Freitag, 17. April 2015

Der Ritter

Sie kamen vom Programmkino zurück. Einen Film über eine low-budget Verfilmung von Michael Kohlhaas hatten sie sich angesehen. Hauptfigur war ein Regisseur, der sein Filmprojekt auch ohne Budget durchzog. So wurde ein Ritterfilm ohne Pferde, Rüstungen und Schwerter gedreht. Sie war noch ganz begeistert vom Improvisationstalent:
"'Das ist nicht das Pferd, das ich als Pfand gegeben habe' und dann der Schwenk auf die Ziege, herrlich" lachte sie.
"Die Kampfszenen haben funktioniert, man konnte sich das alles vorstellen" fügte er hinzu. Mit seiner rechten Hand fuhr er durch die Luft und rief dabei: "hier nimm" und "das". Die beiden lachten. "Mit den richtigen Geräuschen war das voll realistisch, nicht? Da war ein Kling und Sirr und die Gesichter so verzerrt. Da brauchte es tatsächlich keine Waffen." erklärte sie, als sie weitergingen.
Wenig später sagte sie: "Du bist mein Ritter und kannst mich mit deiner rechten Hand beschützen, deswegen hat eine Dame ihren Beschützer zur linken." Mit ihrer linken Hand hängte sie sich in seinen rechten Ellbogen. Er schaute ihren blonden Schopf an und, ja, an diesem Abend auf dem Weg an der Basilika vorbei, würde er ihr einen Antrag machen. Den Ring hatte er schon seit Wochen dabei. So förmlich würde er sie dann aus der Kirche begleiten. Er hielt aber nur ein paar Schritte den abgewinkelten rechten Arm hin, dann legte er seinen rechten Arm vorsichtig auf ihre Schulter und sie drückte sich an seine starke Schulter. Mit ihrer linken Hand hielt sie sich an seiner Hüfte fest. Vorsichtig streichelte seine Pranke ihre Schulter, sie war ja so zerbrechlich. Arm in Arm bogen die zwei um die Ecke in die Bahnunterführung.
Diese verlief unter mehreren Bahngleisen und in der Mitte hatte sie ein Aufgang zur S-Bahn. Gerade als die Beiden einbogen, trafen an jenem Aufgang zwei Jugendliche mit je einer Flasche Bier auf eine Frau mit einem kleinen, weißen Hund. Einer der Jungs meinte "Scheisse", als der Hund kläffte und knurrte.
"Der macht nichts, ist ganz harmlos, komm ..." da hatte der Kläffer schon nach der Hose des jungen Mannes geschnappt. Er biss in diese hinein, der Mann hob Bein samt Hund hoch, mit "Du willst es, du bekommst es" holte er aus und schleuderte den Hund zu seiner Besitzerin.
"Tor!" rief sein Begleiter.
Die Frau beugte sich zu ihrem Hund und versuchte diesen zu beruhigen: "Was machst Du denn, normalerweise ..." Aber der Hund schüttelte sich nur kurz, lief dann aber wieder knurrend zu dem Mann. Dieser machte einen schnellen Schritt auf den Hund zu und gab ihm einen lockeren Tritt genau auf die Schnauze. Jetzt jaulte der Hund und suchte winselnd Schutz zwischen die Beine der Frau.
"Was fällt dir ein meinen Hund zu treten, der Arme", sie hob ihren Hund auf und nahm ihn in ihre Armbeuge.
"Hey, der wollte das so, außerdem ist meine Hose gerissen, die will ich ersetzt haben", er ging auf die Frau zu.
"Ja, das habe ich auch gesehen, das wird teuer" auch sein Begleiter ging auf die Frau zu. Diese schaute sich nach Hilfe um und blickte flehentlich in Richtung des nahenden Liebespaars. Der Blondschopf reagierte sofort. Sie schob ihren Ritter mit ihrer linken Hand nach vorne und schickte ihm mit "Mach was!" ins Gefecht.

Mit schnellen Schritten näherte er sich. Als er noch im Gymnasium war, hatte er mal einen Kurs als Streitschlichter mitgemacht und das wollte er auch hier probieren. Also reden, mitfühlen und deeskalieren! "Hat er Dich gebissen?" fragte er den Jungen mit der zerrissenen Jeans.
"Nein, nein, nur meine Lieblingsjeans ist jetzt im Eimer."
"Ja so kleine Kläffer sind das schlimmste, was einen anfallen kann. Da denken dann alle 'der kleine Hund' und man ist selber der doofe, wenn man sich wehrt."
"Der kleine macht auch nichts, warum nicht einfach schnüffeln lassen" wandte die Frau ein.
"Wie immer, müssen alle auf ihren Köter Rücksicht nehmen. Warum erziehen sie ihn nicht ordentlich?" Die Frau schaute zornig und hörte dann auch noch "Also wenn der mir beim Joggen so gekommen wäre, ich hätte ja drauf getreten. von oben, den würden Sie dann nicht mehr so auf den Arm nehmen. Seien Sie doch froh, dass er noch ganz ist."
"Jau, so macht man das mit den Zecken. Von oben, Krach" der eher aggressive Begleiter war bei dieser Vorstellung ganz aktiv und stampfte mit seinem Fuß auf. Die Frau schaute entsetzt mit weit aufgerissenen Augen und kämpfte mit Tränen.
"Spinnst Du. So ein kleiner Hund! Die sind doch drollig, nur manchmal eben frech, dann brauchen sie eins auf die Nase, das tut denen höllisch weh. Und dann werden die auch wieder. Sieh nur, der ist wieder munter" meinte der Treter.
Die Frau gab ihrem Hund einen Kuss "Das mit der Hose tut mir ja leid. Wie teuer ist denn so etwas?".
"Unbezahlbar. So was gibt es gar nicht mehr."
"Das flick ich Dir. Von innen kann ich da etwas kleben. und dann die andere Seite." sie schaute sich die Hose genauer an. "Das andere Bein bräuchte dann aber auch noch etwas. .."
"Wir sollten die S-Bahn bekommen" unterbrach der Begleiter. "Fährst Du auch nach Neustadt?"
"Ja sicher". Die Frau samt Hund und die beiden Jungs machten sich auf den Weg zur S-Bahn.

Das Paar ging weiter. Er war sichtlich erleichtert war und legte seinen rechten Arm um ihre Schulter. "War doch gut gelöst, so richtig zu deeskalieren" erklärte er. "Ich war ja damals ich in der Oberstufe als Streitschlichter unterwegs. Da galt ja: wenn es einen Konflikt gibt, kann immer auch geredet werden. Der Schläger hat zum Schlagen ja immer einen Grund, den kann er nur mit Gewalt ausdrücken. Deswegen zunächst mit ihm reden, damit er nicht weiter schlägt. Und dann als nächstes den Geschlagenen trösten, damit der nicht etwa auf doofe Gedanken kommt. Am besten freunden sich die Parteien danach an. Hat in der Schule aber nie geklappt. Und nun zum Schluss ... " er vermisste ihre linke Hand auf seiner Hüfte. Ihm fiel auf, dass sie ihre Arme verschränkt trug. "Was ist?" fragte er. Ein paar Schritte hörte er:"Wenn die meinen Hund getreten hätten, hättest Du das dann auch so .... gelöst?"