Freitag, 29. Mai 2015

wuschig

"Wir gehen dann zum Mittag, nicht doch mitkommen?" fragte ihn die Projektleiterin. Sie schaut ihn mit ihren Rehaugen flehend an. Aber er schüttelte wortlos den Kopf. Kurz wartete er, bis die Truppe zur Tür hinaus war, dann nahm er seinen Rucksack und verliess das Gebäude. Er hasste Kantinen und überhaupt das ganze Herdenverhalten. Oberflächlich reden war nichts für ihn und oberflächliches kommentarlos hören zu müssen schon gar nicht. Wenn er etwas sagen würde, wäre das zynisch oder überheblich oder unpassend. Und so ging er alleine die Strasse zum Hofgarten hinunter. Auf dem Weg kaufte er einen Döner an einer Imbissbude. Das war zwar nicht ganz so gesund, wie er sich eigentlich zu ernähren pflegte, aber dafür würde er am Abend nur Salat zu sich nehmen. Er ging ein wenig langsamer, als er vorsichtig den Döner verspeiste. Bis zum Park war dieser vertilgt und schnell bog er um die Ecke zur Terrasse des Parkcafes. Dort könnte er in aller Ruhe für sich noch etwas sitzen, träumen und vielleicht brächte er ja etwas zu Papier. An dem Tag war er aber nicht alleine. Jeder rechte Stuhl der drei Tischchen war von einer Frau belegt. Wenigstens gab es kein schnatterndes Grüppchen! Er blieb stehen und musterte die Lage. Sein Blick traf sich kurz mit dem der Frau am mittleren Tischchen. Sie beantwortete seinen fragenden Blick mit der Andeutung eines Lächelns und so ging er zu ihr, deutete auf den freien Stuhl, sie nickte erfreut und er nahm Platz.
Ein paar freundlich nichtssagende Worte tauschte er mit Tischpartnerin, so gut war er ja erzogen. Nachdem er sich einen Capuccino bestellte, antwortete er immer einsilbiger. Wenn er ein Macho wäre und sich einfach nur wichtig gemacht hätte, hätte er bestimmt das immer noch hübsche Schnecklein abschleppen können. Aber so nahm er seine Zeitung heraus und las den Lokalteil. Das Ding der Dinge in dem Kaff war wohl ein Schafskopfturnier. Wer spielt eigentlich Schafskopf? Sollte er wirklich sich hinter der Zeitung verschanzen? Dann aber richtig durchziehn. Er vertrieb sich die Zeit im Lokalteil mit dem Prüfen der Rechtschreibung und der Interpretation der Kürzen zu. Es gab wohl genau drei freie Mitarbeiter bei der Lokalredaktion. Die Frau an seinem Tisch schaute ihn mit eher traurigen Augen zu und versuchte mitzulesen. Sie tat ihm ja schon leid und er fragte sich, ob er nicht höflich doch ein wenig flirten sollte. Aber er hielt diszipliniert seine Zeitung hoch. Sie lehnte sich seufzend zurück. Dass er tatsächlich so brutal sein könnte, hätte er nicht für möglich gehalten. Die Frau nahm ihre Tasse, schaute lange hinein, schaute noch einmal zu ihm, trank dann schnell aus und stellte sie klirrend auf die Untertasse. Entschieden griff sie ihre Handtasche, stand auf und ging, ohne irgend etwas zu ihm zu sagen. Als er hörte, wie sie am Tresen zahlte, faltete er seine Zeitung erfreut zusammen.

