ich nicht, war Reflex" hörte sie ihn sagen. Ihr wurde ihre Bewunderung bewusst. Was bin ich nur für eine? fragte sie sich. Sie schämte sich über diesen Gedanken.
"Wir müssen hier weg, schnell" hörte sie sich sagen, als Gerald nach seinem Handy suchte. Seinen erstaunten Blick erwiderte sie mit "Willst Du den ganzen Clan gegen dich haben? Also, ich haue ab!"
Sie fuhr zurück zum Skateplatz. Dort schlitterte sie über die Stahlreling in der Mitte. Sie genoss das Quitschen der Achsen! Als sie herunter sprang, hörte sie Gerald kommen. 
"Komm, wir hauen ab!" schlug sie vor. Schweigsam fuhren sie los. Als sie an der Unterführung ankamen, fing es an zu gewittern.
Die beiden warteten und schauten schweigend in den Regen.
"Wie hast Du das eigentlich gemacht? Ich hab nie gesehen, dass Du dich schlägst?" wollte sie wissen.
"Mit 13 oder 14 haben wir immer mit den Boards gespielt. Die haben wir so genommen" er griff es an den Enden und fuhr fort "Die sind ja an den Enden hochgebogen, wie so ein Griff und wenn dann keine Achsen montiert sind, ist das ein Heidenspass. So und So" dabei fuhr mal seine linke und dann die rechte Hand nach oben. "Wer getroffen wurde hatte verloren. Ist wie eine Kopfnuss, ganz harmlos .... " Er hörte auf und seufszte "Dass ich so kräftig, aber ist ja auch klar mit den Achsen montiert und bin ja nun auch 10 Jahre älter. ...  Hoffentlich ist denen nicht ..."
"Natürlich, nicht. So fett, wie die sind, sind die weich gefallen und dann noch die dicken Kopftücher ...  Vergiss es einfach." beruhigte sie ihn.
Nach einer Weile regnete es sanfter. Ihr fiel ein altes Lied ein. Sie sagte: "Plitsch, platsch" und stupste Gerald an. Er verstand: "Ich bin nicht aus dem Land der Kolchosen"
"Ich heisse auch nicht Anna" lachte sie.
Sie kamen sich näher, sogar viel näher, als sie eigentlich vor hatte. Aber nicht nahe genug um die ganze Nacht bei ihm zu bleiben.

Am nächsten Morgen hörte Marie-Carmen im Morgenradio von dem mysteriösen Todesfall zweier Romafrauen. Das Motiv wäre vollkommen unklar und die Polizei suche um Mithilfe. Sie wunderte sich, wie sie die Meldung einfach nur hörte und nachdachte, was sie tun sollte. Die Frauen könnten das gewesen sein. Warum waren die auch da! Es gäbe am Nachmittag eine Mahnwache an der Musikschule. Das war ein Unfall, ein Versehen! Dann stand sie im Badezimmer und suchte nach der dunkelroten Haarfarbe, die sie sowieso einmal ausprobieren wollte. Wenn Gerald etwas sagt, dann sollte er eben. Nachdem ihre Haare nicht mehr graublond waren, tauschte sie noch das Unterlippenpiercing aus. Der schwarze Stern passte nicht mehr. Zu dunklen Haaren trägt sie immer eine kleine, weiße Perle. Am Abend ging sie zur ANTIFA Kundgebung gegen rechts auf dem Marktplatz. Dort traf sie auf Gerald, der sich den Vollbart rasiert hatte. Die Baseball Cap auf der Glatze gab ihm ein ganz verändertes, nicht unsympathisches Aussehen!
Auf der Kundgebung folgente eine Schlägerei an dem Biergarten, in dem sich immer die rechten Skins trafen. Gerald beteiligte sich diesmal daran. Er zertrümmete einem Mann mit Glatze einen Bierkrug auf den Kopf. Marie-Carmen zögerte zunächst, aber dann feuerte sie ihn jubelnd an.
Diesmal blieb sie über Nacht bei ihm.