Freitag, 22. Mai 2015

Tsatziki

Er kam die Stufen hinunter, sah die langen, silbergrauen Haare mit dem rötlichen Stich der Frau, die sich an der Säule lehnte und seine Pupillen weiteten sich. Unten angekommen machte er zwei schnelle Schritte in ihre Richtung, bevor er stoppte und sich umschaute. Vor einem breiten Spiegel entdeckte er den langen Tresen. Sein Kopf nickte unmerklich. Langsam bahnte er sich den Weg zum Tresen. Dort angekommen hielt er sich mit der linken Hand an der Griffstange fest und stellte den rechten Fuß auf die Fußablage. Er bestellte einen Caipirinha und beobachtete die Frau im Spiegel. Sie war im Profil zu sehen, ihre vorderen Haarsträhnen trug sie hinten zusammengebunden, so dass ihre Frisur eine Art bildete. Ihre Haare fielen glatt den Rücken hinunter, aber am Ende fielen sie in einer großen Locke. Genau inn dieser Locke war der lila Stich deutlich zu sehen. Ihm fiel ihrer Brust auf, die von diesen Locken eingerahmt war. Als der Caipirinha kam, zerkleinerte er zunächst mit den Trinkrohren die Eiskrümel, bevor er sich einen langen Schluck gönnte. Wieder schaute er zu ihrem Spiegelbild. Unverändert stand sie an der Säule und schaute dem Mädchen auf der Tanzfläche zu. Er holte tief Luft und, nach einem kleinen Schluck, lächelte er seinem Spiegelbild zu. Seine Augenbrauen zog er nach oben und zog die Lippen soweit auseinander, dass seine Zähne blitzten. Sie waren strahlend weiß. Den rechten Fuß setzte er auf den Boden, das Glas hob er an, aber den Griff loslassen wollte er nicht. Er nahm noch einen Schluck und betrachtete sie. Dann drehte er sich um und ging in ihre Richtung.
Langsam bahnte er sich den Weg in ihre Richtung. Sie nahm ihren Blick nicht von dem tanzenden Mädchen. Auf dem Weg blieb er kurz stehen, um dieses zu mustern. Es bewegte zum Rhythmus der Musik abwechselnd die Beine nach oben. Ihr roter Rock wurde erst von dem linken, dann von dem rechten Knie angehoben. Sie trug keine Strumpfhose, sondern Tennisschuhe mit passenden Söckchen. Ihre weiße Bluse war fast ganz geschlossen und steckte in dem Rock. Er schaute wieder zu seinem Ziel und ging weiter. Als er ein paar Schritte neben ihr stand, lächelte er, so dass seine Zähne zu sehen waren. Sie bemerkte ihn und musterte ihn von oben bis unten, nahm aber dann, ohne die Mine zu verziehen, einen Schluck und wandte sich wieder der Tanzfläche zu. Er sog an einem Trinkrohr und machte noch einen Schritt auf sie zu. Ihre Mundwinkel zeigten ein klein wenig nach oben, als sie sich zu ihm umdrehte. Seine Zähne blitzten in seinem Gesicht, als er neben ihr stand. Er studierte ihren Ausschnitt, hob dann seinen Kopf und gab ein "Hallo" von sich. Zwischen ihren dunklen Augenbrauen entstand eine zornige Falte. Sie zog ihren Kopf zurück, machte einen Schritt nach hinten und drehte sich weg. Anstatt etwas zu sagen, stellte sie ihr Glas weg und ging zu dem Mädchen auf der Tanzfläche.

Sein Kopf und seine Schultern wurden schwerer als er sich zu der Säule begab, an der sie sich gelehnt hatte. Nun lehnte er sich an diese und holte Luft. Dabei hob er seine Augen und sah die beiden tanzen. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und stampfte immer noch mit den Beinen zum Rhythmus der Musik, aber die silbergraue Frau tanzte um es herum. Sie bewegte elegant ihre Arme und Hände zur Musik. Auf einmal sah er ihr Gesicht in einer grellen, roten Farbe, ihre Augen waren hellgelb und als sie ihren Mund öffnete, schien ihm ihr Eckzahn recht lang. Er riss die Augen auf, aber nach einem Blinzeln sah er wieder ihr bleiches Gesicht und ihren lächelnden Mund mit den lila Lippen, die so gut zum lila Stich in ihren Haaren passten. Nach einem Kopf schütteln trank er einen Schluck und begann zum Takt der Musik mit dem Kopf zu wippen. Das Mädchen öffnete die Augen, lächelte die um sie tanzende Fee an und ließ sich von dieser führen. Die beiden wirbelten umher, mal drehte sich das Mädchen, mal drehte sich die Frau. Er lächelte beim Zusehen, aber als das Stück zu Ende war und das Mädchen den Mundkuss der Frau zu erwidern schien, wandte er sich ab.

Beim nächsten Stück trat ein Mann die Tanzfläche. Es war ein Hüne. Dieser fasste das Mädchen mit seinen Pranken unter die Achseln, hob sie hoch und die Kleine umarmte ihn sofort. Nach einem langen Kuss wiegten sich die beiden zur Musik, allerdings ohne, dass das Mädchen wieder auf den Boden gestellt wurde. Die Frau tanzte alleine und er sah wie sie ihn ansah und dabei zu lächeln schien. Er leerte seine Caipirinha und tanzte an sie heran. Sie hielt allerdings immer einen Abstand zu ihm. Als die Frau zwischen ihm und dem küssenden Paar stand, sah er wie der Hüne das Mädchen auf den Boden stellte. Er machte ein Schritt zurück, seine Partnerin einen Schritt nach vorne. Dann ging das Paar die Treppe hinauf und er drehte sich um. Als wieder zur Frau drehte, sah er, wie diese die Treppe hinauf eilte. Er lief hinterher.

Als er die Tür öffnete, hörte er in der Gasse eine seltsam tiefe Stimme "Sie ist mein" brüllen. Es krachte, jemand fiel hin und stöhnte. Kurz stutzte er. Vorsichtig blickte er in die Gasse. Sein Schwarm beugte sich über den am Boden liegenden Hünen. Das Mädchen war nicht zu sehen. Er machte einen Schritt in die Gasse und sah, wie sie den Mund öffnete. Ihre Gesicht war gar nicht mehr bleich sondern leuchtend rot. Ein langer Eckzahn blinkte hervor. Auf einmal krümmte sich ihr Rücken nach oben, er hörte ein geröcheltes "Ahhh" und aus ihrem Rücken stach die Spitze eines Holzpflocks. Er sah wie der Hüne die Frau zur Seite warf. Schnell machte er die paar Schritte, fragte "Was war hier los?" und sah dabei, wie das Gesicht der toten Frau immer faltiger wurde. Es schien zu lächeln. Der Hüne erhob sich stöhnend und sagte "Nun, ist sie erlöst". "Ist das .." "Ja! ein Vampir! Dein erster?" Er antwortete nicht auf diese Frage und sah mit offenem Mund zu, wie der Körper der vor kurzem noch so schönen Frau zu Staub zerfiel. Das Mädchen kam aus dem Schatten und umarmte den Hünen. Als nur noch das Skelett übrig war, fragte er den Hünen: "Und Du bist so eine Art Vampirjäger und beschützt die Schwachen?" "Nein, ich pass nur auf mein Erbeertörtchen auf. Du hast nur Glück gehabt, dass Du ihr gestunken hast."
Er öffnete den Mund und, ja! er hatte den Tsatsiki nicht abgelehnt.