Die Frau neben seinem rechten Ellbogen holte tief Luft. Vorsichtig schaute er sie an. Sie las ja ein richtiges Buch aus Papier! Ihm fiel ihr angenehmer Geruch auf. Er schaute sich die andere Frau an dem Tischchen zur linken Seite an. Diese machte einen dominant eleganten Eindruck mit ihrer schwarzen Kleidung und der strengen Brille. Sie lachte richtig in sich hinein, als sie in ihr Smartphone tippte. Er stopfte seine Zeitung in den Rucksack und holte Skizzenblock und Stifte hervor. Vielleicht fällt ihm ja etwas ein, das er zu Papier bringen könnte. Meditativ schaute er die Buchen an. Die Frau an seinem Ellbogen atmete wieder tief ein und aus. Im Augenwinkel sah er, wie sich ihre Brust hob und senkte. Ihr Schmöker nahm sie sehr mit. Neugierig betrachtete er sie genauer. Sie trug, genau wie er, eher elegante Wanderschuhe als sportliche Stadtschuhe. Dazu trug sie eine praktische, weiße Cargohose aus Leinen. Er verglich sie mit der anderen Frau. Diese lachte nun nicht mehr in Smartphone. Aufrecht sass sie da und schaute es nur an. Vermutlich hatte der Adressat ihrer Botschaft sein Handy ausgeschaltet, weil auch er eine richtige Mittagspause haben wollte. Auch der liebste Mann braucht mal eine Pause, fiel ihm grinsend dazu ein, bevor er sich fragte, ob er auch eine Botschaft in seiner Mailbox finden würde. Er wandte sich wieder der Frau an seinem Ellbogen zu. Wenn er den Kopf ein wenig nach unten nähme, könnte er sehen, was das wohl für ein Buch wäre, das solch eine Wirkung auf diese Leserin hätte. Aber das Titelblatt wurde durch ein Stück Papier verdeckt. Will sie nicht, dass andere den Titel sehen? Ihre rechte Hand streichelte beim Lesen ihren rechten Oberschenkel, wenn sie nicht die nächste Seite umblätterte. Diese Beobachtung gab seinen Gedanken eine ganz unerwartete Richtung. Warum liest sie den Porno denn nicht auf einem Kindle, dann bräuchte sie das Papier doch nicht davor zu halten, fragte er sich. Aber hat schon etwas, fand er. Ein Buch aus Papier wäre auch etwas zum anfassen. Bestimmt irgendetwas klassisches, die "Geschichte der O" oder "Justine" oder so. Bei fifty shades würde sie bestimmt "wuschig" werden, wie er das im Radio gehört hatte. Er grinste, wie ihm einfiel, was die Hörerin zu ihrer Meinung über fifty shades gesagt hatte. Mit dem Verlobten ihrer besten Freundin hätte sie es treiben müssen, weil sie einfach so "wuschig" geworden war. Bei dem Gedanken baute sich in seiner Hose ein richtiger Druck auf. Sollte er nicht doch etwa Schwanz getrieben sein? Er schüttelte sich kurz, nahm einen Stift und widmete sich seinem Block.

Wenig später atmete sie seufzend aus und klappte ihr Buch zu. Das Stück Papier, mit dem sie das Titelblatt verdeckt hatte, legte sie als Lesezeichen hinein. Sie legte das Buch mit dem Titelblatt nach oben auf den Tisch. Es zeigte eine Landschaft und der Titel war "Romanze am Horizont". Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sie bemerkte seinen Blick, schaute ihn an, ihre Blicke trafen sich und sie lächelte kurz, bevor sie erklärte, dass solche Märchen für Mädchen sie einfach in eine andere Welt entführen würden. Ihre Stimme klang so weich und passte genau zu ihrem angenehmen Geruch. Sie erzählte von schwachen Frauen und starken Männern, wobei er sich in ihren seltsam grünen Augen verlor. Als sie mit: "Solche Männer gibt es aber doch gar nicht", ihre Ausführungen beendete, wusste er, dass er, wenn ein Macho wäre, seine linke Hand auf ihre rechte Wange legen würde und sie einfach auf ihren, leicht geöffneten, Mund küssen würde. Er aber war ja kein Macho und so gab es ein kurzes Schweigen. Dann schaute sie auf ihr Glas und er bewunderte die Sorgfalt mit der sie ihre Haare zu einem Pferdeschwanz, genau an der richtigen Stelle ihres Hinterkopfes zusammen gebunden hatte. Er hoffte sie würde sich wieder zu ihm wenden.