Mittwoch, 3. Juni 2015

Anfangskapital

"Hallo Mille, alter Indianer auch hier?" Der große Mann schaute sich langsam und begrüsste den Ankömmling mit einem Nicken.
"Das ist ja ein Ding, aber Du machst das ja auch nicht zum ersten Mal."
"Und?"
"Also ich komme gerade vom feiern, eigentlich." Ein breites Grinsen unterbrach den gleich wieder fortgesetzten Redefluss. "Bis zwei Uhr war ich diese Nacht draussen. Warum muss ich eigentlich hier hin? Lernen tun wir hier doch nichts. Und für unsere Jobs braucht man das doch gar nichts. Wir sollen hier schrauben und basteln mit Metalldingern lernen, oder so. Wer nicht Computer wollte, muss hier. Du hast doch so etwas schon mal mitgemacht, oder? Erzähl doch mal" Er klopfte seinem Kumpel auf die Schulter.
"Feilen. Mehr war nicht. Ein Stück Eisen in Schraubstock und dann glatt machen"
"Und warum das?"
"Disziplin" Der Mann mit dem schwarzen Pferdeschwanz sprach das Wort ganz langsam aus. Er hob dabei den rechten Zeigefinger.
Der, etwa gleich große, genauso stämmige Mann mit der Igelfrisur schaute verblüfft und holte Luft: "Also das ist das dümmste, was ich je gehört habe. Nur deswegen hierhin zu kommen. Die haben mir doch gesagt, dass ich was technisches Lernen würde. Mit Metall und so. Weil Weiterbildung sein sollte ..."
"Ja, das heißt auch anders, ist aber nur ... " Mille zuckte mit den Schultern "feilen." Er nickte und zog dabei die Lippen breit.
"Da bau ich mir lieber was eigenes auf. So wie Fox, bei dem hat das geklappt. Schon gehört?"
"Kenn keinen Fox"
"Du kennst doch Fokkes, den, der nicht Lesen und Schreiben konnte"
"Mit den strubbeligen Haaren?"
"Ja, genau, stell Dir vor, der baut sich jetzt ein Wohnhaus"
"Nee, Blechhütte?" Mille lacht spöttisch.
"Er lässt bauen. Zum vermieten. Der ist richtig Unternehmer geworden. Ich mache so etwas auch!"
"Ich höre"

"Also dem Fokkes war ja schön früh klar, dass er nie einen Abschluss schafft, weil er das mit Buchstaben nicht hin bekommt. Aber rechnen, im Kopf, das einzige was er kann." Mit der flachen Hand unterstrich er diese wichtige Erkenntnis.
"Und das hat gereicht?"
"Natürlich nicht. Von nichts, kommt nichts. Irgendwie braucht es schon ein bisschen Geld, so einen Anfang. Und den hat er mit Kirschen verdient. Ich habe das gar nicht so mitbekommen. Der ist immer mit seinen Brüdern zu den vergessenen Bäumen am Waldrand, haben da dann Kisten vollgepflückt und die dann in der Marmeladenfabrik verkauft."
"Du spinnst! Das würde ja nie reichen." Mille schüttelte den Kopf.
"Kleinvieh macht auch Mist. Er hat das ja nicht nur einmal gemacht und das Geld auch immer gespart. Nach ein paar Jahren hat er das dann genommen, ist zur Sparkasse gegangen und damit eine 1 Zimmerwohnung finanziert."
"Und das haben die gemacht?"
"Hat er denen vorgerechnet, was er hat, was er an Miete bekommt, wie die Zinsen sind und so weiter. Stell Dir vor, der Kerl. Der ist da hin in Jeans, ohne Anzug. Hat einfach nur die Zahlen gekonnt. Und so hat er das mit den Wohnungen und Häuser weitergemacht."
"Na, denn. Kann man ihm ja nur gratulieren" Mille presste danach die Lippen zusammen und nickte.
"Also mein Ding ist ja das Rechnen und Geld nicht. Ich gebe das aus, da klappt das mit dem Sparen ja sowieso nicht. Da habe ich auch das Geld für die Briefmarken gleich ausgegeben. Vielleicht gehe ich als DJ. Das wäre doch was. Genug Leute kenne ich ja und unterhalten kann ich. Da brauche ich dann auch gar nichts. "
"Wie war das mit den Briefmarken?"
"Heh? Mein Nachbar, der demente Opa, der unter mir wohnt. Ich grüss den, der lädt mich ein, gibt mir einen Kaffee, zeigt mir seine Briefmarken. Ich sag, toll, toll. Dann meint er nimmt halt mit. Die habe ich dann verkloppt und die Kohle versoffen. Sparen ist ja nicht mein Ding."

Am nächsten Morgen war Mille alleine beim Praktikum. Er beschloss auch etwas zu unternehmen. Auf dem Weg nach Hause machte er einen Umweg. In einer lange nicht von ihm aufgesuchten Strasse studierte er die Klingelschilder. Endlich schien er den gesuchten Namen gefunden zu haben. Er zählte mit den Fingern die Reihen, "vierter" sagte er leise. Dann drückte er wahllos die Klingeln, die Tür wurde geöffnet, die "Wer ist da?" Frage beantwortete er mit einem gebrüllten "Werbung, danke!". Am Fahrstuhl drückte er die 3, im Hausflur ging er direkt auf eine Türe zu und klingelte dort. Ein alter, schlanker Mann öffnete die Tür.
"Was wollen Sie?"
"Die Briefmarken" Mille lächelte so gut er konnte.
"Ach, die Briefmarken. Sie wollen meine Tulpenmarken sehen? Das ist ja schön, kommen Sie doch herein"
Mille folgte in das Wohnzimmer, der Mann holte ein Album aus dem Regal, legte es auf den Tisch und sagte: "Blättern Sie nur durch, vorne sind die Tulpen und hinten dann die anderen Blumen." Mille schaute sich die Marken an und drehte andächtig Blatt für Blatt um. Nach einer Pause schlug der Mann vor: "Soll ich einen Kaffee machen?"
Mille nickte.
Als der Mann zurück kehrte, schlug Mille das Album zu und fragte: "Kann ich die haben?"
"Nehmen Sie Zucker zum Kaffee?" Auf den fragenden Blick Milles fügte er hinzu "Was soll ich noch damit? Klar doch"

Mille ging am nächsten Tag nicht zum Praktikum sondern zum Briefmarkenhändler am Bahnhof. Er legte das Album auf dem Tisch und meinte: "Was bekomm ich dafür?"
Der Verkäufer schlug das Album auf und lachte: "Was ist das denn? Die sind ja gar nicht sortiert. Warum haben Sie das denn auseinander gerissen. Das ist nun... " Er deutete auf die Auslage " ich verkaufe die für 10 € pro 100 Gramm und kaufe für 3€ pro 100 Gramm. Wieviel werden da drin, das Album als solches hat ja gar keinen Wert."
"Aber die sind doch was wert"
"Wenn sie sortiert wären, könnte man ja nachschlagen. Hier im Katalog. Da zahle ich dann 30% vom Katalogwert. Müssen Sie aber selber finden. Wollen Sie einen Katalog kaufen?"
Mille schaute ihn nur verwundert an. Auf seinen traurigen Blick bot der Händler: "Also gut, hier sind 10€" an. Er holte einen Schein aus der Kasse und hielt ihn Mille hin.